Sadie Jones: Der Außenseiter

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Sadie Jones: Der Außenseiter
Verlag
ET (D)
2008
Ausgabe
Taschenbuch
Originaltitel
The Outcast
ET (Original)
2008
ISBN-13
9783453354319

Informationen zum Buch

Seiten
416

Sonstiges

Übersetzer/in
Erster Satz
Niemand würde ihn abholen, dachte er, während er beobachtete, wie die drei Männer vor ihm ihre Sachen in Empfang nahmen, die Papiere unterzeichneten und hinausgingen.

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Fern der Routine des Kleinstadtlebens genießt es Lewis, mit seiner schönen, rastlosen Mutter durch die Wälder zu streifen - bis an einem Sommertag am Fluss ein schreckliches Unglück geschieht. Lewis bleibt verstört zurück. Als ihm wenige Monate später die junge Alice als Stiefmutter vorgestellt wird, entladen sich seine Trauer und Wut schließlich in einer Katastrophe ...

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(Aktualisiert: 09 März 2013)
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Eindringlich!

Ein Buch das mich an vielen Stellen sehr wütend gemacht hat und an mancher auch sehr sehr traurig. Lewis scheint so allein und verloren. Oft merkt man, dass die Menschen um ihn herum ihn nicht verstehen wollen, ja es nicht einmal versuchen und dann aber erwarten, dass er sich nicht so anstellen soll. Lewis bleibt stumm, oft weiß er nicht was er sagen soll, er kann seine Gefühle nicht ausdrücken, es wird aber auch von ihm erwartet der starke Junge zu sein, nach dem Motto, Jungen weinen nicht... Dass er deshalb in ein großes Schwarzes Loch fällt, das ihn immer weiter in die Tiefe zieht, ist nicht mehr verwunderlich. Sein Vater ist überfordert mit der Situation, ich glaube er heiratet wieder weil er so glaubt seine Verantwortung ein Stück abgeben zu können, weil er selbst nicht weiß, wie er mit dem Verlust der eigenen Frau umgehen soll.

Eindringlich schildert Sadie Jones diese traurige, aber auch sehr schön geschriebene Geschichte. Mir kommt es so vor, dass sie auch in unserer Zeit spielen könnte. Zwar verbindet man gerade die 50er Jahre mit Enge, Intoleranz gegenüber Menschen die nicht der Norm entsprechen, deren Probleme sie nicht mehr selbst lösten können, aber nach und nach stelle ich fest, dass auch in unserer heutigen Zeit viele durchs Raster fallen sobald sie anders sind.

Der Roman hat eine Stimmung die schwer zu beschreiben ist, es liegt eine Schwere auf dem Ganzen, als ob man nicht mehr atmen könnte, weil alles auf einem lastet, dass gibt sicher die Gefühle Lewis auch recht gut wieder. Erst am Ende kommt ein etwas postiverer Ton hinein. E gibt Hoffnung für Lewis, aber auch für Kit.
Das junge Mädchen wird sehr realistisch dargestellt, ihre Gefühle und Beweggründe konnte ich gut nachvollziehen, sie ist der einzige Mensch der Lewis zumindest Ansatzweise verstehen kann. Lewis ist vor allem eins: ein junger Mann den man am liebsten in den Arm nehmen möchte, um ihm zu zeigen, dass es auch anders geht, dass man ihm einmal richtig zuhört und es um ihn geht, nicht um andere Interessen. Keine möchte ihm eine Chance geben, man möchte schreien und dem ein oder anderen am liebsten eine Ohrfeige verpassen.

Sadie Jones Roman hat nur eine Schwäche wie ich finde, es gibt die Möglichkeit das es sich ändert und alles zum Guten wendet. Dass nimmt einerseits die Hoffnungslosigkeit und passt eigentlich auch in den Roman, andererseits ist es auch ein wenig unrealistisch und ein Wunschtraum. Ein Wunschtraum für Lewis das er endlich seinen Weg finden wird. Dass erscheint mir am Ende ein wenig zu Märchenhaft und ich hätte mir hier ein etwas anderes Ende gewünscht.

