Catalin Dorian Florescu wurde am 27. August 1967 in Timisoara, Rumänien geboren. Im Alter von 9 Jahren reiste er zum ersten Mal mit seinem Vater nach Italien und Amerika, kehrte aber einige Monate später wieder ins sozialistische Rumänien zurück. 6 Jahre danach gelang ihm gemeinsam mit seinen Eltern die Flucht in den Westen. Seitdem lebt er in Zürich. Er hat Psychologie studiert und war 6 Jahre lang als Psychotherapeut in einem Rehabilitationszentrum für Drogenabhängige tätig. Sein erster Roman Wunderzeit ist im Frühjahr 2001 erschienen. Er lebt seit 2001 als freier Schriftsteller in Zürich. 4 weitere Romane sind seitdem erschienen.

Literaturschock: Herr Florescu, Sie sind mit 15 Jahren aus Rumänien in die Schweiz emigriert. Hatten Sie zu diesem Zeitpunkt bereits Deutschkenntnisse?

Catalin Dorian Florescu: Nein, ich sprach kein einziges Wort Deutsch, und ich landete an den unpassendsten Ort, um gutes Hochdeutsch zu lernen...in der Schweiz. Ich war ein 15jähriger unbekümmerter Junge, soeben war ich aus dem Sozialismus heraus geschlüpft, aber auch das stand nicht zuvorderst....Sozialismus hin oder her, die Dimensionen dieser Tat waren mir nicht klar, der Verlust der Freunde und der Kindheit unumkehrbar. Doch zuerst einmal war es abenteuerlich. Meine Mutter war die einzige, die Deutsch konnte, ihr verdanken wir, dass man uns überhaupt verstand, wir schickten sie immer vor, sie ermöglichte uns auch, dass wir in der Schweiz bleiben, dabei war die Schweiz eher eine Fata Morgana gewesen. Wir waren schon unterwegs nach Deutschland, als sie in Zürich einen fremden Mann auf der Strasse anhielt...der uns dann half, dort zu bleiben. Ein Schicksal, das sich in wenigen Minuten entschieden hatte.

So bin ich Schweizer geworden, wurde eingeschult - auch wieder meine hartnäckige Mutter, die eines Tages an die Tür der nahen Schule klopfte -, doch anstatt Schweizerdeutsch, lernte ich Deutsch. Wieso, wenn es doch logischer gewesen wäre, Dialekt zu lernen, um bei den anderen Jugendlichen zu punkten? Ich habe nie etwas gemacht, was nicht passend war zu mir. Und zu dem Zeitpunkt passte das Hochdeutsch. Viel später erst, als Psychologe, passte auch das Schweizerdeutsch, aber es bleibt eine für mich erlebnisfernere Sprache. So legte ich die Basis für mein späteres literarisches Schaffen, ohne aber es bewusst zu beabsichtigen. Es ist erstaunlich, dass ich bald nach der Niederlassung in Zürich meine ersten Texte schrieb, und auch sie auf deutsch. Es gab für mich nie ein Widerspruch zwischen der Muttersprache, Rumänisch, und der Kreativitätssprache, Deutsch.

Literaturschock: Sie sind ausgebildeter Psychologe und haben nach Ihrem Studium einige Jahre als solcher gearbeitet. Wie kam es dazu, dass Sie Schriftsteller wurden?

Catalin Dorian Florescu: Das kam nicht einfach so, das überkommt einen. Ein Teil davon muss ein Geheimnis bleiben, das nicht einmal ich verstehe. Man kann solche Momente, in denen sich vieles entscheidet, nie ganz erklären. Zuerst einmal muss man spüren, dass man überhaupt Leidenschaft hat für etwas. Gerade bei den heutigen Heranwachsenden - aber nicht nur - ein wichtiges Thema. Womit will ich meine Zeit....nicht vertreiben....sondern bereichern? Für mich stand es früh fest, dass es die Sprache und das Erzählen sein mussten. Man braucht ein feines Sensorium für sich selbst, sonst ziehen die Jahre vorbei und am Schluss steht man mit leeren Händen da. Gerade in der heutigen lärmigen Zeit, voller Zerstreuungen, sollte man mehr denn je bei sich selbst bleiben und sein Selbst zum Ausdruck bringen. Ab 18 Jahren schrieb ich also erste Gedichte, Kurzgeschichten, parallel dazu studierte ich Psychologie, später kam meine Arbeit in einer Suchtklinik hinzu. Aber immer fand ich zurück zum Wort, zum erzählten Bild. Viele Jahre schrieb ich nur für mich, 12 Jahre, das ist eine lange Durststrecke, vielleicht waren es auch Vorbereitungsjahre, Inkubationszeit, die Texte - wie auch ich - mussten reifen. Erst mit 32 und mit dem Manuskript meines ersten Romans Wunderzeit wurde ich entdeckt, von einem Schweizer Autor, dem ich einige Seiten des Erstlings geschickt hatte.

