Leonie Swann wurde 1975 in der Nähe von München geboren. Dort und in Berlin studierte sie Philosophie, Psychologie und Englische Literaturwissenschaft. Mit ihrem Debüt, dem Schafskrimi "Glennkill", der 2005 im Goldmann Verlag erschien, gelang der jungen Frau auf Anhieb ein internationaler Bestseller: Die Rechte wurden inzwischen in mehr als dreizehn Länder verkauft.

Literaturschock: Herzlichen Glückwunsch zu dem überwältigenden Erfolg, den Sie mit Ihrem Debüt „Glennkill“ haben. Möchten Sie Ihren Fans vielleicht zu Anfang einfach ein bisschen über sich erzählen?

Leonie Swann: Ich weiß nicht, ob es da so viel Interessantes zu sagen gibt, oder ob die Person eines Autors viel über ein Buch aussagt. Lesern, die sich für Autoren als Persönlichkeiten interessieren, würde ich (persönlich) vorsichtig empfehlen, zunächst mal sich selbst als Leser etwas genauer zu beobachten. Dabei kommt man wahrscheinlich auf viel spannendere Ergebnisse.

Die Bücher, die man schreibt, sind selbst ja schon persönlich genug, und soweit ich sehen kann, lenkt alles andere eher davon ab. Ist es erwähnenswert, dass ich Geschichten in verschiedenen Formen mag – etwa auch als Comics, Filme oder Opern? Dass ich Erzählen zuerst als eine Art Handwerk betrachte, aber dann, wenn es gelingt, als eine Art Geheimnis? Dass ich gerne Orangen esse?

Literaturschock: Schafe gelten generell als eher dumme Tiere, die nur grasen und blöken können. Warum also ausgerechnet ein Schafskrimi, wo die Tiere logischen „Schafs“Verstand beweisen müssen?

Leonie Swann: Schafe werden unterschätzt. Sie sind vielleicht keine Geistesgrößen, aber sie sind hartnäckig, praktisch und manchmal sogar ziemlich verwegen. Als klassische Beutetiere kennen sie die Krimi-Grundproblematik von Opfer und Täter, Jäger und Beute, Fressen und Gefressen-Werden sehr gut, und als Herdentiere arbeiten sie hervorragend im Team. Gute Gründe, es einmal mit Detektiv-Schafen zu versuchen!

Literaturschock: Glauben Sie, dass Schafe die besseren Ermittler – im Vergleich zu Katzen oder Hunden – sind?

Leonie Swann: Vielleicht nicht. Aber die besten Ermittler ergeben nicht unbedingt die besten Geschichten. Gerade weil Schafe keine kaltschnäuzigen, erfahrenen Detektive sind, gehen sie unkonventionell vor, und manchmal etwas chaotisch und halsbrecherisch. Das lässt Platz für komische Missverständnisse und Überraschungen. Als relativ harmlose Grasfresser müssen Schafe bei den Ermittlungen auch immer wieder ihre Ängste und Schwächen überwinden. Das macht sie, wie ich finde, zu interessanten und sympathischen Detektiven.

Literaturschock: Hatte wirklich Ihr Freund die Idee zur Lösung des Falles des ermordeten George?

Leonie Swann: Ja. Oder besser gesagt: Er hat herausgefunden, was wirklich auf der Weide passiert ist. Die Arbeit an „Glennkill“ war oft mehr ein Entdecken als ein Erfinden. Es ging nicht so sehr darum, einen Text in irgendeine Richtung vorwärts zu schreiben, sondern eher darum, durch den Text hindurch eine Geschichte zu erkennen, eine Geschichte mit einer eigenen Realität und eigenen Gesetzmäßigkeiten. Wenn das gelingt, hat man das wundervolle Gefühl, dass sich das Buch von selbst weiter schreibt. Wir haben zu zweit daran gearbeitet, dieser Geschichte und dem, was in ihr angelegt war, auf die Spur zu kommen.

So gesehen, hätte mein Freund auch vieles andere in „Glennkill“ als erster „ausgraben“ können (und das hat er auch – die Auflösung ist eher ein stellvertretendes Beispiel) – und die Schlusswendung hätte auch von mir sein können…

Literaturschock: Dieses Jahr waren Sie zum ersten Mal nicht als Besucherin, sondern als gefragte Autorin auf der Buchmesse. Glauben Sie, Sie gewöhnen sich schnell an die besondere Aufmerksamkeit, die man Ihnen nun schenkt? Wie fühlt man sich, wenn man sozusagen über Nacht berühmt wurde?

