Nicole C. Vosseler wurde 1972 in Villingen-Schwenningen geboren und studierte nach dem Abitur Literaturwissenschaft und Psychologie in Tübingen und in Konstanz, wo sie heute lebt. Ihre Vorbilder sind M. M. Kaye und Margaret Mitchell. 2007 wurde Nicole Vosseler für ihren Roman "Der Himmel über Darjeeling" mit dem "Konstanzer Förderpreis", in der Sparte Literatur, ausgezeichnet.

Literaturschock: Liebe Nicole, vielen Dank, dass Du Dir ein bisschen Zeit für das Interview nimmst. Die Literaturschocker interessieren sich nicht nur für die Literatur, sondern auch für den Menschen dahinter. Erzähle uns doch bitte ein wenig über Dich.

Nicole C. Vosseler: Ich lebe in Konstanz am Bodensee und dort ziemlich genau im letzten Zipfel von Deutschland, zwischen der Grenze zur Schweiz und dem Seerhein. Ich liebe Reisen, Bücher, Musik, Filme und Kunst, Schokolade und Sternschnuppen, Schmetterlinge und Elefanten. Seit einigen Jahren bin ich hauptberuflich Autorin, und die Tatsache, dass die Geschichten, die in meinem winzigkleinen Schreiberstübchen entstehen, später in den Buchhandlungen liegen, versetzt mich immer noch in glückseliges Erstaunen.

Literaturschock: Liest Du privat viel? Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem was Du liest und dem was Du schreibst?

Nicole C. Vosseler: Ja, ich lese tatsächlich sehr viel – mein Schreiberstübchen ließe sich auch ohne weiteres als „begehbares Bücherregal“ bezeichnen. Vordergründig ist wahrscheinlich kein unmittelbarer Zusammenhang erkennbar zwischen dem, was ich privat lese und dem, was ich schreibe. Ich lese fast ausschließlich in englischer Sprache, was mir eigentümlicherweise hilft, mein Gefühl für meine Muttersprache zu verfeinern und an meinem eigenen Stil zu arbeiten. Historische Romane lese ich sehr wenig; ich bevorzuge Zeitgenössisches, Klassiker oder Thriller, Biografien oder Bücher mit einem leichten Fantasy-Einschlag, die mir neue Impulse geben und neue Perspektiven auf meine eigene Arbeit eröffnen. Und ich finde es einfach spannender, ganz andere Bücher zu lesen als ich selbst schreibe.

Literaturschock: Kommen wir zu deinen Büchern. Wann hast du dich dafür entschieden, dass du Romane schreiben willst?

Nicole C. Vosseler: Ich fand es schon als Kind faszinierend, dass es Menschen gibt, die all jene wunderbaren Geschichten schreiben, die sich zwischen Buchdeckeln befinden, und im Rückblick glaube ich, dass damals in mir der Wunsch geweckt wurde, ebenfalls Geschichten zu erzählen. Meine ersten eigenen Schreibversuche bestanden aus Gedichten und Kurzgeschichten, weil mir solche Texte zu verfassen anfangs leichter vorkam als einen ganzen Roman stemmen zu wollen. Auf einer Poesiewerkstatt – in der ich übrigens sehr harsche Kritik für meine „Werke“ einstecken musste – bekam ich mit den besten Ratschlag meines Lebens: ich hätte meine Form noch nicht gefunden. Ich benötigte noch einige Jahre, um zu begreifen, dass der Roman meine Form des Ausdrucks ist, und mit knapp dreiundzwanzig unternahm ich den Anlauf zu meinem ersten Roman, aus dem dann in den folgenden Jahren mein erstes veröffentlichtes Buch „Südwinde“ entstand.

Literaturschock: Wie lange hast du für deine Bücher in etwa gebraucht?

