Ralf Isau wurde 1956 in Berlin geboren. Er arbeitet neben dem Schreiben als Computer-Fachmann und lebt mit seiner Familie in der Nähe von Stuttgart. Da der Umgang mit seelenlosen Maschinen seinen Gedanken die Farbe nimmt, wie er sagt, sucht und findet er schon lange seine Freiräume in der fantastischen Literatur. Anfangs folgte er noch anderen Autoren in die von ihnen geschaffenen fremden Welten, seit 1988 schreibt er selbst und eroberte sich mit seinen Romanen rasch eine ständig wachsende Fan-Gemeinde.

Literaturschock: Für die Tetralogie "Der Kreis der Dämmerung" mussten Sie relativ lange recherchieren - auf Ihrer Webseite erwähnen Sie eine Zeitraum von sieben Jahren. Gab es da irgendwann mal einen Zeitpunkt, an dem Sie so frustriert waren, dass Sie am liebsten alles hingeworfen hätten?

Ralf Isau: Den gab es tatsächlich. Ursprünglich war ich der verrückten Idee verfallen, einhundert Jahre Menschheitsgeschichte in einen einzigen Romanband zu packen. Schon die Schilderung von Davids furchtbaren Erlebnissen während des Ersten Weltkrieges haben mich, der ich mich stets in meine Helden hineinversetze und mit ihnen mitfiebere, arg mitgenommen. Ich strandete kurz vor der Weltwirtschaftskrise. Dann kam Band II, das Hochkochen des Nationalsozialismus, es gelang mir einfach nicht, das Thema kurz und oberflächlich abzuhandeln, zu wichtig erschien es mir. Eigentlich sollte der Kreis der Dämmerung nach zwei Bänden nun wirklich abgeschlossen sein. Wie wir heute alle wissen, wurden vier daraus. Das überwältigende Echo auf die Saga von David Camden, das ich - übrigens auch international - seitdem erfahren habe, entschädigt mich jedoch bei weitem für die durchlittene Müh'. Nach dem Museum der gestohlenen Erinnerungen wird keines meiner Werke in so viele Sprachen übersetzt wie der Kreis.

Literaturschock: Seit ich "Der Kreis der Dämmerung" gelesen habe, begegne ich jeder Horror-Nachrichtenmeldung mit Misstrauen und ich fühle mich sofort an die Bücher erinnert. Hatten Sie einen so bleibenden Eindruck bei Ihren Lesern bezweckt?

Ralf Isau: Es gibt Bücher, die man vorzeitig zur Seite legt, andere werden gelesen, aber nur wenige werden verdaut. Natürlich möchte ich gut unterhalten, doch mir ist auch daran gelegen, den Leser zum Nachdenken anzuregen. Ich konnte jedoch nicht ahnen, wie die Wirklichkeit am 11. September 2001 meine Geschichte - besonders deren Schluss! - einholen wird. Wenn man nach der Lektüre meines Romanzyklus die Welt mit etwas anderen, vielleicht offeneren, Augen betrachtet, dann ist mir das durchaus recht. Wie heißt es doch so schön? Erkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung.

Literaturschock: Als mir der Zusammenhang der Namen mancher Hauptcharaktere und der Bezug von Reven Niaga = Never Again zum Holocaust deutlich wurde, hatte ich fast Gänsehaut. Sind alle Ihre Bücher mit diesen nicht auf Anhieb deutlichen Botschaften ausgestattet?

Ralf Isau: Irgendwo und irgendwie schon. Ich benutzte nicht immer dieselben Methoden - Namen einfach umzudrehen funktioniert nur in den wenigsten Fällen. Aber jede meiner Geschichten hat mehrere "Stockwerke". So kann der Leser mit unterschiedlichen Ansprüchen an den Roman herangehen und das finden, wonach er sucht. Manche begeben sich nur ins "Erdgeschoss" des Geschichte, da, wo die Action oder die Phantastik ist, andere suchen wie in einem Adventurespiel versteckte Türen, um weiter nach oben vorzudringen, in die Etagen, wo es die Geheimnisse zu entdecken gibt. Oft schreiben mir Leser, sie hätten sich mein Buch ein zweites oder drittes Mal vorgenommen und immer neue Details entdeckt. Das gefällt mir.