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Lewis Aldridge ist sieben, als der Vater, den er kaum kennt, aus dem Zweiten Weltkrieg zurückkommt. So sehr Lewis sich darüber freut, so schwer fällt es dem Vater Gilbert, eine Beziehung zu seinem Sohn aufzubauen. So bleibt das Mutter-Sohn-Verhältnis deutlich enger. Drei Jahre später ertrinkt die Mutter bei einem Badeausflug, ein Unfall, ein Zusammenwirken unglücklicher Umstände. Lewis ist der einzige Zeuge und kann nicht darüber reden, weshalb die Spekulationen wild ins Kraut schießen. Gilbert erträgt seinen Sohn nun noch weniger und präsentiert ziemlich schnell eine Stiefmutter, Alicia, in der Hoffnung, damit das „Problem Lewis“ zu lösen. Aber Lewis zieht sich immer mehr in sich selbst zurück. Niemand gibt ihm die Hilfe und den Trost, die er bräuchte, er wird allein gelassen, ja, sogar bewußt gemieden, weil man die Verantwortung scheut. Dies gilt nicht nur für den Vater sondern auch für alle anderen Erwachsenen aus dem unmittelbaren Umfeld in der Kleinstadt. Deshalb nimmt auch niemand Lewis' Veränderungen wahr, bis auf die jüngere Tochter des Nachbarn, Kit Carmichael, die in Lewis vieles von sich selbst wiederfindet. Lewis, dessen Introvertiertheit von vielen mit Blödheit verwechselt wird, und der oft provoziert wird, greift bei seiner Gegenwehr zu Gewalt und bekommt damit erst recht den Ruf eines Unruhestifters und Problemfalls, den man in der wohlgeordneten Welt der „besseren Familien“ nicht sehen will. Eines Tages entlädt sich Lewis' Wut in einer Aktion, die ihn für zwei Jahre ins Gefängnis bringt. Nach Hause zurückgekehrt bemüht sich Lewis um ein ruhiges Leben, aber die Ablehnung, der er immer noch begegnet und seine eigene psychische Disposition lassen das auf Dauer nicht zu. Aber da ist immer noch Kit ...

Ein ganz wunderbarer Roman, und das trotz des Inhalts. Oder vielleicht sollte ich besser sagen: Wegen der überaus gelungenen Kombination aus Inhalt und Darstellung, und das in einem Stil, der berührt, ohne kitschig zu werden. Als Leser wird man geradezu zwangsläufig auf Lewis' Seite gezogen, man leidet mit ihm und ist mit ihm wütend. Die „bessere Gesellschaft“ ist scheinheilig, bigott. Lewis wird mit seinen Problemen nicht nur allein gelassen, er wird sogar noch provoziert und in die Enge getrieben. Und als wäre das nicht schon schlimm genug, wird hinter den schönen Fassaden der Wohlanständigkeit gesoffen, geprügelt und hintergangen, daß es eine Art hat. Lewis durchschaut dies bis zu einem gewissen Grad durchaus, er ist schließlich nicht dumm. Aber er steht dem hilflos gegenüber, denn da ihn niemand mehr ernst nimmt (im positiven Sinne, an Schlechtigkeiten traut man ihm einfach alles zu), ist es auch egal, was er sagt, ob er überhaupt etwas sagt. Alles, was er sagt oder tut, wird ihm negativ ausgelegt. Und weil alle im Ort seine Geschichte kennen, ist er ein bequemer Sündenbock für alles, was man in anderen Häusern abwälzen oder vertuschen möchte. Ich habe oft überlegt, ob Lewis andere Handlungsoptionen gehabt hätte, konnte sie aber nicht finden, denn dafür hätte nicht nur er selbst ein anderer Mensch sein müssen, sondern auch die Umstände andere.

Sadie Jones wählt auch die Erzählchronologie geschickt. Der Roman beginnt mit Lewis' Entlassung aus dem Gefängnis, um dann in einem langen Rückblick zu berichten, was bis zu diesem Punkt geschah, um dann mit Lewis' Versuchen einer Wiedereingliederung (wenn man das so nennen will) fortzufahren. Daß es dabei zu weiteren Konfrontationen und Eklats kommt, verwundert dann nicht mehr. Aber bei all dem blieb meine Sympathie immer bei Lewis und Kit, und insgesamt war ich mit dem Ende deswegen dann auch sehr zufrieden. Es ist offen genug, um Hoffnung zu vermitteln, beinhaltet aber nach wie vor die Möglichkeit des Scheiterns. Lewis und Kit sind die am tiefsten und genauesten gezeichneten Charaktere im Roman, aber auch Gilbert und Alicia sowie die Carmichaels gewinnen gute Konturen. Alles in allem ein Roman, an dem ich direkt nach der Lektüre nichts auszusetzen hatte und auch mit ein paar Tagen Abstand bin ich immer noch beeindruckt, so beeindruckt, daß ich gerade Jones' zweiten Roman Kleine Kriege ohne langes Zögern gekauft habe.

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