Karla Paul, die neue Literaturpäpstin

Karla Paul wurde - ich würde es fast schon prophetisch nennen - am Tag des Buches 1983 geboren. Man gewinnt den Eindruck, dass sie schon mit einem Buch in den Händen auf die Welt kam und so führte sie bereits mit 15 Jahren ihre ersten Autoreninterviews und schrieb Rezensionen. Seit 2000 wuselt sie sich auch beruflich durch die Literaturbranche und wohl nicht nur für mich ist Karla Paul inzwischen das Synonym für die am besten vernetzte Frau der Buchwelt 2.0.

Karla Pauls BeineDas erste mal sah ich sie auf der Buchmesse in Frankfurt 2014 - schon dort beeindruckte sie mich. Da ich damals kein Wort mit ihr wechseln konnte: Vor allem mit ihren Schuhen. Wer eine Messewoche damit ohne Klagen übersteht, kann nur eine Powerfrau sein, oder? Auf der Leipziger Messe 2015 traf ich sie dann erneut und konnte dieses Mal sogar mit ihr reden. Bei der Gelegenheit war sie auch etwas streng mit mir - und brachte damit einen Stein bei mir ins Rollen, der noch einige Veränderungen nach sich ziehen wird.

Eine Frau, die sehr deutlich signalisiert: Ich weiß, was ich will und ich nehme es mir. Dabei verliert sie aber nie ihren Fokus auf die Menschlichkeit.

Das Interview hatte ich ihr schon vor einigen Wochen geschickt und ich bin froh, dass es nun doch noch zeitlich so passend geklappt hat mit den Antworten, dass die Fragen nicht völlig veraltet sind ;-)

Susanne Kasper: Bevor wir anfangen: Gibt es eine Frage, die dir nie gestellt wurde, von der du es dir aber wünschst?

Karla Paul: Ohne schnippisch sein zu wollen (aber eigentlich doch) – das ist schon die Anfangsfrage. Und es gibt keine solche Frage. Ich kommuniziere auch gern viel ohne gefragt zu werden, das wäre ja sonst zu einfach. Also nein. Aber ich bin gespannt, was jetzt noch kommt und versuche mich entgegen meiner sonstigen Kommunikationsstrategie kurz zu fassen. (Anmerkung nach Beantwortung aller Fragen: hat leider nicht geklappt.)

Susanne Kasper: Oft bitte ich meine InterviewpartnerInnen, mir drei Adjektive zu nennen, die sie beschreiben. Dich frage ich jetzt aber lieber: Was bedeuten Bücher für dich?

Karla Paul: Alles. Sie waren und sind mein ganzes Leben und meine größte Liebe, hinter der alles sonst zurücksteht und verblasst. Das war schon immer so und gibt mir täglich Kraft für abenteuerlich viele Projekte, Ideen und Wünsche rund um die Literatur und ich bin sehr dankbar, dieses Leben so führen zu dürfen. Mit, dank und für Bücher bin ich ein glücklicher Mensch und ich gebe alles, damit es anderen Lesern auch so geht oder sie zu solchen werden. Mein Herz schlägt in Seitenzahlen.

Karla Paul und das Zamperl

© Fotografie: Raimund Verspohl, mit freundlicher Genehmigung von Karla Paul

Susanne Kasper: Stelle Dir vor, Du dürftest für eine Woche die Rolle eines Buchcharakters übernehmen. Egal welches Buch, egal welcher Charakter. In welches Buch würdest Du reisen und weshalb?

Karla Paul: Das schöne an der Literatur ist ja, dass wir das sowieso dürfen – jeder von uns kann und darf das jederzeit. Ich mag mich da auch nicht entscheiden, weil ich meine Literatur der Laune anpasse und die ändert sich zu oft. In schweren Situationen stelle ich mir vor, dass ich die imaginären Kräfte meiner Lieblingscomicheldin WonderWoman hätte und versuche mir ein unbesiegbares Selbst in den Kopf zu setzen. Klingt vielleicht etwas verrückt, aber das funktioniert erstaunlich gut und hilft einem durch manch verkorksten Alltag.

Susanne Kasper: Was ist die verrückteste Frage, die dir je in einem Interview gestellt wurde?

Karla Paul: Die wenigsten Journalisten stellen wirklich verrückte Fragen. Diese Woche hatte ich ein Gespräch mit einem Redakteur, der meinte, er wolle die Autoren mal nach ihrer Toilettenpapiermarke fragen. Die wüsste ich nicht einmal. Wer weiß denn so etwas? Verrückt bzw. respektlos finde ich die Frage von Peter Turi an die Gala-Chefredakteurin, ob sie sich hochgeschlafen hätte. Aber so etwas blieb bei mir glücklicherweise bisher aus.

Susanne Kasper: Nun ein paar "ernstere" Fragen.

Karla Paul: Oha.

News aus der Buchbranche: Karla Pauls Buchkolummne

Susanne Kasper: Ich bin regelmäßige Leserin deiner Buchkolumne und frage mich immer: Wie kommt Karla Paul zu so vielen interessanten Inhalten? Welche und wie viele Seiten muss sie dafür abgrasen?

