Bastian Sick (*1965 in Lübeck) ist seit 1999 Redaktionsmitarbeiter bei Spiegel Online, wo er unter "Zwiebelfisch" seit 2003 Kolumnen zu den Tücken der deutschen Sprache veröffentlicht. Nach einem Studium der Geschichtswissenschaft und Romanistik war Bastian Sick zuerst als Lektor und Übersetzer tätig, später dann von 1995 bis 1998 als Dokumentationsjournalist beim Spiegel-Verlag.

Im Rahmen der Karlsruhe Bücherschau 2005 wurde in diesem Jahr mit dem Spiegelkolumnisten Bastian Sick nicht wenig Prominenz eingeladen. Bekannt wurde der Autor mit seinem Erfolgsbuch "Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod", in dem er die verschiedenen Spielarten der deutschen Sprache und deren Verbiegungen aufs Korn nimmt. Vor kurzem erschien "Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod, Folge 2", was vermutlich genug Anlass war, Herrn Sick nach Karlsruhe zu bringen. Die Lesung fand am 20.11.2005 um 20.00 Uhr im Meidinger Saal der Bücherschau statt - mit Platz für mehr als 100 Zuhörer/innen.

Nach einer kurzen Einführung der Initiatoren ergriff Bastian Sick das Wort - und begann erwartet humorvoll: Dies sei das erste Mal, dass er in einem Vorlesungssaal eine Lesung abhalte. Vorher war er nur in Gemeindesälen, vor allem Buchhandlungen und auch schon mal in Kirchen. Aber da sein Thema passe sehr gut zum Ambiente, machte er dem Publikum den Vorschlag, die hölzernen Schreibunterlagen auszuklappen, die Hefte herauszunehmen und zum Einstieg einfach ein Diktat zu schreiben. Natürlich waren ihm von Anfang an die Lacher gewiss, obwohl man auch einige angstvolle Gesichter nach dieser Ankündigung erkennen konnte.

Anstatt des Diktats mussten dann aber erst noch einige Nachzügler mit Stühlen versorgt werden, wobei Bastian Sick höchstpersönlich behilflich war und das komplette Publikum umzuorganisieren versuchte. Schließlich begaben wir uns dann endlich entspannt zum Italiener und die Lesung begann mit Sicks Geschichte "Italienisch für Anfänger", denn nicht nur die deutsche Sprache sei faszinierend. Auch andere Sprachen hätten da so ihre Eigenarten, mit denen sie unser Deutsch bereicherten: Englisch, Französisch nicht zu vergessen, aber auch Russisch und natürlich Spanisch und italienisch. Wie alle Geschichten, war auch diese mit hohem Wiedererkennungswert - wer kennt nicht jemanden, der jemanden kennt, der "Expresso" anstatt "Espresso" sagt? Auch über die korrekte Sprechweise eines Latte Macchiato (italienisch: gefleckte Milch) kann man sich herrlich streiten. Für Gelächter sorgte auch Bastian Sicks Kommentar "Ich lustwandelte einmal in einer Stadt, ergötzte mich da an den Bauten aus den 60ern und 70gern und stolperte schließlich fast über ein Schild, das neben einem Cafè stand und auf dem verschiedene Heißgetränke angeboten waren. Unter anderem eine Abendlatte". Bisher kannte er nur den Begriff einer Morgenlatte, aber nun weiß er "In Krefeld gibt es für 2 EUR auch eine Abendlatte!" - und das Publikum war begeistert.

