Anthony Doerr: Memory Wall

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Anthony Doerr: Memory Wall
ET (D)
2016
Ausgabe
Gebundene Ausgabe
Originaltitel
Memory Wall
ET (Original)
2010
ISBN-13
9783406689611

Informationen zum Buch

Seiten
134

Sonstiges

Originalsprache
englisch
Erster Satz
Die vierundsiebzig Jahre alte Alma Konachek wohnt in Vredehoek, einem oberhalb des Zentrums von Kapstadt gelegenen Vorort mit warmem Regen, Dachgeschossen mit großen Fenstern und leisen, raubtierhaften Autos.

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Was geschieht mit uns, wenn wir unsere Erinnerungen verlieren? Und welche Möglichkeiten tun sich auf, wenn andere diese wieder beleben können? Der 74jährigen Alma widerfährt genau dies: Sie verliert ihr Gedächtnis. Doch eine Wand voller Fotos, Gedächtnisstützen und Speichermedien - eine Memory Wall - bewahrt Almas Erinnerungen an ihr Leben auf. Unbekannte brechen regelmäßig in Almas Haus ein und suchen nach Hinweisen auf einen wertvollen Fossilienfund ihres verstorbenen Mannes.

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Die Archäologie der Erinnerungen

Kapstadt, Südafrika ist der Schauplatz dieses kurzen, aber dennoch sehr ergiebigen Romans aus der Feder von Anthony Doerr, der mich letztes Jahr mit "Alles Licht, das wir nicht sehen" zu beeindrucken wusste. Im Mittelpunkt steht die an Demenz erkrankte reiche Witwe Alma. Sie hat ihre Erinnerungen komplett verloren; aber dank einer futuristischen Medizintechnologie ist es möglich, die verschütteten Regionen ihres Gehirns zu erfassen und die dort gespeicherten Erinnerung auszulesen auf eine Kassette - diese Kassette bekommt sie anschließend wieder über ein Diodensystem in ihrer Schädeldecke eingespielt und kann die Erinnerungen so nacherleben. Eine irre Vorstellung! Aber ist das auch wirklich so verlockend, diese bahnbrechende Erfindung?

Wie immer sind auch sofort Leute mit krimineller Energie am Werk, die ihren Vorteil aus der Sache ziehen wollen. Speziell bei Alma ist es so, dass ihr verstorbener Ehemann Harold kurz vor seinem plötzlichen Herztod ein sehr seltenes, wertvolles Fossil im südafrikanischen Hinterland gefunden hat; nur weiß nun niemand, wo genau die Fundstelle ist. Hier tritt der Kleinkriminelle Roger auf den Plan, der erkannt hat, dass durchaus die Möglichkeit besteht, dass genau dieser Fundort auf einer der Kassetten aus Almas Erinnerungen gespeichert ist. Er bedient sich eines Mediums, nämlich des ebenfalls erinnerungslosen Jungen Luvo, der in einer schlampigen OP ebenfalls Dioden in den Schädel eingepflanzt bekommt und fortan des nächtens Almas Kassetten überprüfen muss, eine nach der anderen. Dass Luvo dabei zugrunde geht, interessiert den geldgierigen Roger überhaupt nicht.

So spinnt der Autor seine Geschichte und verflicht sie mit den Schicksalen weiterer Figuren, zum Beispiel Almas Diener Pheko und seinem Sohn Tembo, deren Leben in einem Slum als Kontrast zu Almas Luxusleben dargestellt wird. Die Archäologie spielt eine wichtige Rolle, und zwar im doppelten Sinne: einerseits als greifbare angewandte Wissenschaft, andererseits aber als Sinnbild für das Stöbern Luvos in den fremden Erinnerungen einer ihm unbekannten Frau.

