Michael Marrak wurde im Jahr 1965 geboren. Er lebt und arbeitet als Autor und Grafiker in Hildesheim bei Hannover. Seine Erzählungen umfassen ein breites Spektrum aus Science-Fiction, Horror, Fantasy, Groteske und phantastischen Theaterstücken. Marrak schreibt seit 1980.

Literaturschock: Du wurdest als Fahrradfahrer von einem Citroen über den Haufen gefahren und hast anschließend diesen realen Unfall niedergeschrieben. Das Ergebnis "Charterflug zur Hölle" bezeichnest Du als literarischen Unfall. Ist die Geschichte wirklich so schlecht?

Michael Marrak: Noch viel schlechter … ;-) Aber wäre diese Story tatsächlich die literarische Niederschrift des Unfalls, hätte ich damals keine Bekanntschaft mit einem Citroén gemacht, sondern mit einer Gorgone – und läge seit zwanzig Jahren versteinert auf dem Meeresgrund. Nun ja, zugegeben, manchmal fühle ich mich tatsächlich so. Irgendwie hast Du da in meiner Biografie etwas missverstanden. Die Geschichte hat jedenfalls nichts mit dem Unfall zu tun, sondern ist einfach nur eine schlechte Story. Der Citroén-Crash hingegen war der erleuchtende Klaps mit der Motorhaube.

Literaturschock: Als ich neulich auf der Buchmesse war, erzählte die Schriftstellerin Karen Duve, dass sie selbst keinen wirklichen Spass am Schreiben hätte (eine Ansicht, die mich sehr überraschte). Ist das Schreiben für Dich ebenfalls nur Arbeit?

Michael Marrak: Definitiv nein. Wäre es für mich nur Arbeit, wüsste ich drei Dutzend Berufe, mit denen ich wesentlich einfacher und schneller Geld verdienen könnte, als monate- oder jahrelang an einem Buch zu sitzen. Weshalb schreibt Frau Duve überhaupt, wenn’s ihr keinen Spaß macht? Ist sie Lohnautorin? Falls sie freie oder selbstständige Schriftstellerin ist und keinen Spaß hat, sollte sie vielleicht den Beruf wechseln. Ohne Spaß ist man vielleicht mit Verstand, aber nicht mit dem Herzen bei der Sache und produziert nur halbgares Zeug.

Ich glaube, ein Hauptgrund für diese Generation spaßloser AutorInnen ist nach wie vor der Mythos Schriftsteller. Er verlockt die Menschen zum Schreiben, obwohl sie gar keine Lust dazu haben – oder kein Talent, aber das ist eine andere Geschichte. Viele, die (sukzessive oder aus heiterem Himmel heraus) mit dem Schreiben anfangen, sehen zuerst nur das, was sein könnte, sobald sie ein Buch veröffentlicht haben: die Publicity. Eine Chance, aus der grauen Masse herauswachsen, etwas Besonderes zu sein, einen Namen zu haben, in die Medien zu gelangen, sich in jedem Bahnhofsbuchhandel selbst zu begegnen, in die Spiegel-Bestsellerliste zu rutschen, etc. Der Weg bis zu dieser vermeintlichen Erfüllung ist für viele eine Qual, denn das Werk muss ja erst mal geschrieben werden. Ist es irgendwann vollbracht und kein Verlag interessiert sich dafür, kommt die zweite tiefe Depression. Das ist die Stufe, bei der viele der Mut verlässt. Nehmen wir aber mal den Idealfall an: Durch eine Verkettung wirklich sehr sehr glücklicher Umstände und Beziehungen erscheint das Werk tatsächlich als Buch, ohne dass der Autor dafür bezahlen musste, sondern ein Verlag den Text gekauft hat. Folgt jetzt tatsächlich die Publicity, geht einem im Genuss des vermeintlichen Starrummels sehr schnell die kreative Luft aus. Dümmstenfalls beginnt alles wieder von vorne …

Als ich vor einigen Jahren noch Co-Herausgeber des „Agnostischen Saals“ war, erhielt ich einmal spätabends einen Anruf von einem frisch erleuchteten „Schriftsteller“. Nennen wir ihn W.

W. erzählte mir, dass er vor einigen Monaten nachts aus dem Schlaf geschreckt sei und ihn wie ein Blitz der Gedanke durchfuhr: Holla, du wirst jetzt Schriftsteller! Wenige Wochen später hätte er sogar schon eine Lesung vor Publikum gegeben, in einem Kneipenkeller, doch es wären nur vier Zuhörer da gewesen. W. könne sich nicht erklären, warum es nur vier waren, denn schließlich stand in der Vorankündigung für seine Lesung ja sein Name, und seine Geschichten seien wirklich großartig. Er sagte mir, er möchte jetzt unbedingt veröffentlicht werden, denn er wolle doch einfach nur endlich ein berühmter Autor sein, und so weiter. W. hatte sich am Telefon dermaßen in seine Wunschvorstellung reingesteigert, dass er beinahe anfing zu heulen. Ich hatte wirklich Probleme, das Gespräch zu beenden.