Bücherschau KarlsruheNach dieser ersten Geschichte erzählte der Autor, wie es denn zu der Kolumne "Zwiebelfisch" kam, die er für Spiegel schreibt: Er war Schlussredakteur und habe die Texte der Kollegen vor Veröffentlichung gelesen und korrigiert. Die meisten täten das im Stillen, unauffällig, fleißig. gewissenhaft. Er hingegen habe so seine Beobachtungen gemacht und diese eben nicht nur für sich behalten sondern aufgeschrieben und der Redaktion zurückgeschickt. In Form von kleinen eMails, Memos - Denkanstöße zum Wochenende. Damit jeder noch etwas mitnehmen kann auf seinem Weg, um darüber nachzudenken. Dafür hätte man ihm natürlich den Kopf abreißen können, oder man hätte ihn auch einfach ignorieren können. Einfach einstellen: Wann immer eine eMail von Bastian Sick kommt, automatisch in den Papierkorb verschieben. Aber das taten die Kollegen nicht. Vielmehr hatten sie Spaß an seinen kleinen Bemerkung, denn er habe sie schon damals mit Humor verpackt und mit Ironie gewürzt. Schließlich kam sein Chef auf die Idee, ihn eine Kolumne schreiben zu lassen. Wie er dann aber erst später mitbekam, hatte das Ganze auch die Funktion eines Ventils: Indem er auf die Leser losgelassen wurde, ließ er die Redaktion in Ruhe. Alle konnten nun viel entspannter arbeiten. Auf diese Anekdote folgten einige Beispiele seiner redaktionellen Arbeit, die dem Publikum die Leiden eines Korrekturlesers vor Augen führen sollten.

In der ersten Zeit nahm Sick vor allem die Sprache seiner Kollegen aufs Korn und so entstand die Geschichte "Die Sucht nach Synonymen", die erneut Erheiterung beim Publikum hervorrief. In diesem Zusammenhang wurden wir alle auf Herz und Nieren geprüft: Wer war noch mal gleich "Der Bayernkapitän - der Rekordkeeper - der Torwart-Titan" (Olli Kahn) oder wer "Der Überflieger - der Hinterzartener - der Vierfachsieger der Vierschanzentournee" (Sven Hannawald). Bei der Frage nach "Der Oberaudorfer - der zweimalige Bayernsieger - der Bambipreisträger 1992" mussten alle passen: Edmund Stoiber war gesucht.

Doch was war das denn? Hatte sich da noch jemand eingeschlichen? Bastian Sick griff nach einem auf seinem Pult liegenden Teddybären mit Weihnachtsmütze. Mit den Worten "Der gehört gar nicht hierher. Hast Du denn bezahlt? Hast Du eine Karte?" entnahm er dem Bären einen Zettel und las die Geschichte "Kasus Verschwindibus". Nachdem er diese Geschichte veröffentlicht hatte, hat er einen flauschigen Umschlag mit der Post erhalten, in dem der gezeigte Teddybär enthalten war. Dieser Bär hielt tatsächlich einen Zettel in der Hand, auf dem die Buchstaben 'en' standen, die ihn zum Bären machten. Er kam aus der Pressestelle von 'Air Berlin' - eine Pressestelle mit viel Sinn für Humor und Herr Sick hat sich darüber sehr gefreut.

Bastian SickNicht ganz umstritten sei die Bezeichnung des zweiten Bandes als Folge 2. Rein theoretisch müsste dann nämlich der erste Band "Folge 1" heißen und es hätten schon ganz viele Menschen gefragt "Ja, wem ist der denn gefolgt?" - "Wo ist Ihr Band 0, Herr Sick?". Aber es habe sich nun mal so eingeschliffen und auch bei Serien hieße es ja auch Folge 43 und Folge 44 und meint mit Folge 1 nicht den zweiten Teil, sondern durchaus den ersten. Was Bastian Sick auf ein Thema ganz anderer Art brachte: Zu einem gejodelten "Holladi-ho" - worauf die noch unverfilmte Heidi-Erzählung "Nach oben hinauf und von oben herunter" folgte.

