Maren Winter, 1961 in Lübeck geboren, absolvierte ihre Ausbildung zur Puppenspielerin am Marionettentheater Fritz Fey. Nach einem Engagement bei Gerhards Marionetten in Schwäbisch Hall und weiterbildenden Seminaren wagte Maren Winter den Schritt in die Selbstständigkeit. 1984 gründete sie mit Petra Wolfram das Mimikry Figurentheater.

Literaturschock: Sie sind hauptberuflich Puppenspielerin in einem Figurentheater. Erzählen Sie Ihren Leser(inne)n doch etwas über diesen - für viele sicherlich fremden - Beruf.

Maren Winter: Der Beruf bietet uns ein abwechslungsreiches Leben. Um neue Stücke zu entwickeln, sinnieren wir, diskutieren, träumen... Für viele Situationen gibt es Umsetzungen, die stärkere Assoziationen auslösen, als realistisches Nachspielen es könnte. Braucht man z.B. eine strenge Gouvernante, könnte man einfach die entsprechende Puppe bauen, mit Kostüm und Handtäschchen, vielleicht mit echten Puppenpumps. Vielleicht verkörpert aber ein Regenschirm die Rolle noch besser, wenn er auf seinem Pfennigabsatz einherstakst, dürr, starr, hochgeschlossen und doch so pieksig, dass man unwillkürlich Abstand hält, zumindest, wenn man ein Luftballon ist, der von fernen Ländern schwärmt ...

Anfangs tauchen diffuse innere Bilder auf, die mit der Geschichte allmählich konkretere Formen annehmen. Bühne und Figuren bauen wir nach unserer Vorstellung, die Musik macht mein Mann dazu und wir setzen Licht, Formen und Farben zur Unterstützung der Aussage ein. Bei den Proben beginnt dieser kleine Kosmos zum ersten mal zu leben.

Wie bei jedem Geschäft, kommen unzählige Bürostunden zusammen, bevor wir überhaupt spielen, das geht von Werbung bis zur Organisation. Fahrerei, Hotels, Restaurants, Aufbauen, Abbauen, Treppen, lange Flure ... bestimmen die Eindrücke auf Tournee. Mittendrin lernen wir Menschen näher kennen, mit einigen befreunden wir uns sogar. Doch während der Vorstellungen zählt all das nicht mehr, da zählt nur noch dieser eine Moment. Das Publikum bringt eigene Stimmungen und eigene Assoziationen mit, und in Sternstunden findet eine gegenseitige Kommunikation statt, von der Bühne zu den Zuschauern und genauso umgekehrt - dann erschaffen wir gemeinsam eine neue Welt.

Literaturschock: Neben dem Figurentheater und nun der Schriftstellerei sind Sie auch noch künstlerisch tätig und gestalten die Bühnenbilder und Figuren selbst. Was steckt denn noch an Vielseitigkeit hinter Maren Winter?

Maren Winter: Ich glaube mein Gestaltungswunsch ist insgesamt recht ausgeprägt. Da der Beruf schon vielseitig ist, brauche ich aber selten ein zusätzliches kreatives Hobby. Oder doch? Immerhin baue ich nun unsere Küchenmöbel selbst, die kann man dann sogar benutzen. Manchmal mag ich es auch, die Kontrolle über das Ergebnis abzugeben, z.B. beim buddeln im Garten. Nie trifft ein Beet meine Idealvorstellung, die Natur setzt einfach ihre dazu. Bei Spaziergängen mit dem Hund schalte ich vollends ab. Nein, da kommen mir nicht die besten Ideen, da werfe ich Stöckchen. Am wichtigsten ist mir aber der Austausch mit anderen Menschen.

Literaturschock: Was glauben Sie, ist das schwerste und das einfachste beim Schreiben?