Nicole C. Vosseler: Für das erste am längsten: neben Studium und Job waren es etwa fünf Jahre, weil ich dabei auch erst einmal herausfinden musste, wie das überhaupt geht, für einen Roman zu recherchieren und dann einen zu schreiben und ich das Manuskript teils frustriert, teils aus Zeitgründen immer mal wieder für Monate beiseite legte. Mittlerweile brauche ich nicht mehr ganz solange, kann aber nur unzureichend beziffern, wie lange ich insgesamt für ein Manuskript benötige. Denn die erste Grobrecherche und das Entwickeln einer Geschichte für ein Exposé, die weiteren Recherchen und das Bebrüten von Handlung und Charakteren finden meistens schon statt, während ich noch an einem anderen Manuskript schreibe, nach Feierabend oder am Wochenende. Am ehesten kann ich noch die tatsächliche Schreibzeit angeben, von der ersten Manuskriptseite bis zur letzten, und die liegt im Schnitt etwa bei neun bis elf Monaten.

Literaturschock: Wie schwierig war Deine erste Verlagssuche?

Nicole C. Vosseler: Solange ich es noch im Alleingang versuchte: sehr schwierig bis fast aussichtslos. Ein namhafter Verlag hatte immerhin das komplette Mauskript angefordert, es dann aber doch abgelehnt, da der Schluss der Geschichte nicht gefiel. Nachdem ich meinen heutigen Agenten gefunden hatte, ging es dann bis zur Unterschrift des ersten Verlagsvertrags recht schnell – und der Schluss des Romans konnte dort dann auch so bleiben ...

Literaturschock: Warum schreibst du gerade über ferne Länder und fremde Kulturen? Hat das der Verlag vorgegeben, oder was bewegt dich an dieser Kulisse?

Nicole C. Vosseler: Ich hatte bislang das unglaubliche Glück, dass die Geschichten und Schauplätze, die mich faszinierten und über die ich unbedingt schreiben wollte, auch den Verlagen gefielen.

Mich reizt es, den Zusammenprall verschiedener Kulturen anhand einer Romanhandlung quasi zu studieren und dann auch zu schildern, Gemeinsamkeiten, Unterschiede und Konflikte herauszuarbeiten. Das Motiv der Reise ist eines, das mich sehr beschäftigt. Die Reisen, die die Charaktere meiner Bücher freiwillig oder unfreiwillig unternehmen, beeinflussen ihre weitere Entwicklung und ihren künftigen Lebensweg. Für mich sind diese Reisen in meinen Romanen auch immer ein Sinnbild für die grundsätzliche Reise durch das Leben, und untrennbar damit verbunden ist für mich ein zweites Motiv, mit dem ich mich gerne beschäftige: dasjenige der Überschreitung von Grenzen, sei es geographischer, gesellschaftlicher oder psychologischer Natur.

Literaturschock: Vielen Deiner Geschichten beruhen auf wahren Begebenheiten, wie zum Beispiel, Salima, James Cook & seine Besatzung, Walsingham & Dee, Caravaggio. Woher nimmst Du die Ideen?

Nicole C. Vosseler: Salima bin ich während der Arbeit zu „Unter dem Safranmond“ begegnet; ich war einfach neugierig, was sich jenseits der Schauplätze des Romans, im angrenzenden Sultanat von Muscat und Oman, zu jener Zeit abspielte. Über ihren Vater, den Sultan, kam ich auf Salima und ihre Geschichte und wusste schnell, dass ich diese unbedingt erzählen wollte. Bei James Cook stand ein TV-Mehrteiler namens „Wind und Sterne“ am Anfang der Arbeit am Roman, der mich auf die Person von Zachary Hicks neugierig machte. Je mehr ich über ihn herauszufinden versuchte und dabei über die erste Reise Cooks las, desto größer wurde meine Faszination für die Ereignisse an Bord und für die historischen Persönlichkeiten. Über John Dee bin ich kurz vor meinem Abitur gestolpert, in meiner damaligen Esoterik-Phase, und über die Jahre hat er mich immer wieder beschäftigt, bis ich mir sicher war: über ihn mag ich schreiben - auch, weil mich die Tudorzeit immer schon begeistert hat. Und auf einer ganz anderen als der Roman-Ebene hat sich jemand in meinem Umfeld ausgiebig mit Caravaggio beschäftigt, mir viel davon erzählt, bis eine TV-Doku über ihn für mich zum Auslöser wurde, einen Roman über ihn schreiben zu wollen.

