Bewertungsdetails

Fantasy & Phantastik 4792
Gesamtbewertung 
 
5.0
Plot / Unterhaltungswert 
 
5.0
Charaktere 
 
5.0
Sprache & Stil 
 
5.0
Ein waschechter Fantasyschmöker mit allem was dazugehört - Zauberer, magische Rituale, merkwürdige Wesen, verwunschene Orte, geheimnisvolle Bücher und machtvolle Artefakte - und dennoch keinerlei Ähnlichkeit mit Tolkiens “Herr der Ringe”? Genau das hat man mit diesem Buch vor sich, und es ist trotz seines Umfangs ausgesprochen erfrischend zu lesen.

Das erste Kompliment, das man Susanna Clarke für ihren Roman machen muss ist, dass sie erfolgreich versucht, die seit Tolkiens Zeiten allzu ausgetretenen Fantasy-Pfade zu verlassen und etwas Neues zu probieren. Ob nun all diese neuen Wege auch zielführend sind sei zunächst mal dahin gestellt, schon der Versuch, etwas anderes zu schaffen als die immer gleichen Fantasy-Klischees mit aus dem Nichts kommenden Superhelden mit garantierter Weltenrettung vor abgrundtief bösen Entitäten ist mehr als lobenswert. Aber um es kurz zu machen: Auch an der Umsetzung ist nur wenig auszusetzen.

Auf über 1000 Seiten wird die Geschichte eines England des 19. Jahrhunderts erzählt, wie es jeder Leser aus vielen anderen Lektüren vor allem englischer Klassiker wie Jane Austen, George Eliot oder auch Charles Dickens zu kennen meint: Eine streng hierarchische Gesellschaft, in der jeder Mensch aufgrund seiner Herkunft seinen Platz hat, Standesunterschiede bis in die feinsten Feinheiten zelebriert werden und vor allem für die Mitglieder der “besseren” Gesellschaft die Wahrung der Contenance auch angesichts der größten Katastrophen das höchste Gut darstellt. Es gibt allerdings einen Unterschied zum “klassischen” England: Das Land hat eine hochgradig magische Vergangenheit, und auch wenn die praktische Magie inzwischen ausgestorben ist, ist das Studium der Zauberei doch eine jedem Gentleman und Gelehrten angemessene Beschäftigung.

Zumindest so lange, bis Mr. Norrell, einer der Titelgeber des Buches, in der Zauberergilde von York auftaucht: Er ist der einzige praktische Zauberer seit Jahrhunderten, und er reißt das Gewerbe so vollkommen an sich, dass alle theoretischen Zauberer von nun an ihres Hobbys verlustig gehen. Anschließend führt er sich mit Hilfe zweier zwielichter Gestalten im Zentrum der Macht, in der Regierung in London ein und macht sich innerhalb kurzer Zeit mit seinen Künsten unentbehrlich. Allerdings widerfährt ihm schon sehr früh ein kapitaler Fehler: Zum Zwecke der Wiederbelebung einer jungen Adligen ruft er sich einen Elfen zu Hilfe und zerstört so nicht nur mehrere Existenzen, sondern löst auch Ereignisse aus, denen er letztendlich allein nicht mehr gewachsen ist.

Muss er auch nicht, bekommt er doch einen Gehilfen und Lehrling: Jonathan Strange ist eine magische Naturbegabung und nutzt gerne die Gelegenheit, beim Meister seines Fachs zu lernen. Schon bald allerdings macht er sich selbständig, nimmt eigene Aufträge an, greift in den napoleonischen Krieg ein und stellt sich schließlich - nach dem tragischen Verlust seiner Frau - sogar gegen seinen ehemaligen Lehrer.

Als Gegenpol zu der geschilderten fast idyllischen englischen Szenerie gibt es dann einige Einblicke in das Elfenreich, das nach wie vor gleich jenseits der Schwelle der Wahrnehmung existiert, für Zauberer allerdings recht leicht zugänglich ist. Diese Elfen sind allerdings keine großen, eleganten, edelmütigen und spitzohrigen Überwesen wie gewohnt, sondern ziemlich unangenehme Zeitgenossen. Der “Herr mit dem Haar wie Diestelwolle” ist so ein typischer Vertreter seiner Art: Voller Hochmut und Dünkel ist er nicht davon abzubringen, seine Pläne und Vorhaben mit den Menschen, die das Pech haben sein Interesse zu wecken könne nur zu ihrem Besten sein, selbst wenn er ihre Existenzen damit für immer zerstört. Dieses Elfenreich ist überhaupt ein Ort der Düsternis und des Verfalls, all sein Glanz ist ein ehemaliger - nicht zuletzt aufrecht erhalten von der Erinnerung an den “Rabenkönig”, eine sagenhafte Herrschergestalt mit mehreren Reichen u.a. in England und im Elfenreich. Auf diese mythische Figur wird immer wieder Bezug genommen, von denen einen mit Neid und Verachtung, von den anderen mit Hochachtung und dem Wunsch, ihn zurückzuholen.