Literaturschock: Als ich neulich auf der Buchmesse war, erzählte Ihre Schriftstellerkollegin Karen Duve, dass sie selbst keinen wirklichen Spass am Schreiben hätte (eine Ansicht, die mich sehr überraschte). Ist das Schreiben für Sie Arbeit? Oder tun Sie dies nur aus Freude daran?

Ralf Isau: Ich habe ja für meine Tochter Mirjam zu schreiben begonnen. Es war nur ein Hobby und solche sucht man sich, weil man Spaß an einer Sache hat. Heute habe ich mein Hobby zum Beruf gemacht, aber das Erzählen von Geschichten ist für mich persönlich immer noch der schönste aller Berufe.

Literaturschock: Sie erwähnen in Ihrer Fragen & Antworten Sektion, dass sie sehr diszipliniert zu festen Zeiten schreiben. Ich kann mir das kaum vorstellen, weil ich bisher immer der Ansicht war, Schreiben sei hauptsächlich kreatives Schaffen. Steckt dahinter wirklich "nur" eine Technik, nach der man routiniert arbeitet?

Ralf Isau: Kreativität und Diszipliniertheit sind keine Gegensätze. Das kreative Genie, das einen Millionenerfolg aus dem Ärmel schüttelt ist etwa so oft anzutreffen wie ein Sechser im Lotto. Wenn Sie erfolgreiche Leute aus der Kunstszene fragen, wie sie dorthin gekommen sind, wo sie heute stehen, dann werden Sie fast immer zu hören, dass sehr, sehr viel harte Arbeit und (Selbst-)Disziplin dazu gehören. Meine Geregelte Arbeitszeit heißt ja nicht, dass ich um 8 Uhr beginne und um 16 Uhr den Griffel fallen lasse. Gewöhnlich arbeite ich bis etwa 20 Uhr abends und auch danach gehen mir meine Helden und ihre Geschicke nicht aus dem Kopf. Als Kreativschaffender ist man eigentlich immer beschäftigt, aber das empfindet man nicht als Maloche, sondern es ist ein vitaler Bestandteil des Lebens.

Literaturschock: Michael Ende ist für Sie ein Ausnahmeschriftsteller. Was ist es, das Sie an dem Autor so fasziniert?

Ralf Isau: Hauptsächlich seine Sprache. Er vermochte mit einfachen Worten Atmosphäre zu schaffen. Viele Märchen beginnen mit der bekannte Phrase: "Es war einmal ..." Bei Michael Ende liest man: "Da war einmal ..." Eher beiläufig entführt der Erzähler den Leser in seine fantastische Welt. Ideen wie Ende hat sicher auch manch anderer Autor, aber kaum einer vermag sie so in lebendige Sprache umzusetzen.

Literaturschock: Wie gehen Sie mit Kritik um? Ich könnte mir vorstellen, dass es für einen Autor teilweise sehr verletzend sein kann, wenn das eigene Werk zerrissen wird (das ist auch der Grund, weshalb auf Literaturschock keine Rezensionen, sondern persönliche Meinungen zu finden sind).

Ralf Isau: Zum Glück werden meine Bücher praktisch nie zerrissen. Es sind Details, die bemängelt werden. Wenn ich die Kritik als gerechtfertigt ansehe, versuche ich es beim nächsten Mal besser zu machen. Wenn sie nur eine persönliche Ansicht widerspiegelt, dann ist mir das egal - jeder hat schließlich das Recht, seine eigene Meinung zu äußern. Wenn allerdings - was leider viel zu häufig vorkommt - Oberflächlichkeit bei der Lektüre im Spiel ist oder - schlimmer noch - Voreingenommenheit, dann kommt die Kritik bei mir in die mentale Sondermülltonne.