Karla Paul: Die Kolumne entstand, weil ich meine Bekannten immer mit Links zu ihren Themen versorgte (oder nervte, je nachdem). Ich bin viel und oft in den Netzwerken und auf Nachrichtenseiten unterwegs und habe ein gewisses Talent dafür Informationen zu filtern. Dann kam die Idee, dass ich das genauso gut auch in einer wöchentlichen Kolumne zusammenschreiben könnte, so hätte jeder etwas davon. Ich sammle also unter der Woche alle Links, die mir auf den ersten Blick irgendwie witzig, neu oder interessant erscheinen und sortiere sie dann am Samstag oder Sonntag aus und mache kurze Kommentare für die Kolumne dazu. Das sind dann circa 30-50 Links, von denen ich 10-15 verwende und zusammenfasse. Das dauert inklusive hübscher Aufbereitung 4-6 Stunden. Aber die Kolumne findet inzwischen jede Woche insgesamt 2.000 Leser und ich bin stets sehr gut informiert, da hat also jeder etwas davon.

Ich werde oft gefragt, ob man da einen Platz buchen kann: nein, kann man nicht. Aber man kann mir E-Mails mit interessanten Inhalten schicken und ich überlege dann, ob es zu den anderen Themen passt. Also rein redaktionell, nichts ist buchbar.

Neumodischer Kram? Da ist doch noch diese Sache mit den E-Books

Susanne Kasper: Seit Juli 2014 hast du die Leitung für Digitales Publizieren beim Verlag Hoffmann und Campe in Hamburg übernommen. Dort bist du verantwortlich für alle Themen rund ums E-Book, Online Marketing und Social Media. Gab es Stolpersteine, gegen die du ankämpfen musstest oder auch Dinge, die dich (positiv) überrascht haben?

Karla Paul: Aktuelles Update: ab Mai werde ich die Verlagsleitung für Edel Ebooks übernehmen, also eine eher grundsätzliche Antwort. Stolpersteine gibt es immer, in manchen Verlagen mehr und in manchen weniger. Oft wird im Haus z.B. aus dem Lektorat gegen die Digitalabteilung angekämpft, weil man sich über die Inhalte und die Verwertung bzw. Veröffentlichung nicht einig ist.  Je offener man aber den Wandel handhabt und alle Verlagsbereiche mit einbezieht, desto besser klappt auch die Zusammenarbeit – dies muss aber von ganz oben kommen. Wenn sich z.B. ein Verleger wie Jo Lendle hinstellt und für seine digitale Hanserbox wirbt, dann ist das ein Zeichen für den kompletten Verlag und auch das Feuilleton. Es sollte eine „Wir machen das“ Einstellung sein – der digitale Wandel betrifft immer das komplette Haus, vom Lektorat über die Herstellung und die Marketingplanung. Sehr viele Verlage haben das inzwischen verstanden und auch bei meinem zukünftigen Arbeitgeber Edel gibt es bereits ein sehr aktives und erfolgreiches Digitalteam, das ich zukünftig leiten und unterstützen darf.

Karla Paul und das Literaturschock-MaskottchenSusanne Kasper: Worin unterscheidet sich die Produktion eines E-Books zu der Herstellung eines gedruckten Buches?

Karla Paul: Eigentlich gibt es gar nicht so viele Unterschiede. Die Anfangsschritte sind gleich: ein Text wird geschrieben, lektoriert, korrigiert und der Inhalt für den Druck oder aber für den E-Reader angepasst (was jetzt schnell dahergesagt ist, die Herstellung verbringt da oft wahre Wunder was die Integration von Bildern etc. angeht). Man braucht ebenso ein Cover, ein Impressum, all das ist und bleibt gleich. Nun gibt es natürlich im Digitalen noch viele Möglichkeiten wie die Integration von weiteren Medien wie Ton oder Video, aber das will der durchschnittliche Leser meist gar nicht (und es ist in der Produktion auch sehr teuer). Das fertige Produkt wird dann vom Vertrieb entweder als gedrucktes Buch in die Buchhandlungen geliefert oder aber als Datei in die jeweiligen Onlineshops. Man kann online als auch offline verschiedenste Werbemöglichkeiten nutzen und Pressearbeit machen. Also mal davon abgesehen, dass beim gedruckten Buch eben der Druck samt Zeit und Kosten (und Lagerung) anfällt, gibt es gar nicht so viele Unterschiede – deswegen ist auch der Preis meist nicht so viel niedriger. Es wird aber im Idealfall ebensoviel Sorgfalt verwandt und beim Leser kommt je nach Medium das perfekte Produkt an.

Susanne Kasper: E-Books werden auch heute noch oft im gleichen Atemzug mit Piraterie genannt. Als wie problematisch siehst du die illegalen Tauschbörsen und was müsste sich hier grundlegend ändern, damit diese kein Problem mehr sind?

