Reichardt, Andreas (deutsches Interview mit dem Verleger des U-Books-Verlages)

Nachgefragt ... bei Andreas Reichardt - Verleger des U-Books-VerlagesAndreas Reichardt - Portrai

Schon als kleines Kind war ich fasziniert von Büchern und hab immer wieder gern gelesen. Als ich größer wurde, war es mein Traum, in einem Verlag als Lektorin / Redakteurin zu arbeiten. Aber wie das so ist, Träume erfüllen sich nun mal nicht immer.

Heute, als erwachsene Frau, lese ich nach wie vor gern und mein Traum hat mich nicht wirklich losgelassen. Da ich ihn mir nicht erfüllen konnte, führe ich stattdessen immer wieder gern Interviews mit Autoren/Autorinnen. Es gab jedoch einige Frage, die immer wieder in meinem Kopf herumspuckten und die mir nur ein Verlagsmitarbeiter beantworten kann. Dank der Fürsprache von Kristina Günak durfte ich meinen Fragen loswerden – an Andreas Reichardt vom U-Books-Verlag. Vielen Dank dafür.

Literaturschock.de: Wie muss sich der Leser die Arbeit in einem Verlag vorstellen? Ist man selber eine große Leseratte oder liest man nicht mehr so gern wenn man tagtäglich mit Autoren und deren Büchern zu tun hat?

Andreas Reichardt: Ich denke jeder Job wird von denen, die diesen Job nicht machen in gewisser Weise verklärt oder dämonisiert. Beim Beruf des Verlegers passiert wohl in der Regel ersteres. Das Lesen nimmt leider immer zu wenig Raum ein beim Arbeiten, weil einfach so viel Organisatorisches bewältigt werden will.

Aber die Liebe zum Lesen sollte man schon mitbringen, denn bei derzeit rund 1.200 Einsendungen im Jahr muss man schon viel Lesen und prüfen. Dazu kommen dann noch die Manuskripte, die man ja 'macht', also verlegt. Und die werden deutlich mehr als nur einmal gelesen.

Ich lese immer noch gern und lese auch in meiner wenigen Freizeit noch sehr viel, es gibt einfach nichts schöneres, als sich mit einem guten Buch in den Liegestuhl oder auf die Couch zu setzen.

Literaturschock.de: Was ist das spannende an Ihrer Arbeit?

Andreas Reichardt: Definitiv das Finden der Manuskripte, die in einem das Feuer entfachen! Wenn man auf den ersten Seiten schon denkt: Wow, was ist das? Und die Geschichte, der Stil des Autors oder der Autorin fesselt, das sind schon absolute Glücksmomente. Und natürlich der Moment, wenn man auf die Verkaufszahlen blickt und sich stolz zurücklehnen kann, weil Autor/Autorin und Verlag zusammen etwas richtig gemacht haben.

Literaturschock.de: Was muss ein Manuskript an sich haben, damit es „einschlägt“ und im Verlag den Wunsch weckt, gerade das Buch zu veröffentlichen?

Andreas Reichardt: Das ist wirklich sehr schwer zu sagen. Zur richtigen Zeit am richtigen Ort, dazu ein spannendes, kurzes aber dennoch vollständiges Exposè und dann eben eine qualitativ hochwertige Leseprobe. Der Punkt ist der: Viele Autoren disqualifizieren sich von vornherein selbst, indem die Einsendung nicht einmal ein gewisses Mindestmaß an Sorgfalt erfüllt!

Aufgrund der Menge der Manuskripte haben wir nicht die Zeit, alle Einsendungen von vorne bis hinten zu lesen. Wenn aber das Exposé fehlt, woher sollen wir wissen, worum es geht? Sollen wir nun also doch das Skript ganz lesen oder widmen wir uns lieber denen, die sich an die Regeln gehalten haben?

Um auf die ursprüngliche Frage zurückzukommen: Der Text muss einfach einnehmend sein, wenn man ihn liest muss man als Leser die Zeit vergessen und dem Autor rückhaltlos folgen. Wenn man nach dem Genuss der Leseprobe sagt: Ich will mehr, wie geht es weiter?, dann ist das bereits die halbe Miete!

Literaturschock.de: Ein Buch lebt ja nicht nur vom Inhalt, sondern auch vom Äußeren. Ich schaue im Buchladen auch gern mal näher hin, wenn mich das Cover anspricht und greife dann auch eher mal spontan zu. Wer entscheidet über die Gestaltung eines Covers und nach welchen Maßstäben erfolgt die Auswahl?

Andreas Reichardt: Die Bildgestaltung obliegt eigentlich immer dem Verlag, aber ich versuche natürlich, unsere Autoren hier etwas mit einzubinden. Das verhindert dann große Enttäuschungen, wenn das Bild ohne Wissen und Zustimmung des Autoren ausgewählt wird. Wir haben einen Schwung Künstler, mit denen wir seit einiger Zeit fest zusammenarbeiten und die bringen natürlich auch immer noch etwas Kreativität mit.

