Marsili CronbergWann hat es bei Dir "Klick" gemacht?

Darauf muss ich 2 grundverschiedene Antworten geben. Wie manch einer inzwischen weiß, führe ich eine Art Doppelleben. Da ich ursprünglich aus dem Jahr 2200 komme, musste es nicht klick machen, denn in meiner Zeit gehört die Tierproduktion und natürlich auch das Essen von Tieren längst der Vergangenheit an. Niemand würde auf den Gedanken kommen, ein Stück von einem Tier zu essen. Und beim Gedanken, dass Menschen früher animalische Absonderungen wie Milch getrunken haben, dreht sich uns eher der Magen um. Es ist ungefähr so, wie sich die Menschen in eurer Zeit vor dem Essen von Insekten ekeln.

Aber natürlich darf ich nur so tun, als ob ich aus der Zukunft komme. Deshalb habe ich mir eine zweite Identität zugelegt, die aus dieser Zeit stammt. Dieser Marsili war 13 Jahre lang Vegetarier und dachte, das würde reichen, um die Welt zu retten. Und dann stieß er in Facebook auf die vegane Bewegung, hörte sich Jonathan Safran Foer und Karen Duve als Hörbuch an und sah Earthlings. Dann kam mein Beitrag „Veganer sind auch nur Menschen“ im Kölner Stadtanzeiger und das war dann auch der Tag, an dem ich endgültig zum Veganer wurde. Also offiziell.

Was ist Dir besonders wichtig am Veganismus?

Das Wichtigste ist, dass möglichst viele Menschen Zugang zum Veganismus haben. Das bringt denn auch eine große Verantwortung derer mit sich, die sich bereits vegan ernähren: „Lasst den Veganismus menschlich sein, haltet die Türen offen.“ Ich habe erst neulich wieder üble Hetze gegen Vegetarier gelesen, so was halte ich für sehr unvernünftig. Ich lese immer wieder, dass vegan zu radikal ist. Nein, das ist es nicht, ganz im Gegenteil. Es hat nur diesen seltsamen Ruf. Und der kommt nicht von irgendwo her. Wir müssen immer daran denken: auch die allermeisten Veganer haben einmal Fleisch und Käse gegessen. Ein Veganer ist kein besserer Mensch. Er ist nur informierter und hat bereits die entsprechenden Konsequenzen gezogen. Ich betrachte Omnivoren oder Vegetarier deshalb als Menschen, die dieses Umdenken noch vor sich haben. Wir müssen ihnen dabei helfen. Und wir tun dies, indem der Veganismus für die Menschen einladend wird und sie wissen: mir zieht keiner eine Keule über den Kopf, wenn ich doch noch mal ein Stück Käse esse. Oder Honig. Jeder sollte wissen, welch Freude es ist, sich vegan zu ernähren.

Wie hat Dein Umfeld (Familie, Freunde, Kollegen) darauf reagiert, als Du zum Veganer wurdest?

Ich antworte mal als der Marsili, der aus dieser Zeit stammt: Ich war damals noch mit meiner Frau zusammen und die war zunächst gar nicht davon angetan, weil sie gerade erst zum Vegetarier geworden war. Also kaufte sie sich Bücher, um Gegenargumente zu sammeln. Ich weiß noch, wie wir am Frühstückstisch saßen und sie in „Milch besser nicht“ von Maria Rollinger las. Sie hatte sich dazu einen Milchkaffee gemacht. Auf einmal stand sie auf und kippte ihn wortlos weg. Sie war schlagartig vegan…

Und Freunde und Kollegen? Da ich mich damals sehr mit dem Thema befasst habe, hatte ich bereits viele Argumente parat. Gespräche fielen mir deshalb leicht und ich konnte so manchen dazu bringen, sich selbst einmal mit der Thematik zu befassen.

Was bedeutet Dir Veganismus bzw. was verbindest Du damit?

Eigentlich mag ich –ismus-Worte überhaupt nicht. Ich mag diese Kategorisierungen nicht. Und ich tue mich wirklich schwer damit, mich als Veganer zu bezeichnen. Ich bin ein Mensch. Einer, der denkt und fühlt und Konsequenzen zieht aus dem was er wahrnimmt. Und ich ziehe nicht nur hinsichtlich meines Essverhaltens Konsequenzen. Ich wäre froh, wenn es dieses Wort Veganismus nicht mehr gäbe sondern die Menschen statt sich in Definitionen zu verlieren, aufwachen würden und sehen und fühlen, wie sehr sie vom Leben und der Natur geliebt werden. Wie sonst könnte die Natur solche Opfer für ihre Kinder bringen, wenn nicht durch Liebe. Wie sonst könnte sie uns hervorgebracht haben. Und ich wünschte, die Menschen könnten spüren, welche Schmerzen sie der Natur zufügen, indem sie unbewusst leben und so etwas tun wie Tiere zu missbrauchen und Landschaften und Ökosysteme aus dem Gleichgewicht zu bringen. Vegan aber Sexy

