Bewertungsdetails

Gegenwartsliteratur 6942
Das Leben ist kein Kinderspiel
Gesamtbewertung
 
4.3
Plot / Unterhaltungswert
 
4.0
Charaktere
 
5.0
Sprache & Stil
 
4.0
Kurz vor Weihnachten verschwindet 1999 in der Kleinstadt Beauval der sechsjährige Remi. In der wegen einer drohenden Fabriksschließung ohnehin schon angespannten Atmosphäre droht die Stimmung nun endgültig überzukochen. Als der Junge nicht schnell wieder auftaucht, sind die ersten Anschuldigungen rasch bei der Hand. Antoine, der doppelt so alte Sohn der Nachbarin, hat Remi als letzter lebend gesehen. Was weiß er über dessen Verbleib? Nach drei Tagen vergeblichem Suchen fegt ein Jahrhundersturm über das ansonst so beschauliche Städtchen. Danach ist nichts mehr so, wie es vorher war.

Pierre Lemaitre gelingt das Kunststück ein Menschenleben auf knapp 270 Seiten zu erzählen. Dabei beschränkt er sich auf relativ kurze Zeiträume in den Jahren 1999, 2011 und 2015. Trotzdem weiß der Leser, wie das Leben von der Hauptperson Antoine bis zu seinem Tod verlaufen wird. Überraschungen gibt es keine mehr, der Weg ist vorgegeben und mögliche Abzweigungen sind kategorisch ausgeschlossen.

Gleichzeitig hat man ein psychologisches Sittenbild einer biederen Kleinstadt in den Händen. Nur an der Oberfläche eine zusammenhaltende Gemeinschaft, überwiegen Engstirnigkeit, kleingeistliches Denken und die Bereitschaft, rasch einen möglichen Schuldigen zu verurteilen, bei der Mehrzahl der Bewohner. Beauval zeichnet sich durch nichts aus. Es ist so alltäglich und banal, dass es überall in der Welt angesiedelt sein könnte.

Der Autor beschreibt nur. Er nimmt keine Stellung, versucht niemanden in ein besseres oder schlechteres Licht zu rücken. Das Denken und das moralische Abwägen der unterschiedlichen Handlungen überlässt er dem Leser. Dieser soll sich getrost seine eigenen Meinung bilden, unbeeinflusst von Lemaitres eigener Sicht der Dinge. Dabei ist sein Stil unprätentiös und nüchtern, passend zu der Intention, in keinster Weise auf den Leser einzuwirken.

Störend ist hingegen die stellenweise Übersexualisierung. Der 12jährige Antoine beginnt schon in diesem Alter manche Frauen rein auf den Sex zu reduzieren. Dabei macht er sich Gedanken, die ich einem Jungen in den Alter einfach nicht zutraue. Der Anblick der trauernden Schwester von Remi lässt ihn gleichzeitig an Sex und Scheitern denken, wenig glaubwürdig für einen Jungen, der bis jetzt seine Zeit mit dem Bau eines Baumhauses in einem Wäldchen verbracht hat. Auch später nimmt Sexualität einen übergroßen Raum in Antoines Leben ein und zwar in einem Ausmaß, dass sie seinen weiteren Weg ebenso sehr beeinflusst wie die Geschehnisse zu Weihnachten 1999.

Die Handlung ist fesselnd, sie wirkt realistisch und weist nur wenige bis fast gar keine Lücken auf. Daher kann man am Ende der Lektüre das Buch trotz des oben angesprochenen Schwachpunktes mit einem befriedigenden Gefühl schließen, so man denn an Lemaitres distanzierter Erzählweise Gefallen findet.
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