Wir wählen die Cover immer nach den gleichen Maßstäben aus: Inhalt muss zielgruppengerecht dem Interessenten vermittelt werden. Da sind wir ganz klassisch, denn genau dazu ist ein Cover ja da.

Literaturschock.de: Als Leser habe ich manchmal das Gefühl, dass es mehr englischsprachige als deutsche Autoren in den Verlagen zu finden sind und das auch die englischsprachigen Autoren mehr beworben werden als die deutschsprachigen. Woran liegt das? Wollen die Leser mehr „ausländische“ Namen auf den Covern ?

LogoAndreas Reichardt: Das ist recht einfach zu beantworten: Wer als Autor bereits einen Erfolg vorweisen kann, z.B. X Exemplare in den USA verkauft, hat es einfacher, sich in Verlagen Gehör zu verschaffen. Und wenn solche Autoren mit Vorschüssen eingekauft werden, eine Übersetzung (die ja auch Geld kostet) angefertigt werden muss, ist das Kind ja bereits in den Brunnen gefallen, sprich: Man hat schon Geld ausgegeben. Und mit einer Werbekampagne obendrauf steigen die Chancen, das Geld wieder reinzuholen.

Die Frage ist doch: Kaufe ich den Autor, den ich nicht kenne, wo einfach niemand weiß, wer er ist und wie er schreibt, oder setze ich auf Schema F, weil auf dem Cover steht: New York Times Bestseller Autor? Sehr viele Menschen setzen einfach auf Schema F.

Literaturschock.de: Welches Buch lesen Sie gerade und welches Buch würden Sie uns ans Herz legen wollen?

Andreas Reichardt:  Ich selber lese gerade - wie eigentlich immer - einige Bücher parallel. Das liegt daran, dass ich natürlich beruflich viel lese, privat aber auch. Gerade lese ich ein neues Manuskript von Kristina Günak, parallel dazu eine wirklich atemberaubend lustige Kurzgeschichtensammlung von Christian von Aster und das neue Buch von Luci van Org (Frau Hölle), was hoffentlich in den nächsten Tagen erscheinen wird.

Privat lese ich gerade einige Bücher über Babys und Jules Vernes "Reise zum Mittelpunkt der Erde". Gerade fertig wurde ich mit Umberto Ecos "Das Foucaultsche Pendel".

Literaturschock.de: Wohin geht Ihrer Meinung nach der Trend? Zum EBook oder bleiben die Leser doch lieber dem gedruckten Buch treu? Was mögen Sie privat lieber?

Andreas Reichardt: Das kann ich so noch nicht absehen, weil sich der 'Trend' sehr uneinheitlich darstellt. Wir haben Rubriken bei uns im Verlag, da finden Ebooks defacto nicht statt, die Leser fordern das gedruckte Buch! Und andere Rubriken - hier sind u.a. die Liebesromane zu nennen - da nimmt der Ebook-Anteil tatsächlich rasant zu.

Ich persönlich kann mir nichts schlimmeres vorstellen, als in einer Welt ohne gedruckte Bücher zu leben. Keine Bücherregale mehr, wo man davor steht und mal in das eine oder in das andere Buch blättert ... Furchtbar! Ich liebe es, in fremden DVD- und Bücherregalen zu stöbern, so was sagt doch schon immer viel aus. Wenn das fehlt, eine ziemlich sterile Welt ...

Ich habe zwar auch Reader, aber die benutze ich streng geschäftlich, z.B. zur Qualitätskontrolle der Ebooks oder aber zum Lesen der Manuskripteinsendungen. Aber privat greife ich immer automatisch zum heimeligen Buch.

Literaturschock.de: Vor kurzem war ja erst die Leipziger Buchmesse, die Frankfurter Buchmesse folgt in einigten Monaten. Ist es für den Verlag sehr wichtig, sich auf so einer Messe mit einem eigenen Stand zu präsentieren? Wie muss ich mir so einen Messetag vorstellen? Hat man da auch mal Zeit, selbst über die Messe zu schlendern? Wie wichtig ist der direkte Kontakt zu Lesen und Kunden, zu Buchhändlern und Autoren für den Verlag und seine Mitarbeiter?

Andreas Reichardt: Das sind jetzt ganz schön viele Fragen. Ich will das etwas zusammenfassen: Früher war die Welt des Buches in geschäftlicher Hinsicht zweigeteilt. Es gab das Frühjahr (Leipzig) und den Herbst (Frankfurt). Inzwischen bricht diese Tradition immer mehr auf, was einerseits an den mehr als 100.000 Neuerscheinungen pro Jahr liegt, andererseits einfach an der Welt an sich.

Messen sind für den Kontakt mit Kollegen und Kunden auf jeden Fall wichtig, aber die Art und Weise, wie man sich präsentiert, und in welchem Umfang, das kann durchaus variieren. Und ein Messetag (am Stand oder auf Achse) ist vor allem eins: Anstrengend.

Literaturschock.de: Vielen Dank für die interessanten Einblicke und Ihre Zeit.

Text: Sternchen28 (Katja)
© Foto: by Thomas van de Scheck, tvds.de

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