Bewertungsdetails

Gegenwartsliteratur 3304
Fesselnd und erschreckend zugleich
Gesamtbewertung
 
5.0
Plot / Unterhaltungswert
 
5.0
Charaktere
 
5.0
Sprache & Stil
 
5.0
In den Siebzigern schließt sich Martina Müller der RAF an. Sie gibt dafür alles auf - ihr bisheriges Leben, ihre Eltern und ihre Tochter Angelika. Nach der Selbstauflösung der Terrorvereinigung wird sie 1998 vorzeitig aus der Haft entlassen. Dieser Gnadenakt stellt viele Personen vor eine Zerreißprobe. Zum einen die Hinterbliebenen ihrer Opfer, zum anderen den einzigen Überlebenden eines blutigen Entführungsversuches, aber auch ihre Tochter und vor allem auch sie selbst. Alles, woran sie geglaubt hat, gibt es nicht mehr. Vielmehr muss sie sich jetzt die Frage stellen, ob ihre Überzeugungen, für die sie gekämpft und gemordet hat, überhaupt die richtigen waren.

Tanja Kinkel beschäftigt sich in ihrem neuesten Roman mit dem deutschen Herbst. Anhand der fiktiven Person Martina Müller zeichnet sie einfühlsam die stetige Radikalisierung eines jungen Menschen nach. Martinas Wandel von einer gutgläubigen Idealistin zur gnadenlosen Fanatikerin vollzieht sich glaubhaft. Der Punkt, an dem es für sie kein Zurück mehr gibt, ist nachvollziehbar und stellt einen selbst vor die kritische Frage, ob man in derselben Situation unter gleichen Voraussetzungen nicht vielleicht sogar genauso gehandelt hätte.

Die Sicht von Martinas Opfern wird ebenfalls behandelt. Wie haben sich ihre Taten auf die Hinterbliebenen, dem einzigen Überlebenden des von ihr verübten Anschlags und ihre Tochter ausgewirkt? Mit welchen Spätfolgen haben diese noch zwanzig Jahre nach der Tat zu kämpfen?

Leichte Kost ist dieser Roman nicht. Er lässt einen auch nach dem Lesen nicht los und währenddessen können Pausen notwendig werden, um das Gelesene zu reflektieren. Die Autorin verwendet in den Dialogen der Terroristen deren Sprache – lässt sie deutlich zwischen Menschen und Schweinen unterscheiden. Nach der sprachlichen Enthumanisierung fällt es den RAF-Mitgliedern leichter ihren Gegnern – also alle die sich im herrschenden System eingerichtet haben – generell die Menschlichkeit abzusprechen. So erklärt sich auch der entstandene Widerspruch zwischen der selbst auferlegten Mission die unterdrückte Masse erretten zu wollen und der absoluten Mitleidlosigkeit mit unschuldigen Opfern ihrer Aktionen, die sogar noch zynisch mit Hobelspänen verglichen wurden.

Fazit:
Ein fesselnder Roman, der einem auch nach dem Lesen noch beschäftigt.
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