Zwei Tage später fand ich einen drei Zentimeter dicken A4-Umschlag im Briefkasten. Er stammte von W. und enthielt zahllose Erzählungen zur Veröffentlichung und einen auf Löschpapier getippten Brief, in dem W. auf unser Gespräch vor zwei Tagen hinwies. Die Erzählungen bestanden aus zusammenhanglosen Träumen, in denen ein verklärter Ich-Erzähler umhergeisterte – wohl das Alter Ego des Autors. Unentwegt traf er Geister längst verstorbener Autoren (vorzugsweise E. A. Poe), die ihn pausenlos über die Leiden des Lebens und der Welt hinwegtrösteten und ihm zuraunten, was für Genies Schriftsteller in Wirklichkeit seien und wie ungerecht sie von ihren Mitmenschen behandelt werden. Keine klaren Handlungen, keine Plots, nur Gejammer.

Der langen Rede kurzer Sinn, und an alle Karen Duves dieser Welt: Wenn euch das Schreiben keinen Spaß macht, dann lasst es bleiben! Das einzige, was euch zwingt, es nicht zu tun, ist euer Ego. Ist es stärker als der Frust, dann hört auf zu jammern!

Literaturschock: Der Gedanke, einen vierdimensionalen Raum (wobei die vierte Dimension die Zeit ist), mit einer unbegrenzten Anzahl dreidimensionaler Räume füllen zu können wurde von Dir in "Lord Gamma" so logisch wie faszinierend ausgeführt. Doch aus einer so unglaublichen Geschichte etwas zu machen, worüber die Leser dann sagen "Hey, ja, das klingt alles echt logisch" ist nicht so einfach. Wie kamst Du also auf diese Idee? Wie hast Du Dich auf diese und andere Gedanken des Buches "Lord Gamma" vorbereitet?

Michael Marrak: Das Grundprinzip ist an einem unkomplizierteren Beispiel recht einfach nachzuvollziehen, und die Idee ist ebenso banal entstanden: Stell Dir einen Pappkarton vor, wie er für Kopierpapier verwendet wird. Da passen in der Regel 1000 Blatt rein. Angenommen, die Blätter, die Du hineinstapeln willst, sind in diesem Fall zweidimensional, besitzen also Länge und Breite, aber keine Höhe (oder „Stärke“, je nachdem). Du könntest ewig zweidimensionales Papier in diesen dreidimensionalen Karton stapeln, doch er würde niemals voll werden.

Manche Leser waren vom Ende des Buches enttäuscht, weil sie glaubten: Alles nur eine Computersimulation. Das ist ein Trugschluss. Die Welten, die der Protagonist durchreist, sind keine Simulation. Das Sublime (bzw. der String-Raum, in dem „Lord Gamma“ spielt), beinhaltet unzählige reale Welten, die jedoch den Gesetzen ihrer Multidimensionalität unterworfen sind. Ihr letztendlicher Kollaps hat nichts damit zu tun, dass irgendwo ein riesiger Computer den Geist aufgibt. Stell Dir vor, unserem dreidimensionalen Universum (oder unserem Planeten) würde eine Dimension genommen werden. Zweidimensionale Atome oder Moleküle können nicht existieren.

Die Arbeit an „Lord Gamma“ war kein schlichtes Ausformulieren eines präzise abgesteckten Gedanken-Parcours, zumal der Roman ursprünglich nur als titelgebende Kurzgeschichte einer Story-Collection geplant war. Viele seiner Ideen waren anfangs nur grob umrissen und weit entfernt. Sie blühten erst mit fortschreitender Entwicklung der Geschichte auf.

Ich möchte einen Roman, während ich ihn schreibe, erleben, mich von der Handlung mitreißen lassen. Aus diesem Grund lasse meine Exposés offen für Unverhofftes und Unvorhergesehenes und überrasche ich mich beim Schreiben gerne selbst. Aus dem Unterbewusstsein sprudeln dabei Dinge hervor, auf die ich durch einfaches Grübeln und Brainstorming niemals gekommen wäre – wie etwa die Naos-Kapitel.

