Fuminori Nakamura: Der Dieb

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Fuminori Nakamura: Der Dieb
Verlag
ET (D)
2015
Ausgabe
Gebundene Ausgabe
Originaltitel
Suri
ET (Original)
2009
ISBN-13
9783257069457

Informationen zum Buch

Seiten
224

Sonstiges

Originalsprache
japanisch
Erster Satz
Als ich noch klein war, hab ich es oft vermasselt.

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Handlungsort

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Er betreibt sein Metier in den belebten Straßen Tokios und den überfüllten Wagen der U-Bahn. Er stiehlt mit kunstvollen, fließenden Bewegungen. Er nimmt nur von den Reichen, Geld bedeutet ihm nichts. Er hat eine dunkle Vergangenheit, und diese holt ihn wieder ein. Die Beziehung zu einem kleinen Jungen, der ihn sich als Vaterfigur ausgesucht hat, macht ihn dabei verletzlich. Ein grandioser Thriller und eine dunkle, abgründige Geschichte über Schicksal und Einsamkeit, schnörkellos und atemberaubend erzählt.

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Beeindruckend knappe Sprache

Ein kleiner Taschendieb erledigt in Tokyo dezent seine Arbeit. Gezielt sucht er nach reichen Männern, denen er geschickt das Geld abknöpft. Weiter geht er nicht. Er verzichtet auf das Ausschlachten oder den Weiterverkauf von Kreditkarten und anderen Dingen in der Geldbörse, denn er will nicht viel mehr als einen kleinen Lebensunterhalt. Er lebt unauffällig, einsam und zurückgezogen und hat nur einen nennenswerten Kontakt, den Taschendieb Ishikawa. Die beiden arbeiteten einst als Team und es verbindet sie eine Art berufliche Freundschaft. Man gibt sich Tipps, raucht zusammen und hockt hin und wieder beieinander. Ansonsten geht jeder seine eigenen Wege.

Ishikawa ist ambitionierter und arbeitet für den einflussreichen Yakuza Kizaki. Kizaki erfährt von der Bekanntschaft und lässt die beiden Kollegen bei einem merkwürdigen Coup zusammen arbeiten. Beide verschwinden danach von der Bildfläche, doch als der Taschendieb nach Tokyo zurückkommt, läuft er erneut in Kizakis Arme: „Du kannst mir nützlich sein und mich zugleich ein wenig unterhalten ..."

Kizaki hat einen Trumpf in der Tasche. „Obwohl ihr euch für ein Leben als Gangster entschieden habt, werdet ihr anhänglich.“ Der überaus gut informierte Kizaki weiß, dass sich der Dieb um einen kleinen Jungen kümmert. So sehr die Kleinkriminellen für ihren Job freiwillig ungebunden leben, ihr Verantwortungsgefühl haben sie nie ganz verloren. Der Junge, der ihn an seine eigene Kindheit, seinen eigenen Werdegang erinnert, wird beschützt vor aufmerksamen Ladendetektiven und bekommt die eine oder andere Lehrstunde, um ihm die von der Mutter zugeteilte Aufgabe besser erledigen zu können. Mit einem skrupellosen Gangster wie Kizaki können sie es nicht aufnehmen. Er setzt den Dieb und seinen Lehrling ein wie Spielfiguren, denn genau so versteht er sein Metier.

Nakamura spielt in seinem Roman geschickt mit den Motiven der Einsamkeit, einem typischen Thema der hierarchischen und strukturierten Gesellschaft Japans. Über das Spiel mit dem Nachnamen bleiben die kleinen, unerkannten Gauner austauschbar. Ishikawa nennt sich irgendwann aus Sicherheitsgründen Niimi, der Taschendieb selbst bleibt im Roman fast namenlos - das passt zu dieser Figur des einsamen Diebes, der keine gesellschaftlichen Wünsche und die Unauffälligkeit beruflich nötig hat. Nicht einmal Ishikawa weiß, mit wem er es genau zu tun hat. Es würde mich nicht wundern, wenn die Namen einem japanischen Leser Botschaften über die Charaktere auf den Weg geben (der falsche Zweitname Niimi enthält zum Beispiel sinnigerweise das Zeichen für „neu“). Bezeichnenderweise gibt es nur einen Menschen, der den Namen des Diebes herausfindet und ein Mal nennt, Kizaki. Damit gewinnt Kizaki eine besondere Macht über den Dieb. Das Wissen alarmiert, beeindruckt und hält ihn an der kurzen Leine. Der Dieb weiß genau, dass er besser nicht für Kizaki arbeiten sollte, aber bei diesem Wissen bleibt es.

Nakamura beherrscht es, auf knapp mehr als 200 Seiten eine dichte Erzählung mit einem Minimum an Worten zu schaffen. Da ist kein Satz zuviel, da passiert alles geradeheraus und bündig. Man begreift, dass die Weichen gestellt sind, vielleicht noch viel später als der Taschendieb. Weil wir viel mehr gebunden sind, Sympathien empfinden und hoffen wollen. Alles Emotionen, die in der Welt Kizakis nicht existieren. Als wäre diese kühle Logik nicht genug, fordert Kizaki unser Verständnis von Schicksal heraus. Verläuft das Leben absolut oder haben wir eine Wahl? So geschickt der Dieb beruflich arbeitet und plant, so wenig Energie steckt er in sein Leben. Lohnt es sich oder lohnt es sich nicht, in dieses Leben Struktur reinzubringen und persönliche Ziele zu haben? Oder gibt es Menschen wie Kizaki, die für unsere Bahnen verantwortlich sind? Der Dieb begreift seinen Auftrag, er erkennt die Bahn und nimmt sie kommentarlos als die seine an.

Nakamura sagte einmal in einem Interview: „Ich spüre, dass Menschen unvermeidlich Böses in sich tragen, zugleich aber nach dem Besseren streben. Ich schreibe über Leute, die irgendwo dazwischen gefangen sind.“ Vermutlich ertappt sich auch der Leser bei so einem Kampf im Kleinen, wenn er mit dem Taschendieb mitfiebert. Natürlich, der Mann hat Prinzipien, eigene Regeln und beweist fürsorgliche Fähigkeiten. Aber er ist nun mal ein Kleinkrimineller, einer, den wir ansonsten nicht in die Nähe der Haustür lassen würden. Für mich ist das Fazit bei diesem roman noir ziemlich klar: Nakamuras deutschsprachiges Debut wirkt lange nach und hinterlässt den Wunsch nach mehr.

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