Wir sind falsch abgebogen, das Streben nach Profit hat den Menschen entfernt von seiner ursprünglichen Heimat. Und viele Menschen begreifen das erst, wenn sie auf dem Sterbebett liegen und sehen: es hat mir im Grunde nichts gebracht, dieses Geld. Außer ein ganzes Leben, in dem ich viel zu viel Zeit damit verbracht habe, es anzuhäufen. Und dabei habe ich vergessen, das Menschsein anzunehmen, das Geschenk des Menschseins, dieses unermesslich wertvolle Geschenk. Wenn wir dies eher begreifen würden, wenn wir dies schon unseren Kindern beibringen würden, ich glaube, dann sähe unsere Welt ganz anders aus.

Veganismus mag eine Richtung vorgeben. Er mag seinen Zweck in dieser Zeit erfüllen. Aber man darf nicht den Fehler machen, sich in ihm zu verlieren und die andren Dinge nicht mehr wahrzunehmen. Energie ist zum Beispiel ein ganz großes Problem. Die sogenannte graue Energie, die hinter den Dingen steckt, die auch Veganer zuhauf konsumieren. Mit jedem Quant Energie bedienen wir uns der Natur. Die Herstellung einer Getränkedose kostet 2000 Watt Energie. Das muss man sich mal überlegen. Und für die Herstellung eines Autos braucht man so viel Strom, wie eine Familie in 20 Jahren verbraucht. Es gibt noch so viel zu lernen, wir dürfen nicht Halt machen an den Grenzen, die der Veganismus definiert. Eine nachhaltige Lebensweise, die alle Bereiche erfasst ist in meinen Augen wichtiger als die Konsequenz beim Tiere essen. Die kommt sowieso, weil man irgendwann gar nichts mehr will von diesem Zeug.

Gibt es Momente, in denen es Dir schwer fällt, vegan zu leben?

Nein. Keinen einzigen. Wenn man einmal die Schwelle überschritten hat, dann merkt man schnell, dass es keinen „Verzicht“ bedeutet, nichts mehr vom Tier zu essen, sondern einen Gewinn., Doch das versteht man erst nach 2, 3 Wochen und wenn man die Freude am Essen und Kochen entdeckt, die so typisch ist für Veganer. Ich sehe hier in Facebook jeden Tag viele, die posten, was sie sich zu essen gemacht haben und man spürt ihre Freude daran. Der Mensch kann sich sehr schnell umgewöhnen. Man traut sich dies selbst kaum zu, doch wenn man erst einmal durchgestartet ist, dann merkt man: hey, es war ganz einfach.

Jedenfalls ist jegliches Verlangen nach Käse, Quark, Kefir, Eiern oder Milch innerhalb von Wochen komplett weggewesen. Das nach Fleisch sowieso. Es ist abstrakt geworden für mich, komplett aus meinem Bewusstsein verschwunden.

Gehört für dich zum Veganismus auch eine nachhaltige Lebensweise?

Was ist nachhaltig überhaupt? Ich glaube, wir stehen da vor einem notwendigen radikalen Umdenken. Der Mensch lebt derzeit noch von den fossilen Ressourcen und den Ressourcen, die er der Natur abringt. Es ist in meinen Augen nicht nachhaltig, die Quellen der Energie zu wechseln. Für jedes Produkt, das wir neu kaufen, wird Energie benötigt. Die Natur zahlt. Öl, Kohle, Holz, sogar Tierfett wird für die Stromgewinnung eingesetzt. Deshalb ist Nachhaltigkeit für mich ganz eng mit einer veganen Lebensweise verbunden. Ich halte nicht viel von einem Veganer, der weiter fleißig durch die Gegend fliegt und sich jedes Jahr ein neues Auto zulegt. Und warum müssen so viele Dinge neu sein? Das radikale Umdenken das ich meine, ist die Abkehr vom Konsum neuer Waren und von Waren, deren Lebenszeit vom Hersteller mit Absicht begrenzt ist.

Welche Themen liegen Dir sonst noch am Herzen?

