Aleksander Knauerhase: Autisten eine Stimme geben


Aleksander Knauerhase ist Autor und Referent und Dozent im Bereich Autismus und Inklusion. Ich bin ihm zum ersten Mal im Juni 2016 auf dem Literaturcamp Heidelberg begegnet und danach haben wir unseren Kontakt via Twitter etwas verfestigt. Ich freue mich, dass Aleksander spontan Zeit für dieses Interview hatte.

Susanne Kasper: Heute ist Autistic Pride Day. Ich wurde darauf nur auf deinen Tweet auf Twitter aufmerksam und ich freue mich, dass du spontan Zeit hast, mir ein paar Fragen zu dem Thema zu beantworten. Für alle, die dich nicht kennen: Erzählst du uns erst kurz was über dich?

Aleksander Knauerhase: Ich bin 42 Jahre und arbeite hauptberuflich als Referent und Dozent im Bereich Autismus und Inklusion. Als Autist lege ich hierbei viel Wert auf die Vermittlung der Innensicht, also wie Autisten den Autismus beschreiben und empfinden. Mein Ziel ist es, dass Autisten in der Gesellschaft besser verstanden werden und das „Rätsel Autismus“ nicht mehr ganz so rätselhaft bleibt.
 
Susanne Kasper: Du hast ein Buch namens "Autismus mal anders: Einfach, authentisch, autistisch" geschrieben. Worum geht es darin?

Aleksander Knauerhase: Ich habe versucht das Buch zu schreiben was mir selbst gefehlt hat. Ein sachliches Buch über Autismus, geschrieben von einem Autisten und damit ein Buch aus der Innensicht. Dazu keine Autobiografie die viel zu speziell und individuell ist, sondern ein Buch dass Autismus ein wenig erklären kann. Versehen mit persönlichen Beispielen die das Ganze besser verständlich machen sollen. Entstanden ist es in einer Zeit nach meiner Diagnose in der ich mich mit meinem Autismus auseinander gesetzt und ihn verarbeitet habe. Es gibt auch einige Kapitel die mit „Gedanken“ gekennzeichnet sind. Hier will ich Impulse geben und den Leser zum Nachdenken anregen. Situationen und Normen hinterfragen und aufzeigen, dass die „normale“ Welt manchmal ziemlich verrückt sein kann und man ruhig so manches hinterfragen kann und auch sollte.

Aleksander Knauerhase, © Autorenfoto: Johannes Mairhofer© Autorenfoto: Johannes Mairhofer
 
Susanne Kasper: Bei Autismus handele es sich nicht um eine Krankheit, sondern um eine psychologische Störung, so Friedrich Nolte, der Fachreferent vom Bundesverband Autismus Deutschland e.V.. Die Symptome sind seien vielfältig und reichten von Phobien zu Schlaf- oder Essstörungen. Auch falle manchen Autisten die soziale Interaktion schwer. Ich stelle mir die Diagnose sehr schwer vor, denn vieles, das ich bisher darüber gelesen habe, erscheint mir gar nicht als Störung, sondern als Ausprägung des Menschseins mit allen Höhen und Tiefen, mit allen Ticks und Eigenheiten, die wir halt so mitbringen, oder?

Ausprägungen des Menschseins

Aleksander Knauerhase: Die Diagnostik ist in der Tat recht komplex und derzeit müssen Erwachsene die einen Verdacht auf Autismus abklären wollen bis zu 2 Jahren auf einen Termin warten. Autismus sollte man allerdings nicht an dem festmachen was man nach außen hin sieht. So sind Phobien oftmals gar keine im Sinne einer Störung sondern einfach ein logisches Verhalten auf die andere Wahrnehmung die Autisten haben.  Es wird leider viel als „Störung“ oder „gestört“ gesehen was weit weniger pathologisch ist als man auf den ersten Blick denkt. Ein Teil meiner Arbeit besteht deshalb auch darin, den nicht autistischen Menschen zu erklären wie Autisten wahrnehmen und wie aus diesem Umstand so manche Besonderheiten entstehen. Generell kann man sagen: Würden alle Menschen so wahrnehmen wie Autisten würden sie exakt genauso reagieren. Und das ganz Störungsfrei weil es einfach menschlich ist. Du hast übrigens durchaus recht: Es sind Ausprägungen des Menschseins. So hat jeder Mensch autistische Züge /Eigenschaften und findet sich in vielen wider was man unter Autismus so beschreibt. Die Menge dieser Züge und deren Ausprägung machen einen Menschen irgendwann zu einem Autisten. Oder anders gesagt: Wenn Du denkst „Das kenne ich auch“ musst Du dir vorstellen das es bei einem Autisten um ein vielfaches intensiver ist.
 