In Folge 2 gebe es einige zusätzliche Dinge, wie man sie von Folge 1 noch nicht kannte. Zum Beispiel kleine Frage-und-Antwort Stücke. Bastian Sick erzählte, dass er viel Post von Lesern erhalte, die ihm lustige Fundstücke zusendeten und da er sich darüber immer sehr freue, forderte er auch direkt das Publikum dazu auf und gab seine eMail Adresse bei Spiegel.de bekannt. Neben den Fundstücken werde er auch auf Besonderheiten regionaler Sprache (oder auch kuriose Erscheinungen des Dialekts) hingewiesen. Oft werden auch Fragen gestellt, die er nach Möglichkeit auch versucht zu beantworten. Eine Auswahl sei auch im Buch zu finden - zum Beispiel wollte jemand wissen: "Wie nennt man das Ding an der Kasse?"

Neben den Frage-und-Antwort Stücken gebe es aber auch ganz neu einen aus 60 Fragen bestehenden Deutschtest. Nicht nur Schüler soll dieser schon erglückt habe, nein auch als Partykracher habe er schon gezündet: "Nie waren die Gäste schneller fort ..." Dabei sei dieser Test gar nicht so doof und mache sogar Spaß. Er tangiere allgemeine Fragen aus dem Alltag, die dem Autor häufig gestellt werden. Zum Beispiel die Frage: "Verschickt man eine Urlaubskarte aus Mallorca oder von Mallorca?" 'Aus' sagt man bei Ländern, denn es kommt etwas aus einem Land. Es kommt aber nichts aus einer Insel, sondern von. Eine andere Frage behandele das Perfektpartizip von 'winken' und schon musste das Publikum abstimmen, wer denn nun "gewinkt" oder "gewunken" sage. 'Gewunken' sei wohl die klangvollere Form, es heiße aber tatsächlich 'gewinkt'. Der Grund dafür sei, dass es regelmäßige und unregelmäßige Verben gebe. Für fast haltloses Gelächter sorgten diverse Beispiele: So heiße es schließlich nicht, "Er wankte zum Abschied", sondern "Er winkte zum Abschied". Was unmittelbar zur nächsten Geschichte "Die Sauna ist angeschalten!" führte.

SignierstundeEin sehr schönes Thema sei auch "Wie die Sprache am Rhein am verlaufen ist" - zumal in Karlsruhe der Rhein ja vorbeifließe Richtung Norden, wo die erwähnte Sprache des öfteren ins Schunkeln gerate.

Und damit kam Bastian Sick auch ans Ende einer wunderbaren Lesung. Eine Sache wollte er aber noch erzählen. Er werde oft gefragt, ob er schon als kleiner Junge so ein Faible für die deutsche Sprache hatte. "Nein", pflege er dann zu sagen. "Ich hatte eine ganz normale glückliche Kindheit." Aber er habe einen sehr guten Deutschlehrer gehabt. Damit holte er ein altes Grammatikheft der dritten Klasse hervor und erzählte, dass es inzwischen Gegenden in Deutschland gebe, in denen die einfache Form der Vergangenheit gar nicht mehr existiere. "Ich war" stelle die Menschen dort vor große Probleme - sie sagen eher "Ich bin gwest". Im Gegensatz dazu gibt es Gegenden, in denen sich das Imperfekt einer ganz erstaunlichen Beliebtheit erfreut und man wundert sich sogar, wie es da überhaupt hinkommt. Die letzte Geschichte des Abends sollte "Das Imperfekt der Höflichkeit" sein.

Was soll man zu solch einer Lesung noch sagen: Bastian Sick erhielt fast Standing Ovations - und wurde schließlich davon überzeugt, noch eine kleine Zugabe zu geben und so las er schließlich noch die Geschichte "Reden ist Silber, schweigen ist Gold" vor.

Im Anschluss nahm sich der Autor noch viel Zeit, alle mitgebrachten und vor der Lesung erworbenen Bücher zu signieren - für mich war es ein Abend, an dem ich so viel gelacht habe, wie ich es noch nie auf einer Lesung tat. Ähnlich erging es wohl den meisten Menschen aus dem Publikum.

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