Maren Winter: Irgendwo anzufangen, fällt mir zum Glück noch leicht. Je nach dem, wie sich der Text entwickelt, bleiben davon ohnehin nur einzelne Passagen übrig. Aber endgültig herauszuschälen, welche Geschichte unter den offensichtlichen liegt, welche ich eigentlich erzählen möchte, das finde ich wirklich schwer, besonders, weil ich damit zwangsläufig auf andere verzichten muss. Für mich ist fast unmöglich, abzuschätzen, was gut oder schlecht geraten ist. Mal fehlen mir die Worte, oder ich denke plötzlich bei jedem Satz an das Urteil irgendeines Bekannten, oft verliebe ich mich in fürchterlich gestelzte Passagen und halte gleichzeitig den gesamten Rest für holperig. An anderen Tagen fließt es einfach so heraus, sicher und stetig, wie Schnee, der tatsächlich liegen bleibt. Doch dann neigen einzelne Figuren dazu ihr Eigenleben zu fordern, kommen auf überraschende Ideen und torpedieren mein Konzept. Dürfen sie oder dürfen sie nicht? Lauter Entscheidungen, zu denen ich nicht immer reif bin.

Literaturschock: Der Hauptcharakter Ihres Buches, Puppenspieler Meginhard, wirkte auf mich oft selbstsüchtig und unsympathisch. Wollten Sie ihn absichtlich durch menschliche Schwächen realistischer wirken lassen, oder habe ich einfach einen falschen Eindruck gewonnen?

Maren Winter: Eiei, eine schwierige Frage, die nicht leicht zu beantworten ist. Die allzu glatten, guten und schönen Hauptfiguren sind mir persönlich zu langweilig, außerdem habe ich wenig Erfahrung mit solchen Menschen. Egoismus dagegen, Untiefen und ethisch Fragwürdiges begegnen mir weitaus öfter, auch in mir selbst.

Ich bin mir absolut nicht sicher, wie ich in Extremsituationen reagieren würde. Verriete ich meine Freunde? Verriete ich sie für Geld, für viel Geld? Wem würde ich von einem hohen Lottogewinn erzählen? Ist Verschweigen auch Verrat? Ich kann nur hoffen, dass ich in Extremsituationen meinem Wunschbild von mir noch ähnlich sähe. Meginhard ist mir ans Herz gewachsen, gerade weil er Schwächen geballt vereinigt, was nicht bedeutet, dass ich seine Handlungen für richtig halte. Aber ich rechne es ihm an, dass er mich nicht einfach so zur Tagesordnung übergehen ließ.

Man sagt im Allgemeinen, dass damals ein Menschenleben wenig galt, wie hätten sie sich sonst so cool die Schädel einschlagen können. Ich halte diese Ansicht für eine Art von Selbstberuhigung. Heute in Deutschland kommt man bei jeder längeren Fahrt auf der Autobahn an mindestens einem schweren Unfall vorbei, ohne sich allzu sehr darum zu scheren. Uns erreichen Nachrichten von Betrug, Hemmungslosigkeit, Gewalt, Leid und Tod aus der ganzen Welt, was uns nicht daran hindert, unsere Termine wahrzunehmen und abends den Rotwein zu genießen. Es sei denn, eine Katastrophe betrifft uns selbst oder unsere Lieben. Bedeutet uns ein fremdes Leben wirklich so viel? Ehrlich gesagt kann ich hierin keinen großen Unterschied zwischen gestern und heute finden, nur die Werte, nein, die Vorzeichen der Werte haben sich geändert.

Wenn jemand sich unverständlich verhält, sind es vielleicht auch die Vorzeichen, die ich nicht begreife. Manchmal ist es lohnenswert, den zweiten Blick dahinter zu wagen, und die Handlungsweise zwar nicht unbedingt zu bejahen, aber zumindest zu versuchen, sie nachzuvollziehen. Wenn man einen abwegigen Gedanken einmal zugelassen hat, wenn man ihn ein wenig kennt, fürchtet man sich weniger und wird souveräner...

Literaturschock: Beim Lesen ist mir außerdem sehr positiv aufgefallen, dass Sie den Protagonisten keine neuzeitliche Sprache in den Mund legen, sondern ihre Redensart eher mittelalterlich wirken lassen. Dafür und für viele weitere historische Fakten mussten Sie intensiv recherchieren. Wie geht man bei einer solchen Recherche als Schriftsteller(in) vor und wie lange braucht man dazu?

