Autor Thema: Elizabeth Wurtzel - Prozac Nation/Verdammt schöne Welt  (Gelesen 921 mal)

miss.mesmerized

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Elizabeth Wurtzel - Prozac Nation/Verdammt schöne Welt



Elizabeth Wurtzel berichtet von ihrem Leben mit der Depression. Sie zeichnet ihre (noch) glückliche Kindheit nach bis plötzlich während der Pubertät ihr Leben aus den Fugen gerät und auf zunächst unerklärliche Weise Trägheit, Antriebslosigkeit, Weinkrämpfe, Angstzustände und Panik ihren Tagesablauf bestimmen. Eine Odysse zwischen Unverständnis ihres Umfelds und der Familie, verschiedenen Psychologen und Psychiatern, diversen Medikamenten und Therapien beginnt. Jedoch tritt keine Besserung ein. Bis sie ganz am Ende ist und jede Form von Lebenswillen verloren hat - die junge, talentierte und auch erfolgreiche Frau. In ihrem Fall kommt zum richtigen Zeitpunkt Prozac auf den Markt, was ihr ein relativ normales Leben mit Auf und Ab in erträglichen Dosen ermöglicht.

Das Buch lässt einem sehr intensiv nachvollziehen, wie es Menschen mit dieser Krankheit geht. Warum "sich einfach mal zusammenreißen" oder "aufraffen" eben nicht funktionieren kann. Eine schonungslose Abrechung mit sich selbst, der eigenen Familie, den Ärzten, aber auch der Gesellschaft und ihrem Umgang sowohl mit der Krankheit Depression, aber auch mit der inzwischen inflationären Verschreibungspraxis von Psychopharmaka.

Unbedingt empfehlenswert für alle, die Verständnis für das entwickeln wollen, was in depressiven Menschen vor sich geht. Und ein klares Zeichen für alle, die mal ein wenig durchhängen und sich selbst bemitleiden. Wer das Leid von Elizabeth Wurtzel gelesen hat, merkt, wie gut es einem geht und wie wenig krank man ist. Glücklicherweise.

5ratten

Offline Kirsten

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Meine Meinung
Prozak Nation beschreibt eindringlich die Hilflosigkeit, der sich Elizabeth Wurtzel gegenüber sah. Eltern und Freunde, aber auch die verschiedenen Therapeuten, die sie im Lauf der Jahre besuchte: keiner konnte ihr wirklich helfen. Elizabeth hat zwar immer wieder neue Medikamente verschrieben bekommen. Aber ich hatte nicht den Eindruck als ob versucht wurde, die Ursachen zu finden. nicht unbedingt für die Erkrankung selbst, aber für den jeweiligen Schub.

Natürlich kann ich nicht beurteilen, ob das überhaupt möglich ist. Aber ich hatte den Eindruck, als ob sie sich von Schub zu Schub gehangelt hat und die Menschen nur untätig neben ihr standen und zugesehen haben. Egal, was sie gemacht hat: es schien nie jemand gegeben zu haben, der ihre Entscheidungen wirklich mit ihr diskutiert, geschweige denn die eine oder andere ausgeredet hat. Sich ab und zu für einige Tage in eine Klinik zugegeben in der sie mehr herumlag als Hilfe zu bekommen, kann keine Lösung sein. Letztendlich hat Elizabeth Wurtzel doch einen Weg gefunden, mit ihrer Krankheit zu leben. Nicht, ohne vorher auszuprobieren, wie weit sie gehen würde.

Wie miss.mesmerized auch bin ich erschrocken über die Leichtigkeit, mit der in den USA (und wahrscheinlich nicht nur dort) Psychopharmaka verschrieben werden. Ist es wirklich so viel bequemer, eine Pille zu nehmen als sich seinen Problemen zu stellen, wenn man das noch kann?

Prozak Nation ist ein Buch, das mich sehr nachdenklich zurück gelassen hat.
4ratten
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Ist es wirklich so viel bequemer, eine Pille zu nehmen als sich seinen Problemen zu stellen, wenn man das noch kann?

Der Knackpunkt an der Stelle ist, zum richtigen Zeitpunkt festzustellen, ob es sich um eine Depression handelt, die körperliche Ursachen hat (Neurotransmitter, die nicht richtig funktionieren, gehören beispielsweise dazu). In dem Fall sind Psychopharmaka, die diesen Haushalt wieder regulieren, angebracht - nicht aber, wenn es sich um psychische Ursachen handelt. Womöglich machen sich zu wenige dann wirklich die Mühe, der Sache richtig auf den Grund zu gehen, und stellen lieber ein Rezept aus.

Oder auch die Patienten selbst gehen lieber diesen Weg. Das ist ja bei körperlichen Symptomen oft nicht anders, wenn Schmerzmittel en masse eingeschmissen werden, statt was an der tatsächlichen Ursache der Schmerzen zu machen (sofern das möglich ist, versteht sich).
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Offline tári

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Der Knackpunkt an der Stelle ist, zum richtigen Zeitpunkt festzustellen, ob es sich um eine Depression handelt, die körperliche Ursachen hat (Neurotransmitter, die nicht richtig funktionieren, gehören beispielsweise dazu). In dem Fall sind Psychopharmaka, die diesen Haushalt wieder regulieren, angebracht - nicht aber, wenn es sich um psychische Ursachen handelt. Womöglich machen sich zu wenige dann wirklich die Mühe, der Sache richtig auf den Grund zu gehen, und stellen lieber ein Rezept aus.

