Daniel Mendelsohn: Die Verlorenen

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Daniel Mendelsohn: Die Verlorenen
ET (D)
2010
Ausgabe
Gebundene Ausgabe
Originaltitel
The Lost
ET (Original)
2006
ISBN-13
9783462041828

Informationen zum Buch

Seiten
633

Sonstiges

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Als Daniel Mendelsohn ein kleiner Junge war, begannen ältere Verwandte zu weinen, wenn er ein Zimmer betrat - so sehr ähnelte er seinem Großonkel Shmiel, der "von den Nazis ermordet" worden war. Mehr erfuhr Mendelsohn nicht über den Onkel, der mit seiner Frau und vier Töchtern in dem ukrainischen "Schtetl" Bolechow geblieben war, nachdem sein Bruder, Mendelsohns Großvater, nach Amerika ausgewandert war.Schon immer fasziniert von der Geschichte seiner Familie, machte er sich 2001, nachdem er auf alte Briefe aus Bolechow gestoßen war, auf die Suche, um herauszufinden, was mit Shmiel und seinen Angehörigen geschehen war. Das Ergebnis ist ein sehr persönlicher Bericht, ein Versuch, ganz neu über den Holocaust zu schreiben, der unter all den Schichten der Überlieferung nicht mehr zu erfassen zu sein scheint, und zugleich eine "Legende von Nähe und Distanz, Intimität und Gewalt, Liebe und Tod". Mit diesen Worten beschreibt Mendelsohn die biblische Geschichte von Kain und Abel - parallel zu seiner eigenen Erzählung erzählt er die Schöpfungsgeschichte wieder, mit ihren ewigen Themen des Ursprungs und der Familie, der Versuchung und des Exils, des Bruderverrats, der Schöpfung und Vernichtung.

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Selbst eine Woche nach Beendigung der Lektüre weiß ich gar nicht so recht, wo ich anfangen soll. Das liegt vor allem daran, daß ich mich nicht entscheiden kann, was mich am meisten an dieser Spurensuche fasziniert hat. Der Anstoß für Mendelsohn, sich mit diesem Teil seiner Familie zu beschäftigen, war für mich unmittelbar einleuchtend: Daß eine derartige Situation zu Nachforschungen reizen – nun, vielleicht nicht muß, aber doch kann. Aber wie fängt man ein solches Unternehmen an?

Mendelsohn verbindet hier mehrere Dinge auf, wie ich fand, sehr spannende Weise: seine eher theoretischen Recherchen, bei denen ihm seine wissenschaftliche Ausbildung sicher nützlich war, seine praktischen Recherchen durch die Reisen rund um die Welt, um Überlebende aus Bolechow aufzusuchen, und seine theologischen Einwürfe, mit denen er die Universalität des Motivs von Familientragödien, Brudermord, Vernichtung und Neuanfang, wie sie in den ersten Kapiteln der Genesis immer wieder beschrieben werden, darstellt und schließlich mit der Geschichte seiner eigenen Familie verbindet. Durch diese Konstruktion ist es nicht nur, vielleicht nicht einmal in erster Linie, ein Buch über den Holocaust, auch wenn man wegen der Konzentration auf so wenige konkrete Personen auf einmal eine ganz andere Sicht auf an sich bekannte Details bekommt, sondern – so wirkte es jedenfalls in erheblichen Teilen auf mich – ein Buch über eine Suche nach den eigenen Wurzeln und der eigenen Identität, die vom Holocaust einfach nicht zu trennen sind, auch wenn es „nur“ der Großonkel mit seiner Familie war, der in diesen Schrecken umgekommen ist. Es gibt eine Stelle, an der Mendelsohn überlegt, daß es eigentlich – abgesehen von dem unabweisbaren – keinen Grund gebe, warum Shmiels Töchter nicht genauso „die polnischen Cousinen“ hätten sein können, wie Itzhaks Familie „israelischen Cousinen“. Und als er diese Überlegungen seinem Bruder schilderte, habe dieser überlegt und gesagt:

„Ja, da wird einem klar, dass der Holocaust nicht etwas war, das einfach passiert ist, sondern dass er ein Ereignis ist, das noch immer passiert.“ (S. 284)

Daß dies für die Überlebenden sicher richtig ist, hätte ich nie angezweifelt. Daß dies auch für „entfernte Nachgeborene“ noch so stark bestimmend sein könnte, wäre mir ohne diesen Bericht nie so bewußt geworden, weil ich nicht in gleichem Maße darüber nachgedacht hätte.

Dann hat mich noch ungeheuer fasziniert, wieviele Details rund um diese sechs Verwandten Mendelsohn erfahren konnte. Das betrifft zunächst Informationen darüber, wie diese sechs ums Leben gekommen sind, wobei dabei viel im Ungefähren und in der Vermutung bleiben muß, weil sich einfach nicht mehr konkret feststellen läßt, ob jemand bei einer großen Erschießungsaktion sehr früh oder sehr spät auf die Planke gehen mußte und daher auch ungewiß bleiben muß, wieviel die Cousine eben selbst hat sehen müssen. Im Laufe der Zeit und der vielen Gespräche erfährt Mendelsohn aber auch vieles über das Alltagsleben in Bolechow und eben auch Details über das Alltagsleben seiner Verwandten. Diese Details ergeben bis zum Ende kein wirklich geschlossenes Bild, das wäre zu viel verlangt. Mendelsohn selbst fragt sich immer mal: Wenn jemand käme und ihn als Achtzigjährigen über Jugendfreunde befragte, wieviel könnte er so jemandem wohl erzählen? Ich habe mich das in dem Moment selbst für meine Grundschul und frühe Gymnasialzeit befragt und muß zugeben, daß ich einem Suchenden wohl kaum eine Hilfe sein könnte. Trotzdem fand ich diese Suche und diese Fragen besonders spannend, und auch hierzu hat es mir ein Zitat besonders angetan, das diese Intention gut wiedergibt:

„(...) nun sagte Matt (der jüngere Bruder; Anm. von mir) also heftig: Viele wollen nur wissen, wie sie gestorben sind, aber nicht, wie sie gelebt haben!

