Jonathan Stroud wurde in Bedford geboren. Er schreibt Geschichten, seit der sieben Jahre alt ist. Während er als Lektor für Kindersachbücher arbeitete, verfasste er bereits seine ersten eigenen Kinderbücher. Nachdem er seine ersten beiden Jugendbücher veröffentlicht hatte, beschloss er, sich ganz dem Schreiben zu widmen. Er wohnt mit seiner Frau Gina, einer Grafikerin und Illustratorin für Kinderbücher, und der gemeinsamen Tochter Isabelle in St. Albans.

Literaturschock: England ist einer der beliebtesten Schauplätze in Fantasyromanen. Was hat Sie dazu veranlasst, ihren Roman in England spielen zu lassen?

Jonathan Stroud: Meine allererste Idee war es, eine Geschichte über Magie zu schreiben, in der normale Regeln auf den Kopf gestellt werden - die menschlichen Magier sollten die Bösewichte sein, und der Held ein Dämon. In meiner zweiten Idee wollte ich dem Buch einen "realistischen" Schauplatz geben. Viele Fantasybücher spielen in Fantasiewelten und ich dachte, dass es viel interessanter wäre, Magie mit gewöhnlichen und vertrauten Dingen zu mischen, und dann zu sehen, was passiert. Ich entschloss mich fast sofort, aus den bösen Magiern Politiker (!) zu machen, die Großbritannien aus Londoner Parlamentsgebäude, dem House of Parliament regieren. Von diesem Augenblick an hatte ich viel Spaß daran ein London zu erschaffen, das dem unseren ziemlich ähnelt - mit der einzigen großen Ausnahme, dass Magie existiert und von Zauberern benutzt wird, um ihre Macht zu erhalten. Natürlich wählte ich London, weil ich es so gut kenne und deshalb war es sehr leicht für mich, vertraute Straßen wie – Piccadilly, Trafalgar Square – aufzupeppen, indem ich Kobolde, Dämonen und magische Abenteurer dazugab. Das bedeutete auch, dass ich in der Lage war, einen Hauch von Satire mit hineinzupacken: Ich mache ziemlich viele Kommentare über Politik und Macht, beides zur Zeit wichtige Themen in Großbritannien.

Literaturschock: Es ist sehr interessant, dass Sie den Magiern keine Zauberkraft geben. Sie sind machtlos ohne einen Dämon. Würden Sie uns etwas über diese Idee erzählen?

Jonathan Stroud: Das war eine Idee, die ich gleich zu Beginn hatte. In vielen Fantasybüchern haben Magier spezielle Kräfte, mit denen sie geboren wurden und die sie für das Gute (und manchmal Böse) einsetzen. Sie sind dazu bestimmt, sich von normalen Leuten, die nicht diese Fähigkeit haben, grundlegend zu unterscheiden. Ich entschied, dass meine Magier sich nicht von anderen unterscheiden sollten, außer dass sie seit ihrer Kindheit darin ausgebildet wurden, Dämonen beschwören zu können. Sie müssen viele Sprachen lernen und in der Lage sein, die richtigen Formeln aufzusagen, um die Dämonen sicher herüberzubringen, aber davon abgesehen zaubern sie nicht. Dies wird alles von den Geistern erledigt, die widerwillige Sklaven der Magier sind. Dies bedeutet, dass sogar "gute" Taten der Magier moralisch fragwürdig sind, da sie ihren Ursprung in einer Form von Sklaverei haben. Dieses Problem zieht sich durch die drei Bücher der Serie und wird schrittweise ausgebaut.

Literaturschock: Wie würden Sie die Charakter von "Bartimaeus" und "Nathaniel" beschreiben? Wer ist ihr Liebling und weshalb?