Bäume. Ich verstehe nicht, warum ein Veganer radikal das Honigessen ablehnt, aber ohne Bedenken Papier und Holz konsumiert, das nicht recycelt ist. Dabei sterben tausende Insekten. Ist das nicht eine Art Speziesismus, die Bienen zu schützen, während einem andere Insekten völlig egal sind? Ich versuche jedenfalls, nur noch gebrauchte Möbel zu kaufen und Recyclingpapier zu verwenden. Und wenn ein Veganer Honig isst, dann darf er das in meiner Gegenwart auch weiterhin gern tun. Ich finde es schrecklich, wenn Menschen, die sonst absolut konsequent vegan leben, für ihren Honigkonsum angegriffen werden.

Ich kenne sehr viele Veganer, die leidenschaftliche Hobbyköche sind. Kochst Du auch gerne?

Oh ich liebe das Kochen. Gleich bekomme ich wieder Besuch und dann kochen wir zusammen. Ich liebe es, Dinge auszuprobieren und dabei auch dem Zufall nachzugehen. Neulich habe ich an Radicchio aus Versehen Haselnussöl gegeben. Das war ein total irrer Geschmack! Ich liebe auch, mit Kartoffelpüree zu experimentieren. Mit Lauch und Sellerie und den verschiedensten Gewürzen und Ölen. Das kann eine Offenbarung sein.
Und für meine Kolumne in „Kochen ohne Knochen“ muss ich mir ja auch immer neue Rezepte ausdenken. Das ist immer sehr lustig. Bald mach ich mich an ein Kochbuch. „Nicht noch ein veganes Kochbuch!“ werden jetzt viele sagen. Keine Angst, im Grunde will ich über das Kochen und Entdecken schreiben. Und über die Essweise der Zukunft.

Wie ich verlernte, Tiere zu essenUnd was treibst Du sonst noch so? Hast Du irgendwelche Hobbies? Was sind Deine Leidenschaften?

Ich habe jetzt wirklich lange über diese Frage nachgedacht. Eigentlich füllt mich das Schreiben so aus, dass ich derzeit keinen anderen Interessen nachgehe. Allerdings umfasst das auch ein breites Spektrum. Ich arbeite derzeit an mehreren Büchern, an einer CD, die ich mit einem Musiker aufnehme, nächstes Jahr werde ich einen abendfüllenden Film machen mit einem Filmteam. Das alles füllt mich mit so viel Freude, dass ich keine Ablenkung brauche.

Doch, ein Hobby habe ich noch: ich sammle Briefmarken. Vor allem die aus dem 22. Jahrhundert haben es mir angetan, es gab damals wunderschöne Holomarken, die mit kleinen Fenstern einen Blick in die Vergangenheit gestatteten. Wenn man sich die vor die Augen gehalten hat, konnte man zum Beispiel Livebilder aus dem Regenwald sehen. Der Sender der Bilder wurde per Zeittechnologie im Jahr 2008 aufgestellt. Man sah also Natur, die in unserer Zeit so nicht mehr vorhanden war. Die Regenwälder existieren in meiner Zeit leider nicht mehr. Oder man konnte mit Thunfischschwärmen schwimmen. Das muss irre gewesen sein. Leider funktionieren die Marken nicht mehr, denen ist wohl der Saft ausgegangen. Deshalb kleben sie einfach nur in meinem Album.

Du bist oft in ganz Deutschland unterwegs, hältst Reden auf Demos und liest aus Deinen Büchern. Hast Du dabei schöne Erfahrungen gemacht?

Was für eine Frage. Wenn ich da vorn stehe und Menschen hören mir zu und geben mir Beifall oder schlafen selbst nach 3 Stunden noch nicht ein und sind hellwach und wie entrückt, wenn ich in ihre Gesichter sehe … das ist ein unglaublich schönes Gefühl. Ich liebe es, meine Zuhörer in andere Welten zu entführen, sie die Zeit vergessen zu lassen. Und es ist für mich überwältigend, dass es mir wirklich gelingt. Das gibt mir selbst sehr viel Energie. Meine emotionalste Lesung hatte ich in Stuttgart beim Veggie-Street-Day. Ich bekomme schon gleich wieder Gänsehaut, wenn ich daran denke. Es war vor allem deshalb so ergreifend für mich, weil diese Resonanz etwas ganz neues war für mich. Wenn man eine Hand voll Zuhörer erwartet, die einfach nur da sitzen und dann sitzen auf einmal so viele um einen herum, gehen mit meinen Texten mit, lachen, klatschen, sind bewegt, das ist unglaublich.

Und ich erlebe das immer wieder. Letztens war ich in Erlangen im Lesecafé. Das war voll. Und selbst nach fast 3 Stunden waren die meisten noch da. Direkt vor mir saß ein älteres Ehepaar. Ich dachte schon: naja, mal sehn. Aber stellte sich heraus, die hatten mein Buch gelesen und waren richtig offen für das Thema. Die haben auch ganz bis zum Schluss durchgehalten.