Karla Paul: Diebstahl ist und bleibt ein Problem und ich glaube nicht, dass dies zu ändern ist. Wer etwas klauen möchte, der wird dafür immer einen Weg und eine Ausrede finden – das gilt ja nicht nur für Dateien. Für mich gibt es kein Argument, das für die illegale Handlung spricht. Die Preise sind vergleichsweise niedrig, die E-books meist über alle Plattformen leicht zu erwerben bzw. auszuleihen und für jeden Geschmack ist etwas dabei. Ich habe für den Diebstahl von (geistigem) Eigentum kein Verständnis und null Toleranz und unterstütze die Nachverfolgung derjenigen, die es hoch- als auch derjenigen, die es herunterladen. Es ist illegal. Punkt.

Das Geheimnis ihres Erfolges?

Susanne Kasper: Dein Werdegang von der Leseratte zur "neuen Marcel Reich-Ranicki" (NEON-Magazin) ist beachtlich. Welche drei Tipps gibst du Literaturbloggern mit auf den Weg, um bekannt zu werden?

Karla Paul: Ich habe mit fünfzehn Jahren (das ist jetzt, auweia, schon siebzehn Jahre her) angefangen und für die regionale Zeitung Rezensionen und Lesungsberichte geschrieben, später Mediendesign studiert und Digitalprojekte für Verlage und Agenturen realisiert. Seit 2006 gibt es den Blog, aber das war immer nur ein Teil meiner „Arbeit“ für und mit Literatur. Es gab keinen Plan „Ich will mal mit Literatur berühmt werden!“. Ich wollte einfach immer mit Literatur arbeiten und der Rest kam mit der Zeit, aber „bekannt sein“ ist da ja auch eher relativ. Geht es darum möglichst viele Leser für den Blog zu finden und diese ebenfalls für Bücher zu begeistern – dann bin ich gern bekannt. Damit Geld zu verdienen? Ich habe nie über den Blog Geld verdient (ich halte den Leser an sich grundsätzlich für intelligent genug, dass er den örtlichen Buchladen auch ohne eine Verlinkung meinerseits findet), kaufe mir 75 Prozent der Bücher selbst (auch die für die ARD-Sendung) und mache den Großteil aller Lesungen, Projekte, Interviews etc. kostenlos. Und warum dann? Weil es mir Spaß macht und ich bilde mir ein, dann macht es auch den Lesern Spaß und das steckt an. Wenn man sich treu bleibt, sich mit den richtigen Leuten vernetzt und offen und positiv an alle Projekte rangeht, eigene Ideen realisiert, dann findet man mit der Zeit auch eine eigene Leserschaft und die kann kleiner oder größer sein. Seid selbstbewusst in allem, wachst mit den Lesern und seid offen und mutig für Euren eigenen Weg.

Susanne Kasper: Wie sieht es denn mit dem Projekt "eigenes Buch" aus?

Karla Paul: Das musste ja kommen. Peinliche Sache. Theoretisch habe ich seit 2009 den Vertrag für das Buch-Sachbuch bei Heyne und wir müssen uns da jetzt noch mal zusammensetzen und was ganz Fabulöses miteinander machen. Zudem schreibe ich an einem Thriller und vielleicht wird das was, dann erscheint der auch irgendwann. Mein Agent könnte sicherlich alle halbe Jahr einen Titel verkaufen, aber bei mir ist Textarbeit auch immer psychisch und physisch sehr aufwendig und diese Kräfte wollen gut eingeteilt sein.

Susanne Kasper: Zwischen all' deinen Projekten: Hast du Hermines Zeitumkehrer gefunden, oder wie schaffst du das alles?

Karla Paul: Die Frage darf ich leider nicht ehrlich beantworten, ansonsten müsste ich Euch blitzdingsen. Die Antwort ist in einem der Millionen Bücher versteckt, die ich bereits gelesen habe. Aber Ihr müsst sie auch alle lesen, sonst erschließt sich Euch das Geheimnis leider nicht! Haha.

Susanne Kasper: Oft gestellt, aber langweilig wird diese Frage wohl nie: Was liest du gerade und welches Buch möchtest du uns ganz besonders ans Herz legen?

Karla Paul: Aktuell lese ich gedruckt „Jahre wie diese“ von Sadie Jones, digital den noch nicht erschienenen Thriller meines Mannes und höre „Montechristo“ von Martin Suter.

Ans Herz legen möchte ich Euch „Die Stadt der Blinden“ von Jose Saramago, „Das größere Wunder“ von Thomas Glavinic und „Der Mann schläft“ von Sibylle Berg. Drei Romane, die mein Leben, mein Denken und mein Fühlen ein Stück weit beeinflusst und mich beim Lesen für die jeweiligen Stunden aus dieser Welt getragen haben.

José Saramago - Die Stadt der Blinden Thomas Glavinic -  Das größere Wunder Sibylle Berg -  Der Mann schläft

Aber sucht Euch Eure Lieblingsbücher selbst, tragt sie weiter und steckt andere mit dem Lesen an – das würde mich sehr freuen!

Weiterführende Links:

Karla Pauls Buchkolummne

Social Media: Facebook (privates Profil) / Facebook: Buchkolummne / Twitter / Google+ / Instagram

Portrait: Karla Paul - ARD-Buffet


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