Jonathan Stroud: Bartimaeus ist ein Dschinn mittleren Ranges, der seit mehr als 5.000 Jahren von vielen Magiern versklavt wurde. Er hat viele Dinge gesehen, viele aufregende Abenteuer waghalsige Fluchten erlebt, aber er ist natürlich verbittert durch diese jahrhundertelange Behandlung von Menschen. Er steckt voller Energie, ist geistreich, sarkastisch und ein bißchen zynisch; er hat einen gewissen zügellosen Mut, neigt aber auch ein bißchen zur Vertrauenseeligkeit. Er denkt, dass er den Menschen mühelos überlegen ist. Im Gegensatz dazu ist Nathaniel sehr jung und extrem idealistisch. Er glaubt, dass Dämonen böse sind und dass es richtig ist, sie zu versklaven. Er glaubt auch, dass die Magier die rechtmäßigen Herrscher von Großbritannien sind, weil sie ihre Macht dazu benutzen, die gewöhnlichen Menschen und Bürger zu beschützen. Nathaniel hat viele gute Eigenschaften: Er ist mutig, unverblümt und leidenschaftlich, aber wegen seiner rauen Erziehung ist er auch eigenbrötlerisch, einsam und sehr stolz. Bart ist mein Liebling wegen seiner Energie und seinem Humor, der Art, wie er Worte benutzt, aber er braucht Nat als Gegenpol. Wäre das ganze Buch aus Barts Perspektive geschrieben, würde es die Leser schnell ermüden! Man braucht die kühlere, gelöstere Perspektive von Nats Geschichte, um das auszugleichen.

Literaturschock: Die Beziehung zwischen Nathaniel und Bartimaeus ist auf der einen Seite sehr gut, auf der anderen Seite auch ein wenig zwiespältig. Ist das der Kern der Geschichte?

Jonathan Stroud: Ja - für mich ist diese Beziehung das Herz des Buches und der Dynamo, der es vorwärts treibt. Zu Beginn verabscheuen sich die beiden - jeder ist ziemlich gut darin, den anderen zu ärgern und sie versuchen ständig, einen Vorsprung vor ihrem Feind zu gewinnen. Zuerst gewinnt der eine, dann der andere, die Oberhand und diese endlose Schlacht treibt die Geschichte voran. Je mehr die Zeit vergeht, desto mehr fangen sie auch an (widerwillig), einander zu mögen - am Ende von "Das Amulett", erreichen sie eine Form von temporärem Waffenstillstand auf der Basis von gegenseitigem Respekt. Ich wollte beide moralisch zwiespältig haben - nicht nur gänzlich gut und bewundernswert. Das war viel interessanter für mich, als einen "einfachen" Helden zu haben, der immer nur rechtschaffen ist. Die Leser müssen sich selbst entscheiden, wen sie mögen und wen sie bewundern. Ich glaube, diese sehr simple Beziehung ist ausschlaggebend - und weil sie so stark ist, bin ich in der Lage, eine Menge andere (leichtere) Dinge darum zu bauen, wie zum Beispiel all die kämpfe, Verfolgungsjagden und magische Begebenheiten. Aber Bart und Nat sind das Zentrum von allem.

Literaturschock: Wenn Sie wählen könnten: Magier oder Dschinn?

Jonathan Stroud: Das ist eine verzwickte Frage! Wenn ich das eine oder das andere sein sollte - Ich glaube, ich wäre lieber ein Dschinn, wegen den Fähigkeiten, die sie haben. Es wäre großartig, mich in alles, was ich wünschte, verwandeln oder auch fliegen zu können. Ebenso mittels Detonationen und anderen magischen Angriffen kämpfen zu können. Andererseits müssen Bartimaeus und die anderen Dschinns viele Schmerzen ertragen, wenn sie in dieser Welt sind.Sie müssen sich ihren menschlichen Herren unterwerfen, weshalb sie keine wirklich tolle Zeit haben.

Die meisten Magier sind überhaupt nicht sehr reizvoll, da sie ihre Sklaven und Diener zwingen, alle unangenehmen Jobs für sie zu erledigen. Sie sind klug, aber meistens selbstsüchtig. Wie Nathaniel in dem Buch herausfindet, sind viele der Minister der Regierung korrupt und sie möchten nichts anderes als Reichtum und Macht. Ja, je mehr ich darüber nachdenke, desto eher möchte ich ein langleidender Dschinn sein, als ein reicher, aber verwerflicher Magier!