Maren Winter: Die Recherche lief während des Schreibens weiter, so dass ich nicht genau sagen kann, wie lange es gedauert hat. Anfangs stöberte ich in allgemeinen Büchern über die Zeit, dann las ich mich durch die Literaturangaben und landete schließlich bei Aufsätzen und Dissertationen. Das ist, wie Ostereier suchen.

Da in Finnland davon ausgegangen wird, dass niemand einen Bildungsnachteil durch den Wohnort haben darf, gibt es neben jeder Zwergschule eine öffentliche Bibliothek. Jede Bibliothek ist natürlich vernetzt und auch dieses Netz ist öffentlich - selbstverständlich gratis. Ich konnte also von Zuhause mitten im Wald über Fernleihe irgendwelche Seiten aus irgendwelchen Dissertationen anfordern. Während der Tourneen habe ich mir dann gezielt die Handlungsorte ansehen und mit einzelnen Fachleuten Kontakt aufnehmen können. Jetzt in Deutschland gestaltet sich die Recherche zäher. Die Lübecker Bibliothek verfügt zwar über einen großen Bestand, und auch dort ist Fernleihe absolut kein Fremdwort, aber die Abwicklung funktioniert über Karteikarten, die noch mit Schreibmaschine ausgefüllt werden müssen. Wenn Texte gefunden werden, kommt irgendwann per Post die Benachrichtigung, wenn Texte nicht gefunden werden, kommt erstmal nichts. Das bedeutet Warten und Rätseln, ob man wohl doch selbst nach Freiburg, Nürnberg oder sonst wohin fahren sollte.

Klar, die Möglichkeit an Informationen zu kommen gibt es hier auch, aber in dieser Beziehung hat mich Finnland wohl verdorben.

Literaturschock: 1996 bis 2000 lebten Sie mit Ihrem Mann auf Aland, einer finnischen Inselgruppe. Was hat Sie nach Finnland getrieben, was beeindruckte Sie an diesem Land und den Menschen dort?

Maren Winter: Wir hatten beide den Traum vom Häuschen am Meer mit eigenem Bootssteg. In Deutschland konnten wir uns das nicht leisten, die Küste ist wohl zu kurz, um preiswert zu sein. Das Naturerlebnis dort war tatsächlich ergreifend. Wenn man mitten im Wald am Meer wohnt, ist man als Mensch nur "auch einer". Uhus, Bisamratten, Elche, Rehe ... sie alle haben ältere Rechte, und die Bäume noch mehr. Ich höre jetzt noch, wie sich das Schilf an den gerade gefrierenden Wellen reibt.

Für Deutsche ist Schwedisch nicht schwer zu erlernen, und wir konnten uns relativ schnell unterhalten. Aber schlagfertig zu sein, die Raffinesse des besonderen Ausdrucks zu finden, oder komplizierteren Witzen zu folgen, blieb uns immer halb verschlossen. Komik baut oft auf gemeinsam Erlebtes, doch wir kannten weder die Kinderlieder, noch die Filmstars von früher. Eine interessante Erfahrung, sich einmal als Ausländer zu fühlen. Nicht, dass wir irgendwelche Nachteile zu spüren bekommen hätten, im Gegenteil, wir wurden sehr freundlich aufgenommen, und man verzieh uns, dass wir unbedarft in einige Fettnäpfchen trampelten. Meistens half uns ein nachsichtiger Einheimischer wieder heraus. Die Menschen kümmern sich umeinander, auf eine unaufdringliche Art. Einsame Winternächte gab es daher eigentlich nicht, stattdessen sanft verbindliche Kontakte und auch ein paar exessive Feiern.

Literaturschock: Die finnische Literatur konnte Sie nicht richtig unterhalten und "Das Erbe des Puppenspielers" entstand sozusagen aus der Not heraus, ein Buch in den Händen zu halten, das sie selbst gerne gelesen hätten. Bedeutet das, dass wir nun kein Buch von Maren Winter mehr erwarten können, da Sie ja wieder in Deutschland leben?