Literaturschock: Was denken Sie in diesem Zusammenhang über Literaturpropheten wie Marcel Reich-Ranicki?

Ralf Isau: Im weiteren Sinne betrachte ich auch Kritiker als Kollegen und da ich selbst kein Kritiker bin, über ich über diese auch in der Öffentlichkeit so gut wie nie Kritik. Grundsätzlich hat natürlich jeder seine Stärken und Schwächen. Ich habe jedoch Reich-Ranickis Biografie gelesen und die macht mir vieles verständlich und sogar annehmbar, das mich sonst vielleicht nur den Kopf schütteln ließe.

Literaturschock: Wie viel von Ihren eigenen Erfahrungen, Ihrer Persönlichkeit, fließt in die Hauptcharaktere Ihrer Bücher?

Ralf Isau: So manches. Ich habe das nie gemessen oder einer wissenschaftlichen Untersuchung unterzogen. Fest steht: Man schreibt aus keiner schwarzen Kiste heraus, sondern als Mensch, der erlebt und Erlebtes reflektiert.

Literaturschock: Haben Sie auch einen Lieblingscharakter? Oder gar eines Ihrer Bücher, das sie am liebsten mögen?

Ralf Isau: Das Museum der gestohlenen Erinnerungen ist mein persönlicher Favorit. Am meisten ans Herz gewachsen ist mir sicher David Camden aus dem Kreis der Dämmerung.

Literaturschock: Was bedeutet Ihnen Fantasie?

Ralf Isau: O! Das ist aber eine kurze Frage für ein Thema, zu dem ich schon dicke Essays geschrieben habe. Kurz gesagt: Fantasie ist für mich das Lebenselexier, das uns Kraft und Ansporn gibt, ausgetretene Pfade zu verlassen und Neues zu erkunden. In unserer heuten Welt der Ins und Outs, der medienbestimmten Meinungsstandardisierung verhelfen die fantastische Geschichten uns dazu, das Selberdenken nicht zu verlernen.

Literaturschock: Über den Satz "Wer ein Buch schreiben will, muss mindestens sieben gelesen haben" musste ich beim ersten Lesen erheblich Schmunzeln. Ist das ein Zitat oder stammt diese Weisheit von Ihnen?

Ralf Isau: Da wären wir wieder bei der Black Box, in der ich nicht zu sitzen hoffe: Ich meine, das stammt von mir, aber da war einmal ... Nun, vielleicht hab ich's auch irgendwo aufgeschnappt. Die Aussage ist eher eine märchenhafte Untertreibung. Tatsächlich lese ich erheblich mehr als nur sieben Bücher, um eines zu schreiben. Beim den vier Bänden zum Kreis der Dämmerung habe ich zusammen genommen in 200 Quellen recherchiert. Allein bei meinem für den März 2003 geplanten ersten Erwachsenenroman, Der Silberne Sinn, waren es 150.

Literaturschock: Ich mag - wie Sie - David Eddings und Richard Adams, obwohl beide Autoren sehr unterschiedlich sind. Was zeichnet für Sie gerade diese beiden Autoren aus?

Ralf Isau: Bei den frühen Sagas von Eddings ist es die Art wie seine Fantasy mit Humor würzt. Die Protagonisten wirken auch sehr menschlich. Unten am Fluß von Richard Adams ist eine zauberhafte Fabel, die uns, obwohl sie ja von Kaninchen berichtet, zum Nachdenken über das menschliche Miteinander anregen kann, ein Ansinnen, das ich durchaus mit Adams teile.

Literaturschock: Gibt es auch Werke, die Sie überhaupt nicht ausstehen können und deren Erfolg Ihnen unerklärlich bleibt? Gibt es gar Bücher, die Sie als gefährlich erachten (aus welchem Grund?)?

