Selim Özdogan: Man ist es gewohnt innerhalb von Grenzen zu denken

Selim Özdogan wurde 1971 in Köln geboren. Sein Debüt trägt den klangvollen Namen "Es ist so einsam im Sattel, seit das Pferd tot ist" und seine Bücherregale sind nicht nach einem bestimmten System geordnet. Sein Werk ist vielfältig, was sich in seinen Auszeichnungen zeigt: zweimal erhielt er den Förderpreis des Landes NRW, einmal den deutschen Science-Fiction-Preis und zuletzt den Hohenemser Literaturpreis für deutschsprachige Autoren nichtdeutscher Muttersprache (2017).

Er lebt übrigens noch immer in Köln und ich habe im Interview glatt vergessen zu fragen, ob links- oder rechtsrheinisch. Egal, denn Selim Özdogan bietet so viel Potential für weitere Interviews. Einen ganzen Roman könnte man damit füllen. Seine Webseite solltet ihr unbedingt besuchen, seinem Twitteraccount folgen und das Foto hat Tim Brueninguening gemacht. Das folgende Zitat stammt von Selims Autorenbeschreibung auf Amazon.

Schreiben ist wie Sandburgen bauen. Du setzt dich hin und baust etwas und willst, dass es schön wird, du gibst dir Mühe mit dem Ding. Vielleicht bekommst du einen Sonnenbrand, hast Durst und schwitzt, aber du kannst völlig darin versinken, diese Burg zu bauen, es ist eine schöne Beschäftigung. Es geht nicht darum, dass Leute vorbei kommen und dein Werk bewundern, aber es ist fein, wenn ab und an einer stehenbleibt, um sie sich anzusehen. Irgendwann stellst du fest, dass du deine Zeit mit dieser Sandburg vertrödelt hast, während die andern gearbeitet und Geld verdient haben. Und nun bist du fast schon gezwungen, Eintritt zu nehmen, wenn jemand kommt, um sich deine Burg anzusehen.

Lieber Selim, zuerst mal herzlichen Dank, dass du dir Zeit für dieses kleine Interview nimmst.

Selim, Ende Juni wurde dir der Hohenemser Literaturpreis für die Erzählung "Geschichte ohne Papier" verliehen. Herzlichen Glückwunsch! Ich konnte wenig über die Erzählung online finden. Worum geht es darin?

Um zwei junge Männer, die aus völlig unterschiedlichen Gründen gefälschte Pässe haben. Es geht um Identität, wie man sie für sich selbst bildet, wie sehr sie von außen vorgegeben wird, um Drogenmärkte im Internet und die Wahrnehmung von Flüchtlingen. Oder wie Anna Mitgutsch es ist ihrer Festrede ausdrückte: „Die Sprache in ihrer oszillierenden Mehrdeutigkeit erzählt die Parabel von der Identität, die man sich erst einmal leisten können muss, der Existenzberechtigung, die nicht durch das bloße Dasein garantiert wird, sondern erst durch den Besitz der richtigen Geschichte. Der Verlust der Identität, sie freiwillig aufzugeben, ist der Preis zu überleben."

Selim Özdogan, Photographer: Tim BrueningWie wichtig ist so ein Literaturpreis?

Wichtig, wenn es darum geht, sichtbar zu werden und somit neue Leser zu gewinnen, die man vorher nicht erreicht hat. Nicht, weil die Texte sie nicht interessieren, sondern weil sie einen vorher nicht wahrgenommen haben.
Aber auch wichtig für die allgemeine Sichtbarkeit im Literaturbetrieb und für eine gewisse Sogwirkung. Wenn du einen Preis bekommen hast, ist es wahrscheinlicher, dass ein weiterer hinzu kommt.

Du hast schon in verschiedenen Verlagen veröffentlicht. Zwischendurch beim Publikumsverlag Bastei Lübbe, nun bei dem kleineren Haymon Verlag. Welche Gründe gab es für den Wechsel?

Es gab jeweils verschiedene Gründe, die sich auf eine einfache Formel bringen lassen: Mindestens einer von beiden ist nicht zufrieden mit der Zusammenarbeit. Ab da wurde die Sache in der Regel für mich schwierig, ich habe mir ja nicht Verlage ausgesucht, sondern habe jeweils den genommen, der das aktuelle Manuskript tatsächlich haben wollten. Was nichts daran ändert, dass manche verschlungenen Wege sich als glückliche Fügungen erweisen und ich froh bin, bei Haymon gelandet zu sein.  

Hat man bei bestimmten Verlagen höhere Chancen auf Aufzeichnungen und Besprechungen im Feuilleton?

Ja.  

Falls ja: Was sagt das über den Literaturbetrieb aus?

Man ist es gewohnt innerhalb von Grenzen zu denken. Dieser Verlag macht eher so etwas, jener eher so etwas. Was auf der einen Seite zu einer gewissen Übersichtlichkeit führt, führt dann auf der anderen Seite dazu, das Buch nicht unbedingt nach seinem Inhalt zu bewerten, sondern nach dem Namen des Verlages, der auf dem Cover steht.