Literaturschock: Wie sieht Ihr normaler Arbeitstag aus, wenn Sie gerade an einem Roman arbeiten?

Catalin Dorian Florescu: Ich bin ein Lebensgeniesser, diszipliniert, konsequent im Verwirklichen meiner Projekte, doch ich verzichte auf nichts: ich schreibe im Kaffeehaus. Ein anderer Grund ist, dass ich den Lärm brauche, um mich von ihm durch die Konzentration abzugrenzen. Wenn also die Recherchen erledigt sind und bei manchen meiner Romane waren sie umfangreich, - so z.B beim neuesten „Jacob beschliesst zu lieben“ -, dann beginne ich eines Tages - immer am frühen Nachmittag - zu schreiben. Ein privilegiertes Leben werden Sie sagen. Ja, alles ist angerichtet fürs Schreiben. Aber zweierlei Dinge sind da wichtig: Solch ein Leben darf nicht zu Bequemlichkeit und Erstarrung führen. Die innere Kraft, die Fähigkeit,Visionen zu entwickeln, die kreative Unruhe, ein Stück weit auch der Unfrieden, die Intensität, mit der man das Leben betrachtet, sie alle dürfen nicht abnehmen.

Und das Zweite ist: auch wenn es idyllisch klingt, ist es nicht. Denn die Risiken dieser Berufung sind enorm, und die trägt der Autor ganz alleine. Es lauern Fallen überall. Vielleicht gelingt das Manuskript nicht, an das man lange gearbeitet hat, vielleicht gelingt es, aber kein Verlag will es haben, oder die Buchhändler nicht oder der Markt. Angesichts der Wahrscheinlichkeit zu scheitern, könnte es einem schwindlig werden. Ich habe also mein Cafè in Zürich und dort meinen Tisch. Wenn ich aber irgendwo in Deutschland bin, dann suche ich mir sofort ein gutes Cafè. So ist Zaira zur Hauptsache im Cafè Ambiente in Bremen entstanden und Jacob beschliesst zu lieben in Lübeck.

Literaturschock: Als Sie begonnen haben, an Ihrem ersten Roman zu arbeiten, haben Sie auch in Erwägung gezogen, auf Rumänisch zu schreiben, oder stand für Sie bereits fest, dass Sie deutschsprachiger Schriftsteller sein möchten?

Catalin Dorian Florescu – Jakob beschließt zu lieben

Catalin Dorian Florescu: Sie sagen es richtig, deutschsprachiger Schriftsteller. Bei der ganzen Komplexität meiner Biografie und meiner literarischen Zugehörigkeit ist das das Einzige, was feststeht. Ich bin kein rumänischer Autor und kein Schweizer Autor. Ich bin ein europäischer Autor deutscher Sprache, der in Rumänien geboren wurde und in der Schweiz lebt.

Es war kein bewusster Akt, nicht einmal die Wahl der Sprache, in der ich mich ausdrücken wollte. Deutsch stand von Anfang an fest, es war Bedürfnis, Ausdrucksmittel, Anpassung an meine deutschen Lebensumstände in der Schweiz. Wozu Rumänisch, wenn meine Gegenwart Deutsch war und ist? Man schreibt immer aus der Aktualität seines Lebens heraus, daher komm die Dringlichkeit des Schreibens.

Literaturschock: Welche Karriere schwebte Ihnen vor als Psychologe? Soweit ich das einem anderen Interview entnehmen konnte, war die Arbeit mit Drogenabhängigen nicht das Richtige für Sie?

