Jenny Erpenbeck: Gehen, ging, gegangen

Jenny Erpenbeck: Gehen, ging, gegangen

 
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Jenny Erpenbeck: Gehen, ging, gegangen
Verlag
ET (D)
2015
Ausgabe
Gebundene Ausgabe
ISBN-13
9783813503708

Informationen zum Buch

Seiten
352

Sonstiges

Originalsprache
deutsch
Erster Satz
Vielleicht liegen noch viele Jahre vor ihm, vielleicht nur noch ein paar.

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Handlungsort

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Wie erträgt man das Vergehen der Zeit, wenn man zur Untätigkeit gezwungen ist? Wie geht man um mit dem Verlust derer, die man geliebt hat? Wer trägt das Erbe weiter? Richard, emeritierter Professor, kommt durch die zufällige Begegnung mit den Asylsuchenden auf dem Oranienplatz auf die Idee, die Antworten auf seine Fragen dort zu suchen, wo sonst niemand sie sucht: bei jenen jungen Flüchtlingen aus Afrika, die in Berlin gestrandet und seit Jahren zum Warten verurteilt sind. Und plötzlich schaut diese Welt ihn an, den Bewohner des alten Europas, und weiß womöglich besser als er selbst, wer er eigentlich ist.

Jenny Erpenbeck erzählt auf ihre unnachahmliche Weise eine Geschichte vom Wegsehen und Hinsehen, von Tod und Krieg, vom ewigen Warten und von all dem, was unter der Oberfläche verborgen liegt.

Autoren-Bewertungen

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Erpenbeck zeigt uns die Gesichter hinter der „Flüchlingskrise“

Inhalt:
Richard, frisch emeritierter Professor für Alte Sprachen, hat plötzlich viel Zeit. Zufällig sieht er die afrikanischen Flüchtlinge, die auf dem Berliner Oranienplatz campieren. Sie wecken seine Neugier. Anfangs noch etwas unsicher und ganz sachte wagt er einen Schritt nach dem anderen auf sie zu, lernt die einzelnen Personen und ihre Geschichte kennen, bis sein Leben schließlich eng mit dem der Flüchtlinge verzahnt ist.

Meine Meinung:
Sprachlich ist der Roman vielleicht nicht gerade ein Highlight, ist die Sprache doch eher einfach gehalten mit vielen kurzen Sätzen. Allerdings spiegelt das die einfachen Gedanken und Gespräche wider, die beschrieben werden. Leider verzichtet die Autorin auch nicht auf diese neumodische Sitte, bei der wörtlichen Rede die Anführungszeichen wegzulassen.

Und doch hat mich Jenny Erpenbeck mit ihrem Roman sehr beeindruckt, gibt sie doch den Menschen, die wir im Allgemeinen nur als die „Flüchtlingskrise“ wahrnehmen, ein Gesicht, eine Vergangenheit, eine Persönlichkeit. Sie pickt einzelne Menschen heraus und bringt sie uns näher. Dabei verarbeitet sie die Geschichten, die sie in zahlreichen Interviews erfahren hat. So wirkt der Roman sehr authentisch.

Richard ist dabei ein einfacher Mensch. Über Flüchtlinge hat er sich vorher noch nie viele Gedanken gemacht – wie wohl die meisten von uns. Doch als er die einzelnen Menschen in natura vor sich hat, ändert sich sein Blickwinkel ganz automatisch. Schnell wird ihm klar, dass diesen Menschen Schlimmes widerfahren ist und vor allem, dass man ihnen helfen muss. Und so geht Richard weiter seine kleinen Schritte. Er begleitet den Einen zum Rechtsanwalt, geht mit dem Nächsten zum Deutschunterricht, hört sich ihre Sorgen und Probleme an. Es ist nicht genug, was er als Einzelner bewirken kann, und doch so viel. Einfach nur, weil er menschlich handelt. Denn weder können die Flüchtlinge etwas dafür, dass in ihrer Heimat Krieg herrscht noch dass es keine Arbeit oder einfach zu wenig Nahrung für alle gibt. Sie haben einfach nur Pech, dass sie im falschen Land geboren sind.

[ … ] ebenso wüsste keiner von ihnen [Richards Freunde] eine Antwort auf die Frage, wessen Verdienst es in Wahrheit war, dass selbst die Ärmeren aus ihrem Freundeskreis einen Geschirrspüler in ihren Küchen hatten, Weinflaschen im Regal und doppelt verglaste Fenster. Wenn es aber nicht ihr eigenes Verdienst war, dass es ihnen so gut ging, war es andererseits auch nicht die Schuld der Flüchtlinge, dass es denen so schlecht ging. (S. 120)

Und noch etwas sollte man bedenken:
Es ist noch gar nicht so lange her, denkt Richard, da war die Geschichte der Auswanderung und der Suche nach Glück eine deutsche Geschichte. (S. 222)

Fazit:
„Gehen, ging, gegangen“ ist ein Plädoyer für Menschlichkeit, eingebettet in einen ernsten, aber doch unterhaltsamen Roman. Von mir gibt es eine klare Leseempfehlung!

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Ein wichtiges und ehrenwertes Buch. Aber leider ein missglückter Roman

Jenny Erpenbeck gehört für mich zu den wichtigen Autoren der dt. Gegenwartsliteratur. Ihre beiden letzten Romane 'Heimsuchung' und 'Aller Tage Abend' halte ich für ganz herausragende Bücher. Daher hat es mich gefreut und gar nicht überrascht, dass ihr neuer Roman 'Gehen, ging, gegangen' jetzt auf der Auswahlliste für den Dt. Buchpreis stand. Das Buch habe ich mit großen Erwartungen gelesen.

