Amelie Fried - Traumfrau mit Lackschäden

Es ist ein angenehmer Abend im Oktober und das Licht scheint freundlich aus der Buchhandlung. Wer jetzt jedoch einen Blick in die Buchhandlung Schreiber in Olten wirft, sieht keine Bücher, sondern eine Schlange.

Eine Schlange aus Frauen, die alle das Eine wollen: An die Lesung mit Amelie Fried.

ameliefried01Doch der erste Andrang gilt eher dem Tisch mit den Getränken. Das Personal der Buchhandlung wuselt fleissig umher, um immer neue Gläser mit dem berühmten „Schreiber-Drink“ zu bringen. Dieser Drink ist eine leichte und leckere Mischung aus Prosecco, Fruchtsaft und Himbeeren.

Ebenfalls mit einem solchen Getränk bewaffnet, suche ich mir einen Platz. Das ist jedoch kein leichtes Unterfangen. Am Tisch mit den Häppchen stehen Frauen, an Tischen sitzen Frauen, zwischen den Regalen stehen Frauen. Es ist die dritte Ladys-Night und, wie später verkündet wird, soll bald eine vierte folgen.

Die Stimmung ist lebhaft und heiter, es wird geredet und getratscht. Von Mitte 20 an aufwärts sind alle Altersgruppen vertreten. Und tatsächlich sind nur zwei Männer anwesend. Zwangsweise. Ganz ohne geht es wohl doch nicht.

Die Traumfrau

Und dann plötzlich ist sie da: Amelie Fried, die Frau des Abends. Die antritt, in der Buchhandlung Schreiber in Olten ihre erste Lesung in der Schweiz zu halten.

Ein sympathisches Lächeln auf den Lippen passt sie perfekt in die Runde. Sie hätte genauso gut im Publikum sitzen können und so tritt die 1958 geborene Fried auch auf. Sie unterhält das Publikum, witzelt mit dem Inhaber Urs Bütler und macht neugierig auf ihr neues Buch.

„Traumfrau mit Lackschäden“ ist die Fortsetzung des 1996 erschienen Buches „Traumfrau mit Nebenwirkungen“. Die Geschichte beginnt am Vorabend zu Coras 50. Geburtstag und greift die Themen Älterwerden, Familie, Freunde und Selbstfindung auf. Cora muss sich damit abfinden, dass sie nicht mehr 30 ist, dass ihr Ehemann Abstand braucht und ihr Sohn erwachsen geworden ist.

ameliefried02Amelie Fried liest – und das wirklich gut. Sie wählt die Szenen geschickt aus, weckt das Interesse an der Geschichte um Cora, und hört im passenden Moment auf.

Das Publikum lacht und auch ich fühle mich köstlich amüsiert. Die Pointen sind sehr gut gesetzt und man fragt sich sogleich, wie es wohl mit Cora weitergeht. Und schon beschliesst man, hinterher ein paar Bücher zu kaufen.

Fried artikuliert, grummelt und weint. Auf diese Weise erweckt sie ihre Figuren zum Leben. Wenn auch nur für den kurzen Zeitrahmen der Lesung. Und plötzlich ist eine Stunde um!

Das Leben und andere Hindernisse

Obwohl das Oltner Publikum als neugierig angekündigt worden war, halten sich die Damen eher zurück. Das kann natürlich daran liegen, dass niemand gerne ein Mikrofon benutzt, was jedoch bei einem auf zwei Stockwerke verteilten Publikum einfach sein muss.

Dennoch gibt es einige mutige Frauen, die es wagen. Interessant die Frage einer jungen Frau mit spanischem Akzent: Ob Frau Fried denn auch Einflüsse aus dem Ausland in ihre Bücher einfliessen lasse?

Und wieder plaudert die Autorin mehrerer Bücher („Die Findelfrau“, „Rosannas Tochter“, „Eine windige Affaire“) aus dem Nähkästchen. Wie sie eine Geschichte in Ägypten hat spielen lassen, nur weil sie es im Gefühl hatte, dann dorthin reisen konnte und alles gepasst hat. Oder wie sie ihre eigene Nervosität überwunden hat. Oder wie sie ihrem Sohn die Jacke aufs Sportfeld gebracht hat.

Dies alles wirkt so menschlich, so nah, dass man am liebsten noch mehr davon hätte. Noch mehr von diesem frischen Witz, noch mehr von diesen alltäglichen Erlebnissen, noch mehr von diesen spritzigen Ideen.

ameliefried03Nur fragen traut sich keiner. Aber auch das meistert Amelie Fried gekonnt.

Die Sache mit Cicero

Es wäre geplant gewesen, einige Ausgaben des Magazines „Cicero“ an die Anwesenden zu verteilen. Aber verschmitzt grinsend gibt Amelie Fried zu, dass irgendwo irgendetwas schief gegangen sein muss, denn die Hefte seien nicht angekommen.

Das hält Fried natürlich nicht davon ab, uns einige ihrer Kolumnen, die sie in eben jenem Magazin veröffentlicht, vorzutragen.

Man muss nicht extra erwähnen, dass auch diese kurzen Texte überzeugen. Mit Witz, Humor und einem guten Blick für das wahre Leben. Hier kommt aber auch noch eine kritische Seite hinzu, die jedoch derart gut verarbeitet ist, dass man sich selber bei der Nase nehmen möchte, um sich zu verbessern.

Nach der Vorführung gibt es die Möglichkeit, einzukaufen und sich die Bücher von Amelie Fried signieren zu lassen. Wieder bildet sich eine Schlange, Traumfrauen werden verkauft und man verlässt die Buchhandlung leicht beschwipst, aber mit dem Gefühl, gerade eine wirklich gelungene Lesung besucht zu haben. Mit ein paar Büchern mehr unter dem Arm und dem Duft nach Schokolade, der von der nahen Lindt-Fabrik herüberschwebt, in der Nase macht man sich auf den Weg nach Hause auf die Couch, um dort ein Buch von Amelie Fried zu lesen.

Weiterführende Links

Webseite von Amelie Fried

Cicero - Magazin für politische Kultur

Der Lesungsbericht wurde von Joanna für Literaturschock geschrieben.

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