Aber es ist ja nicht der Literaturbetrieb, der so funktioniert, sondern fast unsere gesamte Wahrnehmung ist darauf ausgerichtet, Dinge voneinander abzugrenzen.

In einem Interview hast du gesagt "Wenn einem egal ist, was der Verlag denkt und man nicht auf Preise oder Stipendien aus ist, gibt's keinen Grund dafür Angst zu haben, weil man seine Klappe aufreißt." Kannst du dir diesen Luxus leisten?

Was auch immer Luxus in diesem Zusammenhang heißt. Und was auch immer leisten heißt. Es hat für mich in den letzten mehr als zwanzig Jahren gut funktioniert. Mal habe ich mehr Geld verdient, mal weniger. Aber ich hatte nie das Gefühl, dass ich etwas tun muss, das mir nicht entspricht. Das ist ja kein Luxus, sondern nur der Versuch entsprechend der eigenen Fähigkeiten und Energien zu leben. Also etwas zu finden, das man die eigene Mitte nennen könnte. Das ist ja nicht etwas, das man sich leistet, sondern das, was einen ausmacht. Die Frage ist für mich eher, wie lange man sich leisten kann, gegen sich selbst zu leben.

Was glaubst du, wie stark ist der Literaturbetrieb von System und Kapitalismus abhängig?

Es wird gerne so getan, als sei das Buch ein Kulturgut, das aufgrund der Buchpreisbindung und Mischkalkulation unabhängig von marktwirtschaftlichen Kriterien bestehen kann. Gleichzeitig ist Fakt, dass jeder Verlag gewinnorientiert arbeiten muss und dass Bücher genauso ein zu verkaufendes Konsumgut auf dem Markt sind wie Toilettenartikel oder Popsongs oder Jeanshosen. Verlage zahlen dafür, dass Buchhändler ihre Bücher auf einen prominent platzierten Tisch legen. Getränkehersteller zahlen dafür, dass ihre Getränke im Regal in Augenhöhe stehen.

Daneben gibt es eine Art Parellelwelt, wo Autoren, die im Feuilletion viel Aufmerksamkeit erfahren, kaum Bücher verkaufen, sondern von ihrem Ruf leben, an dem wiederum die jeweiligen Verlage teil haben. Wir könnten dies als systemunabhängig betrachten, aber ich glaube,  ist einfach nur ein anderes System mit eigenen Gesetzen, die nicht finanziell orientiert scheinen, aber dafür möglicherweise viel mit Vetternwirtschaft, Eitelkeiten und Selbstvergewisserung zu tun haben.
Ich weiß nicht, ob das eine besser ist als das andere.

Ich glaube, der möglich Mehrwert eines Buches , das was systemunabhängig funktioniert, wird an zwei Stellen sichtbar: Einmal während der Autor es schreibt, einmal während der Leser es liest. Dazwischen müssen wir das Werk aber auf eine oder andere Weise vermarkten, damit es von hier nach dort findet.

Wo Noch Licht brennt Foto

Nun zu deinem neuen Buch "Wo noch Licht brennt" Worum geht es da?

Es geht um das Innenleben einer Frau, die aus der Türkei nach Deutschland gezogen ist, dann wieder zurück in die Türkei und nun erneut nach Deutschland. Ihre Haltung zum Leben, ihre Sichtweise, ihre Bindungen, Hoffnungen, Ängste und Sorgen haben mich interessiert.

In deinen Büchern geht es häufig um das Leben zwischen zwei Kulturen. Und auch deine Trilogie, die mit "Die Tochter des Schmieds" begann und nun mit "Wo noch Licht brennt" endet behandelt diese Themen. Wie wichtig sind die Begriffe Heimat und Identität für dich selbst?

Ich kann damit gar nicht so viel anfangen. Zumindest nicht im herkömmlichen Sinne. Heimat sind für mich Menschen, Literatur und Musik. Identität ist der Versuch so zu leben, wie es den eigenen Veranlagungen entspricht und die sind ja nicht in erster Linie kulturell geprägt.

Lass uns doch mal über das Buzz-Word "Political Correctness" reden. Brauchen wir sie überhaupt?

Es ist in meinen Augen eine Hilfskonstruktion, die einen nicht sehr weit bringt. Ich habe mitbekommen wie aus Gastarbeitern Ausländer wurden, aus Ausländern Migranten, aus Migranten Menschen mit Migrationshintergrund. Und wie weit es von dort bis zum Wort „Dönermorde" war. Erschreckend kurz. Es reicht nicht, wenn sich eine Terminologie ändert, es muss auch etwas im Bewusstsein der Menschen passieren. Man kann nicht von außen vorschreiben, wie man zu reden und zu denken hat. Man kann bestenfalls Hilfestellungen für die innere Haltung geben.

In einem Interview mit dir habe ich von einer gewissen linken Scheuklappenhaltung gelesen. Was meinst du damit?