Literaturschock: Stichwort: Fußnote. Wir alle lieben sie, aber sie ist sehr unüblich. Denken Sie nie über das Risiko nach, dass junge Menschen von so vielen Fußnoten abgeschreckt werden könnten?

Jonathan Stroud: Die Fußnoten waren bereits seit dem ersten Tag des Schreibens ein besonderes Merkmal von Bartimäus Stimme. Ich versuchte, die Stimme des Dämonen zu finden und begann mit Barts Materialisierung in der Rauchwolke in Nats Schlafzimmer. Fast sofort wurde mir bewusst, dass ich Fußnoten hinzugefügt hatte und ich wusste auf Anhieb, dass sie zu dem Charakter passten. Er ist sehr kenntnisreich, da er so viele Jahrhunderte herumgekommen ist, aber das Problem dabei ist, dass er das auch WEISS - er denkt, er sei viel schlauer als alle seine menschlichen Leser. Also macht es Sinn für ihn, diese kleinen Extrabissen Information hinzuzufügen, fast wie bei einem akademischen Leitfaden! Ich als Autor liebe sie auch, weil sie es mir erlauben, zusätzliche Dinge zu erwähnen, die sonst den Haupttext aufblähen würden oder (umgekehrt) dumme Witze hinzu zufügen, wenn sie mir gerade einfallen. Dies bedeutet, dass ich mit dem Tonfall der Geschichte spielen kann, und dabei jeden (mich eingeschlossen) auf dem Boden behalte. Ich glaube nicht, dass jüngere Leser sich über die Fußnoten ärgern - tatsächlich werden Sie sie genießen, wie kleine Geschenke am Ende der Seite. Natürlich können sie sie auch einfach ignorieren und die Hauptgeschichte weiterlesen, wenn sie sie nicht mögen.

Literaturschock: Wir hörten, dass Bartimäus verfilmt werden soll. Können Sie uns mehr darüber erzählen? Wie geht man mit den Fußnoten um, die doch sehr wichtig für die Geschichte sind?

Jonathan Stroud: Miramax Films kaufte im Jahr 2002 die Rechte der drei Bücher der Trilogie und nun arbeiten sie seit zwei Jahren an einem Drehbuch für "Das Amulett". Ich sah im letzten Jahr eine frühe Version des Drehbuchs und die war wirklich gut, obwohl es viele Unterschiede zum Originalbuch gab. Ich glaube, das ist unvermeidlich (es ist ein sehr langes Buch) und ich bin sehr aufgeregt über die Möglichkeiten im Film. Sie haben recht, die Fußnoten sind eine große Herausforderung für die Filmemacher! Eine Möglichkeit ist, dass Bartimäus diese als "Nebenbemerkungen" zur Kamera sagt, wie wenn er direkt zu den Zuschauern sprechen würde, aber bei dieser Lösung gibt es wahrscheinlich auch noch einige Probleme. Zur Zeit wird das Drehbuch umgeschrieben und vielleicht kommt jemand auf die perfekte Lösung. Ich kreuze meine Finger, dass das Buch verfilmt wird, weil ich glaube, dass es sehr gut auf der Leinwand wirken würde. Wir werden sehen.

Literaturschock: Jonathan Stroud, die Privatperson. Würden Sie uns mehr über Ihre Hobbies erzählen?

Jonathan Stroud: Nun, in den letzten drei Jahren war ich so mit der Schreiberei der Trilogie beschäftigt, dass die meisten meiner Hobbies auf Eis gelegt wurden. Früher, als ich noch als Editor bei einem Verlag in London arbeitete, war mein Haupthobby das Schreiben - und das wurde nun zu meiner Karriere. Davon abgesehen liebe ich das Lesen, Zeichnen, Joggen, Klavierspielen und das Wandern im Urlaub in den Bergen. In der letzten Zeit mussten alle diese Dinge etwas leiden, aber ich habe mir vorgenommen, in diesem Sommer, sobald Buch III beendet wurde, wieder damit anzufangen (nicht unbedingt mit allen gleichzeitig). Wenn ich nicht schreibe, verbringe ich die meiste Zeit, mit meiner kleinen Tochter Isabelle, die im Dezember 2003 geboren wurde, zu spielen. Sie ist SEHR energiegeladen und braucht eine MENGE Aufmerksamkeit...

