Wolfgang Burger wurde 1952 in Oberwihl, einem kleinen Schwarzwalddorf, geboren. Er besuchte das Gymnasium und studierte nach dem Wehrdienst Elektrotechnik an der Universität Karlsruhe, an der er seit 1980 als wissenschaflicher Angestellter arbeitet. Wolfgang Burger promovierte 1993 zum Dr.-Ing. und ist seit 1998 Leiter des Forschungslabors des Instituts für Maschinenkonstruktionslehre und KFZ-Bau.

Literaturschock: Vor Deinem ersten Buch "Mordsverkehr" hast Du satirische Kurzgeschichten und Kurzkrimis in verschiedenen Tageszeitungen veröffentlicht und zur Schriftstellerei kamst Du erst so richtig 1995. Inzwischen leitest Du das Forschungslabor der TU Karlsruhe. Da erwartet man doch eher eine naturwissenschaftliche Abhandlung als einen Krimi. Gab es dafür einen Auslöser oder hattest Du vorher schon immer ein Faible für das Schreiben?

Wolfgang Burger: Zunächst mal, damit mein Chef und der Rektor der Universität nicht böse werden mit mir: Ich leite nicht das Forschungslabor der Universität (davon gibt’s nämlich eine ganze Menge), sondern das Labor unseres Instituts (davon gibt’s nur eines). Und zum Wesentlichen: Nein, nachdem in der Schule Erlebnisaufsätze nicht mehr gefragt waren, hatte ich auch keinen Draht mehr zum Schreiben. Aber schon damals hat mir das Erfinden und Erzählen spannender und witziger Geschichten Spaß gemacht. In diese Zeit fällt auch meine erste und dann für lange Zeit einzige Veröffentlichung: Eine Krimi-Kurzgeschichte in einer Kinderzeitschrift namens „Glückspilz“. Hat ein Honorar von DM 5,- und eine Menge Neid Gleichaltriger eingebracht. Vielleicht hat der Virus ja von da an in mir geschlummert. Der Auslöser war dann eine Art Sinnkrise Mitte der neunziger, wie sie vielleicht jeden Menschen hin und wieder überfällt. Die Frage, ob man nun das erreicht hat, was man erreichen wollte. Ob nun alles so bleiben wird, wie es jetzt ist, bis zum bitteren Ende. Und dann kam dies alte Lust zum Erzählen wieder hoch. Und der Entschluss: Versuch’s doch mal. Mach doch einfach mal. Was kann schon groß schief gehen dabei?

Literaturschock: Krimis = Schundliteratur. Eine gängige Gleichung, die vor nicht allzu langer Zeit noch Gültigkeit hatte. Doch aus welchem Grund hast Du Dich den Krimis verschrieben? Was fasziniert Dich an diesem Genre?

Wolfgang Burger: Ich glaube, dass diese Gleichung heute wirklich nicht mehr gilt. Was ist überhaupt ein Krimi? Und welcher gute Roman ist nicht irgendwo auch ein wenig ein Krimi? Das ist inzwischen alles sehr vage, die Grenzen sind verwischt, auf vielen Krimis steht nicht einmal mehr Krimi drauf. Was mich daran fasziniert? Dass man Menschen in Grenzsituationen beobachten kann. Dass diese Art von Literatur mit dem wirklichen Leben zu tun hat und nicht nur mit der selbstbezogenen Welt des Autors. Krimis reagieren meiner Meinung nach als erste aller Literaturgattungen auf Veränderungen der Umwelt. Denk nur mal an die Erfindung der Handys und des Internets. Prompt funktionierten jede Menge bestens bewährter Plots nicht mehr, dafür waren plötzlich andere, völlig neue denkbar. Für mich ist der Krimi auch deshalb das richtige Genre, weil er sehr stark von der Logik der Handlung lebt und weniger vom künstlerischen Anspruch der Sprache. Ich habe eine merkwürdige Erfahrung gemacht: Das „Konstruieren“ einer Geschichte hat enorme Ähnlichkeit mit dem Konstruieren einer Maschine, eines Geräts. Die Abläufe, die Denkprozesse sind die gleichen. Und da kommt mir meine Erfahrung und Arbeitsweise als Ingenieur sehr entgegen. Das hätte ich so nicht erwartet.

Literaturschock: Und was, glaubst Du, fasziniert den Leser am Krimi?