Wie kann sich so eine Geschichte weiterentwickeln? Anthony Doerr hat es geschafft, der ganzen Ausgangssituation einer unvorhersehbaren Verlauf zu geben und seine Leser mit der einen oder anderen überraschenden Wendung zu konfrontieren. Interessant ist, dass dabei die anfangs eher düster-melancholische Grundstimmung im Mittelteil fast in eine Krimihandlung abdriftet und sich am Ende dann sehr positiv anfühlt, fast schon weichgespült, möchte man sagen. Ich konnte diese Sprünge und Brüche in der Handlung sehr gut mitverfolgen und nachempfinden. Lediglich das Ende irritierte mich, aber auch nur ein kleines bisschen; insgesamt bin ich doch sehr zufrieden damit.

Der Schreibstil von Anthony Doerr ist niveauvoll, elegant und wirkt sehr ausgereift. Kein Wort ist hier zuviel oder unpassend, er trifft den Ton perfekt und machte mir das Lesen zu einem Genuss. Die vielen Aspekte, die der Autor in den vergleichsweise wenigen Seiten eingebracht hat - Demenzkrankheit, die Kluft zwischen Arm und Reich, Archäologie, die unterschiedlichen Lebensentwürfe der Protagonisten, die vielleicht mögliche Entwicklung in der Medizin und ihr Auswüchse - werden mich bestimmt nicht so schnell loslassen und noch eine Weile beschäftigen.

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Nachdenkenswert

Alma, Mitte 70, lebt allein in ihrem großen Haus in der Nähe von Kapstadt. Ihr Mann ist seit einiger Zeit tot, nun kümmert sich ihr Bediensteter Pheko um die alte Dame, die immer tiefer in den Sumpf der Demenz versinkt. Nur die Kassetten, auf denen dank eines neuartigen Verfahrens zahlreiche Erinnerungen gespeichert sind, helfen ihr zumindest manchmal, Herrin über ihr Gedächtnis zu bleiben, doch sie merkt, dass es immer schwerer ist, die Realität festzuhalten.

Der erfinderische Gangster Roger hat sich darauf spezialisiert, über die Kassetten auf die Erinnerungen wildfremder Menschen zuzugreifen und sich diese zunutze zu machen. Nun ist Alma sein Ziel, denn sie könnte womöglich die einzige sein, die den Fundort eines äußerst seltenen und wertvollen Fossils in der Karoo-Wüste kennt.

Dass Anthony Doerr gleichermaßen reduziert und sprachgewaltig zu schreiben versteht, wusste ich schon von "Alles Licht, das wir nicht sehen", das jedoch relativ umfangreich war. In diesem kleinen Büchlein, das als Novelle tituliert ist, zeigt er, dass er auch die Kurzform virtuos beherrscht.

In knappen, treffenden Sprachbildern schildert er Almas verzweifelte Versuche, ihrem schwindenden Erinnerungsvermögen zu trotzen. Gleichzeitig entsteht in kurzen Momentaufnahmen aus der Vergangenheit mit wenigen Worten ein nicht immer sympathisches, aber lebhaftes Bild davon, wie Alma früher war, bevor die Krankheit einsetzte. Genauso greifbar werden die armseligen Lebensumstände von Pheko, der versucht, seinen kleinen Sohn in einem elenden Slum so gut wie nur möglich aufzuziehen, und die traurige Geschichte des Waisenjungen Luvo, Rogers unfreiwilligem Helfer.

Zunächst überrascht das futuristische Element der Speicherung und ständigen Wiederabspielbarkeit von Erinnerungen, doch schnell wird klar, dass das ein ganz wesentlicher Bestandteil der Handlung ist. Zwar ermöglicht diese neue Technik, Demenzpatienten ihre Erinnerungen länger zu erhalten, doch sie öffnet auch einer ganz neuen Art von Missbrauch und Kriminalität Tür und Tor. Mit einer Mischung aus Spannung und Abscheu beobachtet man Roger und Luvo bei ihrem schrecklichen Handwerk und kann nicht umhin, über die ethischen Fragen nachzudenken, die ein solcher technischer Fortschritt mit sich brächte.

Das Ende dieses modernen Märchens fällt vielleicht nach den vielen ungeschminkten, tristen und manchmal auch traurigen Szenen voller Trauer, Wut und Hilflosigkeit einen kleinen Tick zu rosig aus, aber es ist auch nicht so triefend kitschig, dass man es nicht als versöhnlichen Schluss interpretieren könnte.