Dieses Buch lebt weniger von Handlung und Action (und ist deshalb vielleicht auch für klassische Fantasy-Leser eher schwere Kost) als vielmehr von den wunderbar gezeichneten Figuren und der dadurch aufgebauten Atmosphäre. Die Handlung dieses opulenten Romans entfaltet sich langsam, aber gewaltig, entwickelt sich aber spätestens im letzten Drittel zum echten Pageturner. Statt dessen pflegt die Autorin einen Detailreichtum in ihren Beschreibungen sowohl der Personen als auch der Szenerie, die auf den einen zwar behäbig wirken mag, dem anderen (u.a. auch mir) aber erst ein echtes Abtauchen in die Geschichte ermöglicht.

Das Personal ist einfach grandios - eine Vielzahl interessanter, fein gezeichneter und fast immer sehr ambivalenter Charaktere bevölkert den Plot. Keiner von ihnen ist nur böse oder nur gut, aber alle sind bis zu einem gewissen Grad schlicht egoistisch. Da wären zunächst die beiden Protagonisten Norrell und Strange - beide weit davon entfernt, als strahlende Helden aufzutreten sind sie vielmehr alle beide ganz auf sich selbst, ihr eigenens Wohlergehen und ihren eigenen Machterhalt fixiert - bis aus diesen Bestrebungen heraus die Katastrophe vor der Tür steht. Schon der erste Auftritt Norrells prädestiniert ihn eigentlich für die Rolle des Unholds, und im ganzen Buch bleibt er seinen Charakter als missmutiger, geiziger, engstirniger, menschenverachtender Widerling treu. Und auch Strange scheint nur auf den ersten Blick sympathischer, gewinnt er doch seinen Bonus vor allem deshalb, weil er sich als einziger gegen Norrell stellt. Ansonsten ist er ebenso selbstverliebt und eitel wie eigenbrötlerisch und beratungsresistent und ähnelt darin seinem Zauberer-Kollegen öfter als ihm selbst lieb sein kann.

Aber auch die Nebenfiguren haben es in sich. Da sind die Speichellecker und Schönredner Drawlight und Lascelles, denen Norrell in seinem blinden, aber unerfahrenen Ehrgeiz immer und immer wieder auf den Leim geht; da ist Annabelle, die entzückende Mrs. Strange, die eine perfekte Imitation (und Persiflage) von Jane Austens Frauenfiguren ist; da ist Childermass, der geheimnisvolle Diener Norrells, dessen Stellung nie ganz klar ist und der über Einsichten zu verfügen scheint, die allen andere verborgen bleiben; und Vinculus, der einzige Zauberer, der sich von Norrell nicht das Wort verbieten lässt und am Ende eine ganz besondere Rolle zu spielen hat.

Auch stilistisch und sprachlich macht dieser Roman einfach Spaß und hat nebenbei noch einige unverwechselbare Charakteristika zu bieten. Zum einen ist er dank des typisch englischen und teilweise sehr schwarzen Humors, der immer wieder durchschimmert, schlicht und einfach witzig. Auch merkt man dem Buch an, dass er von einer Frau geschrieben wurde; eine typisch weibliche Form der Ironie macht aus allen Männerfiguren in irgendeiner Form seltsame Gestalten, völlig normal ist von denen keiner. Und auch die immer wieder auftauchenden Seitenhiebe sowohl auf den klassischen englischen Gesellschaftsroman als auch auf das typische Fantasy-Genre machen das Lesen zu einem Vergnügen. Andererseits verwendet Clarke einige Stilmittel, die unüblich sind und das übliche Leseschema durchbrechen. Der Text wird auf vielfache Weise gebrochen; einerseits durch die Aufteilung in fast 70 relativ kurze Kapitel, mit denen jeweils auch ein Perspektivwechsel verbunden ist, andererseits durch die Verwendung ausufernder, seitenlanger Fußnoten. Teilweise werden in ihnen Anekdoten aus früheren Zauberzeiten oder Ausschnitte aus Zauberbüchern dargebracht, teilweise sind die enthaltenen Informationen z.B. über die Geschichte des Rabenkönigs aber auch essentiell für das spätere Verständnis der Handlung. Diese Fußnoten werden in vielen Rezensionen als echtes Manko genannt, mir erschienen sie eher wie ein weiterer Einfall der Autorin, auch durch die Form Atmosphäre zu erzeugen.

Wer sich auf diesen Wälzer einlässt, muss vor allem in der ersten Hälfte einiges an Durchhaltevermögen beweisen; ausufernd und weitschweifend wird der Leser in eine Szenerie eingeführt, deren Skurrilität erst auf den zweiten Blick zu entdecken ist. Später aber kommt jede Menge Schwung in die Sache, und die Ereignisse überstürzen sich geradezu - und auch das Ende lässt keine Wünsche offen, selten hat mich ein Buch nach der letzten Seite so vertieft und fast atemlos zurück gelassen.

Die Autorin:

Susanna Clarke, geboren 1959 in Nottinghamshire, arbeitete nach ihrem Oxford-Studium zunächst als Englisch-Lehrerin u.a. in Turin und Bilbao, bevor sie als Kochbuchlektorin nach London übersiedelte. Jonathan Strange & Mr. Norrell ist ihr Roman-Erstling. Heute lebt sie mit ihrem Partner, dem Autor Colin Greenland, in Cambridge.
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