Kathrin Aehnlich: Wenn die Wale an Land gehen

Kathrin Aehnlich: Wenn die Wale an Land gehen

 
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Kathrin Aehnlich: Wenn die Wale an Land gehen
Verlag
ET (D)
2013
Ausgabe
Taschenbuch
ISBN-13
9783746631219

Informationen zum Buch

Seiten
253

Sonstiges

Originalsprache
deutsch
Erster Satz
Sie betrat das Land der unbegrenzten Möglichkeiten durch einen schlecht beleuchteten Tunnel.

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Handlungsort

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Roswitha Sonntag reist nach New York. Sie ist gerade geschieden worden, und es war die Frage ihres Mannes, die den Ausschlag für die Reise gegeben hat: "Warum hast du eigentlich Mick nie besucht?" Mick war im Studium ihr bester Freund und der Mittelpunkt ihrer Clique, die damals in den 80er-Jahren in Leipzig unzertrennlich war und unbesiegbar. Gemeinsam nutzten sie die kulturellen Freiräume, die sich in einem Land öffneten, das langsam in Agonie versank. Sie fotografierten, drehten Filme mit einer russischen Super-8-Kamera, führten eine Rock-Oper auf, und die Musik aus dem Feindesland Amerika lieferte den Soundtrack dazu. Als sie am Ende des Studiums in einen Alltag zurückgeworfen werden, den sie so nie leben wollten, tauchen merkwürdige Leute bei ihnen auf. Zuerst lachen sie darüber und geben den Genossen den Namen "Handwerker". Aber die Handwerker verstehen ihr Handwerk, und nicht jeder kann ihnen standhalten.

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(Aktualisiert: 02 August 2015)
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Leipzig in den 80ern und NYC zwanzig Jahre später...

Kathrin Aehnlich kam 1957 in Leipzig zur Welt und studierte dort nach dem Besuch der Ingenieurschule für Bauwesen in den 80ern am Literaturinstitut. Nach der Wende arbeitete sie unter anderem als Journalistin und Schriftstellerin. Erstmals wurde ich durch ihren großartigen Roman "Alle sterben, auch die Löffelstöre" auf die Autorin aufmerksam - deshalb musste ich ihr neuestes Buch "Wenn die Wale an Land gehen" unbedingt lesen. Auch in der Hoffnung, dass möglicherweise einige biographische Elemente eine Rolle spielen... Kathrin Aehnlich lebt in Markkleeberg bei Leipzig.

Roswitha Sonntag, soeben frisch geschieden, reist nach New York City. Sie ist auf der Suche nach Mick, der in den 80er Jahren der Mittelpunkt von Roswithas Freundeskreis und zudem ihr bester Freund war. Es war die Zeit, in der Roswitha eine Ingenieurschule besucht und gemeinsam mit ihren Freunden eine eigene Kultur und Kunst geschaffen hat - kleine Nischen der Freiheit in einem allmählich untergehenden Land. Die jungen Leute haben Filme gedreht, fotografiert und dabei den Klängen der Musik des imperialistischen Gegners der DDR und des Sozialismus' gelauscht.
Doch was ist dann aus Mick geworden? Dem jungen Mann, der sich nichts und niemandem beugen wollte und schon immer ein Faible für das Land der unbegrenzten Möglichkeiten hatte...

Mit der inzwischen 50jährigen Roswitha entdeckt der Leser das Land, von dem Mick immer geträumt hat. Roswitha hat nichts weiter als eine alte Anschrift Micks - eine bescheidene Ausgangslage in einer Stadt mit solchen Dimensionen. Doch sie begegnet Freunden und Weggefährten von Mick, die sich um sie und ihr Anliegen kümmern. Die Autorin schafft hier ein sehr gelungenes Portrait des stark afroamerikanisch geprägten New Yorker Viertels Harlem und einzelner Bewohner.
Doch das wirklich Bemerkenswerte sind die Rückblenden, mit denen Kathrin Aehnlich die Geschichte in der Gegenwart anreichert: sie zeigen das durchgängige, stark verbindenende Element, die Musik, die kleinen Fluchten aus einem beinahe genormten Alltag und machen die Erkenntnisse der Hauptfigur Roswitha, die begreift, dass es manchmal nur Nuancen oder scheinbar unwichtige Entscheidungen sind, die vieles im Leben verändern (können), besonders deutlich.