Ralf Isau: Die gibt es. Jeder muss hier natürlich selbst seine persönliche "schwarze Liste" erstellen. Selberdenken bedeutet auch, Unterscheidungsvermögen einzusetzen. Ich halte Bücher für gefährlich, die zu Gunsten unterhaltsamer und auflagensteigernder Knalleffekte positive Werte wie Menschlichkeit oder Nächstenliebe untergraben, zur Verrohung im Umgang miteinander anregen, Engstirnigkeit und Voreingenommenheit fördern oder schamlos die Gefühle von Mitmenschen und Minderheiten verletzten. Wohlgemerkt, dies soll nicht den softigen Schmusebüchern das Wort reden, die niemanden weh tun wollen, während sie am Verkaufstisch durch die Hände gleiten. Manchmal muss man auf einen Missstand hinweisen und das ist nicht immer angenehm. Nur, was der Zeitgeist als nicht en vogue ins Lächerliche zieht oder gar als gefährlich einstuft, ist leider oft nur eine Frage des Geschmacks. Und der ändert sich bekanntermaßen alle paar Monate. In meinem Roman Pala und die seltsame Verflüchtigung der Worte habe ich jene gefährlichen Mechanismen zu entlarven versucht, die unter dem Deckmantel der Fortschrittlichkeit unsere Toleranz untergraben. Bücher, die solchen Zwecken dienen, können bei mir leicht in der echten Mülltonne landen, selbstredend in der grünen mit dem Altpapier drinnen.

Literaturschock: Da Sie selbst Autor von Jugendbüchern sind: Was meinen Sie zu dem Phänomen Harry Potter?

Ralf Isau: Die Frage liefert die Antwort: Es ist sicher ein Phänomen. Zu Harry Potter kann man durchaus geteilter Meinung sein, auch darüber habe ich in diesem Jahr im Mai diesen Jahres Pädagogen-Zeitschrift Lehren & Lernen publiziert. Die Bücher über Harry Potter haben neue Leser in die Buchhandlungen gelockt und einige von denen verlangen im Anschluss an die Lektüre von Rowlings Büchern nach weiterem Lesefutter. Das dürfte auch anderen Jugendbuchautoren genützt haben. Vielleicht ja sogar Ralf Isau.

Literaturschock: Haben Sie Dieter Bohlens Buch schon gelesen?

Ralf Isau: Wer ist Dieter Bohlen?

Literaturschock: Was muss ein gutes Buch für Sie haben und welches Buch lesen Sie im Moment?

Ralf Isau: Nun, als Sie mich zur Fantasie befragten, habe ich meine Gedanken zu guten Büchern schon beschrieben. Um es noch einmal zusammenzufassen: Ein gutes Buch wiegt mehr als das Papier, auf dem es gedruckt ist. Damit will ich keine Bücher verteufeln, die einfach nur gute Unterhaltung liefern. Gerade bin ich in den letzten Zügen meines "Urlaubsschmökers": Befehl von oben, von Tom Clancy. Das Buch hat mich interessiert, weil es viele seit dem 11. September 2001 erlebte und diskutierte Schreckensszenarien auf sehr detaillierte Weise vorweg genommen hat. Davor habe ich Hesses Steppenwolf gelesen und davor Die Buddenbrooks von Thomas Mann. Permanent lese ich auch Fachliteratur, um mir für meine eigenen Geschichten die wissenschaftlichen Grundlagen zu erarbeiten, so etwa eine Biografie über Hanussen oder das Buch eines Psychologen über Empathie (Einfühlung). Sie sehen: Bei mir mischt sich Literarisches, Belletristisches und Sachbezogenes ganz bunt durcheinander und ich habe gar kein schlechtes Gewissen dabei.

Literaturschock: Vielen Dank für die Möglichkeit, Sie interviewen zu dürfen.

Ralf Isau: Ich habe zu danken. Ihnen und allen Besuchern Ihrer Website wünsche ich alles Gute und noch viele spannende Lesestunden.

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