Wolfgang Burger: Der Krimi zieht meiner Meinung nach einen großen Teil seiner Faszination aus dem Gefühl der Leserinnen und Leser, dass so eine Geschichte jederzeit ihnen selbst oder doch um die nächste Ecke passieren könnte. Wenn er nicht nah an der Realität gebaut ist, dann taugt er nichts (wenn wir mal von den historischen Krimis absehen). Ein alter Werbespruch der Buchhändler fällt mir dazu ein: „Bücher sind Erfahrungen, die man kaufen kann“. Genau das ist es: Man kann in Krimis (in Büchern überhaupt) Dinge erleben, die man um Himmels willen niemals selbst durchleiden möchte. Und das im sicheren Gefühl, dass einem nichts passieren kann. Und dass es am Ende meistens doch gut ausgeht. Ganz im Gegensatz zum wirklichen Leben.

Literaturschock: Bereits in "Mordsverkehr" ist mir Dein Sinn für Humor aufgefallen, den Du an der Figur Thomas Petzold und ihren trockenen Sprüchen in jedem Buch beibehalten hast. Wie wird sich das in den folgenden Büchern weiterentwickeln? Wird es noch weitere - vielleicht skurrilere - Protagonisten geben? Oder bleibt der Schwerpunkt bei der kriminalistischen Handlung?

Wolfgang Burger: Ich werde auf jeden Fall beim Krimi-Fach bleiben. Das glaube ich zu können. Nichts ist in der Regel peinlicher als Krimischreiber, die sich plötzlich zur hohen Literatur berufen fühlen. Andere Protagonisten wird es immer geben. Bei mir liegt der Fokus ja nie nur auf den Ermittlern, sondern immer auch auf den Opfern oder Tätern. Und die sind naturgemäß jedes Mal andere. Das erlaubt es mir auch, immer wieder Neues auszuprobieren, ohne auf das bewährte Personal verzichten zu müssen. Im nächsten Band „Abgetaucht“ wird Petzold (zusammen mit seiner Kollegin und neuen Lebensabschnittsgefährtin Birgit Malmberg) wieder eine wesentlich wichtigere Rolle spielen als in „Projekt Dark Eye“. Aber auch hier werden die eigentlich zentralen Figuren wieder andere, neue Personen sein. Mein Stammpersonal wird sich auch weiterentwickeln. Vor allem Petzold sollte nun endlich, mit Anfang dreißig, so langsam mal erwachsen werden. Aber ich bin sicher, seine Birgit wird ihm dazu schon den notwendigen Antrieb geben. Skurrile, abgedrehte Protagonisten sind nicht so mein Ding. Ich versuche, mit möglichst „normalen“ Personen auszukommen. Das ist vielleicht ein Handicap. Aber es liegt mir mehr, als auf Teufel komm raus ungewöhnliche, originelle Personen zu basteln. Außerdem gibt es vermutlich keinen noch so originellen Protagonisten, den nicht irgendwer schon erfunden hat. Eine Zeit lang war das ja regelrecht Mode, sich immer neue Verrücktheiten und Absonderlichkeiten einfallen zu lassen, um sich noch irgendwie abzuheben von der Menge.

Literaturschock: Gefällt es Dir - wie schon geschehen -, mit Autoren / Autorinnen wie Donna Leon verglichen zu werden?

Wolfgang Burger: Das war wohl nicht ganz ernst gemeint von dem guten Journalisten, der das getan hat. Aber es schmeichelt einem natürlich dennoch. Und wenn ich ehrlich bin: Soo doll finde ich Donna Leon auch gar nicht. Da gibt es weiß Gott bessere, wo man blass wird vor Neid. Wo man sich zähneknirschend eingestehen muss, dass man diese Klasse niemals erreichen wird. Leider sind das nie die mit den großen Auflagen ...

Literaturschock: Schreibst Du genau das, was Du schon immer schreiben wolltest? Oder schlummert da noch eine unausgegorene Idee in Dir, die Du unbedingt verwirklichen möchtest?

Wolfgang Burger: Jede Idee ist relativ neu, wird im Laufe der Wochen und Monate vor dem Beginn des Niederschreibens geboren. Daneben gibt es immer noch eine Vielzahl anderer Ideen, die kommen und wieder gehen, ein Stück weit ausprobiert, durchgedacht und meist am Ende wieder verworfen werden. Die Geschichte sollte ja nicht so sein wie das, was man alle Tage im Fernsehen sieht. Sie sollte sich deutlich abheben vom letzten Roman und auch von den früheren. Sie sollte ein neues, ganz eigenes Thema haben, das vielleicht auch eine etwas andere Sprache, einen anderen Ton erzwingt. Und irgendwann macht es „Pling“, und dann weiß ich: Die ist es. Diese Geschichte will ich schreiben. Natürlich gibt es auch jede Menge alter Ideen, die irgendwo im PC abgespeichert sind, aus denen aber merkwürdigerweise meist nichts Rechtes werden will. Es gibt auch noch einen kompletten Roman, noch älter als der Hippokrates, der geduldig darauf wartet, nun auch irgendwann mal das Licht der Welt erblicken zu dürfen. Aber es ist ja noch eine Menge Zeit ...