Literaturschock: Ich konnte einen leichten Unterschied zwischen Anfang und Fortgang in "Lord Gamma" entdecken. Anfangs waren die Gedanken, die Du zum Beispiel dem Erwachenden in den Kopf gelegt hast NOCH verrückter. Ich denke da an das nicht entstehende Geräusch beim Engel zerkauen und ähnliches. Herrlich! Doch später hast Du Dich eher auf den eigentlichen Fortgang der Geschichte konzentriert. War das von vornherein geplant oder sind Dir da nur die frechen Sprüche ausgegangen? ;-) (Nicht, dass der Roman an sich nicht schon abgefahren genug wäre)

Michael Marrak: In den ersten Naos-Kapiteln, auf die Du Dich beziehst, erwacht der Protagonist, Stan Ternasky, in einer völlig unwirklichen Umgebung aus dem Koma. In dieser Ausnahmesituation herrscht in ihm Konfusion und ein emotionales Chaos, das literarisch sehr viele aberwitzige Gedankengänge erlaubt.

Allerdings konnte ich Stan nicht über 500 Seiten hinweg in völliger post-traumatischer Verwirrung durch einen Flugzeugrumpf torkeln lassen. William S. Burroughs hätte das vielleicht getan, aber dessen Konsum an halluzinogenen Drogen stellt meine bescheidenen Versuche auch locker in den Schatten :-). Irgendwann war’s eben gut, und Stan war wach und bei Sinnen. Den Zynismus und seine sarkastischen Bemerkungen und Gedanken behält er jedoch bis zum Ende des Buches bei.

Aber um Deine Frage zu beantworten: Nein, der Naos-Handlungsstrang (und auch der Isadom-Strang) waren nicht geplant. Beide habe ich erst später eingefügt, als ich das Gefühl bekam, der Roman werde zu straight.

Literaturschock: Quo Vadis Michael Marrak - In Zukunft eher Phantastik, oder auch wieder Science Fiction à la "Lord Gamma"?

Michael Marrak: Ich könnte nun sagen: sowohl als auch, oder: weder noch. Festlegen möchte mich da nicht, geschweige denn eine Zukunftsprognose abgeben. Die meisten kennen mich erst seit „Lord Gamma“ und halten mich für einen SF-Schriftsteller. Dieser erste Eindruck prägt. Wer meine früheren Bücher kennt, weiß jedoch, dass „Lord Gamma“ eher die Ausnahme bildet und ich mehr in der Phantastik beheimatet bin.

In erster Linie möchte ich es vermeiden, mich selbst zu kopieren. Viele Leser wünschen sich eine Fortsetzung von „Lord Gamma“ und inzwischen auch von „Imagon“ – oder zumindest etwas in dieser Richtung. Das wird es aber für absehbare Zeit nicht geben. Der Reiz, ein Buch fortzusetzen, das sehr viel Spaß gemacht hat, oder ein recht ähnliches zu schreiben, ist verdammt groß, doch dieses Konzept ist nicht immer von Erfolg gekrönt.

Nehmen wir zum Beispiel die Romane von Michael Marshall Smith. Jeder von ihnen ist mehr oder weniger ein futuristischer Krimi, und ebenso eine zwar stilistisch perfektere und für sich gesehen sehr gute, doch leider auch immer lauere Kopie seines Debütromans Only forward. Man findet in jedem Buch den coolen, abgefuckten, drogensüchtigen Helden, der einen unsäglich schweren Schicksalsschlag und ein früheres, völlig anderes Leben hinter sich hat. Man findet die düstere, noch abgefucktere Bar, die möglichst noch im abgefucktesten Viertel der Stadt liegt, und den befreundeten zwielichtigsten Barbesitzer, von dem der Held Informationen, Unterschlupf, Waffen, Drogen und Alkohol erhält. Es gibt in jedem Roman zudem irgendeine neue Superdroge, die eine tragende Rolle spielt, eine zufällige Frauenbekanntschaft, aus der schließlich mehr wird, plappernde KIs (Fahrstühle, Kühltruhen, Häuserwände, Wecker, etc), mit denen sich der Held unentwegt streitet, und weiß der Teufel was nicht alles. Das klappt einmal, vielleicht auch zweimal, aber dann wird die Masche langweilig, egal wie toll die Ideen, wie abgefuckt der Held, wie cool seine Sprüche und wie groß seine Waffen sind.

Stephen King schrieb einmal etwas in der Art von: „Irgendwann hat man jede Ecke seines Zimmers literarisch ausgelotet und entdeckt nichts Neues mehr. Dann ist es Zeit, mit dem Schreiben aufzuhören.“

Aber was zwingt mich denn, mich literarisch in nur einem Zimmer aufzuhalten? Das Schubladendenken der Leser? Der Verlagswunsch, thematisch greifbar zu bleiben, um den Bücherverkauf zu garantieren? Die Bequemlichkeit? Nein, sorry! Ich möchte mich nicht auf wenige Facetten festlegen lassen und in Bezug auf das Genre von vornherein einsperren. Mir ist es wichtig, dass die Leser in Verbindung mit dem Namen Marrak etwas zu akzeptieren versuchen: Mein literarisches Haus besitzt viele Zimmer – aber dennoch ist und bleibt es mein Haus. Natürlich gehe ich damit das Risiko eines Dan Simmons ein: seine SF-Bücher werden gekauft, Phantastik und Horror ignoriert, oder umgekehrt. Daher werde ich wie bisher versuchen, einen Synergy-Effekt in meinen Büchern zu erzeugen, eine Melange verschiedener Genres in Einklang zu bringen.