Ein sprachlich wie inhaltlich ungewöhnliches Buch, das nachhallt und zum Nachdenken anregt.

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"Alles Licht, das wir nicht sehen" steht zwar seit einiger Zeit auf meiner Wunschliste, gelesen habe ich von Anthony Doerr bisher allerdings noch nichts. Diese kurze Erzählung kam mir also gerade recht, den Autor und seine Erzählweise kennenzulernen. Ich hatte mich im Vorfeld nicht über den Inhalt informiert, so bin ich ganz unvoreingenommen an das Buch herangegangen. Aufgrund der Kürze des Textes gibt es keine lange Einführung und man ist sofort mitten in der Geschichte, lernt Alma kennen, die vor einiger Zeit ihren Mann verloren hat und an Gedächtnisverlust leidet. Eine neuartige Behandlungsmethode macht es allerdings möglich, manche Erinnerungen auf Kassetten aufzuzeichnen und diese damit immer wieder zu erleben. Diese Methode bietet allerdings nicht nur Vorteile, sondern eröffnet auch ungeahnte Möglichkeiten: Alma erhält mehr als einmal Besuch von Einbrechern, die hinter ihren Erinnerungen her sind, da ihr Mann vor seinem Tod noch eine wichtige Entdeckung gemacht hat.

Anthony Doerr schafft es, auf wenigen Seiten eine fesselnde Geschichte zu erzählen und den Leser gleich in seinen Bann zu ziehen. Er baut sehr geschickt Spannung auf, indem er Fragen beim Leser aufwirft, die er erst nach und nach beantwortet. Die Idee mit dem Aufzeichnen der Erinnerungen fügt sich dabei glaubhaft in die Geschichte ein und wird nur so weit erklärt, wie sie auch für die Handlung notwendig ist.

Ohne zu viel verraten zu wollen fügt sich am Ende für mich alles ein bisschen zu leicht, auch wenn es nicht für alle ein Happy End gibt. Vermutlich ist das der Kürze des Textes geschuldet, da keine Zeit für Verstrickungen oder "Abweichungen vom geradlinigen Pfad" ist. Auch wenn ich grundsätzlich kein Fan von überfrachteten langen Romanen bin, war mir "Memory Wall" fast ein bisschen zu kurz. Man hat als Leser sehr wenig Zeit, die Figuren, ihre Geschichten, ihre Beweggründe wirklich kennenzulernen, die Geschichte kann an keiner Stelle wirklich in die Tiefe gehen. An dieser Stelle muss ich auch erwähnen, dass es sich im Original um eine Sammlung von mehreren Geschichten handelt, die deutsche Ausgabe aber nur diese eine Geschichte enthält. Das finde ich sehr schade, denn als Teil einer Sammlung hätte "Memory Wall" vielleicht nochmal anders gewirkt.

Am Ende hat "Memory Wall" mich etwas zwiegespalten zurückgelassen. Die Geschichte war gut erzählt und Anthony Doerr hat mich sprachlich überzeugt, aber vermutlich wird mir diese Novelle nicht lange im Gedächtnis bleiben, weil sie mich einfach nicht besonders berührt oder beschäftigt hat.

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Was sind wir ohne unsere Erinnerungen?

Die amerikanische Originalausgabe von „Memory Wall“ enthält neben der titelgebenden Novelle noch fünf weitere kurze Erzählungen. Schade, dass der deutsche Verlag diese nicht mit übernommen hat.

Dafür ist aber der Schutzumschlag sehr schön gelungen mit seiner seidig schimmernden Oberfläche – wie auch schon bei „Alles Licht, das wir nicht nicht sehen“ – und den goldenen Ammoniten. Diese passen sehr gut zum Inhalt, denn Fossilien spielen hier eine große Rolle.