Ich sehe eine Tendenz zur Doppelmoral. Es ist nicht entscheidend, welche Haltung der Mensch hat, den man bewertet, sondern ob man jeden Menschen, egal mit welcher Haltung, auch so beurteilen würde. Doch es werden gerne klare Grenzen gezogen und dann wird nicht mehr außerhalb dieser Grenzen geschaut.

Anmerkung Literaturschock: Interview mit Selim Özdogan in der Aargauer Zeitung über Deutschen Humor, Türkische Süßigkeiten und Andreas Thiel.

wonochlichtbrennt coverWeg von der Politik und wieder zur Literatur. Was ist deiner Meinung nach das Besondere an deiner Art des Schreibens?

Ich glaube, ich habe ein Talent emotional nah bei den Figuren zu sein und den Leser so mitzunehmen. Ein gutes Auge dafür, wie Dinge aussehen, wenn man genauer hinschaut. Und ein Händchen dafür diffuse Gedanken und Gefühle in eine Form zu bringen, dass man sich darin wiedererkennen kann, Bilder zu finden, die eingängig sind.

Welches deiner Bücher empfiehlst du jemandem, der noch keines davon gelesen hat?

Fang mit einem der Hörbücher auf Bandcamp an. Da sieht man eine Haltung, da hört man Texte, da erfährt man was über meine Gedankenwelt und man muss nicht mal dafür bezahlen.
Was die Bücher angeht: Empfehlungen kann ich eigentlich nur für einzelne Personen bzw Lebensphasen aussprechen, aber nicht einfach so allgemein. Wo für den einen eine Tür ist, ist für den anderen vielleicht nur eine Wand.

Last but not least: Verrätst du uns noch deinen absoluten literarischen Geheimtipp und deine aktuelle Lektüre?

Aktuelle Lektüre: Intelligente Zellen von Bruce Lipton und Fear and Loathing in America, den zweiten Band mit Hunter Thompson Briefen.

Geheimtipp habe ich keinen. Aber Unter dem Tagmond gehört zu den Büchern, die ich mehrere Male begeistert gelesen habe.

Vielen Dank, dass du dir die Zeit genommen hast, Selim.


Das Interview wurde im Rahmen einer Blogtour geführt von Susanne Kasper. Die Blogtour findet vom 16. August bis zum 20. August 2017 statt.

Der Einstieg wurde auf Bücherstadtkurier ebenfalls mit einem Interview gemacht. Danach folgte 54Books zum Thema: Cash rules everything around me. Am dritten Tag widmete sich Schreibtrieb dem Sehnsuchtsmotiv des Buches und gestern erschien im Teesalon ein Artikel über die Erzählform, den Worten zwischen den Welten.

Heute ist  der letzte Tag der Blogtour und nun geht es zum

Gewinnspiel

Wie könnt ihr eines von sechs Exemplaren dieses spannenden Buches gewinnen? Ganz einfach: Kommentiert dieses Interview und verratet mir doch einfach, wie euch unsere Blogtour gefallen hat, was eure Hightlights waren und ob wir es geschafft haben, euch auf das Buch neugierig zu machen.

Doppelte Gewinne werden ausgeschlossen. Die Gewinner_innern werden voraussichtlich ab dem 24.08. auf Literaturschock und den teilnehmenden Blogs bekannt gegeben und per E-Mail benachrichtigt.

SuseÜber die Autorin

Susanne K. (Literaturschock.de)

Susanne Kasper ist Gründerin und Chefredakteurin von Literaturschock und Leserunden.de. Sie liebt es, andere für die Literatur zu begeistern, ist Preisträgerin des Virenschleuderpreises der Kategorie "Persönlichkeit des Jahres" 2016 und bietet unter Social-Reading.media einen Autoren- und Verlagsservice. Über schamlose Mails freut sie sich ebenso wie über vegane Keksspenden. Sie nutzt in ihren Artikeln immer mehr das Femininum, weil sie der Ansicht ist, dass damit auch Männer gemeint sind.

 

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Kommentare   

# Isabelle 2017-08-23 08:32
Was für eine schöne Blogtour zu diesem Autor und diesem Roman. Ich betrachte es als kleine Entschädigung zu der nicht zustandegekommenen Leserunde, wobei mir diese natürlich noch besser gefallen hätte. Gerade in der heutigen Zeit interessiert mich das Thema um Integration und Heimat sehr, vielleicht auch, weil ich selber einen Migrationshintergrund habe, der mir aber eigentlich nie aufgefallen ist.
Für mich hat Heimat etwas mit Wohlfühlen und Verstehen zu tun.
Eine Art Heimat scheint der Autor im Literaturbetrieb ja auch zu suchen, in Form eines passenden Verlags.
Wobei es in diesem Zusammenhang sehr spannend ist von Schubladendenken zu lesen, bzw. von „in Grenzen denken“. Ein wenig mehr Offenheit in allen Bereichen würde der Welt wohl gut tun.
Danke für dieses sympathische Interview. Jetzt werde ich alle drei Teile um Gül in Ruhe
lesen.
An der Verlosung zu dem Buch nehme ich natürlich auch sehr gerne teil.
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