Bewertungsdetails

Rätselhaft und faszinierend
Gesamtbewertung 
 
4.3
Plot / Unterhaltungswert 
 
4.0
Charaktere 
 
4.0
Sprache & Stil 
 
5.0
Ich habe das Buch in der englischen Übersetzung von Alfred Birnbaum unter dem Titel ”Hard-boiled Wonderland and the End of the World” gelesen.

Schon im Inhaltsverzeichnis wird deutlich, dass das Buch aus zwei Teilen besteht: Der Titel der ungeraden Kapitel besteht aus jeweils 3 Substantiven, deren Zusammenstellung neugierig macht – was mag z. B. Whiskey, Folter und Turgenjew verbinden? Die Titel der geraden Kapitel dagegen sind kursiv gedruckt und heißen z. B. Die Mauer oder Grauer Rauch.
Schnell wird deutlich, dass sich dahinter 2 Erzählstränge verbergen, von denen der erste ”Hard-boiled Wonderland” und der zweite ”Das Ende der Welt” heißen.

Der namenlosen Ich-Erzähler des ersten Stranges, der wohl in der nahen Zukunft spielt, ist ein Calcutec, ein Mann, der nach einer Gehirnoperation in der Lage ist, zu ”shuffeln”, d. h., Information hundertprozentig sicher zu vercoden. Während es bisher immer gelungen war, auch die kompliziertesten Codes zu knacken, ist dies nun nicht mehr möglich. Von dem ”System” angestellt, bekommt er einen Auftrag eines Forschers, der sich ein unterirdisches, geheimes Labor eingerichtet hat. Er vershuffelt die Information wie gehabt und erfährt von dem Forscher, dass es absolut notwendig ist, nach einer bestimmten Frist zu ihm zurück zu kehren. Dies schon lässt ihn ahnen, dass dieser Auftrag kein gewöhnlicher ist, und bestätigt wird ihm das, als er Besuch von der ”Fabrik” erhält, dem Gegenspieler des Systems. Es scheint um (sein) Leben und Tod zu gehen, er begibt auf der Suche nach dem Forscher auf eine Odyssee in der wörtlichen Unterwelt unter Tokio.

Im zweiten, im Präsens erzählten Erzählstrang findet sich ein anderer Ich-Erzähler, der in einer ihm unbekannten, von einer unüberwindbaren Mauer hermetisch abgeriegelten Stadt wieder, ohne sich genau daran erinnern zu können, wie oder wieso er dorthin kam und was vorher war. Nur weiß er, dass er, um die Stadt betreten zu dürfen, seinen Schatten opfern musste. Dieser wurde ihm abgeschnitten und der Obhut des Torhüters übergeben, bei dem er (der Schatten) die letzten Monate bis zu seinem Tod leben wird. Dem Ich-Erzähler, der sich anfangs in der Stadt wohl fühlt, wird allmählich klar, dass dort nicht alles zum Rechten steht – so haben die anderen Bewohnern kein ”mind”, (leider weiß ich nicht, wie dieser Ausdruck ins Deutsche übersetzt ist; Geist oder Seele vielleicht?), und er erfährt, dass auch er diesen mit dem Tod seines Schattens verlieren wird. Er beschließt, zusammen mit seinem Schatten zu fliehen.

Diese beiden Stränge scheinen nichts miteinander zu tun zu haben, doch gibt es sonderbare Parallelen. Gewisse Gegenstände wie z. B. Büroklammern fallen beiden Erzählern immer wieder auf, Tierschädel spielen hier wie dort eine wichtige Rolle, und schon bald vermutete ich einen bestimmten Zusammenhang, der sich später als weitgehend richtig herausstellte.
Beide Stränge sind spannend zu lesen, allerdings enthält der erste in der Mitte für meinen Geschmack etwas zu viel Action und langweilte mich daher etwas.
Das Ende des Romans ist gelungen – es bietet noch einmal eine gehörige Überraschung und lässt wehmütig von dem Buch und seinen Personen Abschied nehmen, während man überlegt, wie es mit diesen weiter gehen kann.
Stilistisch war die Lektüre dieses Buches ein Genuss. Jedes einzelne Wort stimmte (zumindest in der englischen Übersetzung; zu der deutschen kann ich nichts sagen), und trotz schwer durchschaubarer Handlung war es schnell zu lesen. Erleichtert wurde die Lesbarkeit durch die erstaunliche ”Westlichkeit” des Romans. Bücher aus ”exotischen” Ländern sind oft wegen des fremden kulturellen Hintergrundes schwerer zugänglich, aber hier war das nicht der Fall, wohl mit dadurch bedingt, dass sich immer wieder auf westliche Bücher, Musik etc. bezogen wird. Abgesehen davon, dass ab und zu japanische Gerichte, Tokioer Stadtteile, Straßennamen und U-Bahnstationen erwähnt werden, könnte die Handlung auch in jeder anderen Großstadt spielen.
Ein rätselhaftes, fantasievolles und spannendes Buch, das Lust auf weitere Werke von Haruki Murakami macht..
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