Inhalt:
Die 74-jährige Weiße Alma Konachek lebt in einem Vorort von Kapstadt. Sie leidet unter einer schnell fortschreitenden Demenz. Deshalb ist sie Patientin einer Klinik, die eine Methode entwickelt hat, Erinnerungen auf Kassetten zu speichern, sodass man sie immer wieder aufs Neue durchleben kann. Hinter einer von Almas Erinnerungen ist Roger her. Nacht für Nacht bricht er zusammen mit dem Waisenjungen Luvo in Almas Haus ein, um an ihrer Erinnerungswand nach einem ganz speziellen Ereignis zu suchen. Denn Alma versucht, mit Hilfe von Notizen, Fotos und Erinnerungskassetten an der „Memory Wall“ ihr Leben unter Kontrolle zu halten. Seit ihr Mann vor vier Jahren gestorben ist, kümmert sich nur ihr schwarzer Diener Pheko um sie. Pheko lebt mit seinem fünfjährigen Sohn Temba in einem Elendsviertel. Das Schicksal all dieser Personen ist auf gewisse Weise über diese eine bestimmte Erinnerung verknüpft.

Meine Meinung:
Sprachlich ist das vorliegende Büchlein wirklich ein Kleinod. Anthony Doerr vermag mit wenigen Worten so viel auszudrücken – und das auf eine wunderschöne, poetische und bildhafte Weise.

„und leisen, raubtierhaften Autos“ (S. 11)
„Eine Bodendiele im Wohnzimmer quiekt.“ (S. 11)
„Die Uhr unten im Wohnzimmer tickt und tickt und lässt die Nacht verrinnen.“ (S. 13)

Diese Aufzählung könnte ich schier endlos fortsetzen.

Der Autor bringt uns mit seiner Geschichte aber auch zum Nachdenken, zum Beispiel darüber, was von uns bleibt, wenn unsere Erinnerungen verloren sind. Vieles ist zwischen den Zeilen zu lesen, und man sollte auf keinen Fall hastig lesen, um möglichst viel von dem, was Doerr uns mitteilen möchte, zu erkennen.

Ich bin eigentlich kein Freund von so kurzen Erzählungen – ich mag lieber lange, ausführliche Romane. Und so hätte ich mir auch hier zuweilen etwas detailliertere Ausführungen gewünscht. Es gibt so vieles, was wegen der Kürze des Buches nicht zur Sprache kommen konnte, aber doch interessant gewesen wäre im Zusammenhang mit dieser Geschichte.

Auch schienen mir nicht alle Handlungsweisen der Protagonisten wahrscheinlich. Bei manchen Szenen hat mich das gestört, weil es für mich so nicht passte, bei anderen Szenen fand ich es in Ordnung. Das ist sicher Ansichtssache und wird von jedem anders empfunden.

Neben dem Hauptthema Erinnerungen werden hier auch Themen wie Vergänglichkeit, Arm und Reich, Schwarz und Weiß und noch weitere kurz angerissen.

Fazit:
Eine wunderbare Erzählung, die mich berührt hat, die mir wahrscheinlich aber aufgrund der Kürze nicht nachhaltig in Erinnerung bleiben wird. Es gäbe einfach noch so viel mehr zu sagen.

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Wie wertvoll sind Erinnerungen?

Für mich war es sowohl das erste Buch von Anthony Doerr als auch meine erste Novelle und so ließ ich mich erwartungsvoll auf das Neue ein.

In der Geschichte geht es um die Demenzkranke Alma, die plötzlich all ihre Erinnerungen verloren hat. Wie geht man damit um und wie wichtig sind Erinnerungen eigentlich für unsere Existenz?

Mir fiel in erster Linie der unglaublich intensive Schreibstil auf. Die Sätze umschmeichelten förmlich mein Leserherz. Auch wenn das Buch nicht sonderlich seitenstark ist, so musste ich mir doch zahlreiche Zitate notieren, weil ich die Sätze einfach nur großartig fand. Der Autor beschreibt mit solch einer Intensität und so viel Gefühl, dass ich Herzklopfen bekam.

Die Novelle regt in jedem Fall zum Nachdenken an, denn die große Frage ist: Wie wichtig sind Erinnerungen? Was sind wir ohne diese? Ist ein Leben ohne Erinnerungen vergangener Tage überhaupt lebenswert? Haben sie sogar Einfluss auf unser Glück?