Marek (Sohn einer interviewten Überlebenden; Anm. von mir) führte seinen Gedanken wieter, indem er nickte und sagte: Die Leute finden es nicht wichtig, ob jemand glücklich war oder unglücklich. Aber genau das ist doch wichtig. Denn nach dem Holocaust ist das alles verschwunden.“ (S. 451 f.)

Genau das ist es wohl, was man sich immer wieder klar machen muß, und was angesichts der horrenden Zahlen leicht zu verdrängen ist: Es geht hier immer noch um einzelne Schicksale, Menschen mit einem mehr oder weniger glücklichen oder zufriedenen Leben, die für die Zukunft geplant haben und eigentlich nur mit ihren Nachbarn in Ruhe auskommen wollten. Bei dieser Vergegenwärtigung hilft eine solche Spurensuche sicher mehr, als es jede Gedenkstätte könnte, auch wenn diese ihren eigenen und wichtigen Zweck haben, nämlich die Monstrosität des Verbrechens zu verdeutlichen. Diesen persönlichen Aspekt zu beleuchten, das ist Mendelsohn in beeindruckender Weise gelungen.

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Daniel Mendelsohn ist gebürtiger New Yorker und doch liegen seine Wurzeln in Deutschland, einem düsteren Deutschland. Einem Deutschland der Vernichtung, der Angst und des Schreckens. Einem Deutschland des Holocaust. Immer, wenn er früher ein Zimmer betrat, in dem die älteren Familienmitglieder anwesend waren, brachen diese - für den damals 6-jährigen völlig unverständlich - in Tränen aus. Als Daniel älter wird, beginnt er die Andeutungen zu verstehen. Großvater Abraham will eigentlich nicht gerne über die Vergangenheit reden. Zu groß ist der Schmerz und die Ungewissheit, wie dessen Bruder Shmiel, seine Frau und die vier Töchter im ukrainischen "Schtetl" Bolechow umgekommen sind. Trotzdem bedrängt der Junge seinen Großvater immer wieder und frat ihn aus über die "Mischpoche" (hebräisch für Familie). Schließlich findet er alte Briefe und mit ihnen begibt er sich auf eine Jahre andauernde Reise zurück in die Zeit.

"Die Verlorenen" ist mehrfach preisgekrönt und in den USA schon länger ein Bestseller. Neben dem National Book Critics Circle Award erhielt das Buch den National Jewish Book Award und den Prix Medicis Etranger. Es wurde als "Buch des Jahres" (Lire) in Frankreich ausgezeichnet und setzte seinen Siegeszug in Großbritannien, Italien, Spanien und Israel fort. Es gibt fast unendlich viele Bücher der Vergangenheitsbewältigung über das Dritte Reich im Allgemeinen und den Holocaust im Besonderen. Was unterscheidet dieses Buch von den anderen? Ganz sicher der anspruchsvolle Schreibstil. Der Autor schafft es, durchschnittlich nur 3 Sätze auf eine Seite zu packen. Verschachtelte Nebensätze, gedankliche Einwürfe, jiddische Ausdrücke - all das müsste das Buch eigentlich recht schwer lesbar machen. Zugegeben: Das tut es auch. Vor allem zu Beginn. Sobald man sich aber eingelesen hat, lässt man sich solche Sätze auf der Zunge zergehen:

"Mein Großvater war für eine ganze Reihe von Dingen berühmt (in dem Sinne, wie eine bestimmte Art jüdischer Einwanderer und ihre Familien jemanden als "berühmt" für etwas bezeichnen, was in der Regel bedeutet, dass ungefähr sechsundzwanzig Menschen davon wissen) - für seinen Humor, für die drei Frauen, die er nach dem Tod meiner Großmutter heiratete und von denen er sich, bis auf die eine, die ihn überlebte, in rascher Abfolge scheiden ließ, für seine Art, sich zu kleiden, für gewisse Familientragödien, seine Orthodoxie, dafür, wie er sich bei Kellnerinnen und Ladenbesitzern in Erinnerung hielt, Sommer um Sommer-, doch für mich war das Herausragende an ihm seine Frömmigkeit und seine herrliche Kleidung."

Der Journalist Mendelsohn begibt sich nicht nur auf seine persönliche Reise in die Vergangenheit und lässt uns an seinem Leben teilhaben. Er hat auch großes Werk über die Religion und die Menschlichkeit geschrieben, ein Buch über die Geschichte von Kain und Abel und den Ursprung des Bruderverrats und Brudermordes. Man braucht etwas Geduld und einen Hang zu Schachtelsätzen - dann wird man dieses Buch lieben. Besonders Menschen, die sich für die jüdische Religion und Kultur interessieren, erhalten hier einen tiefen Einblick in eine oft nur wenig und dann doch so gravierend anderartige Welt.

Die Ausstattung des Buches wird dem Inhalt gerecht. Ich habe mich nicht nur über das praktische Lesebändchen der gebundenen Ausgabe gefreut, sondern vor allem über die wunderbaren Abbildungen, Fotos, Abdrucke von Briefen und Notizen. Am Anfang des Buches findet man einen unentbehrlichen Stammbaum der Familie und der Anhang mit der zitierten Literatur rundet das ganze ab. Einzig ein deutsch-jiddisches Wörterbuch habe ich beim Lesen vermisst, aber das wäre dann wohl doch etwas übertrieben.

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