Maren Winter: Für mich selbst zu schreiben habe ich tatsächlich in dieser Situation kennen gelernt. Nun lässt es mich nicht mehr los, ich hab es in einen Umzugskarton gepackt und mitgenommen. Die nächste Idee macht sich schon seit einer ganzen Weile breit, sie trippelt dauernd auf dem Schreibtisch herum, und kleckert sogar zwischen die Entwürfe der Küchenmöbel ...

Das ist auch gut so, im Sommer 2005 soll sie voraussichtlich veröffentlicht werden.

Literaturschock: Warum haben Sie ausgerechnet ein Buch über Deutschland in der Zeit Karls des Großen geschrieben? Was faszinierte Sie so an der mittelalterlichen Epoche?

Maren Winter: So eine wildgebliebene Landschaft hat es in sich, die wirft einen durchaus um Jahrhunderte zurück, in diesem Fall in eine Zeit, in der man sich noch gegen die Natur wehren musste, um zu überleben.

Die Geschichte entwickelte sich anfangs ohne festes Ziel. Als ich bei der Recherche auf den Eid Karls des Großen stieß, fügte sich auf einmal eine Menge zusammen. Mich reizte die immense Bedeutung des gesprochenen Wortes, und der Konflikt, der entstehen muss, wenn jemand zu so einem Eid gezwungen werden soll. Ein Gaukler, der lernt zu lügen und zu betrügen, aber sich, wie fast jeder Mensch, nicht zu den Schlechten zählen mag, verschärft diesen Konflikt ins Extreme.

Literaturschock: Das Debüt gleich bei einem großen Verlag wie Heyne veröffentlichen zu können: War es Glück oder Können? Welchen Rat würden Sie anderen deutschen Schriftsteller(inne)n für die Buchveröffentlichung geben?

Maren Winter: Sicher war bei mir ganz viel Glück im Spiel, dass der richtige Stapel zum richtigen Zeitpunkt ins richtige Büro gelegt wurde, und dass dann noch die richtige Lektorin in den richtigen Verlag wechselte. Zwei von zehn angeschriebenen Verlagen waren interessiert, geworden ist es dann ein Dritter.

Im Moment muss auch die Buchbranche die Gürtel enger schnallen, und ausländische Lizenzen sind teuer. Ich könnte mir vorstellen, dass die Chancen für Debütanten gerade jetzt nicht schlecht stehen. Wenn das Glück nicht ganz so zuverlässig ist, können Agenten wahrscheinlich einiges anschubsen.

Mit dem Prozess des Schreibens hat das meiner Meinung nach wenig zu tun. Der Prozess kann ganz ohne Veröffentlichung stattfinden und trotzdem sehr befriedigen. Diese Lust möchte ich mir auch bei der neuen Geschichte erhalten. Falls später andere mitlesen mögen, um so besser, Bedingung ist das für mich nicht.

Öffentlich werden kann man schließlich auf verschiedene Weise.

Literaturschock: Wer sind Ihre Lieblingsschriftsteller und finden Sie überhaupt noch Zeit sie zu lesen? Was lesen Sie gerade?

Maren Winter: Dauerlieblingsschriftsteller ist Shakespeare, Robin Maugham beeindruckt mich, ich mag Dostojewski und Gontscharow, einiges von Süskind, Eco, Waltari, in anderen Stimmungen Tom Robbins, Terry Pratchett und Ray Bradbury, manchmal auch Stanislaw Lem...

Im Moment wühle ich mich aber lieber durch sachbezogene dicke Wälzer wie Peter Ritzmann "Plackerey in teutschen Landen" oder Renate Smollich "Der Bisamapfel in Kunst und Wissenschaft" und gönne mir nur zwischendurch Romane, die um 1500 spielen. Aber das gehört schon zur Recherche. Zeit ist unendlich vorhanden, auch zum Lesen, wenn man will, eine Frage der Prioritäten.

Literaturschock: Vielen Dank, Frau Winter, dass Sie sich die Zeit für das Interview genommen haben!

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