Alma als Hauptcharakter ist nicht sonderlich sympathisch, aber man versteht, warum sie so ist wie sie ist. Gefangen in den Zwängen ihrer Ehe hat sie sich eben zu der Person entwickelt, die sie heute mit 74 ist. Ihr Angestellter Pheko, Mädchen für alles und schwarz, wächst einem deutlich mehr ans Herz, denn er hat nicht nur die Launen seiner Chefin zu ertragen, sondern ein krankes Kind und meistert dennoch sein Leben. Gerade seine liebevolle Art mit Alma umzugehen, hat ihn mir ans Herz wachsen lassen.

Die Handlung spielt in Kapstadt und behandelt am Rande typische Themen für Südafrika wie zum Beispiel die Rassenunterschiede oder die klaffende Lücke zwischen arm und reich.

Fazit: Dieses kleine Büchlein ist etwas ganz Besonderes. Ich kann nur eine klare Leseempfehlung aussprechen. Von diesem Autor muss ich unbedingt mehr lesen...

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Alles dreht sich um Fossilien

Zumindest in der fast 50 Jahre währenden Ehe des Kapstädter Paares Harold und Alma. Harold liebt sie, ist ihnen verfallen und widmet ihnen - besonders im Alter - jede freie Minute, Alma jedoch fühlt sich durch sie in ihrer Ehe vernachlässigt. Bis Harold - wie könnte es anders sein - in Ausübung seiner großen Leidenschaft seinen letzten Atemzug tut und Alma allein zurücklässt.

Wie konnte er nur? Denn Alma, von jeher ein sperriger Charakter, wird rasch dement - oder war sie es schon und die Entwicklung hat sich beschleunigt? Ihr werden Elektroden eingesetzt, die Erinnerungen aufrecht erhalten sollen - ein grausiger Gedanke, finde ich. Alma kann in diesen kurzfristig wiedergewonnenen und aufgezeichneten Eindrücken von früher schwelgen. Auch wenn sie sie rasch wieder vergisst, für eine kurze Zeit geht es ihr besser.

Doch auch andere sind an diesen Gedanken interessiert - besonders an einer ganz bestimmten Kassette und verschaffen sich Nacht für Nacht Zugang zur Wohnung, bis - ja bis. Sage ich Ihnen nicht, weil alles darauf hinausläuft, Wohl und Wehe der Protagonisten - neben Alma ist dies ihr aus Harolds Zeiten übernommenes Faktotum Pheko, der mit seinem Sohn in tiefster Armut in einem Slum lebt, in den die einheimischen Dienstboten Abend für Abend nach getaner Arbeit zurückkehren: "Der Bus füllt sich mit Frauen aus der Township: Putzfrauen, Bedienungen, Wäscherinnen, Frauen, die in Kapstadt einen anderen Namen als in den Townships haben. Aus Haushälterinnen namens Sylvia und Alice werden Mütter, die Malili oder Momtolo heißen." (S.30) Pheko hingegen behält seinen Namen, aber nicht viel mehr.

In dieser kleinen Novelle siegt auf eine ganz bestimmte Art die Gerechtigkeit, was mich als Leserin ungeheuer befriedigt zurück lässt. Der Auftritt eines Waisenkindes aus den Slums als eine Art Erzengel, ein Richter - allerdings ein vollkommen unprätentiöser - hat diese kleine Geschichte, ja Sequenz schon jetzt zu einer Erinnerung gemacht, die mir bleiben wird. Ganz passend also zur Geschichte, in der nicht jedem dieses Glück hold ist.

Ein sehr eigenwilliges (Früh)Werk des Pulitzer-Preisträgers Doerr, dass man mit der gebotenen Aufmerksamkeit rezipieren sollte. Mir kamen einige - für mich besonders relevante - Passagen zu kurz. Deswegen nicht ganz so kraftvoll, wie es sein könnte. Das ist aber ein Meckern auf hohem Niveau.

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wunderschön

Der Einband des kleinen Büchleins „Memory Wall“ ist wunderschön mit seinem seidigen schimmernden Papier und den vielen spiralförmigen Schneckenhäusern. Er verspricht einen Anspruch, der sich durchaus in der Novelle von Anthony Doerr widerfindet.