Literaturschock: Ist Deine Familie Dein größter Fan oder Dein größter Kritiker, nachdem sie eines Deiner Bücher gelesen hat?

Wolfgang Burger: Meine Töchter lesen (mit Ausnahmen) kaum Bücher. Und schon gar nicht meine. Meine Frau liest immer die erste Version und schimpft dann mit mir (mit Recht, Hemingway soll mal gesagt haben: „Die erste Version ist immer Mist“, oder sogar noch ein bisschen krasser). Später liest sie es meist kurz vor Fertigstellung noch mal und schimpft dann nicht mehr so sehr. Sie ist meine erste und wichtigste Kritikerin. Auch, weil sie sich von Spannung nicht fesseln lässt, d.h. sie ist nicht korrumpierbar durch Action und Hektik. Und als Psychotherapeutin hat sie natürlich ein scharfes Auge auf die Figuren, auf die Psychologie und die Motivationen.

Literaturschock: Wo holst Du Dir Feedback zu Deinen Arbeiten? Durchforstest Du auch das Internet, diverse Foren etc.?

Wolfgang Burger: Zunächst mal lasse ich meine Sachen während der Entstehung immer gerne von verschiedenen (wechselnden) Personen probelesen. Das bringt immer eine Menge Anregungen. Das nächste (massive) Feedback kommt vom Verlag, vom Lektorat. Und dann gucke ich natürlich schon hin und wieder, was im Internet so darüber geredet wird. Dazu werfe ich Google an und lasse mal suchen, wo überall mein Name auftaucht. Als Autor von Unterhaltungsliteratur ist mir die Meinung der LeserInnen sehr wichtig. Wichtiger als die Meinung der Kritiker. Ich bin kein Künstler. Ich schreibe nicht für mich oder für die Nachwelt, sondern für mein Publikum. Das heißt nicht, dass ich bedingungslos mache, was der Markt am liebsten will. Wenn es so wäre, müsste ich vermutlich Pornografie schreiben. Aber es ist mir wirklich sehr wichtig, wie die „normalen“ Leser auf meine Bücher reagieren. Wo sie sich gelangweilt haben. Wo sie gelacht haben. Man kann als Autor immer dazulernen und freut sich auch über mal ein kleines Lob. Und ich bin ja immer noch ein ziemlich „junger“ Autor, wenn ich auch als Mensch schon ein beträchtliches Alter erreicht habe.

Literaturschock: War es schwer für Dich, einen Verlag zu finden? Wie beurteilst Du die Lage deutscher Schriftsteller? Glaubst Du, dass es in Zukunft für deutsche Autoren leichter oder schwerer werden wird, einen Verlag für ihr Buch zu finden?

Wolfgang Burger: Merkwürdigerweise nicht. Ziemlich genau zwei Jahre, nachdem ich mich diesem Laster hingegeben habe, hatte ich den ersten Verlag gefunden. Das war damals Zebulon, das Buch war „Mordsverkehr“. Das ist relativ schnell, vor allem, wenn man bedenkt, dass ich zunächst von Tuten und Blasen keine Ahnung hatte. Aber ich habe das Ganze sehr systematisch angepackt. Habe nachgehakt, wenn Absagen kamen, versucht zu verstehen, was den Lektoraten an meinem Zeug nicht passt. Habe Literatur gelesen. Vor allem aus Amerika gibt es ein paar sehr hilfreiche Bücher über kreatives Schreiben. Dort versteht man das Geschäft viel mehr als Handwerk denn als Kunst. Und schließlich ist die Lektorin dann ordentlich mit mir Schlitten gefahren, wir haben lange an dem Ding rumgebastelt und ich durfte eine Menge dazulernen. Damals habe ich sie manchmal gehasst. Inzwischen bin ich ihr sehr dankbar.

Die Marktsituation für die deutschen Autorinnen und Autoren (ich denke, wir reden weiterhin über U-Literatur) ist nach wie vor nicht so toll. Die Konkurrenz aus dem Ausland und die Gewohnheiten des Buchhandels und der Leserschaft sind stark. Aber wir bilden uns ein, dass sich das Fähnchen ganz, ganz langsam zu unseren Gunsten dreht. Die Qualität am oberen Ende wird besser und besser. Natürlich wird nach wie vor viel Mist veröffentlicht. Aber es gibt inzwischen doch die eine oder andere Perle bei uns zu finden, die den Vergleich mit den großen ausländischen Vorbildern nicht zu scheuen braucht. Es lohnt sich also, sich auch mal unter der heimischen Produktion umzusehen.