Ich glaube, an diesen Beispielen sieht man ganz schön, dass jede Romanidee ihre ganz eigene Geschichte hat und auch ihre eigene Zeit braucht; bei manchen Ideen dauert es Jahre, bis daraus ein konkretes Exposé für ein Buch wird; andere Ideen benötigen dafür nur Monate. Ich sammle alles an spannenden Ideen, was mir so über den Weg läuft und bewahre sie in einer Art Mini-Archiv auf. Ständig kommen neue hinzu, aus Filmen, Büchern Zeitungsartikeln, und unlängst habe auch ich eine Idee von einer Reise mitgebracht – und manche Ideen sind von einer Sekunde zur nächsten einfach da buchstäblich wie aus heiterem Himmel. Sternstündig!

Literaturschock: Wer Deine historischen Romane liest, wird mit fundierten Informationen zu den geschichtlichen Hintergründen versorgt. Wie gehst Du bei der Recherche vor?

Nicole C. Vosseler: Wenn ich schreibe, habe ich ein immerwährendes „Warum?“ im Kopf: „Warum war das damals so?“ Ich versuche, die eigentliche Romanhandlung soweit mit den Antworten auf diese Frage zu ergänzen, dass ich selbst das Gefühl habe, ich könnte mit dem Roman sagen: „Darum war’s so.“ Antworten, die ich dadurch erhalte, indem ich zahlreiche geschichtliche Werke, wissenschaftliche Artikel und Originalquellen durchforste und durcharbeite.

Literaturschock: Hast Du einen Lieblingsplatz zum Schreiben, an dem Deine Bücher Gestalt annehmen?

Nicole C. Vosseler: Die Geschichte, an der ich gerade schreibe, und Ideen für künftige Bücher nehme ich gedanklich fast überall hin mit und bebrüte sie weiter, mache mir teilweise auch Notizen in ein Büchlein, das ich immer mit mir herumtrage – aber aktiv am Manuskript schreibe ich einzig und allein an meinem Schreibtisch.

Literaturschock: Schreibst Du nur wenn Du Lust darauf hast oder hast Du eine strikt geplante "Schreibzeit"?

Nicole C. Vosseler: Ich bin ein Mensch, der gerne plant, gleich mehrere Kalender führt, Notizen macht, Diagramme zeichnet und Listen schreibt – das brauche ich als Gegengewicht zu meinem Hang zu Chaos und Trödelei. Ebenso versuche ich beim Schreiben eine Balance zwischen frei fließender Kreativität und Disziplin einzuhalten. Die überwiegende Zeit, während ich an einem Roman arbeite, halte ich eine gut strukturierte Arbeitswoche mit klar abgegrenzter Recherche- oder Schreib-Zeit ein, inklusive Raum für Wochenenden und Freizeit, Terminen und Büroarbeit. Je weiter die Arbeit an einem Manuskript fortschreitet und ich damit immer tiefer in die Geschichte abtauche, desto weniger funktioniert die Planung noch; in den letzten vier bis sechs Wochen gibt es dann nur noch das Manuskript und ich arbeite oft bis gegen Morgen, während alles andere einfach mal liegenbleibt.

Die Tage, an denen ich so gar keine Lust zum Schreiben habe, sind selten; auch wenn’s oft mühselig und anstrengend ist, habe ich eigentlich immer Freude daran, mich durch die Welt meiner Protagonisten zu bewegen, mit ihnen zusammen zu sein und das, was ich dort erlebe, niederzuschreiben. Wenn ich doch mal gar keine Lust habe, finde ich mich trotzdem am Schreibtisch ein, und meistens kommt dann auch die Schreib-Lust irgendwann von alleine zurück.

Literaturschock: Welche Szene war bisher für Dich am schwersten zu schreiben, da sie Dich eventuell emotional sehr mitgenommen hat.

Nicole C. Vosseler: Im gerade fertig gestellten Manuskript habe ich eine Schlacht im Krieg geschildert, die allein durch die Atmosphäre, das Tempo und mehrere Perspektiven in flottem Wechsel handwerklich eine enorme Herausforderung darstellte. Vor allem aber hat sie mich damit, was den einzelnen Charakteren darin widerfährt, an meine emotionalen Grenzen gebracht. Ich tauche ohnehin nach der letzten Seite eines jeden Manuskripts vollkommen zerfleddert wieder aus der Geschichte auf (am meisten nach „Sterne über Sansibar“, das war eine unglaublich harte Zeit mit diesem Buch), aber nachdem ich diese Szene geschrieben hatte, dachte ich: Das war die schlimmste Szene seit „Südwinde“ damals.