Von den vier geplanten Romanprojekten, die ich in den kommenden Jahren realisieren werde, gehören zwei mehr oder minder in die Phantastik-Ecke – wobei es sehr moderne phantastische Romane sein werden, die sich an der Grenze zur SF oder jenseits davon bewegen. Das dritte Projekt ist eine stark überarbeitete Version meines ersten Romans „Die Stadt der Klage“ und somit fast wieder Horror. Nur eines der vier Projekte kann als waschechter SF-Roman betrachtet werden, ist aber weder ein Nachfolger von „Lord Gamma“ noch sonst etwas, das Ähnlichkeit mit ihm besitzt. Über die Reihenfolge, in der ich die Bücher schreiben werde, bin ich mir – abgesehen vom kommenden Roman – noch unschlüssig.

Nichtsdestotrotz kann ich mir irgendwann durchaus eine Fortsetzung von „Lord Gamma“ vorstellen, denn die Geschichte ist noch nicht zu Ende … ;-)

Literaturschock: Die Mythenwelt der Inuit in "Imagon" hat mich sehr beeindruckt – vor allem, weil mir so richtig bewusst wurde, dass es da noch mehr als die griechische Mythologie gibt. War die Recherche zu "Imagon" (Göttermythen, Geologie, Gerätekunde) sehr aufwändig? Macht Dir die Recherche Spaß, oder ist sie lästiges Beiwerk?

Michael Marrak: Aufwändig war sie nicht, aber umfangreich und teils „etwas“ chaotisch. Wenige Wochen nach den Anschlägen vom 11. September 2001 und der anschließenden Biowaffen-Hysterie beispielsweise war ich, ohne mir groß Gedanken darüber zu machen, im Magdeburger Max Plank Institut, um noch einige wissenschaftliche Details für das „Imagon“-Finale zu recherchieren. Also suchte ich die Abteilungen, die mir die erhofften Auskünfte geben konnten, und erkundigte mich nach Messgeräten für verseuchte Atmosphäre und der Wirkungsweise von Aerosol-Bomben. Die haben vielleicht blöd geguckt …

Oder die Zeitreise: Ursprünglich wollte ich für den Part des Buches, in dem der Protagonist ins Atlantikum, also etwa 8000 Jahre in die Vergangenheit, verschlagen wird, ein paar imposante Reittiere verwenden. Mammuts womöglich. Meine Favoriten waren jedoch Wollnashörner, die früher die Mammutherden begleiteten. Ich suchte das Institut für Vor- und Frühgeschichte in der Tübinger Universität auf und stellte diesbezüglich ein paar Fragen. Die Reaktion: „Wollnashörner in Grönland …! (Lautes Lachen, mitleidige Blicke).“ Die Leute waren sehr amüsiert. Wir einigten uns schließlich auf große Moschusochsen.

Ich wiederhole mich jetzt aus einem älteren Interview, wenn ich sage, dass ich Recherche als unverzichtbar und als eine unterhaltsame Form der Weiterbildung empfinde. Der Wissensschatz (sofern man geneigt ist, das Recherchierte im Kopf zu behalten) nimmt beständig zu. Man sollte jedoch genug Zeit und Geduld haben, um die Recherche entsprechend zu betreiben, wobei ich die Methode learning by doing favorisiere.

Besonders bei „Imagon“ hat es sehr viel Spaß gemacht zu recherchieren. Ich bin auf so viel Interessantes gestoßen, dass ich im Roman dann doch ein wenig übers Ziel hinausgeschossen bin :-). „Imagon“ ist stellenweise überrecherchiert. Für die Taschenbuchausgabe werde ich daher einige zu detailliert geschilderte Passagen streichen, die den Lesefluss hemmen. Insbesondere die von Dir erwähnten Göttermythen fliegen zum Großteil wieder raus. Dieser ganze Schöpfungsmythos mit den unzähligen Namen ist ebenso überflüssig wie lesehemmend, zumal man sich den ganzen Quark eh nicht merken kann und ehrlich gesagt auch nicht merken muss.