Literaturschock: Was sind Ihre Lieblingsbücher und -autoren?

Jonathan Stroud: Als ich 10 Jahre alt war, las ich "Der Herr der Ringe" und das hatte tiefen Einfluss auf mich - jahrelang las ich viel Fantasy und verbrachte eine Menge Zeit damit, Fantasy Brett- und Kartenspiele zu erschaffen. Inzwischen lese ich nicht mehr so viel Fantasy; und die Bücher, die ich mag, unterscheiden sich oft von denen, die ich gerne schreiben möchte. Ich bin ein großer Bewunderer von RL Stevenson, der "Die Schatzinsel" geschrieben hat, weil das Buch viele der Werte enthält, die ich auch selbst erreichen möchte: es ist eine Abenteuergeschichte für Kinder, die ebenso großartig für Erwachsene ist; Es untersucht moralische Fragen der Hauptcharaktere, Probleme von Gut und Böse und hat Long John Silver, der schlecht, aber auch anziehend ist. Somit ist es ein einfaches Buch, das unter der Oberfläche ebenso komplex ist. Ich habe auch viele Elfengeschichten quer von Europa gelesen und mag Autoren, die neue Aspekte in diese alten Erzählungen bringen, wie beispielsweise Italo Calvino. Andere Lieblinge in meinem Bücherregal sind: PG Wodehouse, Arthur Conan Doyle, Raymond Chandler, Charles Williams, Evelyn Waugh und Dickens – einige wegen ihres Stils, andere wegen ihrem Erfindungsreichtum, andere für ihre Erzählweise. Als Leser bin ich ein ziemlicher Allesfresser.

Literaturschock: In Deutschland wird "The Golem's Eye" voraussichtlich im Herbst 2005 erscheinen. Das ist eine sehr lange Zeit. Verraten Sie uns noch ein bißchen mehr über die Trilogie?

Jonathan Stroud: Nun, in "Das Amulett", liegt das Hauptaugenmerk auf Nathaniel, dem Magier, und Bartimäus, dem Dschinn. In Buch zwei, führen wir einen neuen Hauptcharakter ein, Kitty, eine der Widerstandskämpferinnen. Sie taucht nur kurz im ersten Buch auf, wird aber zur Hauptfigur und sie ist wichtig, weil sie die Perspektive verändert: Wir bekommen einen umfangreicheren Einblick in die sozialen Konsequenzen der Herrschafft der Magier und werfen einen flüchtigen Blick darauf, wie die gewöhnlichen Menschen - die Bürger - von der Magie betroffen sind. Wir erfahren, weshalb Kitty eine Feindin der Magier und Dämonen ist und wie sie zu den Widerstandskämpfern kam, die die Regierung stürzen wollen. Es dauert nicht lange, bis sich ihr Weg mit dem von Nat und Bart - die immer noch widerwillig miteinander arbeiten - kreuzt. Es gibt eine Menge Monster, Geheimnisse, Auseinandersetzungen und explosive Folgen für alle Beteiligten! Es gibt außerdem einen Ausflug ins mittelalterliche Prag und dort gibt es etwas ist sehr hässliches in einer Krypta. Buch III, an dem ich gerade arbeite, spielt einige Jahre später. In ihm müssen Bart, Kitty und Nat einen Weg finden, miteinander zu arbeiten, um eine Katastrophe, die London zerstören würde, zu verhindern. Ich kann nicht mehr verraten, aber keine Sorge - der Herbst ist nicht mehr weit!

Literaturschock: Vielen Dank, dass Sie sich für das Interview die Zeit genommen haben, Mr. Stroud! Viele Grüße aus Deutschland!

Das Interview wurde von Maria Scherrer für Literaturschock geführt

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