Nessa Altura ist das Pseudonym einer Autorin, die bisher mehrere Kurzgeschichten veröffentlichen konnte. Die Autorin wuchs mit ihren Geschwistern wohlbehütet auf dem Land auf. Bereits früh befasste sie sich mit dem Schreiben von Geschichten. Für die Kurzgeschichte "Der Burschl aus Tirol" erhielt sie 2002 den Glauser-Kurzkrimi-Preis.

Literaturschock: Zuerst einmal Herzlichen Glückwunsch zum Glauser Kurz-Krimipreis für "Der Burschl aus Tirol". Die Freude darüber war sicherlich riesengroß? Was bedeutet diese Auszeichnung für Sie persönlich?

Nessa Altura: Anerkennung und Motivation, weiterzumachen. Schreiben ist ja ein einsames Geschäft, und da tut es gut, ein Echo zu hören. Zumal dann, wenn es von Autorenkollegen kommt, die ja sicher auf eine ganze andere Art kritisch gucken als es die LeserInnen tun.

Literaturschock: Die Auszeichnung wurde in diesem Jahr erstmalig für einen Kurzkrimi vergeben. Sind sie darauf besonders stolz?

Nessa Altura: Dafür gibt es eigentlich keinen Grund: Dass es endlich eine Kurzgeschichtenprämierung gibt, ist dem Syndikat zu verdanken, nicht mir. Aber ich freue mich insofern, als es diesem Genre endlich Aufmerksamkeit verschafft. Eine gute Kurzgeschichte wird ja in den angelsächsischen Ländern für hohe Kunst gehalten, während sie bei uns nur so am Rande wahrgenommen wird.

Literaturschock: Tatjana Kruse erwähnte in ihrer Laudatio über Ihre Auszeichnung (ich darf zitieren) "Selbst Peter Gerdes, der mit in der Jury saß, meinte: - Den Kerl hätten wir alle gern umgebracht - . Und wenn das schon ein Mann über einen Mit-Mann sagt ..." Da haben Sie ja ordentlich Eindruck gemacht, wenn sogar nicht mal mehr die Männer zueinander halten?

Nessa Altura: Recht so. Wenn das nur öfter gelänge ...

Literaturschock: Sie waren auf der Criminale in München. Haben Sie selbst auch Lesungen gehalten? Waren Sie aufgeregt?

Nessa Altura: Ich habe da nicht gelesen. Allerdings hatte ich den Burschl schon einmal in der empfehlenswerten Münchner Krimibuchhandlung Glatteis vorgetragen und war damals von der Wirkung völlig überrascht worden: Die Zuhörer lachten so furchtbar, dass es mir schwer fiel, weiter zu lesen, ohne selbst zu lachen. Sie wissen ja, wie ansteckend Lachen manchmal sein kann. Das war ohne Frage ein ganz großes Erlebnis für mich: festzustellen, dass das, was man daheim am Schreibtisch für lustig hält, auch von anderen so empfunden wird.

Literaturschock: Sprechen Sie selbst so richtig bayrisch?

Nessa Altura: Nein, überhaupt nicht. Ich nehme auch an, dass meine Dialekteinsprengsel vor einem Ethnologen oder Bayernkenner keinen Bestand hätten. Aber in der Literatur, anders als in der Wissenschaft, zählt, so meine ich, die emotionale Wahrheit und nicht unbedingt die empirische. Es sollte für den Zuhörer und Leser alpenländisch klingen, und das hat wohl auch funktioniert.

Literaturschock: Ihre Website ist toll! Verbringen Sie viel Zeit im Internet?

Nessa Altura: Manchmal mehr als gut für mich ist. Beim Schreiben gibt es eine Stelle, an der man nicht weiterkommt und wupp - surft man ein bisschen herum. Aber im Ernst - die website macht mir grossen Spass; sie erfüllt auch mein Bedürfnis nach visueller Kreativität und schult ganz sicher den Stil. Man kann sich ja im internet keinerlei Weitschweifigkeit erlauben, sonst verliert man den Betrachter sofort. Was ich mir aber wünschte, wäre ein bisschen mehr Betrieb in meinem Forum - als Autor möchte man so gerne ein wenig mehr über seine LeserInnen wissen. Sollte hier jemand Interesse haben, bitte reingucken ...www.nessaaltura.de

Literaturschock: Möchten Sie irgendwann auch einen Roman anstatt einer Kurzgeschichte schreiben? Stellen Sie sich dies schwerer oder leichter vor?