Mein Fehler war, zu glauben, dass ich den Roman besser in Festas Lovecraft-Reihe eingliedern könnte, wenn ich ein paar Brücken zum Mythos und seinem literarischen Schöpfer schlage. Falsch gedacht. Daher werde ich für Lübbe so viel von dem Mythos und den Lovecraft-Passagen wieder herausnehmen, wie nötig, selbst wenn der Roman zwanzig oder dreißig Seiten kürzer wird. Er funktioniert auch ohne diese aufgesetzten wirkenden Stellen. Ach ja: Der Shoggothe darf bleiben …

Literaturschock: In der letzten Zeit wurden einige neue deutsche Autoren für den Bereich Fantasy entdeckt. Aber wie siehst Du die Lage der Phantastik / Science Fiction aus deutschen Landen? Teilst Du die pessimistischen Ansichten Frank Festas, es gäbe zu wenig kreativen Nachwuchs?

Michael Marrak: Zuerst einmal: Was in der deutschen Fantasy-Szene passiert und wer da neu oder angesagt ist, weiß ich nicht, und es interessiert mich ehrlich gesagt auch nicht. Ich mag Fantasy-Literatur nur sehr bedingt. Das meiste, was in letzter Zeit rauskam, scheint mir auf der Herr der Ringe-Welle mitreiten zu wollen. Für mich ist und bleibt Fantasy ein Genre für Autoren, die es sich schriftstellerisch sehr einfach machen wollen. Der Anspruch ist zumeist niedrig, das Grundthema wiederholt sich stets, und alle Probleme lassen sich im Idealfall mit Pfeil und Bogen, Schwert und Magie lösen.

Es gibt gute Fantasy-Literatur, doch diese bewegt sich bereits wieder in einem Grenzgebiet zur Phantastik, zur SF oder einem anderen Genre. Steampunk beispielsweise, wie The Hollow Earth von Rudy Rucker, oder Science Fantasy wie Jo Claytons Shadowsongs-Trilogie.

Im SF- und Phantastik-Bereich sind in den letzten Jahren einige interessante deutsche Autorinnen und Autoren aufgetaucht. Barbara Slawig zum Beispiel, H.D. Klein, Andreas Gruber, Ulrike Nolte oder Matthias Robold. Aber verglichen mit anderen Genres bleiben SF-Autoren wirklich dünn gesät.

Auf den ersten Blick gesehen hat Frank also recht, aber so oberflächlich darf es man nicht betrachten. Erstens kann er nur einen Bruchteil des Genres überblicken, nämlich jenen, der sich mit seinem Verlag kreuzt. Zweitens darf er basierend allein auf Hörensagen kein flächendeckendes Urteil bilden, denn er kann unmöglich so viel Aktuelles gelesen haben, um Deutschland tatsächlich ein Mangel an kreativem Nachwuchs zu bescheinigen. Dass man von den guten Autoren nichts weiß, ist nicht gleichbedeutend mit dem Vorurteil, dass es sie nicht gibt.

Ein Problem, bei dem ich Franks pessimistische Ansichten teile, entsteht allerdings durch die mittlerweile sehr günstigen Buchdruckkosten. Das Book on demand-Verfahren beispielsweise erlaubt heutzutage jedem Möchtegern-Schriftsteller, sein eigenes Werk zu verlegen und zu verkaufen – ohne die vorherige Qualitätskontrolle eines Verlagslektorats und ohne den zumeist als Anmaßung empfundenen „chirurgischen Eingriff“ der Korrektoren. Was da ab und zu als Literatur verkauft wird, ist unter aller Sau.

Drittens: Man muss berücksichtigen, dass der Buchmarkt – und nicht nur der deutsche! – zur Zeit von einer Krise geschüttelt wird, die viele immer noch schönzureden versuchen. Die Interessenverschiebung in Sachen Unterhaltungsmedien, die Euro-Einführung, unsere lahmende Wirtschaft und sogar das Elbe-Hochwasser – Nischenliteratur und ein von den Verlagen so ungeliebtes Kind wie die SF muss dabei leider als erstes bluten. Wie sollen neue Autoren auftauchen, wenn fast alle Verlage ihr SF-Programm einstampfen? Zweifellos gibt es kreativen Nachwuchs, aber ihm wird von vornherein der Boden abgegraben.

Vom Rückzug der Verlage verunsichert, trauen sich viele Autoren auch nicht mehr, SF oder Phantastik zu schreiben. Es grenzt schon beinahe an schleichender Umerziehung. Fehlen noch die unterschwelligen Botschaften im Fernsehen: „Produzier’ nicht so einen Schund!“ Tun die Autoren es trotzdem, heißt es von den Literaturagenten (von meinem inbegriffen): „Bitte, bitte keine SF, das kriegen wir nicht an den Mann!“

Der SF-Boom der 80er Jahre ist passé, der Markt ist übersättigt. Ein erhofftes neues Interesse, wie es vor zwanzig Jahren durch gutes SF-Kino gefördert wurde, kann und wird es mit den aktuellen Filmen nicht geben. Was für einen Boom sollen sterile, computergenerierte SF- und Superheldenverfilmungen auslösen? Sie befriedigen nur die Wünsche der potentiellen neuen, von Minderwertigkeitskomplexen überladenen Lerergeneration. Superhelden werden gesucht, Identifikationspotential; Matrix, X-Men, Spiderman, Hulk, Yedi-Ritter und andere Alltagsproblem-Beseitiger. Bitte keine Langeweile, und bitte, bitte kein Anspruch! Lieber effektüberlastete Actionspektakel ohne Logik, aber dafür mit viel Bunt und Laut. Das schafft vielleicht einen Comic- und Computerspiele-Boom, aber keinen der SF-Literatur.

