Anne Chaplet wohnt in Frankfurt am Main und in Südfrankreich und veröffentlicht im Herbst 2003 ihren fünften Roman mit Karen Stark und Paul Bremer. Unter dem Namen, der in ihrem Paß steht, dem der promovierten Politikwissenschaftlerin und Historikerin Cora Stephan, hat sie zahlreiche Sachbücher verfaßt, darunter "Der Betroffenheitskult" (1993) und "Das Handwerk des Krieges" (1998). Beide Autorinnen kennen sich im Landleben aus, lesen gerne Kriminalromane und ergänzen sich auch sonst vortrefflich, insbesondere, was den politischen und historischen Hintergrund von Anne Chaplets Romanen betrifft.

Im Rahmen der Karlsruhe Bücherschau 2004 wurde die Osnabrücker Krimiautorin Anne Chaplet zur Lesung aus ihren Büchern "Schneesterben" und "Russisch Blut" eingeladen. Von der Autorin, die für "Schneesterben" sogar den Deutschen Krimipreis 2004 erhalten hatte, kannte ich bis zur Lesung erst die Hälfte von "Caruso singt nicht mehr", dem ersten Roman der Krimireihe um Paul Bremer. Doch bereits nach wenigen Seiten wusste ich, dass mich die Bücher und die Autorin selbst interessierten und ich freute mich ganz besonders auf diesen Abend.

Karlsruher BücherschauDie Lesung fand am 13.11.2004 um 20.15 Uhr im Buchcafé der Bücherschau statt - eine mittelgroße Sitzecke mit Platz für ungefähr 30 Zuhörer/innen und eine sympathische Autorin. Den Eintritt von 5 € hätte man sich eigentlich sparen können. Nicht, weil die Lesung schlecht gewesen wäre (das war sie auf keinen Fall), sondern, weil schlicht überhaupt nicht kontrolliert wurde, ob man denn nun ein Ticket hatte.

Erwartungsvolles Publikum blickte der Autorin entgegen. Anne Chaplet - im richtigen Leben heißt sie Cora Stephan - veröffentlichte unter ihrem Realnamen bereits mehrere politwissenschaftliche Bücher, bevor sie sich dann mit ihrem Pseudonym den Krimis zuwandte. Ihr erster Kommentar galt so auch der Kriminalliteratur: Galt diese mit ihren englischen Landhauskrimis früher noch als ein eher "altertümliches Genre", so habe sich doch auch bei den deutschen Krimis sehr viel getan. Auch die Briten seien längst über "geschlossene Räume, in denen ein Mord geschieht, der dann von einer Person wie Miss Marple aufgeklärt wird" hinaus.

Über sich selbst verriet Anne Chaplet übrigens, dass sie deshalb so lange auf das Publikum einrede, weil sie sich immer vor dem Lesen selbst drücke. Und so redete sie munter weiter über den deutschen Kriminalroman, eine Thema, das sie übrigens sehr spannend finde. Die deutschen Autoren seien auch längst darüber hinaus, heitere Frauenromane mit übergewichtigen Heldinnen zu schreiben ("Und warum müsse man eigentlich über die übergewichtige Heldin lachen??"). Andererseits glaube sie auch nicht an den heiteren "Jungskrimi, wo ein Hubschrauber nach dem anderen explodiert". Vielmehr sei doch der Kriminalroman eine "spannende Versuchanordnung". Man sperre die Person nicht mehr in ein Landhaus ein, sondern man sperre sie - im Falle von Anne Chaplet - beispielsweise in ein kleines Dorf.

Eine geschickte Überleitung zum ersten Lesungsbeitrag. Denn "Schneesterben" ist der fünfte Roman der Krimireihe mit Paul Bremer, der von der Autorin "eingesperrt" wurde: In ein kleines Dorf namens Klein Roda an der Röhn (in Wirklichkeit sei das übrigens in Vogelsberg) Die "Versuchsanordnung" zeigt sich darin, wie sich die mitspielenden Personen in diesem Drama verhalten, wenn ein Verbrechen geschieht. Mord und Totschlag rühre an die tiefsten Emotionen eines Menschen und in solchen Momenten beweisen sie sich - oder zeigen ihr wahres Gesicht.

Nach dieser ausführlichen Einleitung las die Autorin also Teile aus "Schneesterben" - dem vorläufig letzten Roman mit Paul Bremer und Karen Stark. Die Lesung begann jedoch nicht ohne dass Anne Chaplet eine interessante Frage in den Raum stellte: "Habe ich noch irgendwas mit dem zu tun, was ich im Alter von 24 Jahren war? Bin ich noch identisch mit dieser Person vor vielen Jahren?" Dieser Konflikt wurde in "Schneesterben" verarbeitet - ein Konflikt, der übrigens auf einer wahren Begebenheit beruhe und der die Autorin selbst beim Schreiben sehr gebeutelt habe: Die Entführung und Ermordung des kleinen James Brown in Großbritannien vor vier Jahren durch zwei unwesentlich ältere Jungen. Sind sie noch die Menschen, die sie damals waren?