Erzählt wird die Geschichte von Richard, einem Professor für Altphilologie. Der Berliner ist kurz nach seinem 70. Geburtstag emeritiert worden und versucht nun, sein Leben als Ruheständler neu zu organisieren. Seine Frau ist vor einigen Jahren gestorben, seine Geliebte hat ihn verlassen. Richard pflegt einige Freundschaften, ansonsten fühlt sich sein Leben nun neu und leer an. Da gerät er - mehr oder weniger durch Zufall - in Kontakt mit einer Gruppe Asylbewerber, die in Berlin auf dem Alexanderplatz eine Demonstration organisieren, um auf ihre Lage hinzuweisen. Richard verfolgt die Geschicke der Gruppe weiter. Er fühlt sich als Forscher angesprochen, er will mehr über die einzelnen Personen erfahren, zugleich spürt er unbewusst, dass hier offenbar eine Aufgabe für ihn wartet, die seinem Leben neuen Gehalt geben kann. Er besucht die Gruppe in ihrer Unterkunft, führt Gespräche und lernt die Geschichten der einzelnen Männer kennen. Nach und nach entwickelt er eine persönliche Beziehung zu einigen von ihnen. Er begleitet sie bei Behördengängen, lädt sie zu sich nach Hause ein. Immer mehr wird er in die aussichtslose Lage der Asylbewerber hineingezogen, die in Deutschland nicht bleiben dürfen, weil sie in Italien zuerst EU-Boden betreten haben. In Italien dürfen sie bleiben, können dort aber nicht arbeiten. In Deutschland könnten sie wohl arbeiten, erhalten aber keinen Aufenthalt-Titel und damit keine Erlaubnis. Allerdings sind in Deutschland die Geldzahlungen höher, sodass sie ihre Familien in Afrika unterstützen können. So werden sie von einer Unterkunft in die nächste verschoben, immer unter Androhung der Abschiebung nach Italien. Ein Teufelskreis aus Bürokratismus, Hoffnungslosigkeit, Hilflosigkeit der Behörden, Resignation und drohendem Wahnsinn.

Richard wird immer tiefer in dieses Schicksal hineingezogen. Er ist kein Aktivist, sein Interesse ist nicht, großangelegte Aktionen zu planen oder politisch aktiv zu werden. Er reagiert intuitiv, menschlich, hilft, wo er helfen kann und öffnet den Männern sein Haus und auch ein Stück weit sein Herz. Auch, als am Schluss für die Gruppe eigentlich gar kein Ausweg mehr bleibt als das Asyl bei Freunden und in Kirchengemeinden.

Jenny Erpenbeck hat ein wichtiges und aktuelles Thema aufgegriffen. Die Schilderungen des Buches kennt man aus den Nachrichten. Sie brennen uns allen unter den Nägeln. Dass die Autorin hier ein so brandheißes Thema aufgreift, das sie offenbar selbst sehr stark beschäftigt, ist einerseits das Verdienst des Buches, aber zugleich auch das Hauptproblem. Denn als Roman ist das Buch m. E. missglückt. Das Buch liest sich über weite Strecken wie eine Reportage, an den emphatischeren Stellen auch wie ein Manifest oder Pamphlet. Die Schilderungen der Einzelschicksale, die Darstellung der juristischen Hürden, die Hilflosigkeit der Verwaltung, die Winkelzüge der Politiker, die sich das Problem einfach nur vom Hals schaffen wollen - all das versucht Jenny Erpenbeck in eine Romanhandlung einzubauen, was aber nur sehr bedingt gelingt. Man merkt: sie will das Thema den Lesern nahebringen. Dafür hätte sie aber besser einen Essayband geschrieben. Ganz und gar kippt das gegen Ende des Buches, als sie auf zwei ansonsten leeren Seiten nur noch die Frage stellt: Wohin soll jemand gehen, der nicht weiß, wo er hingehen soll? (aus dem Gedächtnis zitiert)

Die Hauptfigur Richard bleibt über weite Strecken blass. Sie dient als Resonanzboden und Projektionsfläche. Sie wird vor allem gebraucht, um herauszufinden, was hinter den Kulissen abgeht, wie schlimm die Lage der Flüchtlinge ist, ohne dass die Öffentlichkeit merkt, was da mitten in Deutschland passiert. Ansonsten ist Richard als Figur nicht sehr glaubwürdig. Er ist unglaublich gebildet, zitiert Goethe, Gottfried von Straßburg, antike Denker -- und weiß dann aber nicht, wer die Tuareg sind und denkt stattdessen an eine Autormarke oder wie weit es von seinem Berliner Vorort bis nach Spandau ist. Für jemanden, der lange in Berlin Professor war, ist das einfach nicht glaubhaft. Überhaupt wimmelt es in dem Buch von historischen Parallelen und von mehr oder weniger willkürlichen Bezugnahmen. Ein Anwalt, der beim Gespräch über das Schicksal von Asylsuchenden Tacitus aus dem Regal zieht und dessen Ansichten über die Gastfreundschaft der Germanen zitiert? Nicht sehr realistisch.

Mein Fazit: Das ist ein wichtiges und ehrenwertes Buch. Aber leider ein missglückter Roman. Die Autorin hätte besser ein anderes Genre gewählt. Denn es geht ihr ganz offenbar darum, die Aufmerksamkeit auf die bestehenden Probleme zu lenken, die Leser aufzurütteln. Daher werden am Schluss des Romans auch Hilfsorganisationen und ein Spendenkonto genannt. Das Buch ist so aufgebaut, dass ich sehr dicht drangeblieben bin. Zwei Tage für die 350 Seiten - allein das zeigt ja, dass die Geschichte mich auch gefesselt hat.

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