Kommt dennoch mal ein guter, ernster SF-Film in die deutschen Kinos, wird er entweder kaum beachtet oder im Vorfeld verrissen. So wie Gattaca, Minority Report oder Solaris. Mir ist schleierhaft, wie so ein Mumpitz wie Spiderman zum Maß aller Dinge werden konnte …

Unser Problem ist die Quasi-Neulesergeneration – die jedoch nicht liest, sondern sich emsig anderen Unterhaltungsmedien zuwendet. Ein Buch zu lesen ist uncool, kleine und große technische Geräte dafür angesagt. Bildhandys, Internet, SMS, Chat-Foren, AOL-Messenger, Palmtops, DVDs, Computerspiele – vielleicht gerade noch E-Books, aber bitte nur geschenkt. Die bequeme, rasante Unterhaltung wird gesucht. Ein Buch kostet zuviel Zeit in unserer schnelllebigen Welt.

Die amerikanische Filmbranche ist mittlerweile an dem Punkt angelangt, an dem die deutsche SF- und Phantastik-Literatur seit zehn Jahren herumkrebst: Sie konzentriert sich auf Serien und Sequels, traut sich kaum noch Neues zu produzieren. Nach diversen Flops grassiert die Angst, dass das Publikum keine neuen Ideen mehr akzeptiert, sondern lieber Bekanntes und vermeintlich Bewährtes konsumieren will. So wird Alteinhergebrachtes wieder und wieder mit neuen Gewürzen aufgekocht, bis es letztendlich ungenießbar ist – wie der Großteil der deutschen SF- und Phantastik-Literatur heute. Aber selbst das hartgesottenste Publikum ist es irgendwann satt, immer dasselbe in neuer Verpackung vorgelegt zu bekommen.

Ob Battletech, Shadowrun, Star Trek oder all die unsäglichen Versuche der Heftromanszene, im Kielwasser von Serienerfolgen mit schlechtem Abklatsch das schnelle Geld zu machen – seit fünfzig Jahren schwimmen wir genügsam auf angloamerikanischen Wellen mit und kopieren und plagiieren, anstatt Neues zu erschaffen.

An dem jetzigen Buchhandelsdilemma sind wir größtenteils selbst schuld; die Autoren, die sich dazu hinreißen ließen, die Verlage, die es veröffentlichten, und die kaufhungrigen Leser, die die Herausgeber in trügerische Sicherheit wiegten und zu noch mehr seichter Massenware beflügelten. Die wenigen Leser, die Qualität bevorzugten, konnten den Kahn leider nicht vorm Sinken bewahren.

Es mangelt uns in Deutschland nicht an guten Autoren – es mangelt uns an Originalität.

Literaturschock: Wie siehst Du Dich neben Autoren wie Andreas Eschbach und Wolfgang Hohlbein? Liest Du diese Autoren selbst?

Michael Marrak: Eine kleine Anekdote vorweg: Die Suchmaschine Altavista bietet nach der Eingabe eines Suchbegriffes seit neuestem eine Auswahl von Stichwörtern, genannt Altavista Prisma, mit denen man als User seine Suche eingrenzen und präzisieren kann. Gibt man beispielsweise „Michael Marrak“ ein, schlägt Altavista vor: „Science Fiction“, „Horror“, „Lord“, „Gamma“, „Prill“, und … „Andreas Eschbach“!

Meine Freundin zog mich tagelang damit auf. Eschbachs Name ist in der deutschen SF-Welt inzwischen omnipräsent.

Okay, so weit so gut. Gerechterweise hättest Du in Deiner Frage auch Kai Meyer erwähnen sollen. Sowohl er wie auch Eschbach und Hohlbein sind seit Jahren Profis und haben beachtliche Erfolge zu verbuchen. Ich selbst sehe mich als Newcomer, der in den nächsten Jahren beweisen muss, dass „Lord Gamma“ keine Eintagsfliege war. Meine früheren Erfolge in der Kleinverlagsszene und die Preise, die ich erhalten habe, dürfen nicht darüber hinweg täuschen, dass mit dem Erscheinen von „Lord Gamma“ bei Lübbe die Karten neu gemischt wurden und alles von vorne beginnt. Zudem hat mich die Sache mit meinem Handgelenk um ein Jahr zurückgeworfen. Es wird ein harter, steiniger Weg, denn die Luft hier oben in der 1. Liga ist dünn, und die Konkurrenz ist stark und schläft nicht. (Suche: Michael Marrak --- Antwort Altavista: Meinten Sie vielleicht Andreas Eschbach? --- Nein, den meinte ich nicht!)