Catalin Dorian Florescu: Für wenn ist es denn schon? Drogenarbeit ist psychotherapeutische Arbeit an der vordersten Front der Psychologie, Erfolge sind rar, es herrscht das Drehtürprinzip, Klienten kommen, gehen und kommen nach Monaten wieder, ein Teufelskreis. Aber es geht nicht darum, ob es für mich das Richtige war oder nicht, ich habe immerhin 6 Jahre lang so gearbeitet, die wenigsten können das aber viele Jahre tun. Ich bin einfach da herausgewachsen, ich würde gerne, sollte ich erneut in mein Beruf einsteigen, Menschen betreuen, die andere Störungen haben. Ich gab aber meine Arbeit im Suchtbereich vor allem aus anderen Gründen auf: 2001 war mein Erstling erschienen, Wunderzeit, und ich spürte, dass es mich zum Schreiben zieht. Wer kann es einem verübeln? Wenn es funktioniert, dass man vom eigenen Schreiben leben kann, dass die eigenen Texte auch gelesen und veröffentlicht werden, dass man wahrgenommen wird, dann ist Literatur eine viel dankbarere Angelegenheit als Drogenarbeit. Ich habe wichtige Eigenschaften, um ein guter Psychologe zu sein, aber ich bin, so denke ich, ein noch besserer Geschichtenerzähler, wenn man das überhaupt vergleichen kann.

Literaturschock: Kommt Ihre Inspiration stets aus Rumänien/dem Exil? Ist eine Geschichte für Sie denkbar, in der diese Themen nicht vorkommen?

Catalin Dorian Florescu: Was ist die Alternative? Sterile Geschichten aus Zürich, Berlin oder Wien? Wozu? Dafür sind andere Autoren zuständig, mit viel Erfolg. Im Konsumkapitalismus sind die grossen Geschichten, die Sinnlichkeit, das Archaische verschwunden, wie die gesamte mündliche Erzählkultur verschwunden ist. Kein magischer Realismus mehr, eine Banalität, die sich auch in der literarischen Produktion widerspiegelt. Ich bin in der komfortablen Lage, ein Land, eine Region, eine Kultur an der Peripherie Europas zu kennen, die immer wieder meinen Durst nach starken, dramatischen, unmittelbaren Geschichten stillen. Die Geschichte des blinden Masseurs, wie könnte man sie ignorieren? Die Geschichten Zairas oder Jacobs. Zeigen Sie mir solche Geschichten im Westen, in der Stadt mit dem höchsten Lebensstandard, Zürich, meiner Heimatstadt, und ich brauche nicht mehr in den Osten zu reisen. Das wirft auch einen Schatten darüber, was wir unter Lebensqualität verstehen. Solange ich den Teufel nicht in Zürich auftreten lassen kann, und der Teufel steht hier symbolisch für alles, was ungezähmt, wild, phantasiereich ist, werde ich immer den Westen mit dem Osten verbinden. Denn es ist auch nicht wahr, dass es in meinen Büchern nur um den Osten geht, der Westen taucht durchaus auch auf, aber sicher nicht so saftig wie der Osten. Aber so ist er, der Westen, zumindest im Reich der Erzählungen: dürr.

Literaturschock: Ist - was Ideen für zukünftige Romane betrifft - Ordnung in Ihrem Kopf oder schwirren abertausende Geschichten nebeneinander umher und warten darauf, ordentlich zu Papier gebracht zu werden?

Catalin Dorian Florescu: Da schwirrt gar nichts herum. Lustige Vorstellung.........So ein Zustand wäre furchtbar. Die Kunst besteht darin, warten zu können, bis die nächste Geschichte sich einnistet. Aber auch, sich verfügbar zu halten für neue Chancen. Wie? Indem man neugierig, mutig in die Welt schaut, aufrecht, dynamisch und dramatisch sein Leben führt. Ideen kommen nicht von einem geheimnisvollen Ort, sie sind da, sie sind die Art, wie wir in der Welt sind. Wenn ich nicht mir offenen Sinnen durch mein Leben gegangen wäre, wären mir nie die Geschichten des Masseurs oder Zairas begegnet. Es gibt kein Voodoo, es gibt nur mich, die Welt und den Kontakt, den ich zu ihr herstelle.