Leonie Swann: Nun ja, eigentlich stehen ja vor allem meine Schafe im Rampenlicht. Und die haben ja zum Glück schon etwas Bühnenerfahrung...

Einerseits ist es natürlich sehr schön, wenn das, was man tut, vielen Leuten etwas sagt – aber diese Aufmerksamkeit bringt auch eine Menge Verantwortung mit sich. Zeit ist kostbar. Wenn mir Leser etwas von ihrer Zeit schenken (etwa wenn sie zu meinen Lesungen kommen), verdienen Sie, dass ich ihnen wach und aufmerksam begegne. Das ist schön, kann aber auch anstrengend sein.

Literaturschock: Nun zu Ihrem Namen: Leonie Swann ist ein Pseudonym. Hat es eine Bedeutung (steht es vielleicht im Zusammenhang mit Marcel Proust)? Und warum überhaupt ein Pseudonym?

Leonie Swann: Das Pseudonym ist nur dazu da, meine öffentliche Rolle als Autorin von meiner privaten Person zu unterscheiden. Mit Proust hat es nichts zu tun.

Literaturschock: Sie machen in „Glennkill“ öfter literarische Anspielungen. Würden Sie sich selbst als sehr belesen bezeichnen und ist das der Grund für diese Anspielungen?

Leonie Swann: Bücher sind von Natur aus neugierig. Sie umkreisen und beschnuppern sich und flirten miteinander. Das ist – finde ich – ganz normal; dazu kann man ruhig stehen, damit kann man auch spielen. Die Anspielungen sind auch eine kleine Verneigung vor einer langen Tradition, ohne die mein Schafskrimi nicht möglich gewesen wäre. Warum sollte man diese „Klassiker“ ehrfürchtig totschweigen? Kleine Zitate können vielleicht dazu beitragen, sie lebendig und präsent zu erhalten. Ich habe schon immer gerne, viel und völlig querbeet gelesen. Aber ob mich das gleich belesen macht? Das kann ich selbst wohl nicht entscheiden.

Die Anspielungen in „Glennkill“ sind als Einladungen, als Türen gedacht. Wer will, macht sie auf und geht hindurch, und hat vielleicht einen Ausblick auf Zusammenhänge, die die Geschichte bereichern können. Wer daran vorbei geht, bekommt hoffentlich eine ebenso komplette, funktionierende Geschichte.

Literaturschock: Liest man als Autorin nun eher mit dem Korrekturstift im Hinterkopf? Denkt man „Das hätte ich aber besser machen können“?

Leonie Swann: Eigentlich nicht. „Glennkill“ ist so gut, wie ich zu dem gegebenen Zeitpunkt eben schreiben konnte, und damit bin ich durchaus nicht unzufrieden. Eine meiner großen Entdeckungen während der Arbeit am Schafskrimi war, dass ein Text nicht sofort perfekt sein muss. Wenn ich inzwischen etwas dazu gelernt habe, möchte ich das lieber an neuen Texten erproben.

Literaturschock: Was haben Sie sich für die Zukunft vorgenommen? Wird es weitere Schafskrimis geben?

Leonie Swann: Die Schafe werden sicher neue, andere Abenteuer erleben. Wir werden sehen. Außerdem arbeite ich noch an einem schafsfreien Projekt, das eher in Richtung Phantastik geht. Und weitere Experimente entstehen so nach und nach. Konkreteres zu sagen, scheint mir aber im Augenblick nicht unbedingt sinnvoll; es ist mir lieber, wenn diese Texte noch eine Weile vor sich hin wachsen können – das heißt, wild in alle Richtungen wuchern.

Literaturschock: Wer sind zur Zeit Ihre Lieblingsautoren und finden Sie momentan überhaupt noch Zeit, sie zu lesen? Was lesen Sie zur Zeit und haben Sie den ultimativen Buchtipp für uns?

Leonie Swann: Den ultimativen Buchtipp wohl nicht. Aber es gibt eine Menge ganz hervorragender Bücher dort draußen – so viele und so verschiedene, dass ich es meistens etwas schwierig finde, einige davon hervorzuheben. Höchstens Shakespeare, weil er so schön hinter seinen Figuren verschwinden kann, so tief und flach und lustig und verzaubernd ist. Zur Zeit habe ich ein Auge auf einen Kurzgeschichtenband geworfen, nämlich „The Knife Thrower“ von Steven Millhauser. Fängt gut an.

Literaturschock: Liebe Frau Swann, vielen Dank, dass Sie sich Zeit für dieses Interview genommen haben!

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