In Deinem Buch schreibst Du auch von einer geheimnisvollen Frau mit dem Namen Sirén. Wer steckt dahinter?

Sirén ist die Hauptfigur aus meinem Roman „Die Legende von Sirr und Sirén“ Ich bezeichne ihn gern als Mythikepos. Im Jahr 2007 habe ich es geschrieben und seitdem begleitet er mich und weist mir selbst den Weg. Die Legende handelt in einer fernen, sehr weiten Zukunft, 2000 Jahre nach der fast völligen Auslöschung der Menschheit. Es ist also noch einmal etwas ganz anderes als meine Herkunft aus dem Jahr 2200. In dieser Zeit bewahrheitet sich eine alte Prophezeiung, nachdem eine geheimnisvolle Frau erscheint, die von den einen die Zürnende genannt wird, von anderen die Quelle. Sie wird den Menschensohn ins Leben erwecken und sich mit ihm auf eine abenteuerliche Reise begeben. Sirén ist dabei die Verkörperung der Natur, während in Sirr die Milliarden Seelen gefangen sind, die in Zero un, dem Zeitpunkt der Auslöschung, gestorben sind. Er verkörpert also die Menschen unserer Zeit.

Das Epos ist sehr philosophisch, voller Metaphern, Mythen und Parabeln. Und viele habe ich selbst erst viel später verstanden. Es sind wirklich einige seltsame Dinge geschehen, seit ich die Legende geschrieben habe. Ohne sie wäre ich nicht zum Autor geworden, ohne sie gäbe es „Wie ich verlernte, Tiere zu essen“ nicht, noch all die anderen Dinge, die ich geschrieben habe. Irgendwann wird auch sie erscheinen, doch ich werde mich diesem Ereignis nur langsam annähern. Vorher sollen erst all die Bücher herauskommen, die aus der Legende hervorgegangen sind. Und danach? Werde ich vielleicht wieder zurückgehen in meine Zeit, weil mein Auftrag dann erfüllt ist. Aber das steht alles noch in der Sternen.

Was sind Deine aktuellen Buchprojekte? Woran arbeitest Du gerade?

Ich habe eine ganze Reihe an Projekten. Zum einen ist da die Fortsetzung von "Wie ich verlernte, Tiere zu essen", an der ich aber noch feile und für die ich auch noch einen passenden Verlag suche. Aber gerade vor ein paar Tagen habe ich mit einem weiteren Projekt begonnen. Da geht es nicht mehr um Veganismus, sondern eher um Hintergründe, um unser Verhältnis zur Welt, zum Leben und zur Existenz. Und zu uns selbst. Eine CD ist im Entstehen, ein Konzeptalbum, das ich mit einem Musiker einspiele, aber das wird erst im nächsten Jahr werden. Mit ihm mache ich dann auch die CD zur Legende von Sirr und Sirén, da gibt es ja schon einige Lieder wie "sweetheart", das man sich auf meiner Internetseite anhören kann. Und dann wartet da noch ein Schulprojekt, das ich zusammen mit anderen machen werde und das Informationen in Form eines kleinen Events an die Schulen bringen soll. Aber das ist immer noch nicht alles. Gleich zwei Kinderbücher warten noch darauf, das Licht der Welt zu erblicken und dann noch ein ganz irrer Roman, von dem ich aber noch nicht so viel verraten kann. Dann werde ich nun nach und nach Texte einlesen und zum abhören auf meiner Seite www.artforfuture.de bereit stellen. Erst gestern ist der erste fertig geworden. Ach, mir fällt immer mehr ein, im Moment wirbelt eine ganze Menge in meinem Kopf herum. So schnell werd ich nicht leise werden.

Vielen Dank, lieber Marsili, dass Du Dir die Zeit für uns genommen hast!

Das Interview wurde geführt von Susanne Kasper.

© Autorenfoto: mit freundlicher Genehmigung von Marsili Cronberg


Weiterführende Links:

Offizielle Webseite (Die Legende von Sirr und Sirén)

Art For Future

Nachrichten aus der Zukunft (Marsilis Gedankenexperiment: Der Mann, der aus der Zukunft kam)

Artshop Judith Turba (Artikel von Judith Turba & Marsili Cronberg und Gemeinschaftsprojekt: Vegan aber sexy)

Marsili Cronberg auf Facebook

Rezension: Wie ich verlernte, Tiere zu essen (auf Literaturschock.de)

Rezension: Vegan aber sexy (auf Literaturschock.de)

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