Tobias O. Meißner, Jahrgang 1967, lebt seit seinem zweiten Lebensjahr in Berlin, seit elf Jahren in Nordneukölln. Er studierte Kommunikationswissenschaften (M.A.) und arbeitet seit 1997 halbjährlich wechselnd als Fabrikarbeiter und freiberuflicher Schriftsteller.

Literaturschock: Würdest Du uns zuerst ein bißchen etwas über Dich erzählen?

Tobias O. Meißner: Tja, was soll ich hier erzählen, das nicht in den folgenden Fragen auch erwähnt werden wird?

Ich bin gerade 38 Jahre alt geworden, habe einen Magistergrad der Kommunikationswissenschaften und lebe seit 1997 als freiberuflicher Schriftsteller. Ich bin eigentlich eher ein Film- als ein Literaturexperte und bemühe mich immer darum, die Stärken anderer Erzählmedien (dazu gehört für mich z. B. auch das Medium Computerspiele) in die Literatur zu überführen. Literatur ist deshalb die ultimative Ausdrucksform für mich, weil man dort völlig autark arbeiten kann, ganz anders als zum Beispiel in der von Kompromissen verwässerten Filmindustrie. Außerdem fasziniert mich an Literatur, wie viele Bücher noch nicht gemacht wurden, also, wie viele Ideen man entwickeln kann, für die es noch kein direktes Vorbild gibt.

Literaturschock: Irgendwie machst Du ein bisschen den Eindruck, ambitionierterRollenspieler zu sein. Trügt der Eindruck oder hast Du eineRollenspiel"Vergangenheit"?

Tobias O. Meißner: Der Eindruck trügt nicht, ich spiele seit meinem 17. Lebensjahr – also seit über zwanzig Jahren - im Großen und Ganzen mit den selben Leuten Fantasy-Rollenspiele, sowohl als Spielleiter als auch als reiner Spieler. Es ist also genau genommen keine „Rollenspielvergangenheit“, die Du da durchschimmern siehst, sondern eine „Rollenspielgegenwart“ und wahrscheinlich „Rollenspielkonstante“. Meine Freunde altern mit mir mit und halten das Rollenspiel immer weiter interessant, weil wir auf einem immer größer werdenden gemeinsamen Erfahrungsschatz aufbauen können. Übrigens sind Rollenspiele ein sagenhaft gutes Erzählmedium, um Konzepte auszuprobieren und im wahrsten Sinne des Wortes durchzuspielen, die in Bücher zu fassen man einfach keine Zeit hätte.

Literaturschock: Dein neues Buch "Die dunkle Quelle" ist so etwas wie ein"Öko"-Fantasy-Roman. Daneben hast Du mit "Hiobs Spiel" einenHorror-Thriller und mit "Starfish Rules" Cyberpunk abgeliefert - nicht nurdas Genre, sondern auch der Schreibstil unterscheidet sich jeweils. Dulegst Dich nicht gerne fest, oder? Ist es eine besondere Eigenschaft vonDir, besonders vielseitig zu schreiben?

Tobias O. Meißner: Zuerst eine kleine Korrektur:„Starfish Rules“ war kein Cyberpunk, sondern ein alternativhistorischer Thriller, der in den verfremdeten 30er Jahren Amerikas angesiedelt ist. Mein Cyberpunkbuch hieß „Neverwake“.Ja, ich schreibe gerne vielseitig, weil auch das Leben und die Welt vielseitig sind. Ich schaue mir im Kino ja auch nicht NUR asiatische Filme oder NUR Historienepen oder NUR Beziehungsdramen an, sondern finde an allem Gefallen, was gut gemacht ist. Genau so möchte ich nicht nur ein Genre schreiben, sondern alle, die das Potential haben, mich zu faszinieren. Ich misstraue Autoren ein wenig, die immer nur das selbe machen. Das sind entweder sehr eindimensionale Menschen, oder sie haben eine Erfolgsmasche gefunden, auf der sie aus Angst vor materiellen Einbußen immer wieder herumreiten. Theoretisch gäbe es zwar auch ein Gegenbeispiel, nämlich Autoren, die es durch jahrelange Widmung in einem einzigen Genre zur absoluten Meisterschaft bringen - so wie etwa Alfred Hitchcock der unumschränkte Meister des Filmthrillers war - aber heutzutage ist solches Talent ausgesprochen rar und wird aufgrund medialer Flüchtigkeitsbedingungen kaum noch ausgeübt.

Literaturschock: Thema Umweltschutz: Wenn Du eine Sache auf der Welt zugunsten der Umwelt mit Zauberkräften ändern könntest - welche wäre das?

