Helga Glaesener, 1955 geboren, hat Mathematik studiert, ist Mutter von fünf Kindern und lebt heute in Aurich, Ostfriesland.

Literaturschock: Sie haben Mathematik studiert, sind fünffache Mutter und Schriftstellerin - ein sehr vielseitiges Talent nach den recht spärlichen Informationen im Internet zu schließen. Doch wie würden Sie sich selbst beschreiben? Erzählen Sie uns doch ein bißchen über sich.

Helga Glaesener: Nicht das Schreiben, aber das Ausdenken von Geschichten, Szenen, Charakteren, Konflikten - all das hat mich beschäftigt, solange ich zurückdenken kann. Ich liebe es, in der Bahn zu sitzen und zu beobachten, wie Menschen sich verhalten, miteinander umgehen. Ich bin neugierig auf Ihre Ansichten, ihre Konflikte, ihre großen und ihre schrecklichen Momente und oft frage ich sie danach, immer in der Hoffnung, dabei nicht allzu aufdringlich zu sein. Nach dem Abitur habe ich ich mich bei der ZVS außer für Mathematik auch noch für Psychologie beworben - wahrscheinlich aus demselben Interesse, das mich auch zum Schreiben verleitet.

Beim Studium habe ich mich dann doch für Mathematik entschieden. Mir gefällt die gradlinige Logik in diesem Bereich der Wissenschaften. Für das Studium bin ich nach Hannover gezogen, und nach wenigen Monaten, in denen ich meine Freiheit genoss, begann mir meine große Familie daheim - ich habe fünf Geschwister - zu fehlen. Das war der Punkt, an dem ich beschloss, dass ich auf jeden Fall viele Kinder haben möchte. Ich mag den Trubel, das Türenknallen, die Gespräche und das Gelächter, und dafür nehme ich auch gern die vielen Mühen auf mich, die eine große Familie bereitet. Ich habe übrigens keinen Spaß daran, mit Legos und Puppen zu spielen. Aber das ist zum Glück auch nicht nötig, wenn ein Kind viele Geschwister hat.

Literaturschock: Hat man als fünffache Mutter denn überhaupt noch Zeit für das Schreiben oder auch "nur" für Hobbies?

Helga Glaesener: Der Mensch hat für die meisten Dinge Zeit, die ihn wirklich fesseln. Als meine Kinder klein waren, fanden meine Geschichten nur im Kopf statt, da war nichts anderes drin. Als die beiden jüngeren aus den Windeln waren und die drei älteren die Schule besuchten, konnte ich mir Zeit für das Aufschreiben meiner Geschichten ergattern. Inzwischen sind nur noch zwei meiner Kinder zuhause, und auch die beiden sind schon fast erwachsen. Heute kann ich also problemlos arbeiten.

Literaturschock: Mathematikstudium versus Schriftstellerin. Gab es einen besonderen Anlass für Sie, diesen Weg zu gehen oder war das Schreiben schon immer ein Traum von Ihnen?

Helga Glaesener: Ich hatte ein schönes Zuhause, aber viel Geld gab es bei uns nicht. Nach dem Abi war für mich klar, dass ich auf eigenen Beinen stehen können muss. Es wäre mir nicht im Traum eingefallen, etwas so unsicheres wie ein Leben als Schriftstellerin zu beginnen. Ich habe zwischen Abi und Studienbeginn in einer Photofabrik gearbeitet und mehrere Monate lang Eingangsstempel auf Phototaschen geknallt. Ich glaube, diese öde Tätigkeit war es, die mich zum Mathestudium bewogen hat. Mal wieder ein richtiges handfestes Kopfproblem zu lösen kam mir wie das Wunderbarste auf der Welt vor. Heute spielt die Mathematik für mich keine Rolle mehr. Am Ende war es doch das Erdenken von Geschichten, das mich in jeder Lebenssituation wieder einholte.

Literaturschock: Was hat Sie dazu bewogen gerade Fantasy und historische Romane zu schreiben? Planen Sie auch Ausflug in andere Genres?

Helga Glaesener: Ich habe mit Fantasy begonnen, weil diese Art Geschichten wenig Recherchearbeit erfordert. Und die konnte ich mit den kleinen Kindern einfach nicht leisten. Damals gab es ja nicht einmal das Internet. Am Mittelalter faszinierte mich immer der Spannungsbogen zwischen der brutalen Gewalt der Ritterschaft, und dem kühlen Intellekt der Kaufleute oder der Wissenschaftler. So spielen meine beiden ersten historischen Romane, Die Safranhändlerin und Die Rechenkünstlerin, auch im Handel bzw. in einer Universität. Aber ich bin nicht auf Historisches festgelegt. Wenn mich ein Konflikt oder ein Charakter fesselt, kann die Geschichte auch gern in der Gegenwart spielen. Ich lege mich da nicht fest.

Literaturschock: Gerade bei der Fantasy sind in sich abgeschlossene Bücher eine wahre Seltenheit und Sie haben der Fantasygemeinde mit Ihren Büchern kleine Juwele beschert. Aber Was halten Sie davon, selbst einen mehrbändigen Zyklus zu schreiben?

Helga Glaesener: Genau das habe ich ich gerade getan - und bin noch immer dabei. Die Thannhäuser-Triologie ist ein historischer Roman mit starken Fantasyelementen. Zwei Teile sind bereits erschienen, den nächsten werde ich im kommenden Jahr schreiben. Allerdings mag ich keine Fließbandarbeit. Jedes Buch, das ich schreibe, soll eine eigene innere Stärke haben. Und dafür geht die Kraft leicht verloren, wenn der Verlag einfach nur "noch was von dem da" wünscht.