Ich habe nach dem Vorgänger „Alles Licht das wir nicht sehen“ nicht lange überlegen müssen, um mich für dieses neue Buch von Doerr zu erwärmen. Die Geschichte war für mich umso mehr eine Überraschung, da ich vorher die Inhaltsangabe nicht gelesen hatte. Erzählt wird von Alma Konachek, einer 74-jährigen weißen Südafrikanerin, die allein in einem großen Haus wohnt, nur tagsüber betreut von ihrem dunkelhäutigen Diener für Alles, Pheko. Almas Mann ist vor 4 Jahren gestorben und seitdem ist sie an Demenz erkrankt und verliert Stück für Stück alle Erinnerungen. Aber es gibt inzwischen eine Firma, die eine Möglichkeit gefunden hat, Erinnerungen in kurzen Abschnitten auf Kassetten zu speichern, so dass man sie immer wieder in einem Gehirn abspielen kann. Alma hat inzwischen hunderte solcher Kassetten und schaut“ sie sich ständig aufs Neue an; vor allem diejenigen, in denen sie sehr glücklich war.

Nachts, wenn Alma alleine ist, kommt der Gauner Roger in ihr Haus. Er hat den Jungen Luvo dabei, mit dessen Hilfe er in Almas Kassetten nach einer ganz bestimmten Erinnerung sucht. Einer, die ihm sehr viel Geld verspricht, so er sie denn finden sollte und die Informationen darauf an einen anderen verkaufen kann. Dank Almas Demenz kann er immer wieder kommen und niemand weiß davon.

In dieser Novelle, die ja nur 134 Seiten umfasst, steckt ein ganzes Universum voller interessanter Figuren und ein Panoptikum an menschlichen Gefühlen, Wünschen und Fragen über den Wert der Erinnerungen und was das große Vergessen mit den Betroffenen macht.

Obwohl Alma sicherlich vor ihrer Erkrankung eine sperrige Persönlichkeit hatte, war sie mir sympathisch. Vielleicht auch, weil der liebenswerte Pheko sie so sorgfältig und fast hingebungsvoll versorgt, dass ich seine Fürsorge für Alma nachempfinden konnte. Die Frage, ob es nicht eine Bereicherung wäre, wenn man tatsächlich Erinnerungen speichern könnte, ist nicht nur eine rein philosophische, denn es wird ja hier sogar versucht sie zu stehlen. Es gibt wohl einen Markt für gestohlene Erinnerungen und das Ganze hat bereits eine Dimension, die nicht nur positiv für die Betroffenen ist.

Besonders hervorheben möchte ich die wunderschöne Sprache, die nicht nur neue Wortschöpfungen kreiert, die mit der Erinnerungsspeicherung einhergehen, sondern auch Stimmungen, Augenblicke und Gefühle auf eine eindringliche und warme Art und Weise beschreibt. Auch das Setting Südafrika erhält hier viel Raum und ist wichtig für die Handlung.

Es gibt mehr als eine überraschende Wendung und das Ende ist für mich weder zu kitschig-glücklich noch allzu deprimierend.

Ich bin begeistert von dieser Novelle und kann es nur wärmstens empfehlen.


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Konservierte Erinnerungen

Nachdem ich so viel Gutes über "Alles Licht, das wir nicht sehen" gehört hatte, war ich sehr gespannt auf diese Novelle. Ich hatte bisher noch nichts von Anthony Doerr gelesen und nach der Inhaltsangabe war ich sehr gespannt.

Alma ist 74 Jahre alt und lebt in einem komfortablen Haus in Südafrika. Ihr verstorbener Mann Harold war Archäologe und machte vor seinem Tod eine bahnbrechende Entdeckung. Leider kann sich Alma an nicht mehr viel errinnern, da sie an fortgeschrittener Demenz leidet. Aufgezeichnete Erinnerungsstückchen, die ihr durch am Kopf angebrachte Implantate und Sensoren zugeführt werden, wecken die Gier von dubiosen Gestalten. Möglicherweise sind in diesen Erinnerungen Hinweise auf die Entdeckung von Harold zu finden. Nachts wird regelmässig auf der Suche nach Informationen in das Haus von Alma eingedrungen, am nächsten Morgen weiss sie nichts mehr davon. Aber...auch Alma hat gelegentlich noch klare Momente...