Tobias O. Meißner: Es ist nicht direkt Umwelt-, sondern Tierschutz, aber das gehört für mich zusammen: Tierversuche sind ein Verbrechen. So lange die Menschheit nicht zivilisiert genug ist, auf das systematische Foltern hilfloser Tiere verzichten zu können, nur um ihr eigenes Schmerz- und Hässlichkeitspensum zu reduzieren, so lange wird sie in meinen Dramen immer eine Schurkenrolle spielen, so leid mir das tut. Das Essen von Tieren kann ich verstehen und praktiziere es auch selbst; es handelt sich immerhin um ein Konzept, das in der Natur auch vorkommt. Aber das kalkulierte Misshandeln und Morden in Laboren? Das ist krank und entwürdigend, entwürdigend in erster Linie für die Täter. Im vierten Band von IM ZEICHEN DES MAMMUTS wird es um Tierversuche gehen, spätestens ab dann wird Fantasyliteratur nicht mehr der Realitätsflucht bezichtigt werden können.

Literaturschock: Wie schauen Deine Zukunftspläne aus? Teile 2 bis 12 der Reihe "ImZeichen des Mammuts" - aber denkst Du darüber hinaus schon weiter?

Tobias O. Meißner: Mein auf fünfzig Jahre angelegter Zyklus „Hiobs Spiel“ läuft selbstverständlich weiter (Band 2 erscheint voraussichtlich im Frühjahr 2007, Band 3 ist auch schon zu drei Vierteln fertiggestellt). Meine Comic-Trilogie „Berlinoir“ (mit dem brillanten Zeichner Reinhard Kleist) wird 2006 mit dem dritten Band abgeschlossen. Ansonsten tatsächlich „Mammut“, “Mammut“ und noch mal „Mammut“, mit allerdings noch weiteren anderen Fantasyzyklen in der Hinterhand. Ab und zu (sprich: auf Anfrage) mal eine Kurzgeschichte für eine Anthologie (demnächst die düster-expressionistische Story „Söldner“ in einer noch unbetitelten und nächstes Jahr erscheinenden Textsammlung des nagelneu gegründeten Pahino-Verlages), dann noch ein paar durchgeknallte Einzelkonzepte, über die ich noch nichts verraten möchte, eventuell mal wieder ein Drehbuch oder ein Hörspiel (meine Drehbücher sind bislang alle unrealisiert, aber immerhin schon zwei Hörspiele aus meiner Feder wurden vom DeutschlandRadio produziert)– und sehr gerne würde ich irgendwann noch die Bände 2 und 3 des eigentlich als Trilogie angelegten „Neverwake“-Universums nachreichen, weil ich ja auch noch als regelmäßiger Kolumnist für die Computerspielzeitschrift GEE arbeite und an diesem Thema dauernd „dran“ bin.

Literaturschock: Dein Buch "Hiobs Spiel" zeichnet sich nach Deinen eigenen Angaben unter anderem durch seine Abscheulichkeit aus. Was war Deine Intention, so einBuch zu schreiben (und auf diese Art)?

Tobias O. Meißner: „Hiobs Spiel“ ist Exorzismus und Psychotherapie in einem. Irgendwann so etwa mit 25 Jahren hatte ich das deutliche Gefühl, am Elend der Welt langsam aber sicher wahnsinnig zu werden - und daß ich die Idee hatte, all meine Alpträume und Schreckensvisionen in einen romanhaften Erzählzyklus zu bannen, hat mich gerettet. Ich halte mich heute für einen einigermaßen ausgeglichenen und freundlichen Menschen, aber hätte ich niemals die Missgeburt namens „Hiobs Spiel“ zur Welt gebracht, wäre das wahrscheinlich nicht so.

Literaturschock: Welchen Anspruch hast Du selbst an Deine Bücher?

Tobias O. Meißner: Das ist eine extrem schwierige Frage, weil es mindestens drei Ebenen gibt, auf denen ich „Anspruch“ definieren würde.Natürlich hoffe ich (erstens) für alle meine Texte, daß sie keine Wegwerfliteratur sind, sondern auch noch in kommenden Jahrzehnten und vielleicht auch nach meinem Ableben noch für das eine oder andere „Aha“-Erlebnis sorgen können.Darüberhinaus ist mir aber (zweitens) vollkommen klar, daß ich mit meinen 38 Lenzen zwar für einen Profisportler schon zu alt wäre, als Schriftsteller in einem solchen Lebensalter aber noch ziemlich am Anfang stehe. Jorge Luis Borges hat erst mit über vierzig losgelegt, Theodor Fontane erst mit sechzig seinen ersten Roman geschrieben. Insofern betrachte ich meine Texte also nicht als formvollendete Weltliteratur, sondern als Trittsteine und persönliche Wegmarken auf meinem langen und mühevollen Weg dorthin.Drittens wiederum schreibe ich nicht, um an meinen eigenen Ansprüchen und ihrer Uneinlösbarkeit zu verzweifeln. Schreiben muß mir tatsächlich auch Spaß machen, deshalb folge ich in meinen Entscheidungen, was ich als nächstes mache, immer auch meinem eigenen Lustgefühl. Letztlich bereitet mir ja selbst das ungeheuerliche „Hiobs Spiel“ ein positives Empfinden, weil es mir hilft, meinem ansonsten chaotisch wuchernden Unterbewusstsein Formen, Namen und Sinn zu verleihen.

