Christoph Marzi wurde 1970 in Mayen geboren und wuchs in Mendig in der Eifel auf. Mit seinem ersten Roman "Lycidas", schaffte er bereits den Durchbruch als Newcomer des Jahres 2004. Der zweifache Vater lebt heute als Lehrer am Wirtschaftswissenschaftlichen Gymnasium in Saarbrücken.

Literaturschock: Wie kamen Sie zum Schreiben?

Christoph Marzi: Ich begann mit fünfzehn zu schreiben. Wie genau ich dazu kam? Ich denke, ich habe mich eines Tages einfach an den Schreibtisch gesetzt und begonnen. Und herausgefunden, dass es mir Spaß macht. Klingt banal, war aber so. Ich habe schon immer Geschichten gemocht und war mit einer regen Phantasie gesegnet (was einige meiner damaligen Lehrer nicht unbedingt als Segen beschreiben würden). So einfach ist das. Sie werden jemanden, der gerne singt, kaum vom Singen abhalten können. Und jemand, der sich sportlich betätigen muss, wird dies tun. Nun, mit dem Schreiben ist es genauso.

Literaturschock: Was macht ein Christoph Marzi, wenn er sich nicht dem Schreiben widmet?

Christoph Marzi: Er unterrichtet Volks- und Betriebswirtschaftslehre an einem Oberstufengymnasium und kümmert sich um seine Familie. Er entspannt beim Schreiben, Lesen und bei Filmmusik (John Williams, Danny Elfman, Hans Zimmer und Klaus Badelt) und geht leider viel zu selten ins Kino (mit der Zeit ist das so eine Sache).

Literaturschock: Welche drei Bücher würden Sie auf eine einsame Insel mitnehmen?

Christoph Marzi: Am besten einen Ratgeber („Wie überlebe ich auf einer einsamen Insel“). Nein, ernsthaft - das ist eine schwierige Frage. Momentan würde ich sagen: „Der Schatten des Windes“ von Carlos Ruiz Zafon, „Garp und wie er die Welt sah“ von John Irving und „David Copperfield“ von Charles Dickens. Von allen dreien die Taschenbücher, damit ich noch Platz im Notgepäck für lebenswichtige Dinge habe. Christoph Marzi - Lycidas

Literaturschock: Wie würden Freunde Sie beschreiben?

Christoph Marzi: Da fragen Sie am besten meine Freunde. Die Tatsache, dass sie noch meine Freunde sind, dürfte aber kein allzu schlechtes Licht auf mich werfen, denke ich. Meine Mädels daheim (sprich: meine Frau und die neunjährige Tochter - die kleinste hat sich da noch kein Urteil gebildet) halten mich zuweilen für sehr zickig. Nun denn. Soviel dazu.

Literaturschock: Was zeichnet Ihre Romane aus? Gibt es sowas wie einen „roten Faden“, der sich durch Ihre Erzählungen zieht?

Christoph Marzi: Die Menschen in „Lycidas“ sind eigentlich alle auf der Suche nach ihrem Platz in der Welt. Alle sind auf ihre Art und Weise einsam. Und überwinden diese Einsamkeit dadurch, dass sie sich auf andere Menschen einlassen. Vielleicht ist das der „rote Faden“, der sich durch viele meiner Erzählungen zieht (auch durch die älteren Stories, und definitiv auch durch „Nimmermehr“, den ich vermutlich nächste Woche beenden werde). Emily und Aurora, Wittgenstein und Micklewhite, Lycidas und Lilith, sie alle möchten letzten Endes doch nur glücklich sein. Selbst Lord Mushroom hat kein anderes Ziel. Er versucht mit Enttäuschung und Ablehnung fertig zu werden und schlägt dann aber den falschen Weg ein. Womit wir bei der Unterscheidung von Gut und Böse wären. Die Grauzone in meinen Geschichten ist doch sehr breit, denke ich, was daran liegen mag, dass ich es nicht mag, wenn Charaktere zu einseitig gut oder schlecht sind. Ein guter Vorsatz kann schlimme Dinge bewirken. Und ist Lycidas bei Goethe nicht jener Geist, der stets das Böse will und doch das Gute schafft? Kurzum: ich mag es, wenn meine Charaktere menschlich sind. Sie haben Fehler und sind schwach, können ungerecht sein und manchmal richtig böse. Vermutlich ist das der „rote Faden“, die Art, wie ich die Charaktere sehe. Wie Bob Dylan gesungen hat: „Good and bad, I define these terms, quite clear, no doubt, somehow.“ Das trifft es wohl ziemlich gut.