Anthony Doerr kann Geschichten erzählen und Personen beschreiben. Alleine die Idee, Erinnerungen auf Kassetten zu bannen, hat mich überrascht. Zusammen mit dem sprachgewaltigen Stil und den detailliert beschriebenen Charakteren hat diese Novelle für mich etwas ganz Besonderes.

Alma lebte in einer nicht immer erfüllenden Ehe mit einem passionierten Archäologen. Interesse für sein Arbeit hat Alma nicht gehabt, sie fühlte sich vernachlässigt, hat ihren Mann aber geliebt. Ihren Hausdiener Pheko, der mit seinem kleinen Sohn in einem Township lebt, betrachtete sie früher als niederen Angestellten. Inzwischen ist Alma zu einem grossen Teil abhängig von ihm und dies wird ihr gelegentlich auch klar.
Pheko ist ein durchweg sympathischer Charakter. Er tut alles für seinen Sohn und betreut Alma.

Almas' fortschreitende Demenz, die speziellen Behandlungsmethoden der Krankheit, Phekos' Sorgen und Nöte im Township, die Geschichte von Luvo, einem ganz speziellen kleinen Jungen, all das beschreibt Anthony Doerr eindringlich und ausführlich.

Die Novelle beinhaltet so viel, dass ich gerne noch mehr gelesen hätte, zumal einiges etwas zu kurz kam. Aber dieses ist sicherlich der Textart geschuldet und hat mich nicht gestört. Anthony Doerr hat tolle Ideen, schafft es, den Blick für das Ungewöhnliche zu öffnen und versetzt die Leserin und den Leser einige Male in Erstaunen.

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Lesenswert!

„Memory Wall“ ist eine dichte und sprachgewaltige Erzählung in der zahlreiche Motive, vor allem aus der Natur, in immer neuen Bildern wiederkehren (Himmel, Ozean, Wetter, Standuhr, Kassetten…).
Dazu ist sie unglaublich spannend, weil sich die Lebenswege von fünf Personen kreuzen, deren jeweiliges Leben dann eine schicksalhafte Wendung erfährt.

Da ist zunächst die 74jährige Alma, die durch den Tod ihre Mannes Harold an Demenz erkrankt ist und durch einen operativen Eingriff ihre Erinnerungen konservieren und sie immer wieder durchleben kann. Ihr Bediensteter Pheko, alleinerziehender Vater eines kleinen Sohnes, verliert durch die fortschreitende Demenz seiner Arbeitgeberin seine Existenzgrundlage. Aber auch das Schicksal der Glücksritter Roger und Luvo, die aus der misslichen Lage von Alma Profit schlagen wollen, ändert sich dramatisch, als sie der alten Dame begegnen.
Eigentlich ist die Protagonistin Alma eine eher herzlose Frau, die für ihren von Fossilien begeisterten Mann Harold wenig Verständnis aufbringen kann und in ihrer Ehe entsprechend unzufrieden ist. Trotzdem liebt sie Harold und er ist die letzte Ahnung, die ihr von ihm bleibt. Allerdings verliert sich ihre Spur leider über einen langen Zeitraum (der Handlung). Ihr Schicksal wird erst im letzten Kapitel wieder aufgegriffen und vollendet.

Sympathieträger sind Pheko, der sich aufopferungsvoll um seinen Sohn kümmert und trotz prekärer Lage ehrlich bleibt, und Luvo, ein 15jähriger Waisenjunge, der hartnäckig das Beste aus seinen Möglichkeiten macht.

Etwas zu sehr heile Welt ist ein Teil des Schlusses, der zu sehr danach riecht, dass die Gerechtigkeit siegen wird.

Die Handlung spielt in Kapstadt und Umgebung und thematisiert nur am Rande auch die Problematik zwischen Weiß und Schwarz und Arm und Reich.

Alles in allem eine lesenswerte Erzählung!

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