Anne ChapletAnne Chaplet merkt man an, dass sie sehr geübt ist, wenn es um das freie Vortragen geht. Kaum blickte sie während der Lesung in den Roman, der aufgeschlagen vor ihr lag. Fast frei trug sie die Geschichte vor und hauchte ihr auf diese Art und Weise viel Leben ein.

Der zweite Roman sei das Ergebnis eines produktiven "Fremdgehens" - das Zusammensein der immer gleichen Figuren sei zwar nett, aber auf die Dauer halt nicht abendfüllend. So musste sie sich also auch mal mit anderen Personen beschäftigen. Anne Chaplet suchte nach einem Schauplatz, wollte über ein Schloß schreiben - jedoch ohne, dass daraus Kitsch würde. Und so wurde Schloß Blankenburg im Ostharz Ort der Handlung von "Russisch Blut". Obwohl angeregt durch die Geschichte Ernst Augusts von Hannover, sah sie glücklicherweise davon ab, eine Kneipe ihres Romans "Zum Prügelprinzen" zu benennen.

Frau Chaplet erzählte noch etwas über die Geschichte dieses Schlosses - drückte sie sich wieder vor dem Lesen? Den Roman bezeichnete sie übrigens als "Frauenroman", was nicht abwertend gemeint war. Denn Schloß Blankenburg wurde zum Schnittpunkt von zwei Frauenschicksalen: Die eine beginnt ihren schicksalsträchtigen Weg im Januar 1945 in Ostpreußen, von wo sie nach Blankenburg flieht. Die andere fließt ungefähr 60 Jahre später aus dem ehemaligen Jugoslawien in die gleiche Richtung.

Im Anschluß an diesen zweiten Teil der wiederholt gelungenen Lesung, beantwortete die Autorin noch Fragen der Zuhörer/innen. Die erste Frage betraf "Russisch Blut" und die Authentizität der beiden beschriebenen Frauen. Wie habe sie recherchiert? Natürlich sei sie den Weg der beiden Flüchtenden nicht nachgereist - nur mit dem Finger auf der Landkarte. Es wurden aber verschiedene Bilder der Geschichte übernommen. Das Bild der einsamen Frau, die mit ihrem Pferd über die russische Grenze flieht. Doch es handele sich hier immer noch um einen Roman und die Geschichte sei erfunden.

Eine weitere Frage galt dem Pseudonym der Autorin, die ja eigentlich Cora Stephan heißt und auch unter diesem Namen schon veröffentlichen konnte. Tatsächlich habe sie ihren realen Namen längere Zeit verheimlicht - erst als die ersten vier Teile veröffentlicht waren, gab sie bekannt, um wen es sich bei Anne Chaplet handelt. Doch wie kam es überhaupt dazu, dass sie Krimis schrieb? Irgendwann saß sie an ihrem letzten Sachbuch und sagte zu ihrem Mann, dass sie noch irgendetwas anderes machen müsse. Des Gatten lapidaren Antwort lautete: "Schreib doch das, was Du sowieso dauernd liest: Krimis!". War der Respekt vor diesem Genre bisher sowieso schon groß, wuchs er mit dem Schreiben eigener Kriminalromane nur noch. Ein Sachbuch schreiben sei Arbeit, einen Krimi schreiben sei jedoch harte Arbeit, denn diese werden von intelligenten Menschen gelesen und "die kommen einem auf die Schliche". Jede kleine Nuance, die nicht stimme, werde einem sofort um die Ohren gehauen. Nun habe sie dieses Genre aber "gepackt" und sie wolle momentan gar nichts anderes mehr schreiben.

Anne ChapletUnd wie war das mit dem Pseudonym? Ja, sie hatte sich sogar etwas dabei gedacht: Aus dem Nachnamen Stephan, der im griechischen "Der Gekränzte" bedeute, spielte Chaplet mit dem Begriff Kranz, aus dem schnell Rosenkranz wurde. Im englischen also Chaplet und eigentlich französisch ausgesprochen, da es sich um einen hugenottischen Namen handle (bei den Frankfurtern gilt allerdings eher das "chaplettsche").

Wichtig war natürlich noch, ob die Paul Bremer Reihe nun mit "Russisch Blut" ihr endgültiges Ende gefunden habe. Zum Glück verneinte dies die Autorin. Momentan sitze sie sogar wieder an einem Roman, in dem zumindest Karen Stark mitspiele. Man merkte ihr an, dass sie an den von ihr geschaffenen Figuren hängt. Die Personen entwickeln ein Eigenleben und man gewinnt sie lieb. Warum sollte es der Autorin, die diese Figuren geschaffen hat, anders ergehen als den Lesern?

Damit Anne Chaplet den Überblick über die Eigenheiten ihrer Charaktere nicht verliert, hat sie übrigens Listen geführt - das verriet die Autorin auf eine Frage einer Zuhörerin.

So verging die Zeit wie im Fluge, machte - natürlich - Lust auf die vorgelesenen Bücher und nachdem sich jeder am üppigen Büchertisch mit den Werken eindecken konnte, fand sich die sympathische Autorin auch noch für eine Signierstunde und ein Schwätzchen bereit. Ein rundum gelungener Abend.

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