John Boyne: Die Geschichte der Einsamkeit

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John Boyne: Die Geschichte der Einsamkeit
Verlag
ET (D)
2015
Ausgabe
Taschenbuch (Broschiert)
Originaltitel
A History of Loneliness
ET (Original)
2014
ISBN-13
9783492060141

Informationen zum Buch

Seiten
416

Sonstiges

Originalsprache
englisch
Übersetzer/in
Erster Satz
Erst spät in meinem Leben begann ich mich dafür zu schämen, dass ich Ire bin.

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Handlungsort

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Odran Yates kommt 1972 an das renommierte Dubliner »Clonliffe Seminary«, um Priester zu werden. Voller Hingabe widmet er sich seinen Studien. Er kann es kaum erwarten, endlich Gutes zu tun. Vierzig Jahre später ist sein Vertrauen in die katholische Kirche jedoch zutiefst erschüttert. Waren Priester jahrzehntelang unanfechtbare Respektspersonen und wurden von der irischen Bevölkerung verehrt, schlägt ihnen jetzt nur noch Verachtung entgegen. Odran muss dabei zusehen, wie alte Freunde zu recht vor Gericht stehen, wie einstige Würdenträger verurteilt werden und ins Gefängnis kommen. Odran ist erschüttert und zieht sich zurück – aus Angst vor den missbilligenden Blicken seiner Umwelt. Erst als bei einem Familientreffen alte Wunden aufgerissen werden, sieht er sich gezwungen, sich den Ereignissen zu stellen und seine Komplizenschaft zu erkennen.

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Heikles Thema

Als Odran Yates Ende der 70er Jahre zum Priester geweiht wurde, war er nicht nur der ganze Stolz seiner Mutter, sondern gehörte einem Berufsstand an, der in ganz Irland höchsten Respekt genoss. Seine Arbeit als Lehrer in einem katholischen Jungeninternat macht ihm auch fast ein Vierteljahrhundert später noch Freude, doch ansonsten hat sich vieles um 180° gedreht. Die Welt ist säkularer geworden, und der Respekt vor dem Priesteramt ist allgemeiner Verachtung gewichen, nachdem zahlreiche Missbrauchsfälle bekannt geworden sind, die von der Kirche systematisch gedeckt wurden. Schräge Blicke und "Kinderschänder"-Rufe gehören noch zu den harmloseren Dingen, die ihm auf der Straße begegnen.

Dabei hat sich Odran selbst überhaupt nichts vorzuwerfen ... oder doch? Er ist ein anständiger Mensch, ein guter Lehrer, schlägt sich auch tapfer in seiner neuen Rolle, nachdem er von jetzt auf nachher in die Pfarrei versetzt wird, in der zuvor sein alter Freund Tom Cardle tätig war. Er hat keine perversen Begierden, nicht einmal großartige sexuelle Regungen,, er ist eigentlich einer, der nicht verdient hat, zusammen mit seinen Amtskollegen unter Generalverdacht gestellt zu werden, einer, der einfach nur seine Sache gut machen möchte und tatsächlich aus dem Glauben Kraft schöpft.

Doch wenn er ganz ehrlich ist, gab es einige Momente, in denen ihm Dinge hätten auffallen müssen, in denen er nicht zwei und zwei zusammengezählt hat. Weil man sich manchmal einfach "nichts dabei denkt", oder weil er zu blauäugig an das Gute geglaubt hat, oder womöglich, weil er nichts sehen wollte?

Mit Odran Yates hat John Boyne eine ganz ausgezeichnete Hauptfigur für dieses Buch über ein sehr heikles Thema gewählt. Er ist Priester, also unmittelbar mit der einst so angesehenen und immer noch mächtigen Institution Kirche verbunden, aber weder Täter noch Opfer, ein quasi neutraler Zeuge. Diese Perspektive scheint mir die geeignetste für eine Auseinandersetzung mit den Missbrauchsskandalen im Zusammenhang mit der Kirche und deren Vertuschung. Das katholische Irland, wo die Kirche bis in die 90er Jahre hinein so einflussreich war wie in kaum einem anderen Land, ist auch der perfekte Schauplatz.

Überhaupt hat mich der Roman auf ganzer Linie überzeugt. Odran ist ein Mensch aus Fleisch und Blut mit einer Vergangenheit und einer Familie, kein frömmelnder Phrasendrescher, sondern einer, der aus Berufung Priester geworden ist und dem man das tatsächlich abnimmt. Auch die Erzählstruktur gefällt mir. Zwar springt das Buch  manchmal über Jahrzehnte hinweg in der Zeit hin und her, es ist aber stets klar, wo wir uns gerade auf Odrans Lebensweg befinden. Wie beim Häuten einer Zwiebel enthüllen sich Schicht um Schicht die wichtigsten Ereignisse in Odrans Leben und seine schrittweise Erkenntnis, aus welchem schwerwiegenden Grund sein alter Freund Tom Cardle ständig von einer Pfarrei zur nächsten versetzt wird und dass überhaupt innerhalb der katholischen Kirche so einiges zum Himmel stinkt.

Der ruhige, fast plaudernde Erzählton lässt einem die Haare zu Berge stehen angesichts des oft jahrzehntelangen Leidens der Opfer, der Unverfrorenheit, mit der diese Verbrechen unter den Teppich gekehrt wurden, und des Kadavergehorsams vieler, die sich Christen schimpfen.