Andreas’ Bücher habe ich, wie bereits erwähnt, alle im Regal stehen und bis auf „Eine Billion Dollar“ und seine Jugendbücher auch gelesen. Von Wolfgang Hohlbein habe ich (Asche über mein Haupt) die drei ersten Hexer-Taschenbücher. Mein Gott, ich war jung, und es waren die 80er … ;-)

Literaturschock: Liest Du privat auch aktuelle englische / amerikanische SF-Autoren (MacLeod, Banks, Hamilton, Baxter) oder ist die Hard-SF nicht so Deine Sache?

Michael Marrak: In meiner Jugend habe ich zahlreiche Hard-SF-Bücher gelesen. Viel davon ist nicht in Erinnerung geblieben. Iain Banks ist einer meiner Lieblingsautoren und neben Phillip Jose Farmer, H.P Lovecraft, Edgar Allan Poe, Greg Egan und Andreas Eschbach einer der wenigen, dessen Bücher ich komplett im Regal stehen habe. Allerdings bevorzuge ich nicht den SF-Autor Banks, sondern den kleiner Meisterwerke wie „Die Wespenfabrik“, „Die Brücke“, „Barfuss über Glass“, „Die Straße der Krähen“ oder „Verschworen“.

Mal von Greg Egan und Ben Bova abgesehen, kann ich heute mit der sogenannten Hard-SF nicht mehr viel anfangen. Das Meiste davon ist so trocken, dass man sich beim Lesen wünscht, es möge durchs Dach regnen. Bierernst, stocksteif, ohne Pep, ohne Witz. Wie von einer Maschine geschrieben. Geschmackssache, klar, aber ich für meinen Teil liebe die Ironie in der Literatur; zynische Helden, Sprachwitz, Sarkasmus und einen Crossover verschiedener Genres – eine Todsünde für die zumeist puristische Hard-SF-Leserschaft. Mal ehrlich: Ist die Zukunft der Menschheit und der ganze Rest wirklich eine so ernste Sache? Warum nehmen sich diese Autoren und ihre Leser überhaupt so ernst? Ich lese lieber Iain Banks, Terry Bisson, Michael Marshall Smith, Neal Stephenson oder Dan Simmons und warte auf den Tag, an dem ein Autor das bürgerliche Hard-SF-Gesetzbuch schreibt und jeder erkannte literarische Regelverstoß strafrechtlich verfolgt wird …;-)

Literaturschock: Was liest Du zur Zeit?

Michael Marrak: „Hard-boiled Wonderland“ von Murakami Haruki, ein ziemlich abgedrehtes Buch voll skurriler Figuren und verrückter Ideen, das im Tokio der „fernen Gegenwart“ spielt. Stell Dir eine Mischung aus Johnny Mnemonnic und Easy Rider vor, mit einem hirnmanipulierten Cyber-Yuppie als Held.

Literaturschock: Wo holst Du Dir Feedback zu Deinen Arbeiten? Durchforstest Du auch das Internet, diverse Foren etc.?

Michael Marrak: Es gibt in „unserer“ Branche ein paar unumstößliche Gesetze. Eines dieser Gesetze lautet: Der Autor erfährt immer alles als letzter.

Würde ich mich nicht um vieles selbst kümmern und dazu zumindest das Internet durchforsten, würde ich sprichwörtlich hinter dem Mond leben. Seit ich meine Homepage habe, erhalte ich zumindest Leser-E-Mails. Neunzig Prozent aller Rezensionen sammle ich mir im Internet selbst zusammen. In Printmedien erscheinen ja seltsamerweise kaum noch welche …

Das Problem dabei: Sobald ich meinen Namen (den es Gott sei Dank nicht so oft gibt) selbst in Verbindung mit einem Buchtitel in eine Suchmaschine eingebe, um nach neuen Rezensionen zu suchen, erhalte ich Hunderte von Treffern. Das soll jetzt keine Angeberei sein, sondern nur den lästigen Part der Eigenrecherche verdeutlichen. Es gleicht einer Nadelsuche im Heuhaufen, und Spaß macht’s auch keinen. Einmal im Monat mache ich das, aber nicht öfter.

