Ralf Isau: Der Herr der Unruhe

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Ralf Isau: Der Herr der Unruhe
ET (D)
2004
Ausgabe
Gebundene Ausgabe
ISBN-13
9783431033922

Informationen zum Buch

Seiten
509

Sonstiges

Erster Satz
Der tägliche Umgang mit Unruh, Anker, Spirale und all den anderen Teilen filigraner Uhrwerke formt gemeinhin eher feinsinnige Menschen von stiller, zurückhaltender Wesensart.

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Nico ist der Sohn eines Uhrmachers, und er hat eine außergewöhnliche Gabe: Er kann störrische Maschinen besänftigen und ihrem Gedächtnis die Erinnerung an Verrichtungen entlocken, die sie vor langer Zeit getätigt haben. In seinem italienischen Heimatort wurde Nicos Vater von dem reichen Manzini ermordet, nachdem er für diesen eine Uhr angefertigt hatte. Manzini hatte sich geweigert, den vereinbarten Preis zu bezahlen, weil der Uhrmacher ein Detail nach eigenem Gutdünken ausgeführt hatte. Im Tode verfluchte der Alte seinen Mörder. Dessen Leben solle sein wie die Unruhe in jener Uhr: unstet, zerbrechlich - und wenn sie einst stehen bleibe, solle auch er sterben. Nico war danach aus der Stadt geflohen. Nun kehrt er zurück, als junger Mann, und er sinnt auf Rache. Doch dann lernt er Laura kennen, eine bildschöne junge Frau. Bald erfährt er, aus welcher Familie sie stammt: Ihr Name ist Manzini, und ihr Vater, früher nur ein reicher Mafioso, ist nun ein glühender Anhänger Mussolinis geworden ...

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Eines meiner ersten Highlights im Lesejahr 2007:

Die Geschichte beginnt 1932 im italienischen Städtchen Nettuno. Der Uhrmacher Emmanuele die Rossi hat für den reichsten und mächtigsten Mann am Ort, Massimiliano Manzini, eine kostbare Taschenuhr angefertigt. Bei der Abholung entbrennt ein Streit um die Bezahlung, Manzini greift den Uhrmacher brutal an, versetzt ihm einen tödlichen Stich ins Herz und macht sich mit der Uhr davon. Mit letzter Kraft verflucht Emmanuele den Mann - und stirbt.

Emmanueles Sohn Nico hat alles mit angesehen und flieht voller Angst, zunächst zu Freunden nach Rom, später führt ihn das Schicksal nach Wien, wo er von einem jüdischen Uhrmachermeister das Handwerk des Vaters erlernt, und schließlich unter falschem Namen wieder zurück nach Nettuno. Er hat sich geschworen, den Tod des Vaters zu rächen und die Uhr zurückzuholen, die Manzini unrechtmäßig an sich genommen hat. Bei seiner Rückkehr nach Nettuno verliebt er sich auf den ersten Blick in die hübsche Laura, die sich ausgerechnet als Manzinis Tochter entpuppt.

Nico verfügt über eine besondere Gabe. Man nennt ihn „der Leblosen Liebling“, er hat einen besonderen Draht zu unbelebten Dingen, kann verborgene Schäden aufspüren und reparieren und manchmal sogar über die Dinge gebieten. Diese Gabe führt ihn ganz nah an seinen alten Feind, dessen große Schwäche sein Aberglaube ist - er fürchtet, seine „Lebensuhr“, die Emmanuele einst gefertigt hat, könne stehenbleiben und somit das Ende seines Lebens anzeigen. Nachdem er auf wundersame Weise ein kleines Mädchen gerettet hat, will Manzini sich Nicos Fähigkeiten zunutze machen, um das „Überleben“ seiner kostbaren Uhr sicherzustellen. Dieser willigt ein, ohne dabei sein Ziel aus den Augen zu verlieren: Manzini eines Tages zu Fall zu bringen.

Schon bald ist Nicos Leben jedoch nicht nur durch seinen persönlichen Feldzug geprägt, sondern auch durch die Zeitumstände. Mussolinis Faschisten sind an der Macht, der Judenhass wächst, und nicht nur Verwandte und Freunde, sondern auch Nico selbst ist in Gefahr.

Dies ist nur eine dürftige Zusammenfassung dieses unheimlich vielschichtigen Buches. Nicos wunderbare Gabe, mit den Dingen zu kommunizieren, bleibt das einzige phantastische Element des Romans, in dem Ralf Isau meisterhaft Fantasy, Zeitgeschichte, Spannung und Romantik zusammenbringt. Mit der atemberaubenden Handlung homogen verwoben sind wieder einmal zahlreiche Informationen über das Leben der Juden in Italien und Österreich, die Geschichte der beiden Staaten vor und während des 2. Weltkriegs, die Rolle des Vatikan in der Zeit der Judenverfolgung, physikalische Phänomene und Uhrmacherei.

Unglaublich liebevoll beschreibt Isau die herrliche „Lebensuhr“ wie auch viele andere Gegenstände, mit denen Nico Verbindung aufnimmt, sie nehmen schon fast menschliche Züge an, ohne dass darüber die Charakterzeichnung der handelnden Personen zu kurz kommt. Nico und Laura, aber auch einige Randfiguren und natürlich Nicos treuer Begleiter, sein Moped „Albino“, sind mir im Verlauf der Geschichte sehr ans Herz gewachsen, es war schon beinahe traurig, am Ende des Buches Abschied zu nehmen.

Ein weiterer Punkt, der mich bei Isau immer wieder beeindruckt, ist seine Fähigkeit, auch kleinste Handlungsfäden am Ende wieder aufzunehmen und das Buch zu einem runden, gelungenen Schluss zu führen, sowie ein auch hier wieder sehr informatives Nachwort.

Die wunderschöne Ausstattung des Buches darf zum Schluss nicht unerwähnt bleiben. Schon der Schutzumschlag hat mich angesprochen, noch viel begeisterter war ich jedoch, als ich den Umschlag abnahm und darunter nicht einfach ein schlichter, glatter Einband zum Vorschein kam, sondern eine im Buchdeckel und –rücken eingeprägte goldene Uhr auf silbernem Grund. Das Vorsatzblatt ist mit einer beschrifteten Konstruktionszeichnung eines Uhrwerks gestaltet, und am Beginn jedes Kapitels steht neben der hübsch verschnörkelten Kapitelüberschrift eine zarte Zeichnung der „Lebensuhr“, die sich wie ein roter Faden durch das ganze Buch zieht.

Ein Buch, das mich zum Lachen und Weinen gebracht, Wut und Empörung, Trauer und Mitgefühl ausgelöst und wie schon lang keines mehr in seinen Bann gezogen hat. Ich habe es innerhalb von drei Tagen gelesen, weil ich es kaum aus der Hand legen konnte, und werde es sicher so schnell nicht vergessen. Absolute Empfehlung!

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