Schreiben ist großartig! Wenn das beim Leser „rüberkäme“, wäre schon viel erreicht.

Literaturschock: Du hast Kommunikationswissenschaften studiert, arbeitest im Wechsel als Fabrikarbeiter und freiberuflicher Schriftsteller. Kommst Du überhauptnoch selbst zum Lesen?

Tobias O. Meißner: Ich lese sehr viel, meistens zehn bis zwanzig Bücher simultan, weil ich zum einen ein sehr langsamer Leser bin (was wiederum daran liegt, daß ich mir beim Lesen andauernd Gedanken mache) und ich zum anderen das Verknüpfen von Dingen, die nichts miteinander zu tun haben, äußerst interessant finde. Ich lese auch sehr viele Comics. Das ist noch so eine unterschätzte Kunstform. Ich habe wohl ein Faible für Außenseitermedien, die den Ruf des „Nerdigen“ tragen: Rollenspiele, Computerspiele, Comics, elektronische Frickelmusik, Horrorfilme und so Sachen ...

Literaturschock: Vom Feuilleton wirst Du als "Ausnahmetalent mit Potential zum Kultautor" bezeichnet. Doch Kultautoren schreiben oft nicht für die Masse. Wie siehstDu Dich im Vergleich zu Autoren wie Andreas Eschbach, Kai Meyer undWolfgang Hohlbein, von denen vor allem letztere im Akkord Bücherschreiben?

Tobias O. Meißner: Andreas Eschbach habe ich mal persönlich kennengelernt, das ist ein sehr netter, umgänglicher Mensch. Gelesen habe ich aber noch nichts von ihm oder den anderen Obengenannten, weil mich tatsächlich eher das nicht so Geläufige fasziniert. Ich bin sicherlich kein typischer „Massenautor“, aber gerade für meinen „Mammut“-Zyklus wünsche ich mir sehr viele Leser und verzichte zugunsten guter Lesbarkeit auch auf stilistisch exaltierte Experimente, wie man sie in „Hiobs Spiel“ auf beinahe jeder Seite findet. Ich habe mit „Mammut“ etwas Großes und Episches mit einer – wie ich finde – aufregenden Botschaft vor, das würde ich sehr gerne mit möglichst vielen Leuten teilen. Ich habe also keine Berührungsängste mit einem großen Publikum und finde so etwas auch nicht generell despektierlich, es ist nur einfach ein Ansatz, der nicht für jedes meiner Projekte geeignet ist.

Literaturschock: Hast Du ein Lieblingsbuch oder einen Lieblingsautor (Autorinnen dürfen natürlich auch genannt werden). Gibt es auch ein Buch, dessen Erfolg Dirabsolut unerklärlich erscheint? (Du darfst uns natürlich auch verraten,was Du gerade liest).

Tobias O. Meißner: Lieblingsbuch: „Musashi“ von Eiji Yoshikawa, aber auch „Moby Dick“ von Herman Melville

Lieblingsautor: Jorge Luis Borges, aber auch der Comicautor Alan MooreLieblingsautorin: Elfriede Jelinek, aber auch Melanie Stumpf (die meine Lebensgefährtin ist, und den wirklich großartigen filmwissenschaftlichen Essay „Der künstliche Leib“ verfasst hat)

Unerklärlicher Erfolg: schwierig zu beantworten. Gute Bücher haben jeden Erfolg verdient, den sie bekommen können, der Erfolg dämlicher und anspruchsloser Bücher ist aber auch nie unerklärlich, sondern im Gegenteil wohlkalkulierbar. Am meisten erstaunt mich wohl, wenn brillante Bücher große Erfolge werden. So hat sich zum Beispiel „Das Foucaultsche Pendel“ von Umberto Eco, das geradezu unerhört anspruchsvoll konstruiert ist, gar nicht schlecht verkauft, oder? (Aber das war wahrscheinlich „Der Name der Rose“ zu verdanken.)

Momentan auf meinem Nachttisch: (unter dutzenden weiteren Büchern, die ich alle gleichzeitig lese): das „Hagakure“ des mir absolut unsympathischen Tsunetomo Yamamoto, die neue preisgünstige zweisprachige Ausgabe des „Beowulf“, „Kristus“ von Robert Schneider und „Flammenbucht“ von Markolf Hoffmann (mein Fantasy-Tip!).

Literaturschock: Vielen Dank, Tobias, dass Du Dir die Zeit für uns genommen hast! Wir freuen uns auf Deine weiteren Bücher!

Tobias O. Meißner: Ich habe zu danken!

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