Susanne Kasper: Ich bin ein ziemlich unbedarfter Mensch, habe keinerlei Ahnung von Autismus. Ich weiß auch nicht, wie häufig ich Autisten bisher begegnet bin, aber ich weiß dass mindestens zwei Betroffene auf dem Literaturcamp in Heidelberg waren. Du bist einer davon. Ich habe dich nicht als Autisten wahrgenommen, sondern als Menschen. Mich würde interessieren, wie du dich in dieser Menschenmenge gefühlt hast? Ich könnte mir vorstellen, dass das jenseits deiner Komfortzone lag?tweet aleksander

Aleksander Knauerhase: Es waren sogar noch mehr Autisten dort :) Schön das Du mich als Mensch gesehen hast. Das ist vielen Autisten die liebste Form wahrgenommen zu werden. Das klingt nun vielleicht etwas schräg, aber Autismus ist einfach ein Teil von uns und gehört zu uns dazu. Wird man als Autist wahrgenommen, spielen Vorurteile, Stereotypen und Fehlinformationen eine viel zu große Rolle. Das tut in der Regel keinem Autisten gut. Ich habe für mich gelernt das Verlassen dieser „Komfortzone“ bis zu einem gewissen Grad auszugleichen. Immer dann wenn mir das Verlassen mehr Gewinn bringt als es Energie kostet ist es gut das zu tun. Aber in jedem Fall kostet es, bei mir mittlerweile unbewusst, eine Menge Kraft sich in solche Situationen zu begeben. Die muss man dann nachträglich wieder tanken und das ausgleichen. Das setzt einem natürlich Grenzen, wenn man diese kennt und respektiert kann man gut mit solchen Situationen leben. Und das Literaturcamp war definitiv ein Gewinn. Menschlich wie auch informativ gesehen. Am Schlimmsten sind für mich bei einem Barcamp immer die ersten Stunden bis zur ersten Session. Danach fällt bei mir die Anspannung oft ziemlich schnell ab.

Susanne Kasper: Für mich ist es normal, meine eigenen Grenzen zu verschieben, mich immer wieder aus meiner Komfortzone zu katapultieren. Aber kann man an Autismus "arbeiten"?

Aleksander Knauerhase: Ja, zumindest zu einem gewissen Grad. Am Autismus an sich, und damit an der anderen Wahrnehmung, kann man nichts ändern. Man kann aber versuchen, und das in kleinen Schritten, für sich besser in der Gesellschaft zurecht zu kommen. Es ist ein sehr individueller Lernprozess. Vor allem kann und sollte man aber lernen auf seinen Körper und dessen Bedürfnisse und Grenzen zu hören. Wenn man diese Grenzen akzeptiert ist alles in Ordnung. Schwer wird es dann wenn man sich, oftmals durch Druck der Gesellschaft verursacht, zulange und zu extrem verbiegt um einfach nur zu funktionieren. Man glaubt gar nicht was von Autisten verlangt wird nur damit sie weder auffallen und einfach nur „zu funktionieren“ haben. Das ist für einen Autisten mitunter das Schlimmste. Nicht autistisch sein zu dürfen weil es eben so erwartet wird. Diese Umerziehung auf „nicht autistisch“ ist hochgradig schädlich und zerbricht im wahrsten Sinne des Wortes die Menschen.
 
Autismus mal andersSusanne Kasper: Du hast mir verraten, dass du es hasst, telefonieren zu müssen. Das geht mir genauso. Ich kann mich nicht auf ein Gespräch konzentrieren, wenn nebenher der TV läuft oder sich mein Gegenüber mit etwas anderem beschäftigt und eine Ärztin bescheinigte mir mal, dass ich sicher auch das Gras wachsen hören könne. Viele Menschen haben Phobien. Ich habe einen Bekannten, der nicht gerne in der Öffentlichkeit isst und eine weitere Bekannte hat immer wieder Panikattacken, sobald sie abends nicht rechtzeitig zu Hause ist. Wie wahrscheinlich ist in unserer Gesellschaft eine "Dunkelziffer", so etwas wie nicht diagnostizierter Autismus?