Literaturschock: Sie lassen Ovidiu's Vater in "Der kurze Weg nach Hause" sinngemäss sagen, dass man erst zur Ruhe gekommen bzw. sesshaft geworden ist, wenn man einen Teppich in der Wohnung hat. Ist in Ihrem Wohnzimmer ein Teppich?

Catalin Dorian Florescu: Lustige Frage...nein, kein Teppich, und das beunruhigt meinen Vater, der ein alter, traditioneller Mann ist. Und ausserdem wohne ich seit 20 Jahren in einer Wohngemeinschaft, für einen 43järigen Mann unüblich. Aber mein Vater geht gut damit um, selten schimmern da seine Wünsche für seinen Sohn durch. Er ist sehr stolz auf mich. Tatsächlich bin ich viel unterwegs, alleine die letzten drei Jahre, war ich die Hälfte der Zeit weg. Es ist aber für mich eine Form meine Bücher zu unterstützen, sie liebevoll zu fördern. Denn überall, wo ich meine Koffer auspacke, an den Orten meiner Stipendien, kennt man mich bald und damit auch meine Literatur.

Literaturschock: Ihre ersten beiden Romane „Wunderzeit“ und „Der Kurze Weg nach Hause“ sind bereits vergriffen. Wünschen Sie sich eine Neuauflage beziehungsweise ist gar eine solche geplant?

Catalin Dorian Florescu: Nun, so „bereits“ ist das nicht, „Wunderzeit“ war immerhin 8 Jahre auf dem Markt. Aber Sie haben auch Recht, wenn Sie da ein Problem sehen. Ich erinnere mich an den Schmerz, als mir ein Buchhändler mitteilte, „Wunderzeit“ sei vergriffen und mir dann der Taschenbuchverlag sagte, man habe ganz einfach die Restexemplare eingestampft. Ein Buch, das so viele Leute lieben und das auch in Schulen gelesen worden ist. Aber so ist es. Der Kapitalismus verbrennt auch Bücher, nur aus anderen Gründen. Wirtschaftlichen. Immerhin erscheinen meine neuesten Romane auch als Taschenbuch bei Piper und DTV, und DTV will auch „Jacob beschliesst zu lieben“ übernehmen, weil sich „Zaira“ so gut verkaufte. Über Zaira und Jacob mache ich mir also keine Sorgen, wie es aktuell um den blinden Masseur bei Piper steht, weiss ich nicht. Ja, es ist ein Wunsch von mir, dass zumindest „Wunderzeit“ eine Neuauflage erfährt. Alles andere habe ich nicht in der Hand. So ist das System: Literatur, Kultur sind Systeme des Konsums, sie sind ein banales Geschäft geworden.

Literaturschock: Ist eine Übersetzung Ihrer Bücher ins Englische geplant?

Catalin Dorian Florescu: Ins Englische? Wenn es irgendwann einmal etwas auf Englisch gibt von mir, dann ist das ein Wunder. Dabei werde ich von einer der wichtigsten Agenturen betreut, die ihr Geld vor allem mit der englischen Literatur macht. Denn während die englischsprachigen Länder fast nichts übersetzen, übersetzen wir wie besessen. Vielleicht auch mit gutem Grund, denn die grosse Erzählkunst scheinen wir, deutschsprachige Autoren, nicht wirklich entdeckt zu haben. Aber da gibt es auch den Opportunismus und die Willfährigkeit deutscher Verlage, die sich überall auf der Welt eindecken, während wir, heimische Autoren, uns oft mit den hinteren Platzierungen in den Verlagsprogrammen zufrieden geben müssen. In diesem Punkt zumindest kann ich nur zufrieden sein, denn der C.H. Beck Verlag hat immer voll und ganz auf mich gesetzt..

Der englische Buchmarkt ist praktisch geschlossen, nur etwa 3 Prozent der Bücher dort sind Übersetzungen, während sie ihre eigene Literatur überall auf der Welt absetzen. Es genügt ein durchschnittlicher amerikanischer Autor zu sein und schon kriegt man überall eine Plattform. Es ist eigentlich zum Verzweifeln, diese amerikanische Hegemonie.

Literaturschock: Sie haben das Heinrich-Heine-Stipendium 2011 bekommen, als Stadtschreiber für Dresden, Baden-Baden und Erfurt wird auch von Ihnen erwartet, dass Sie eine beträchtliche Zeit in diesen Stipendien verbringen, zudem sind sie im deutschsprachigen Raum und in Rumänien mit Lesungen unterwegs. Ist diese Nomadenzeit für Sie Zeit zum Sammeln von Geschichten und Ideen?