Literaturschock: Ihr Buch „Lycidas“ erntet durchweg positive Kritiken und ist sehr gefragt bei den Buchhandlungen. Wie lange schrieben Sie an „Lycidas“ und durch was ließen Sie sich dabei inspirieren?

Christoph Marzi: Insgesamt habe ich etwa drei Jahre an „Lycidas“ gearbeitet. In dieser Zeit habe ich den roten Faden entwickelt für das, was schon passiert ist und das, was noch vor mir liegt. Die Geschichte wird drei Bücher umfassen, von denen das erste nun vorliegt. Teil 2 ist in Arbeit, muss aber noch einmal überarbeitet werden.

Inspiriert wurde ich, wie man unschwer erkennen kann, von einer Fülle viktorianischer Romane. Dickens, Doyle, Poe, Stevenson, Austen. Am Anfang stand eine Szene aus „An American Werewolf in London“, die in der U-Bahnstation Tottenham Court Road spielt. Der Wunsch, über die Underground zu schreiben, war geboren. Einige Jahre später fragte ich mich im Zuge der Elfen-Besessenheit meiner Tochter, wie Elfen heute wohl leben würden. In einer Großstadt! Emily und Aurora tauchten dann recht schnell auf, ebenso Wittgenstein und der Tunnelstreicher Mièville. Einige Besuche in London fügten dann alles zusammen.

Literaturschock: Es fällt auf, dass all ihre Figuren, die in dem Roman auftauchen, etwas mit Dickens oder mit Doyle zu tun haben. Sogar Namen wurden aus den Romanen übernommen. Was hat es damit auf sich?

Christoph Marzi: An dieser Stelle möchte ich nur soviel sagen, dass dies kein Zufall ist. Reverend Dombey hatte sich einst Mister Murdstone genannt, die Quilps sind bei mir dann doch gute Menschen, Little Neil Trent (meine Verbeugung vor Neil Gaiman und Little Nell Trent) arbeitet (wo sonst?) im alten Raritätenladen, der von Mr. Dickens geführt wird. Es gibt eine „Pequot“, einen Dorian Steerforth (wer denkt da nicht an Dorian Gray und Steerforth aus „David Copperfield“?), der aussieht wie Jude Law. Dazu einen Tunnelstreicher, der Mièville heißt. Und Dinsdale, der vielleicht bei einigen Lesern Erinnerungen weckt an eine Episode von „Monty Pythons Flying Circus“. Mr. Fox und Mr. Wolf dürften nicht von ungefähr an Pinocchios Gefährten (Fuchs und Kater) erinnern. An dieser Stelle sei nur soviel verraten: ich werde später noch darauf Bezug nehmen. Es ist definitiv kein Zufall und alles genauso gewollt.

Literaturschock: Worin unterscheidet sich Ihrer Meinung nach Ihr Roman von den restlichen Fantasy-Romanen, die bisher erschienen sind?

Christoph Marzi: Ich habe die Einteilung in bestimmte Genres noch nie gemocht, weil man Büchern und den Autoren, wenn man sie in Schubladen zu stecken versucht, meistens Unrecht tut. Tolkien gehört wohl eindeutig der Fantasy an. Doch würde jemand Gabriel Garcia Marquez („Hundert Jahre Einsamkeit“) in die Fantasy-Ecke stecken? Wohl kaum. Oder Shakespeare („Macbeth“ oder „Hamlet“)? Etwa Goethe („Faust“ oder „Die Braut von Korinth“)? Dante Alighieri („Die göttliche Komödie“)? John Milton? Christopher Marlowe? Vergil? Nur einige der Autoren, die Grundelemente verwenden, die man ansonsten ausschließlich der Fantasy zuordnet. Den Begriff Fantasy mag ich nicht besonders, weil er suggeriert, dass der Rahmen einer Geschichte bereits altbekannt und fest umrissen ist. Besser gefällt es mir, wenn man von fantastischer Literatur spricht. Oder fantastischer Belletristik.

