Bewertungsdetails

Gegenwartsliteratur 6774
Enttäuschend
Gesamtbewertung 
 
2.3
Plot / Unterhaltungswert 
 
2.0
Charaktere 
 
2.0
Sprache & Stil 
 
3.0
Ich habe das Buch in englischer Übersetzung unter dem Titel "The Shadow of the Wind" gelesen.

Die Geschichte um Daniel, den jungen Spanier, der in den 50er Jahren dem Autor eines Buches nachforscht, das ihn als Kind zutiefst beeindruckt hatte, fing eigentlich recht gut an. Die Vorstellung eines "Friedhofs der vergessenen Bücher" lässt das Herz einer Büchernärrin natürlich höher schlagen, und die Beschreibung, wie der damals kleine Daniel als Kind in dem Buch versinkt, lässt mich nostalgisch an die ungeheuer intensiven Leseerlebnisse meiner Kindheit zurückdenken.

Aber schon bald ließen mich Kleinigkeiten das Buch kritischer beäugen. Kann ein Zehnjähriger wirklich diesen Gedanken gehabt haben, fragte ich mich mehrmals. Insgesamt doch voller Wohlwollen dem Buch gegenüber versuchte ich für mich diese Frage damit zu beantworten, dass der erwachsene Ich-Erzähler die Gedanken ja seinem früheren Ich sozusagen in den Kopf legt, es sich also um eine spätere Konstruktion des Erwachsenen handelt. Den - möglichen - Widerspruch klärte ich also nicht ganz zufriedenstellend so für mich.

Nun ja, die Geschichte schreitet fort, für meinen Lesegeschmack zwar manchmal etwas zu detailliert beschrieben, aber doch fesselnd, vor allem durch die schöne Atmosphäre des düsteren, regnerischen Barcelona. Aber auch diese mich anfangs ansprechende Atmosphäre begann mich schließlich zu nerven. Wieso ist hier eigentlich ständig Winter? Scheint in Barcelona die Sonne nie? Gibt es keine Wohnungen mit großen Fenstern und waren fensterlose Zimmer damals wirklich so häufig? Müssen wirklich alle Szenen unbedingt in der Dämmerung oder nachts spielen?
Verstärkt wurden diese meine Fragen durch den sehr filmischen Stil Ruiz Zafóns - ich denke, hier scheint seine Vergangenheit als Drehbuchautor hindurch. Ich sah viele Szenen quasi wie im Kino vor mir (ist eigentlich eine Verflmung geplant oder schon ausgeführt?) und da ich mich in Filmen immer ärgere, wenn die Handlung nur schememhaft zu sehen ist, stört mich das mangelnde Licht doch mehr und mehr - Atmosphäre hin oder her.

Aber trotzdem - ein stilistisch gutes Buch, das (mich) stark an "Gothic Novels" des 19. Jahrhunderts erinnert. Spannend, geheimnisvoll, mit stark gezeichneten Figuren und voller intensiver Gefühle. Etwas zu intensiver Gefühle, dachte ich nach einiger Zeit. Müssen wirklich alle Figuren an ihrer Liebe, der großen, einzigen, unersetzbaren Liebe ihres Lebens leiden? Ist es denn wirklich so ganz unmöglich, eine tragische Liebesbeziehung zu überwinden und mit einem anderen Menschen glücklich zu werden? Diesem Buch nach zu urteilen nicht. So gerne ich von starken Gefühlen lese, hier wurde mir das schließlich zu viel.
Und auch das andere Extrem wurde zu alles beherrschend geschildert. Der unendliche Hass, der Fumero antreibt, seine grenzenlose Schlechtigkeit, die er hemmungslos auslebt, ist einfach zu viel des Gu-, nein, des Bösen natürlich.
Zwischentöne fehlen hier völlig.

Ebenfalls störte mich der Wechsel in der Erzählperspektive. Damit meine ich nicht die (im Englischen kursiv geschriebenen) Einschübe aus der Sicht anderer Personen, sondern die Tatsache, dass sich dort manchmal unangekündigt ein allwissender Autor äußert, der erzählt, was niemand der beteiligten Personen wissen kann. Hier werden Informationen geliefert, die sozusagen aus dem Nichts kommen, die zumindest Daniel nie erfahren haben kann. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob irgendwo explizit gesagt wird, dass Daniel diese Informationen auch bekommen hat, oder ob sie doch nur an den Lesern mitgeteilt werden.

Und trotzdem - eigentlich habe ich die gute Hälfte des Buches recht gerne gelesen. So lange alles noch rätselhaft blieb, konnte mich dieser Schauerroman gut unterhalten. Als dann aber der Rätsel Lösungen geballt auftauchten, nahm mein Interesse rapide ab. Nicht nur hatte ich die vermutlich als Schock geplanten Enthüllungen weitgehend geahnt, auch das Tempo wurde mir zu stark angezogen. Des weiteren waren mir die Parallelen zwischen Juliáns und Daniels Leben zu deutlich und das Ende schließlich dermaßen überzogen dramatisch, dass mir beinahe übel wurde. Ein Showdown, wie er in jedem Actionfilm zu finden ist, ließ mich die Augen verdrehen.
Logik? Vergiss' es! Ich versuchte, mir den Kampf vorzustellen, und sah aus wie ein Fragezeichen: Wenn ich mit einer Hand meinem Gegner die Kehle zudrücke und mit der anderen die Hand festhalte, in der er eine Pistole hält, mit welcher Hand greife ich dann zu dem so passend in der Wand steckenden Messer?

Und da wir schon bei Logikfehlern sind: Hut ab vor dem Können der spanischen Gynäkologen! Wenn ich als Vater meine Tochter am Morgen nach ihrer Entjungferung zum Frauenarzt bringe, und der eine Schwangerschaft konstatiert, muss er hellseherische Fähigkeiten haben.
Auch andere kleinere Fehler sind mir aufgefallen, die ich hier aber nicht alle aufzählen möchte - und die ich zum teil auch schon wieder vergessen habe.

Mein Fazit:
Ich kann gut verstehen, wieso das Buch so ein Erfolg geworden ist, aber meine wohl übersteigerten Erwartungen konnte es nicht erfüllen. Mir war es in jeder Hinsicht zuviel.

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