Eine viel interessantere (und leichter zu findende) Anlaufstelle bilden da die diversen Buchforen wie etwa bei Literaturschock, SF-Buchforum oder SF-Fan, in denen ich nicht nur Lob, sondern endlich auch mal saftige Kritik zu meinen Büchern finde. Das besitzt einen viel ehrlicheren Charakter, als ständig von allen Seiten nur gelobt zu werden und „Marrak toll!“ zu lesen. Bücher müssen polarisieren, konträre Meinungen bilden. Es wäre unerträglich, wenn alle Leser den selben Geschmack hätten. Aber bisher schrieb mir niemand etwas in der Art von: „Da haben Sie vielleicht einen Bockmist produziert!“

Literaturschock: Was hast Du als nächstes geplant?

Michael Marrak: Den Roman, den ich eigentlich direkt nach „Lord Gamma“ schreiben wollte und auf den ich mich en passant seit über zwei Jahren vorbereite. „Imagon“ durchkreuzte meine Pläne.

Frank Festa hatte mich gegen Ende der Arbeiten an „Lord Gamma“ gebeten, meine Novelle „Der Eistempel“ für seine „Bibliothek des Schreckens“ zu einem Roman auszuarbeiten. Das war Mitte 2000. Zu diesem Zeitpunkt ahnte ich noch nicht, dass mich wenige Monate später die Agentur Schlück und Anfang 2001 der Lübbe-Verlag unter Vertrag nehmen würden. Die Arbeiten an „Imagon“ dauerten aufgrund meines Umzugs von Stuttgart nach Hildesheim, den Problemen mit meinem Handgelenk und diversen anderen verrückten Sachen, die mir eh keiner glauben würde, über ein Jahr länger als vereinbart. Seither wartet der Verlag auf meinen erstes Werk für Lübbe.

Es wird mehr oder minder ein SF-Roman werden, bei dem der SF-Aspekt jedoch sehr verhalten behandelt wird. Das vermeintlich Phantastische wird in ihm größtenteils auf Realität und tatsächlichen Gegebenheiten basieren. Er wird auf drei Kontinenten spielen, und das sowohl im 13. als auch im 21. Jahrhundert. Mehr will ich noch nicht verraten. Jedenfalls wird er weder „Lord Gamma“ noch „Imagon“ ähneln. Ich möchte Neuland betreten. Erscheinen wird der Roman jedoch nicht vor Ende 2004.

Was dieses Jahr betrifft: Momentan laufen die Verhandlungen für eine umfangreiche Story-Collection, die im Festa-Verlag erscheinen soll. Sie wird nahezu alle Erzählungen von mir enthalten, die zwischen 1995 und 2002 in zumeist längst vergriffenen Anthologien und Magazinen erschienen sind – so auch drei Geschichten auch der Sammlung „Die Stille nach dem Ton“.

Ende 2003, wohl aber erst im Frühjahr 2004, gibt’s dann bei Lübbe die Taschenbuchausgabe von „Imagon“. Auch hier laufen noch die Vertragsverhandlungen, daher: Meldung ohne Gewähr.

Literaturschock: Und zum Abschluß noch: Was sagst Du zu Dieter Bohlens Erfolgsbuch?

Michael Marrak: Beati pauperes spiritu … Ich halte absolut nichts von seiner intellektuellen Dünnbrettbohrerei. Auf diese Weise das schnelle Geld zu verdienen, grenzt an literarischer Prostitution. In Deutschland gibt es genug gute Autoren, die für ihre Arbeit mehr Aufmerksamkeit verdient hätten als Bohlens Produkt. Aber der breiten Masse gefällt’s offensichtlich. Ich unterhielt mich auf der Buchmesse gerade mit Stefan Bauer, meinem Lektor, als Bohlen samt Bodyguards, einer Horde hechelnder Reporter mit Fernsehkameras und einer Menschentraube im Schlepptau am Lübbe-Verlagsstand vorbei in Richtung Heyne-Podium tingelte und dort für eine Stunde die Halle verstopfte. Angesichts eines solchen Traras fragten wir uns: Weshalb machen wir uns soviel Arbeit mit unseren Büchern? Werfen wir nicht unaufhörlich Perlen vor die Säue?

Mehr gibt’s dazu nicht zu sagen. Das haben andere bereits ausführlicher getan.

Kommentar schreiben


Sicherheitscode
Aktualisieren

Für eine werbefreie Plattform und literarische Vielfalt.

unterstuetzen books

 

 

Affiliate-Programm von Amazon, um Literaturschock zu unterstützen. Weitere Möglichkeiten, Danke zu sagen.

Tassen, Shirts und Krimskrams gibt es übrigens im

Buchwurm-Shop

I only date Booknerds

Diese Seite nutzt Cookies.

Datenschutz & Widerspruchshinweise

Erlauben
© 2018 Susanne Kasper, Literaturschock

Mobile-Menue