Catalin Dorian Florescu: Nein, das ist sie nicht. Wenn ich auf die Geschichten des blinden Masseurs oder Zairas stosse, dann weil ich wieder einmal gezielt nach neuem Stoff suche. Rumänien war immer sehr grosszügig mit mir, obwohl ich es verlassen habe, mich damals als Kind vor ihm in Sicherheit gebracht habe. Es hat mir immer wieder neue Geschichten geschenkt. Als ich zuletzt von der Existenz des Dorfes Triebswetter in der weiten Banater Tiefebene hörte, da begann in mir langsam die Geschichte Jacobs zu wachsen. Stipendien bringen da nichts Neues hinzu, ich benutze sie als Oasen der Ruhe, wo ich höchstens das neue Material sichte und in eine literarische Form bringe. So habe ich „Zaira“ in Bremen geschrieben, als ich in der Nähe Stipendiat war. „Jacob beschliesst zu lieben“ habe ich in Schleswig Holstein begonnen und beendet habe ich es in Erfurt.

Diese Nomadenzeit, wie Sie sie nennen, ist tatsächlich meine Art von und mit der Literatur zu leben. Es kann manchmal stressig und einsam sein – und ich weiss tatsächlich nicht, wie lange, ich es noch tun möchte – aber es hatte für mich grosse Vorteile: ich erschloss nach und nach ganze Regionen für meine Literatur. Da waren mir die Stadtschreiber-Stipendien sehr nützlich. Das Geld das man bekommt ist in der Regel wenig, aber an allen drei Stellen brachte ich mich mit solcher Leidenschaft in das Stadtleben ein, dass man mich bald einmal kannte, meine Bücher las, zu meinen Lesungen kam. Ich schrieb für die Zeitungen und setzte mich mit der Region auseinander, das wurde immer sehr geschätzt. Es war meine Art, Kontakt zu schaffen und auch etwas zurückzugeben. Es entstanden Freundschaften, die von Dauer sind. Nur so macht das Ganze Sinn, sonst könnte ich ebenso gut in Zürich bleiben und schreiben: ein gutes Cafè, wo mir das gut gelingt, gibt es auch dort.

Literaturschock: Sie bezeichnen sich selber als Cineasten. Welchen Film / welche Filme haben Sie am häufigsten gesehen?

Catalin Dorian Florescu: Ich denke, Fellinis „Amarcord“, überhaupt gibt es Fellini- und Kusturicahafte Elemente in meinen Büchern. Magischer Realismus. Mindestens einmal muss der Teufel immer durch die Kulissen meiner Bücher ziehen...Und es gibt reichlich Skurrilität und Groteske. Aber ich liebe auch neueres amerikanisches Filmschaffen, „American Beauty“, „Magnolia“ oder „There Will be Blood“. Paul Anderson, der Regisseur der letzten beiden ist schlicht ein filmisches Genie. Dann gibt es auch noch Godards „Atemlos“ oder Truffauts „Sie küssten und sie schlugen ihn“. Die Schlussszene dieses Films, die Flucht des Jungen, von den Erwachsenen in Stich gelassen, aus der Erziehungsanstalt, die Kamera, die parallel zu ihm fährt, wie er dann am Meer ankommt und nicht mehr weiter kann und wie er dann zurückschaut, uns direkt in die Augen...grossartig.

Literaturschock: Als nächstes liegt die Frage nahe: Würden Sie gerne eines Ihrer Bücher auf der Leinwand sehen?

Catalin Dorian Florescu: Ja, es wäre ausserordentlich schön für mich. Meine Bücher – trotz der ganzen Arbeit, die ich in die Prosa steckte, ins Schleifen der Sprache – sind auch erzählte Filme. Ich bin ein literarischer Regisseur, ein Fellini der Sprache. Nur zu!

Literaturschock: Wie sieht Ihr Leben als Leser aus? Haben Sie Lieblingsautoren, ein Lieblingsgenre oder Lieblingsbücher, die Sie immer wieder lesen? Gibt es Vorbilder für Sie? Schriftsteller, die Sie bewundern und hoffen, eines Tages so gut, wie diese schreiben zu können?

