Anne Chaplet wohnt in Frankfurt am Main und veröffentlichte im Herbst 2003 ihren fünften Roman mit den Hauptfiguren Karen Stark und Paul Bremer. Unter dem Namen, der in ihrem Paß steht, dem der promovierten Politikwissenschaftlerin und Historikerin Cora Stephan, hat sie außerdem zahlreiche Sachbücher verfaßt,

Literaturschock: Sie wohnen einerseits in Frankfurt, andererseits in Südfrankreich. Sie schreiben Krimis, die einerseits in dem kleinen Dorf Klein-Rhoda spielen, andererseits in der Großstadt Frankfurt - man hat das Gefühl, zwei Herzen schlagen in Anne Chaples Brust?

Anne Chaplet: Um es genau zu sagen: ich wohne vor allem in Oberhessen, aber auch in Frankfurt und Frankreich – und mein Herz schlägt mehr und mehr fürs Landleben. Dort spielen auch die meisten meiner Romane – in Klein-Roda, das man sich als eine Mischung aus Rhön und Vogelsberg vorstellen kann. Im Moment allerdings schreibe ich einen richtigen Großstadtroman und entdecke dabei Frankfurt neu. Hochhäuser und Angestelltenwelt, Westendaltbauwohnungen und Putzfrauenalltag...

Literaturschock: Sie wurden bereits zweimal mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet und für den Glauser Krimipreis nominiert. Herzlichen Glückwunsch zu diesem Erfolg! Damit gehen vermutlich einige Autorenträume in Erfüllung?

Anne Chaplet: Am meisten hat mich an zweimal Deutscher Krimipreis – und vor allem am Radio-Bremen-Krimipreis – gefreut, daß ich keineswegs davon geträumt habe, sondern daß beides völlig überraschend kam. Und zweimal für den Glauser nominiert worden zu sein, ist wirklich eine Ehre, denn er wird ja von den deutschsprachigen Krimiautoren vergeben und wenn auch die Kollegen was von einem halten, ist das besonders schön.

Literaturschock: Ihre literarische Figur Paul Bremer schlägt sich immer wieder mit der Angst herum, auf dem Lande zu verbauern. Haben (oder hatten) Sie diese Angst ebenfalls?

Anne Chaplet: Ach, die Angst des Städters vorm Verbauern... Nein, ich habe diese Angst nicht. Mich schreckt höchstens ab und an, daß man ganz schön vereinsamen kann beim Schreiben. Dann ist es wie ein Rausch, plötzlich wieder unter Menschen zu sein.

Literaturschock: Dass Sie durch die Anregung Ihrer Verlegerin Antje Kunstmann zum Krimischreiben kamen, ist inzwischen bekannt. Doch was fasziniert Sie ganz besonders an diesem Genre?

Anne Chaplet: Die Disziplin, die keinem „normalen“ Schriftsteller in dieser Form abverlangt wird. Krimis müssen plausibel sein, realitätsnah, logisch und vor allem muß die Psychologie der Personen stimmen, sonst gelingt es nicht, den Leser mitzunehmen auf die Reise.

Literaturschock: Und was glauben Sie, fasziniert den Leser an Krimis?

Anne Chaplet: Im Krimi werden Menschen einem existentiellen Konflikt ausgesetzt und sie müssen sich bewähren – ein uraltes Muster, um das die ältesten Menschheitserzählungen kreisen. Das bewegt uns noch immer, womöglich gerade heute und hierzulande, wo die existentiellen Bewährungsproben im Leben der meisten gottlob selten geworden sind.

Literaturschock: Sie schildern das ländliche Leben mit bissigem, aber immer liebevollem Spott und als Paul Bremer irgendwann das Gefühl hatte, in die Gemeinschaft integriert zu sein, fühlte man als Leser so richtig das Aufatmen, die Erleichterung Ihres Protagonisten. Und irgendwie fühlte ich auch, dass da ein bißchen von der Person Anne Chaplet einfließt. Wieviel von sich selbst geben Sie Ihren Romanfiguren mit?

Anne Chaplet: Alles und nichts. Natürlich fließen beim Schreiben immer eigene Erfahrungen ein, aber Personen, die man einmal in die Welt gesetzt hat, gehen durchaus ihre eigenen Wege.

Literaturschock: In einem anderen Interview sagten Sie etwas für mich sehr Bewundernswertes: Wir seien ein Volk von Alphabeten und da müsse es auch reichlich Lektüre für den Massengeschmack geben. Glauben Sie, dass man die (deutschen) Leser/innen unterschätzt?

Anne Chaplet: Mich ärgert der wohlfeile Abscheu unserer „ächten“ Schriftsteller (gern männlich) über den angeblichen Trash der Unterhaltungsliteratur. Sicher – ich bin auch kein Fan von „heiteren Frauenromanen“, aber wenn Massen lesen, muß auch was für den Massengeschmack da sein. Und lesen ist immer noch besser als fernsehen... Im übrigen kann man sogar an den Bestsellerlisten erkennen, daß Leserinnen nicht alles kaufen, was gezielt im Blick auf sie produziert und auf den Markt geworden wurde. Bis heute weiß niemand, wie man mit Sicherheit einen Bestseller produziert. Der Erfolg der von mir sehr geliebten J. R. Rowling zeigt doch, wieviel Überraschendes noch möglich ist.

Literaturschock: Ich stelle es mir schwierig vor, als Schriftstellerin vorbehaltlos ein Buch zu lesen. Greift man da nicht des öfteren auch mal zum Korrekturstift, denkt "Das hätte ich aber besser gemacht"?

Anne Chaplet: Die meisten Bücher lese ich zu meinem Vergnügen. Wenn ich das Gefühl habe, ein nicht gelungenes erwischt zu haben, greife ich nicht zum Stift, sondern lege es weg. Das Leben ist zu kurz, um schlechte Bücher zu lesen. Schön ist, wenn man von Büchern anderer lernen kann.

Literaturschock: Sie wollten nun erst mal sich und dem Team Bremer/Stark eine Pause gönnen und schrieben deshalb "Russisch Blut", im Gegensatz zu Ihren bisherigen Romanen eher ein Buch für Frauen? Wie wird es damit weitergehen und wird es auch irgendwann wieder etwas von Paul Bremer zu lesen geben?

Anne Chaplet: Nein, „Russisch Blut“ ist kein Roman eher für Frauen – gottlob werden meine Bücher von beiden Geschlechtern gern gelesen. Vielleicht ist es sogar ein Buch vor allem für Männer? Denn es kreist um ein Thema, das Frauen sehr betrifft und das Männer in seiner Bedeutung nicht immer verstehen: Vergewaltigung. Im neuen Roman spielen Karen Stark und Paul Bremer wieder eine Rolle – wenn auch eine kleinere als sonst.

Literaturschock: Wer sind Ihre Lieblingsautoren und finden Sie überhaupt noch Zeit, sie zu lesen? Was lesen Sie zur Zeit und haben Sie den ultimativen Buchtipp für uns?

Anne Chaplet: Ich mag immer noch Dorothy Sayers und Elizabeth George, aber auch Stephen King und verschlinge z. Zt. die großartigen Romane von Reginald Hill. Kein Krimi, aber ein Lieblingsbuch aus dem letzten halben Jahr: William Boyd, Eines Menschen Herz.

Laurac, Mai 2005

Literaturschock: Herzlichen Dank, dass Sie sich die Zeit für das Interview genommen haben! Herzliche Grüße nach Südfrankreich aus dem Schwarzwald!

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