Literaturschock: In Ihren Büchern werden die Protagonisten genau charakterisiert. Es sind meistens Personen, die durch ihre Fehler und ihre Menschlichkeit auf den Leser wirken. Wie wichtig ist Ihnen die Charakterisierung im Hinblick auf den Rest des Buches (Rahmenhandlung etc.)?

Helga Glaesener: Die Charaktere sind für mich der Punkt, um den sich alles dreht. Natürlich muss es einen spannenden Konflikt geben, denn ein Charakter zeigt und entwickelt sich eben am besten in Konfliktsituationen. Das Umfeld, in dem der Roman spielt, braucht Atmosphäre. Der Spannungsbogen muss stimmen. Die "Lösung" befriedigen. Der Stil dem Inhalt gerecht werden. Aber am meisten Aufmerksamkeit widme ich doch den Charakteren.

Literaturschock: In der letzten Zeit werden immer mehr deutsche Autoren / Autorinnen erfolgreich veröffentlicht, und dennoch haben es deutsche Schriftsteller/innen schwer, einen Verlag zu finden. Was glauben Sie, woran das liegt? Am fehlenden Talent oder der fehlenden Bereitschaft der Verlage?

Helga Glaesener: Ich glaube, dass beides eine Rolle spielt. Die Verlage sind finanziell in Bedrängnis. Sie kaufen also gern Romane, die sich im Ausland bereits bewährt haben. Da es in Deutschland lange Zeit keine Möglichkeit gab, das Handwerk des Schreibens zu erlernen, landen natürlich auch viele Manusskripte auf den Verlagstischen, in denen sich Perspektivfehler etc häufen. Da verlieren die Lektoren leicht die Lust, sich Manuskripte von deutschen Neulingen anzuschauen. Aber Deutschland holt auf und wir haben inzwischen in der Tat eine ganze Reihe hochbegabter Autoren.

Literaturschock: Bertelsmann hat nun die Verlagsgruppe Heyne-Ullstein-List übernommen. Da Sie selbst bei List veröffentlichen konnten, sind Sie persönlich davon betroffen? Glauben Sie, dass diese Übernahme noch Nachwirkungen mit sich ziehen wird?

Helga Glaesener: Natürlich habe ich darüber mit meiner Agenten gesprochen. Aber noch wissen wir nicht, wohin das Schiff steuern wird. Ich habe noch zwei Bücher für den List-Verlag zu schreiben, und bis die fertig sind, werden wir hoffentlich klarer sehen.

Literaturschock: Was sind Ihre gegenwärtigen Projekte? Würden Sie uns einen kleinen Ausblick auf die nächsten Bücher geben?

Helga Glaesener: Ich habe gerade ein Weihnachtsbuch, Der Weihnachtswolf, geschrieben, das mir übrigens sehr viel Freude gemacht hat und das in diesem Herbst erschienen wird. Im Augenblick schreibe ich an einer Fortsetzung der Safranhändlerin. Meine Heldin Marcella hatte an einigen Problemen aus ihrer Kindheit zu tragen, das wurde im ersten Roman immer nur angedeutet. Ich habe mich also entschlossen, sie in einem zweiten Roman nach Südfrankreich zu bringen, wo sie mit dem Trauma ihrer Kindheit konfrontiert werden wird. Danach werde ich den dritten Thannhäuserteil schreiben.

Literaturschock: Was ist für Sie das schwerste, was das einfachste am Schreiben?

Helga Glaesener: Schreiben war für mich leicht, als ich nur für mich selbst geschrieben habe. Inzwischen verdiene ich meinen Lebensunterhalt damit, werde also finanziell "belohnt" und plötzlich ist es Arbeit geworden. Mich von diesem Gedanken frei zu machen, den Spaß am Schreiben zu behalten, das ist das Schwerste. Mein neuer Roman bietet einen Konflikt, der mich sehr stark fesselt und mich über alle Schreibhemmungen hinwegträgt. Das ist ein Geschenk. "Leicht" im Sinne von "jetzt tu ich´s einfach" ist beim Schreiben wenig. Manchmal stimmen einzelne Charaktere nicht, manchmal hängt die Spannung durch oder es stellt sich heraus, dass eine Perspektive nicht funktionieren will. Es gibt viele Stolpersteine und wenige Szenen, die beim ersten Herunterschreiben perfekt sind. Und jedesmal liegen die Schwierigkeiten woanders. Davor rettet auch Schreiberfahrung nicht. Da heißt es grübeln, versuchen, verwerfen und weiter grübeln. Wer so etwas nicht mag, sollte nicht schreiben. Er würde unweigerlich schlechte Texte hervorbringen.

Literaturschock: Was lesen Sie zur Zeit? Haben Sie besondere Lieblingsbücher und -autoren?

Helga Glaesener: Im Moment lese ich gar nicht. Bei mir wechseln sich wilde Lesephasen mit solchen ab, in denen ich kein Buch mehr sehen mag. Ich mag Ruth Rendall, Irina Koschunow, ich habe das Parfüm sehr gern gelesen und die Liebesfluchten. Ich war zutiefst berührt von dem Geisterhaus von I. Allende. Eine wunderbare Autorin. Doris Lessing, Umberto Eco, Robin Hobb, Judith Merkle Riley ... Die Liste ist ziemlich lang und bunt.

Literaturschock: Vielen herzlichen Dank, dass Sie sich Zeit für das Interview genommen haben!

Helga Glaesener: Und ich danke ebenfalls!

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