Catalin Dorian Florescu: Fernando Pessoa war wichtig für mich und sein „Buch der Unruhe“, ein literarischer Meilenstein. Oder der Tscheche Bohumil Hrabal, der auch für „Jacob beschliesst zu lieben“ ein wenig Pate stand: hier vor allem „Ich habe den englischen König bedient“, „Leben ohne Smoking“ oder „Das Städtchen, in dem die Zeit stehenblieb“. Dann auch Amerikaner wie Philipp Roth oder einige Bücher von T.C. Boyle, allen voran „Wassermusik“. Celine mit „Reise ans Ende der Nacht“. Es gibt auch Bücher, die mir die Welt bedeuten, die tragikomisch sind, so „Die Asche meiner Mutter“ oder „Fängt ja gut an, das Leben!“ oder auch „Die grosse Stille unter dem Schnee“. Es gibt nur wenig Deutsche, deren Erzählkunst mich wirklich packen konnte, ein Böll, ein Döblin, eine Anna Seghers.

Und nun zum anderen Teil Ihrer Frage: ich brauche nicht mehr zu irgendjemandem hochzuschauen, ich bin auch nicht mehr jung und unerfahren. Ich habe mit 43 Jahren ein Werk von 5 grossen Romanen im Rücken, ich stehe mit „Jacob beschliesst zu lieben“ auf dem Höhepunkt meiner Literatur und das wird durchaus auch so wahrgenommen. Ich glaube eher, dass man an meinen Romanen lernen könnte, wie man das Verstaubte aus der deutschen Literatur entfernen und mehr Geist, mehr Lust, mehr Farben, mehr Welt hineinbringen könnte. Das klingt vielleicht hochmütig, aber klein machen will ich mich nicht.

Literaturschock: Haben Sie unter Ihren eigenen 5 Romanen einen Favoriten?

Catalin Dorian Florescu: „Wunderzeit“ war lange mein Favorit und so viele Leute liebten meinen Erstling. Dann kam mein vierter, „Zaira“, und jetzt ganz aktuell ist es „Jacob“. Aber viele meiner Leser haben ihr Lieblingsbuch, „Der blinde Masseur“ hat eine grosse Fangemeinde und wurde bisher auch am meisten übersetzt.

Literaturschock: Können Sie sich an eines Ihrer ersten Gespräche mit einem Leser (beziehungsweise "Feedback'" von einem Leser) erinnern? (Zum Beispiel bei einer Lesung oder als Leserbrief / -mail.)

Catalin Dorian Florescu: Oh, nein, das wäre zu viel verlangt. Als Wunderzeit vor 10 Jahren erschienen ist, gab es so viel Zuspruch, so viele wollten mit mir darüber reden, dass ich mich nicht mehr an die einzelnen Momente erinnern kann. Ausserdem geht das seit damals so weiter, auch jetzt mit dem neuen Roman empfange ich immer wieder Nachrichten und Feedbacks. Doch der persönliche Kontakt ist mir wichtig, mit manchen Lesern entwickelt sich eine lockere Freundschaft.

Literaturschock: Im Internet-Zeitalter muss man sich als Autor nicht nur der Kritik von Fachleuten, sondern auch den Rezensionen und Kommentare zahlreicher Leser stellen. Welche Vor- und Nachteile hat das für Sie?

Catalin Dorian Florescu: Ich verfolge das nicht, ich schirme mich da ab, ich brauche nicht alles zu wissen. Das wäre eine wahre Überflutung, die man schwer erträgt. Erst jetzt bei „Jacob beschliesst zu lieben“ habe ich mitbekommen, dass das Buch in Literaturblogs vorgestellt und diskutiert wurde und dass es viele Reaktionen gab. Es bleibt mir nur zu hoffen, dass die Leute verantwortlich über kulturelle Erzeugnisse schreiben. Aber ich weiss, dass das Internet auch Formen verantwortungsloser Mitteilsamkeit fördert. Ich bin im Grunde genommen uralt, denn ich bin ein Mann der Zeitungen und der klassischen Medien. So informiere ich mich, nicht durchs Internet. Bücher und Internet bringe ich gar nicht zusammen. Ich weiss, es klingt nach einem netten aber weltfremden Opa. Ich versichere, dass ich erst 43 Jahre alt bin. Ich will nicht, dass das Internet die Printmedien schluckt und später auch die Bücher.