Nessa Altura: Ich habe über den Roman den Einstieg ins Schreiben gefunden: Paulines Geheimnis, Maries Geschichte und Jennas Geständnis sind ja Romane. Erst danach habe ich, sozusagen als Fingerübung, mit kurzen Geschichten begonnen. Für mich ist das leichter, weil man nicht so viele Details im Kopf behalten muss.

Literaturschock: Nessa Altura ist Ihr Pseudonym. Sie machen ja ein großes Geheimnis um ihr Privatleben und ihren richtigen Namen. Provokant ausgedrückt, würde ich sagen, dass Sie sich damit interessant für die Leser machen wollen?

Nessa Altura: Ein Pseudonym macht halt Spaß - wann kann man das schon, sich selbst neu erfinden? Daneben gibt es natürlich noch andere Gründe: Einmal gehört es zum Stil meiner Arbeiten, eine Aura des Geheimnisvollen herzustellen. Das ist nicht ganz einfach, wie Sie sich vorstellen können. Zum anderen: Ich habe erfahren, dass viele Menschen erfundene Geschichten für bare Münze nehmen und sich sofort überlegen, wann und wo der Autor das erlebt haben könnte. Das ist nicht immer angenehm - denken Sie an Kriminelles oder Erotisches -, da ist es besser, wenn einen die unmittelbare Umgebung nicht sofort identifizieren kann. Auf Dauer hält sich natürlich kein Pseudonym, das ist mir auch klar, aber wenigstens für ein Weilchen.

Literaturschock: Der Name Nessa Altura hat eine Bedeutung, die Sie hier wohl nicht verraten möchten, oder?

Nessa Altura: Das ist einfach eine Vokabel, wenn man wüßte, in welchem Lexikon nachzuschauen wäre, hätte man die Lösung.

Literaturschock: Nach ein paar Seiten des Lesens von "Mein ist die Rache" musste ich wegen der Bissigkeit stark schmunzeln. Bei "Der Burschl aus Tirol" geschah dies noch früher. Mögen Sie Sarkasmus und schwarzen Humor?

Nessa Altura: Ja. Sarkasmus weniger, aber Ironie durchaus.

Literaturschock: Normalerweise mag ich es nicht, wenn Leser (wie Marcel Reich-Ranicki) eine Geschichte auf eine Art und Weise interpretieren, wie es der Autor so vielleicht gar nie ausdrücken wollte. Ihre Kurzgeschichten laden aber direkt zum Analysieren ein. Wollen Sie damit etwas bestimmtes zeigen oder ausdrücken?

Nessa Altura: Für mich ist ein Text nur dann gelungen, wenn er mehr als eine Ebene hat. Ich meine, bei literarischen Texten muß es eine Oberfläche - auf der sich die Handlung abspielt - geben und eine oder mehrere darunter. Tollstes Beispiel: der Ulysses: da gibt es mehr Ebenen als gesund ist.

Literaturschock: Glauben Sie, daß es gefährliche Bücher gibt?

Nessa Altura: Ja, absolut. Um ein Beispiel zu nennen: American Psycho gehört für mich dazu. Ich hätte niemals erlaubt, dass es gedruckt wird, wenn ich in der entsprechenden Position gewesen wäre. Ich würde überhaupt nichts drucken lassen, das lustbetontes grausames Töten detailliert beschreibt. Ich glaube nicht an die Freiheit der Kunst, wenn sie bedeutet, dass der Künstler die Gesellschaft mit den Folgen, die aus seinen Machwerken erwachsen, allein läßt. Stichwort Erfurt. Ich frage mich, wie lange wir es als Gesellschaft noch zulassen wollen, dass gewisse Medien-Produzenten absahnen, während wir Mütter und Väter uns bemühen, die entstehenden Schäden einzudämmen.