Literatur sollte Konflikte aufzeigen und dazu auch die Möglichkeiten, diese zu lösen. Ob das Setting nun ein realer Ort oder aber eine erfundene Welt ist, tut dabei kaum etwas zu Sache. Tolkien erfand Mittelerde auf der Basis existierender Mythologien, baute diese um und schuf das, was dann als Silmarrilon die Basis für den Ringkrieg wurde. Die Hobbits und all die anderen Charaktere werden aber getrieben von ganz menschlichen Motivationen, die keinem Leser fremd sind. Es geht um Freundschaft, Verrat, Treue, Tod und Trauer. Grundlegende Emotionen also. „Reale“ Romane wie etwa „Die Buddenbrooks“ oder „Die Blechtrommel“ handeln wohl kaum von etwas anderem. Die High Fantasy bedient sich mittelalterlich angehauchter Hintergrundwelten, um diese Emotionen und Geschichten zu transportieren. Andere Varianten haben ihre Wurzeln in diversenen Rollenspielen. Alle haben aber gemein, dass sie Mythen oder Vorstellungen von Mythen umdeuten, auseinanderbauen, um dann neue zu erschaffen. Wenn man sich mit den Mythen der verschiedenen Kulturen auseinandersetzt, erkennt man grundlegende Gemeinsamkeiten. Dies gilt natürlich auch für die Weltreligionen. Humanismus ist ein zentraler Punkt all dieser Weltvorstellungen. Der Sieg des Guten über das Böse ein anderes zentrales Element. Ich persönlich habe einfach Freude daran, diese Mythen in die Gegenwart zu transportieren, ohne sie völlig zu entfremden. Lilith und Lucifer sind diejenigen Charaktere, die wir aus den urtümlichen Geschichten kennen. Hinzu kommen neuere Mythen: Jack the Ripper, der Golem, die Royal Underground. Vielleicht ist es das, was mich von anderen Autoren unterscheidet bzw. was ich mit einigen anderen Autoren gemeinsam habe. Wie gesagt, ich bin kein Freund davon, die Dinge in Schubladen zu stecken (in „Lycidas“ gibt es auch kaum Schubladen). Man sollte eine Geschichte beginnen und, wenn sie einen fesselt, auch zuende lesen. Sich davon beeinflussen zu lassen, ob die Geschichte in der „realen“ Welt oder einer erdachten Welt spielt, halte ich für engstirnig. Man sollte sich selbst keine Grenzen setzen.

Literaturschock: Mit welcher Romanfigur symphatisieren Sie am meisten?

Christoph Marzi: Mortimer Wittgenstein. Warum? Fragen Sie nicht! Er hat Humor und er kümmert sich um Emily und Aurora, die ich natürlich auch sehr mag. Darüber hinaus mag ich Lycidas und Lilith wirklich sehr. Doch Wittgenstein steht mir am nächsten.

Literaturschock: Manderley Manor oder das Haus Mushroom - auf welche Seite würden Sie sich schlagen wollen und warum?

Christoph Marzi: Ich würde mich auf keiner der beiden Seiten wohlfühlen, weil beide von einer sehr selbstsüchtigen Motivation getrieben werden. Mit Lord Mushroom würde ich nur ungern meine Zeit verbringen und Mylady Manderley ist auch nicht gerade von guter Laune geküsst. Beide sind sehr intrigant. Selbstsüchtig. Kalt. Der Platz, den ich wählen würde, liegt eindeutig dort, wo es viele alte Bücher zu kaufen gibt. Im Raritätenladen. Oder aber in Marylebone, in dieser Wohnung mit all dem alten Zeug und dem riesigen hölzernen Globus neben dem Kamin.

Literaturschock: Wird es eine Fortsetzung von „Lycidas“ geben? Falls ja, darf man schön näheres dazu erfahren?

Christoph Marzi: Ja, es wird eine Fortsetzung geben. Mitte Januar werde ich die Arbeiten an einem Jugendbuch mit dem Titel „Nimmermehr“ beendet haben und danach endgültig nach London zurückkehren und begonnenes (die erste Textfassung) zu einem Ende bringen. Ende November 2005 wird dann voraussichtlich das nächste Buch erscheinen. Zum Inhalt nur soviel: es wird wieder in London bzw. in der uralten Metropole spielen und Emily wird ein wenig älter sein. Ob ich genauer werden kann? Fragen Sie nicht!

Das Interview wurde von Maria Scherrer für Literaturschock geführt

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