Literaturschock: Ihr vierter Roman, Zaira, ist die Geschichte einer Frau, aus der Ich-Perspektive geschrieben. Ist es Ihnen schwer gefallen, in die Rolle einer Frau zu schlüpfen?

Catalin Dorian Florescu: Nein, das war meine geringste Sorge. Erst viel später, nach Fertigstellung des Buches brachten mich manche Leserinnen durch ihre Fragen auf den Gedanken, dass es womöglich für einen Mann ein Problem sein könnte, aus der Perspektive einer Frau zu schreiben. Hätte ich mich zu sehr damit beschäftigt während der Entstehung, so wäre ich wohl blockiert gewesen. Man braucht Mut und ein gewisses naives Vorpreschen, voller Vertrauen in die eigenen Möglichkeiten, wenn man solche Projekte verwirklichen will. Das erste Instrument des Schriftstellers – wie auch des Lesers – ist die Empathie und ich war mir sicher, dass ich genug davon hatte, um Zairas Leben glaubwürdig zu beschreiben. Was uns Männer und Frauen trennt, wird oft aufgebauscht. Was uns eint, geht vergessen: das ganze Spektrum menschlicher Gefühle angesichts der vielen Proben, die wir in diesem Leben bestehen müssen.

Ich hatte eher andere Probleme zu lösen: ich musste nach Washington reisen und mich mit der amerikanischen Geschichte auseinandersetzen, denn dort hat Zaira seit 1969 gelebt. Oder viel über den Prager Frühling von 1968 erfahren, denn durch das von russischen Panzern besetzte Prag flüchtet sie nach Amerika. Oder über die Technik des Puppen- und Marionettenspiels, denn sie war eine der grössten ihres Fachs in der 50ern und 60ern. Und eines Tages ließ sie Pinocchio vor allen Leuten im Saal die Wahrheit über die Kommunisten sagen. Da musste sie fliehen

Literaturschock: "Jacob beschliesst zu lieben" ist Ihr fünfter Roman. Können Sie sich noch an das Gefühl erinnern, das Sie hatten, als Sie Ihr erstes Buch in gedruckter, gebundener Form in den Händen hielten? Als Sie es im Buchladen sahen?

Catalin Dorian Florescu: Vage, oh ja, da sprechen Sie etwas Wichtiges an. Eine gewisse Demut und Dankbarkeit dürfen nie verschwinden, eine gewisse Frische des Gefühls sollte bleiben. Aber es ist schwierig, sehr schwierig sich in diesem Literaturzirkus voller Falschheiten und Ungerechtigkeiten seine Lebendigkeit aufzubewahren. Sich an jedem Buch zu freuen, als ob es das erste wäre. Da hat man im Gegensatz zum Anfang viel zu tragen und zu ertragen, man ist nie wieder so jungfräulich wie beim Erstling. Ich hätte gerne wieder jenes Gefühl des Staunens zurück, dass ich damals gehabt habe. Ein Stück Selbst war fassbar und sichtbar geworden.

Literaturschock: Sie haben sich einmal als Geschichtenräuber bezeichnet. Ist Jacob's Geschichte auch eine „gestohlene“?

Catalin Dorian Florescu: Ein Geschichtendieb habe ich wohl gesagt. Sogar ein Geschichtenfischer, der jeden Abend seine Netze ans Ufer zieht und die fetten literarischen Fische, die sich darin verfangen haben, an sich nimmt. Ich kann es am besten so beschreiben: von „Wunderzeit“ bis zu „Der blinde Masseur“, „Zaira“ und „Jacob“ machte ich eine ganze Entwicklung durch, jeder Roman war ein weiterer Schritt in Richtung Fiktionalisierung und bedingte den nächsten. „Wunderzeit“ war fast komplett autobiografisch, „Jacob“ ist es gar nicht mehr. In der Mitte steht der „Masseur“, wo ich die Geschichte des wahren Masseurs und jene eines erfolgreichen aber unglücklichen Heimatlosen – ein Alter Ego von mir wohl - verknüpfe. „Zaira“ hielt sich an die biografischen Eckdaten des Lebens der wahren Zaira, aber dadurch, dass ich in die Welt einer Frau schlüpfte, war das ein weiterer Schritt in Richtung Fiktionalisierung für mich.