Für einen Krimi einen Verlag zu finden, ist nach wie vor nicht übertrieben schwer, wenn man gute Geschichten erfinden und erzählen kann. Da besteht immer Bedarf. Natürlich wird man selten gleich bei Rowohlt oder Diogenes landen. Aber es gibt inzwischen so viele kleine Verlage, die sich freuen, wenn sie gute Manuskripte angeboten bekommen, da sind die Chancen ganz gut. Wie es bei anderen Genres aussieht, weiß ich nicht. Insgesamt fahren die Verlage ihre Produktion runter. Sie machen weniger Bücher und versuchen von denen mehr zu verkaufen. Und deshalb brauchen sie natürlich auch weniger neue Autoren. Aber ich behaupte: Wer gut ist und nicht aufgibt, der wird immer einen Verlag finden.

Literaturschock: Gibt es Deiner Meinung nach das "ultimative" Thema (genreunabhängig), das in Deutschland am besten verkauft wird?

Wolfgang Burger: Hui, was für eine Frage. Jemand sagte mal, die einzige ewig spannende Geschichte sei: „Boy meets Girl“. Die Liebe wird immer und ewig ein spannendes Thema bleiben. Und der Tod natürlich. Und schon haben wir einen Krimi.

Literaturschock: Bleibt neben Familie, Schriftstellerei und Beruf noch Zeit für Wolfgang Burger? Hast Du überhaupt noch Zeit, ganz entspannt ein Buch zu lesen? Falls ja: Was liest Du gerade?

Wolfgang Burger: Klar bleibt Zeit. Da ich sonst keine Hobbys habe und meine Töchter nicht mehr abends mit mir spielen wollen, geht das schon ganz gut. Natürlich gibt es Wochen und auch mal Monate, wo nichts geht, nicht mal schreiben. Aber das bessert sich wieder. Zur Zeit lese ich viel, weil ich, nach der Fertigstellung zweier Romane mehr oder weniger parallel, keine Lust zum Schreiben habe. Es gibt aber auch Zeiten, wo ich mangels Zeit außer Zeitungen nichts lese. Das letzte Buch, das ich gerade gestern Abend zugeklappt habe, war von Monika Maron „Die Überläuferin“. Das war sehr gut. Davor ein Krimi aus dem Hause Rowohlt, dessen Autor ich vor Wochen zufällig kennen gelernt hatte. Der war nicht so gut.

Literaturschock: Ich stelle es mir schwierig vor, als Schriftsteller vorbehaltlos ein Buch zu lesen. Denkt man da nicht oft "Das hätte ich aber besser gemacht"?

Wolfgang Burger: Ja, das ist in der Tat ein Problem. Man bekommt mit der Zeit automatisch Lektorenaugen. Ich habe mich schon dabei erwischt, wie ich unwillkürlich nach einem Stift griff, um im Text rumzuschmieren. Das nervt und ist ein wenig schade. Bei Monika Maron hat es mich übrigens nicht ein einziges Mal in den Fingern gejuckt. Bei anderen passiert das ziemlich oft. Da sieht man, was Qualität ist. Der letzte Krimi, den ich so richtig ohne diesen Effekt in einem Rutsch runtergelesen habe, war „American Hero“ von Larry Beinhart. Auf Englisch. Da funktioniert dieser Blick auf die Sprache nicht, da war ich „nur“ Leser und konnte mich in die Geschichte hineinfallen lassen. Das Buch hat übrigens Weltklasse. Sehr zu empfehlen!

Literaturschock: Was hast Du als nächstes Buchprojekt geplant? Wir warten alle sehnsüchtig auf viele weitere Petzold-Krimis!

Wolfgang Burger: Da der nächste (Abgetaucht) ja in wenigen Tagen erst erscheinen wird, und ich mir, wie oben erwähnt, derzeit eine Pause gönne, sind die Pläne noch nicht sehr konkret. Aber eine Idee geistert schon wieder hartnäckig in meinem Kopf herum. Ich weiß noch nicht, ob es schon „Pling“ gemacht hat, aber es ist nahe dran. Bis jetzt funktioniert die Geschichte sehr gut. Den großen Haken, der sie unmöglich macht, habe ich noch nicht gefunden. Der Arbeitstitel ist „Lacrima“. Der wirklich perfekte Mord. Mittels Internet, nebenbei bemerkt. Schaumermal, was daraus wird ...

Literaturschock: Vielen Dank, dass Du Dir Zeit für uns genommen hast!

Wolfgang Burger: Hat mir großen Spaß gemacht. Danke für die interessanten Fragen.

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