Das sind die Momente, in denen ich mir vornehme, einmal ein Buch zu schreiben, das von vorne bis hinten zuckersüß und rosarot und federleicht und lustig ist. Irgendwann einmal. Doch, bestimmt. Irgendwann …

Literaturschock: Bisher hast Du keine Fortsetzungen zu Deinen Romanen geschrieben, obwohl "Der jüngste Spion der Königin" oder auch "Südwinde" geradezu nach einer Fortsetzung schreien. Warum gibt es keine? Planst Du etwas in der Richtung?

Nicole C. Vosseler: Von Verlagsseite aus hat sich die Möglichkeit leider bislang nicht ergeben. Geplant ist für die nächsten Jahre in dieser Hinsicht auch nichts – aber wenn ich etwas in den Jahren meines Autorendaseins gelernt habe, dann, dass man tatsächlich nie „nie“ sagen soll …

Literaturschock: Wie wichtig ist Dir der Kontakt zu Deinen Fans? Liest Du noch Rezensionen und Kritiken über Deine Bücher?

Nicole C. Vosseler: Immens wichtig! Ich liebe es zu erfahren, wie es den Lesern mit den Geschichten und den Charakteren ergeht, was sie dabei beschäftigt und bewegt, vielleicht mit ihnen darüber zu diskutieren und von meiner Arbeit zu erzählen. Darüber hinaus bin ich auch einfach neugierig auf die Menschen, die meine Bücher lesen, freue mich, wenn ich über ein Forum Kontakt zu ihnen habe, über das Kontaktformular auf meiner Website und über den Verlag Post bekomme oder Lesern gar persönlich begegnen kann. Rezensionen und Kritiken lese ich immer noch mit derselben Mischung aus Aufregung und Neugierde wie ganz zu Anfang. Über gute Rezensionen freue ich mich tage- oder wochenlang wie ein Schneekönig; über Verrisse denke ich gründlich nach – und naja, gräme mich doch immer mal wieder ganz schön …

Literaturschock: Mal angenommen, ab morgen dürftest Du nicht mehr schreiben. Was würdest Du dann stattdessen machen wollen? Welche Tätigkeiten kämen für Dich als Alternative zum Schreiben in Frage?

Nicole C. Vosseler: Nicht mehr schreiben dürfen? Gar nicht mehr?! Eine schreckliche Vorstellung! Ich habe mich das tatsächlich auch schon gefragt und bislang keine befriedigende Antwort darauf gefunden. Daher habe ich beschlossen, mir diese Frage erst dann wieder zu stellen, wenn es je soweit sein sollte - denn auf absehbare Zeit kann und mag ich mir mein Leben nicht ohne das Schreiben vorstellen. (Im Notfall würde ich es heimlich tun … nur für mich. Oder für Freunde. Oder eben für jeden, der es sonst lesen mag.)

Literaturschock: Gibt es schon Pläne für das nächste Buch? Darfst Du uns schon ein wenig dazu verraten?

Nicole C. Vosseler: Das aller-nächste Buch ist jüngst fertiggeschrieben und befindet sich aktuell im Lektorat. Es spielt teils in England, teils in Nordafrika und schildert die Schicksale neun junger, lebenslustiger Menschen – eine Geschichte vom Leben und vom Krieg und eine darüber, was Menschen für die Liebe zu tun bereit sind. Momentan bereite ich mich gerade auf die nächste Buch-Reise vor, mit der ich mich wieder Richtung Asien bewegen, aber dem 19. Jahrhundert treu bleiben werde.

Literaturschock: Wir bedanken uns für das Interview und wünschen Dir weiterhin viel Erfolg mit Deinen Romanen!

Nicole C. Vosseler: Ich sag meinerseits danke für euer Interesse und die schönen Fragen - hat mir großen Spaß gemacht!

Das Interview wurde von Marion Lebugle für Literaturschock geführt

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