Aleksander Knauerhase: Ich sage nur: autistische Züge :) Phobien sind wie gesagt etwas ganz anderes. Das sind Ängste. Bei Autisten scheint oft vieles phobisch zu sein, die Ursache die zugrunde liegt ist aber eine andere. Die Dunkelziffer ist bei Autismus übrigens recht hoch. Die Chance auf einen Autisten zu treffen ohne dass man es weiß oder bemerkt ist recht hoch. Aktuell geht man von einem Anteil an Autisten in der Gesamtbevölkerung von ca. 1% aus. Aber keine Angst: Wir beißen nicht. Zumindest meistens nicht :) Im Gegenteil: Man kann von Autisten vieles lernen wenn man sich die Mühe macht und vom Defizitdenken loslässt und lernt Stärken und Talente zu sehen.
 
Susanne Kasper:Begegnest du häufig Vorurteilen? Im engeren Sinne im Familien- und Freundeskreis, aber auch im weiteren Sinne in der Gesellschaft, also bei Fremden?

Aleksander Knauerhase: Im engen Familien- und Freundeskreis nicht. Ich hatte nach meinem „Outing“ nur gute Erfahrungen. Ich wurde mit der Diagnose ja auch kein anderer Mensch. Generell gibt es in der Gesellschaft noch viele Vorurteile und auch Vorbehalte. Hier ist es an uns Autisten diese aufzuklären und an den Nichtautisten das anzunehmen und die Position gegenüber Autismus zu ändern. Es gibt noch viel zu tun. Ich packe es an.

Offenheit, Reden und Zuhören

Susanne Kasper: Möchtest du noch etwas loswerden?

Aleksander Knauerhase: Ich wünsche mir dass man mit uns Autisten redet und offen auf uns zugeht. Dass man uns zuhört und offen für diese andere Wahrnehmung ist. Das diese defizitäre Sicht der Gesellschaft auf andere Menschen verschwindet und man endlich sieht was wir sind: Menschen mit Schwächen aber eben auch Stärken! Schaut nicht was ein Mensch nicht kann, seht die Stärken und schenkt Wertschätzung.
 
Susanne Kasper: Zum Schluss: Welche Buchtipps hast du für Menschen, die sich näher mit dem Thema beschäftigen möchten. Gibt es neben Fachbüchern auch belletristische Titel?

Aleksander Knauerhase: Ich kann, ganz offen gesagt, nicht viele Bücher empfehlen. Ich habe bewusst keine über Autismus gelesen um nicht unbewusst beim Schreiben meines Buches beeinflusst zu werden. Empfehlen kann ich die Autobiografie  „Nicht normal, aber das richtig gut: Mein wunderbares Leben mit Autismus und ADHS“ von Denise Linke und „Verstörungstheorien: Die Memoiren einer Autistin, gefunden in der Badewanne“ von Marlies Hübner. Die Verstörungstheorien gehen in Richtung Belletristik. Etwas fürs Herz ist "Menschen mit Meer" von Alex Hofmann (Blog zum Buch) Auf jeden Fall möchte ich von Autismusbüchern abraten die Heilung oder ultimative Ratgeber und Tipps versprechen. Eine Heilung gibt es nicht, und jeder Autist ist anders. Damit gibt es eben auch keine „Universal“ Lösungstipps oder Hilfestellungen. Leider ist viel Literatur von der beobachtenden Außensicht geprägt, ob das alles wirklich so zutrifft wird oft nicht hinterfragt. Je dramatischer der Titel ist umso schlechter sind meistens die Bücher weil sie nur eines tun und vermitteln: Mit Autismus leidet man. Oder man leidet unter dem Autismus von Angehörigen. Wer nicht nach „Leiden“ sucht und Autismus mal anders erfahren möchte: Dem sei mein Buch ans Herz gelegt.

Susanne Kasper: Vielen Dank, Aleksander, dass du dir so spontan die Zeit für das Interview genommen hast!


Weiterführende Links:

Blog | Twitter | Buch-Crowdfunding

SuseÜber die Autorin

Susanne K. (Literaturschock.de)

Susanne Kasper ist Gründerin und Chefredakteurin von Literaturschock und Leserunden.de. Sie liebt es, andere für die Literatur zu begeistern, ist Preisträgerin des Virenschleuderpreises der Kategorie "Persönlichkeit des Jahres" 2016 und bietet unter Social-Reading.media einen Autoren- und Verlagsservice. Über schamlose Mails freut sie sich ebenso wie über vegane Keksspenden. Sie nutzt in ihren Artikeln immer mehr das Femininum, weil sie der Ansicht ist, dass damit auch Männer gemeint sind.

 

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