Literaturschock: Sind Sie ein Gurkenfan?

Nessa Altura: Mhm, Salzgurken am liebsten...

Literaturschock: Wie kamen Sie auf die Idee mit Urspring? Und wann wird Leontin in Urspring einziehen?

Nessa Altura: Wie kam ich auf die Idee? Tja, plötzlich war sie da ... für den Leontinroman bin ich in der Sammlungsphase - am liebsten schriebe ich ihre Geschichte auf der Stelle auf, sie wird nämlich gut. Aber ich habe mir eine hohe Hürde gebaut: Ich fange erst damit an, wenn ich einen Verlag für die anderen drei gefunden habe. Man lebt ja nicht nur für sich allein - jede Stunde, die ich schreibend verbringe, entziehe ich meiner Familie ...

Literaturschock: Glauben Sie, daß jeder Mensch ab einer gewissen Schwelle durchdrehen kann? Was wäre so eine Schwelle für Sie?

Nessa Altura: Ich stelle mir vor, dass wir Menschen wie Federn sind: Man kann uns bis zu einem gewissen Grad zusammendrücken oder auseinanderziehen, und wir springen doch wieder in die Ausgangsposition zurück. Aber irgendwann kann diese Feder überbeansprucht werden und dann gibt es kein Zurück mehr. Ich denke, dass diese Schwelle bei jedem individuell geregelt ist. Wo genau sie bei einem selbst ist, könnte man nur durch einen Selbstversuch ermitteln, den ich mir aber auf alle Fälle ersparen würde.

Literaturschock: Würden Sie sagen, dass es deutsche Autoren schwerer haben, einen Verlag zu finden? Glauben Sie, dass es in Zukunft leichter wird?

Nessa Altura: Ich weiß nicht, ob das stimmt. Auf alle Fälle ist es für einen unbekannten Namen ganz, ganz schwer. Auf der anderen Seite muß man ja sehen, dass da ein Verleger eine ganze Menge Geld in die eigenen Gedanken investieren soll, und das bei so einem unkalkulierbaren Fantasieprodukt, das ja auch noch Moden unterworfen ist. Wer jetzt zum Beispiel einen skandinavischen Namen hat (und schreiben kann) dürfte es leichter haben auf dem Krimisektor ... aber das kann morgen schon wieder anders sein.

Literaturschock: Was ist das schwierigste am Schreiben? Was das einfachste?

Nessa Altura: Das Schwierigste finde ich das Verkaufen des Geschriebenen. Das Einfachste: die Idee. Die kommt ganz von selbst beim Anblick eines Tiroler Tales, beim Hören von Liedern wie dem vom Anton aus Tirol. Also im Grunde das Zuvor und das Danach und dazwischen ist dann das eigentliche Schreiben - an manchen Tagen höchster Genuß, manchmal auch große Mühe.

Literaturschock: Haben Sie selbst Kontakt zu anderen Autoren und Autorinnen? Und haben Sie schon "Berühmtheiten" kennengelernt?

Nessa Altura: Ich kenne und schätze Ingrid Noll: Sie hat meinen ersten Romanentwurf sorgfältig gelesen und für gut befunden und immer an mich geglaubt. Das hat mir grossen Respekt vor ihr eingeflößt, denn sie hat wirklich viel um die Ohren.

Literaturschock: Woran arbeiten Sie derzeit? Wie wird es nun weitergehen?

Nessa Altura: Im Augenblick schreibe ich eine Serie Sagen und Legenden und eine Serie Erotischer Geschichten; beides macht großen Spaß. Wenn man für Erotik nicht in Stimmung ist, schreibt man eine Sage und ungekehrt. Aber im Grunde zieht es mich zu meinen Urspringerinnen: Hier möchte ich endlich weiterkommen!

Literaturschock: Vielen, vielen Dank, daß Sie sich Zeit für mich genommen haben, Frau Altura! Das war mal wieder ein tolles Interview! Viel Spaß und Erfolg mit Ihren weiteren Projekten!

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