Und „Jacob“ nun ist volle Fiktion. Es gibt den Namen Obertin, er stammt aus Lothringen, woher die Vorfahren Jacobs kommen, Caspar und Frederick, machtversessene, opportunistische Männer. Man findet ihn heute noch in jener Gegend Rumäniens, dem Banat, wo ich die Geschichte ansiedle. Es gibt auch die Dörfer, die jene Siedler gebaut haben, mit wunderbar wohlklingenden Namen wie Gottlob, Liebling, Triebswetter. Es gibt auch die verwaisten Friedhöfe, wo diese Kolonisten der ersten Stunde liegen. Und es gab auch dieses grosse Abenteuer, die Besiedlung des Ostens auf Geheiss der österreichischen Kaiserin. Jacob ist der Nachfahre solcher Leute, aber seine dramatische Geschichte ist Fiktion. Die Ankunft der Roten Armee im Januar 1945 und die Deportation der Deutschen aus dieser Gegend, dann Jahre später die Deportation durch die rumänischen Kommunisten, das alles sind geschichtliche Fakten. Sie bilden die Kulissen für Jacobs Geschichte der Liebe.

Literaturschock: Ihr jüngster Roman erzählt die Geschichte der Familie Obertin vom 30jährigen Krieg bis in die 1950er Jahre und enthält einiges an geschichtlichen Details. Haben Sie viel Zeit für die geschichtliche Recherche aufgewendet? Wie sind Sie dabei vorgegangen?

Catalin Dorian Florescu: Jedes Buch hat seinen eigenen Sound, aber auch seinen eigenen Weg. Man muss da hineinhorchen in die Geschichte, noch bevor der erste Satz steht, um herauszufinden, was sie braucht und ob man dafür gewappnet ist. Den „Masseur“ habe ich relativ schnell geschrieben, in nur viereinhalb Monaten, nachdem ich ihn in Rumänien besucht hatte. Da brauchte ich wenig Recherche, ich besuchte seinen Heimatort in einer der malerischsten Gegenden Rumäniens, dem Maramures, ich las viel über den Glauben und Aberglauben bei den Rumänen, den Legenden, den Mythen, denn ich wusste, dass ich solche Geschichten des „naiven“ Volksglaubens einflechten wollte.

Bei „Zaira“ reiste ich bis nach Washington, um mir die Stadt anzuschauen, aber erst nachdem ich schon dreiviertel des Manuskripts geschrieben hatte. Bei „Jacob“ kannte ich noch nicht einmal die Geschichte, ich recherchierte 10 Monate lang, bereiste Elsass-Lothringen, das Banat, erfuhr viel über die Flucht und die abenteuerliche Reise auf der Donau in den Osten, über den 30jährigen Krieg. Wusste ich am Anfang so gut wie nichts über all diese Dinge, so war ich danach ein kleiner Experte geworden. Sogar die Vogesen waren mir vertraut, durch die der erste Obertin, Caspar, ein Söldner, nach Lothringen zieht, um seinen Hof zu suchen. Meine Angst war dann, dass mir all dieses abstrakte Wissen im Wege stehen würde, wenn es darum ginge, eine konkrete Geschichte zu erzählen. Dann, eines Tages, war dieser erste Satz da: In jedem Sturm steckt ein Teufel. Und der Roman war geboren

Literaturschock: Herr Florescu, ich danke Ihnen vielmals, für die Zeit, die sie sich genommen haben und wünsche Ihnen eine schöne "Nomadenzeit" für die vielen Jacob-Lesungen, die sie 2011 noch vor sich haben!

Das Interview wurde von Dana Kearns für Literaturschock geführt

Für eine werbefreie Plattform und literarische Vielfalt.

unterstuetzen books

 

 

Affiliate-Programm von Amazon, um Literaturschock zu unterstützen. Weitere Möglichkeiten, Danke zu sagen.

Tassen, Shirts und Krimskrams gibt es übrigens im

Buchwurm-Shop

I only date Booknerds

Diese Seite nutzt Cookies.

Datenschutz & Widerspruchshinweise

Erlauben
© 2018 Susanne Kasper, Literaturschock

Mobile-Menue