Das Buch habe ich nicht gelesen, aber darf ich da ein bisschen korrigieren?  :winken:

Depressionen werden nicht mehr danach unterschieden, ob sie eine körperliche oder psychische Ursache haben. State of the art geht man heute vom biopsychosozialen Modell aus, wobei angenommen wird, dass die Biologie, die Psyche und das soziale Umfeld in Wechselwirkung zueinander stehen und erst diese Kombination aus mehreren Faktoren zur Entstehung einer Depression führt.
Es gibt organische Erkrankungen, die depressionsähnliche Symptome hervorrufen können, diagnostisch ist das dann aber keine Depression, jedenfalls nicht als Primärdiagnose.

Psychopharmaka helfen daher auch ganz allgemein betrachtet bei Depressionen, allerdings bin ich auch keine Psychiaterin und kann nicht genau sagen, wer wann und wieso welches Präparat mit welchem Wirkstoff bekommt.
Was aber viele nicht wissen, ist, dass Depressionen sich auch auf unsere Aufmerksamkeit und Gedächtnis auswirken. Ein mittelgradig bis schwer depressiver Mensch kann den besten Therapeuten haben, er wird dem Gespräch nicht oder kaum folgen können und sich danach schlecht bis gar nicht erinnern. Solche Patienten habe ich selbst schon in der Therapeutenrolle erlebt und da machen Psychopharmaka eine Gesprächstherapie überhaupt erst möglich.

Vieles über die Wirkung von Antidepressiva und den Ursachen von Depressionen weiß man aber auch heute noch nicht, das ist immer noch ein riesen Forschungsgebiet.
« Letzte Änderung: 22. November 2016, 23:55:50 Nachmittag von tári »
“Grown-ups don't look like grown-ups on the inside either. Outside, they're big and thoughtless and they always know what they're doing. Inside, they look just like they always have. Like they did when they were your age. Truth is, there aren't any grown-ups. Not one, in the whole wide world.” N.G.

Offline Kirsten

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Danke für eure Informationen :winken:

Ich habe die Frage aus folgendem Grund gestellt: irgendwann wurde bei der Katze von einer Freundin eine Depression festgestellt und auch ihr wurde Prozak verschrieben. Ab diesem Punkt hat sich Elizabeth selbst gefragt, ob man nicht zu locker mit der Diagnose und der Einnahme von Psychopharmaka umgeht. Nicht, weil sie die Krankheit nicht ernst nimmt. Sondern weil sie schon fast zu einer Modeerscheinung geworden ist.
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Offline tári

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Es gibt wichtige Konzepte in der Depressionsforschung, die zuerst an Tieren wie Hunde und Katzen erforscht wurden, bevor sie auf den Menschen übertragen wurden. Von daher gibt es tatsächlich Evidenz, dass sich auch Tiere unter gewissen Umständen depressionsartig verhalten können. Verhaltensstörungen bei geretteten Tieren aus Tötungsstationen sind meines Wissens ja auch nicht selten.
Ob da ein Psychopharmakon Sinn macht, weiß ich nicht.

Ob mit der Diagnose und Medikamenten zu locker umgegangen wird? Ich würde sagen ja und nein. Viele Diagnosen und Rezepte werden von Hausärzten gestellt. Das dürfen sie zwar und viele machen das sicher sehr verantwortungsvoll, aber eigentlich sind sie nicht die Spezialisten, denn das sind Psychiater, Psychologe und Psychotherapeut. Daher würde ich immer empfehlen bei einer psychischen Diagnose, an einen Facharzt und/oder Psychologen/Psychotherapeut weiterzuverweisen.
(Ich nehme dafür gerne das Beispiel einer Blinddarmentzündung. Würde ich mich von meinem Hausarzt notoperieren lassen, weil ein Schneesturm verhindert, dass ich ins nächste Krankenhaus komme? Ja, würde ich. Aber würde ich es lieber einem Chirurgen überlassen? Auf alle Fälle! :zwinker:)

Manche psychische Erkrankungen werden auch gesellschaftlich viel eher akzeptiert. Ein Burnout zum Beispiel tragen manche vor sich her, wie eine Kriegsmedaille. Eine Schlangenphobie gehört auch schon fast zum guten Ton. Bei einer Schizophrenie schaut das dann aber schon ganz anders aus.
(Das passt vielleicht nicht mehr ganz hier her, aber dieser Comic zeigt auch ganz schön, wie unterschiedlich wir psychische Störungen und körperlichen Erkrankungen betrachten.)
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Offline Kirsten

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@tári: ich bin ganz deiner Meinung. Allerdings kannst du die viel besser formulieren als ich :zwinker:
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Offline tári

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@Kirsten: nur, weil ich darin ein wenig Übung habe :zwinker:
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