Obwohl Boyne hier üble Missstände schildert, wird er weder voyeuristisch noch plakativ, er wertet und kommentiert nicht, sondern lässt die Geschehnisse für sich sprechen und verzichtet komplett auf Schwarzweißmalerei (unter anderem gefiel mir, dass es auch einige integre Gestalten unter den Klerikern gab). Die Auseinandersetzung mit Odrans Schuldgefühlen ist sehr einfühlsam und differenziert gelungen.

Inhaltlich keine leichte Kost, aber ein richtig gutes Buch zu einem leider viel zu lange totgeschwiegenen Thema.

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Das Vertrauen in die katholische Kirche

wurde in den vergangenen Jahren des Öfteren so nachhaltig 
erschüttert, dass man annehmen musste, sie würde sich nie wieder davon 
erholen. Doch immer wieder hat sie sich berappelt - wenn auch in der 
Gesellschaft viel Misstrauen entstanden ist und das Vertrauen, ja der 
Glaube in die Institution Kirche stark erschüttert wurde. Und das nicht 
nur hierzulande - nein, auch in anderen Ländern hat es ähnliche 
Entwicklungen gegeben. Natürlich ist Irland, eine der "Hochburgen" des 
Katholizismus, nicht davon ausgenommen.

Gerade diesem schweren 
Thema widmet sich der Autor John Boyne - ich bin  versucht zu sagen: der
 große irische Gegenwartsromancier Boyne - in seinem ersten Roman, der 
in seinem Heimatland spielt. Und er hat sich sowohl historisch als auch 
räumlich weit hinausgewagt, so bpsw. ins Deutschland in Zeiten des 
Nationalsozialismus, indem er sich überaus eindringlich dem "Jungen im 
gestreiften Pyjama" widmete, dann wieder erfolgte ein ausführlicher 
Ausflug  ins zaristische Russland, dessen Ende er mit einer sowohl 
gewagten als auch auch phantasievollen Variante versah. 

Diesmal 
bleibt Boyne sehr viel stärker in der Realität verhaftet - sein Roman 
spielt in Irland der 1960er bis 2010er Jahre und handelt vom Leben und 
den Erlebnissen und Schicksalsschlägen des Dubliners Odran Yates, der 
1972 voller Überzeugung seine Ausbildung in der Priesterschule aufnimmt,
 sie auch nie bereut und seinen Beruf voller Freude ausübt. Ja, man 
könnte sagen - ein zufriedener Mensch, was erstaunlich ist, da er auf 
alles andere als auf eine behütete Kindheit zurückblickt. Doch alles ist
 nicht so, wie es scheint....

Ein überaus realistischer und 
dadurch umso ergreifenderer Roman um Fragestellungen, mit denen wir alle
 - ob katholisch oder nicht - schon konfrontiert wurden, zumindest in 
der aktuellen Berichterstattung und die uns schockiert und erschreckt, 
verständnislos zurückgelassen haben. 

Mich persönlich hat das Ende
 ein klein wenig enttäuscht: dadurch wurde meine Lektüre nicht ganz so 
rund, wie es sich den ganzen Roman hindurch abgezeichnet hatte - das 
Buch ließ mich ein klein bisschen enttäuscht zurück, was aber wirklich 
nur mit den letzten - sagen wir, ca. 50 Seiten - zusammenhängt. 
Ansonsten ist es überaus empfehlenswert - Boyne widmet sich diesem 
schwierigen Thema gewohnt eloquent und fügt seinem Oeuvre einmal mehr 
einen Roman hinzu, der sich vollkommen von dem, was er vorher 
geschrieben hat, unterscheidet.

John Boyne - ein Autor, der definitiv für eine Überraschung gut ist!

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Ein Junge wird zum Priester und dann zum Mann

John Boyne - Die Geschichte der Einsamkeit - PIPER

Dublin, 1955-2012

Der junge Odran Yates wächst in einem traditionsreichem katholischen Irland
auf. Die Priester werden verehrt, die Religion rechtfertigt alles. 
Schnell ist man dabei einen Sündenpfuhl zu wittern, die ehelose 
Partnerschaft ist ein Sakrileg, einer geschiedenen Frau verweigert die 
Kirche die heilige Kommunion. Lieber verdammen als vergeben. Die 
Priester vertreten einen rachsüchtigen Gott, flammende Reden hallen 
gehässig in der kleinsten Kapelle wider.
Doch das Volk huldigt seine Glaubensvertreter, weil es sie fürchtet.
Odrans Mutter hat Angst, dass das neue Nachbarsmädchen ihren Sohn verdirbt und
hat eine Offenbarung: Odran soll Priester werden und wer ist der 
frischgeküsste Junge schon, um die Worte seiner strengen Mutter 
anzuzweifeln. Der Verlust des Vaters und des Bruders in der Kindheit 
haben ihn geprägt,  das Abenteuer als Teenager hat seine Mutter im Keim erstickt.
Odran ist nun in Rom und wird ein Mann der Kirche, es scheint der richtige Weg für ihn zu sein, 
er fühlt sich berufen. 
Pater Yates hat ein gutes Herz und eine gewisse Leichtigkeit umgibt ihn, aber
auch ihn erschüttert ein Skandal. Odran erfährt mit 23 was Versuchung 
ist und verliebt sich in eine römische Kellnerin..
40 Jahre später resümiert er und fühlt sich pfadlos. Würdenträger werden nicht mehr 
glorifiziert, sein Irland hat sich verändert.

Dieses Buch ist wie ein Fluss, schnell, kurvig, steinig mit Untiefen.
John Boyne ist einer jener Autoren, die den Leser ab der ersten Seite in die Geschichte
hineinziehen und nicht mehr loslassen. 
Uneingeschränkte Leseempfehlung!


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