Meine Hoffnung, dass einige Erlebnisse der Autorin selbst in diesen Roman eingeflossen sind, hat sich erfüllt, denn anders kann ich mir die Intensität des Erzählten nicht erklären. Die Emotionen, die aus dem Mief und der Langeweile - aber auch aus den kleinen Rebellionen der Studentenclique - in der DDR entstehen, haben mich allesamt erreicht. Obwohl ich nicht im sozialistischen Teil Deutschlands sozialisiert wurde, konnte ich viele Träume und Hoffnungen der jungen Leute nachvollziehen... Aber auch die Schilderungen der Gefühle und Erkenntnisse, die Roswitha zwanzig Jahre später in New York hat, empfand ich als sehr eindrucksvoll. Es lohnt sich in den meisten Fällen, Träume zu haben und sie zu verfolgen - das kann man hier lernen.
"Wenn die Wale an Land gehen" ist ein ehrliches und melancholisches, ein lebenskluges wie auch an wenigen, dafür umso richtigeren Stellen humorvolles Buch.

Fazit: Ein beeindruckendes Buch über junge Menschen in den 80ern in der DDR - ihre Träume und kleinen Fluchten. Und darüber, was zwanzig Jahre später daraus geworden ist.

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(Aktualisiert: 13 Juli 2015)
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Atmosphärischer Blick hinter die Mauer

Roswitha reist nach ihrer Scheidung spontan nach New York um Ihre Jugendliebe Mick zu finden. Dabei erinnert sie sich in Rückblenden an ihr Leben in der DDR.
Diese Rückblenden machen den Großteil der Handlung aus, während die Reise in der Gegenwart immer nur in kurzen Einblendungen geschildert wird.

Roswitha lernt Mick in der Schule kennen. Durch ihn entdeckt sie ihre Liebe zur Musik, die sie wie ein Soundtrack immer wieder durch das Buch begleitet. Schallplatten und Bücher werden wie Kostbarkeiten behandelt und durch ihre Knappheit und die mangelnde Auswahl setzen sie sich viel intensiver mit ihnen auseinander.

Tagsüber sitzen sie mit ihren Freunden müde im Unterricht und nachts wird im Studentenclub hinter verschlossenen Türen gefeiert.
Doch sobald die Schule beendet ist, sind das schöne Leben und die Freiheit vorbei. Es beginnt das Arbeitsleben in dem der Tag geprägt ist von Langeweile und dem Getratsche der Kollegen.

Gerade der freiheitsliebende Mick hat Probleme sich in ein solch vorbestimmtes und tristes Leben einzufügen. Er ist ein Getriebener, der davon träumt die DDR zu verlassen.
Roswitha passt sich nach und nach an und durch die Schilderung des Lebens der Beiden wird angedeutet, wie eingeschränkt die Möglichkeiten sind und immer wieder begegnet vor allem Roswitha einer abgestumpften Gleichgültigkeit, der sie sich einfach nicht fügen will.

In New York geht Roswitha auf die Suche nach Mick. Sie trifft auf hilfsbereite Menschen, die ihm begegnet bzw. mit ihm befreundet sind und so folgt sie seiner Spur und entdeckt dabei was es heißt zu leben und für andere da zu sein.

Die Autorin schildert die letzten Jahre vor dem Mauerfall und ließ dabei sicher ihre eigenen Erfahrungen und Emotionen einfließen.
In ihrem ruhigen und einprägsamen Schreibstil versteht es Kathrin Aehnlich Atmosphären spürbar zu machen. Bei den Emotionen war das in meinem Fall nicht so. Ich habe die Geschichte zwar mit großem Interesse gelesen, doch habe ich nicht mit den Personen mitgefühlt sondern mehr wie ein Beobachter aus der Distanz heraus das Ganze verfolgt.

Fazit: Ein Blick hinter die Mauer vor dem Mauerfall, aus der Sicht einer jungen Frau.

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Wunderbar melancholisch und humorvoll

Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, das war und ist Amerika für viele, so auch für die Bürger der ehemaligen DDR. Roswitha ist 50, als sie nach New York reist. Gerade frisch geschieden, ist sie auf der Suche nach Mick, ihrer Jugendliebe. Sie waren in den 1980er Jahren in Leipzig in derselben Studentenclique. Mit Hilfe der Kunst, sei es Musik, Theater, Fotografie oder Film, lehnten sich die Freunde gegen die normierte Gesellschaft auf, bis sie ins Visier der Stasi gerieten. Vor allem Mick war schon immer der rebellische Typ, er wollte sich nicht dem System unterordnen, sondern das Land verlassen, in die USA gehen, was er schließlich auch tat. Roswitha blieb. Seit über 20 Jahren haben sie sich nicht mehr gesehen, und so hat Roswitha nur eine Jahre alte Adresse von ihm und ihre Suche dauert etwas. Dabei lernt sie aber einige Freunde von Mick kennen, die sich ihrer annehmen.

In Rückblicken erzählt Kathrin Aehnlich vom Leben der Studenten in der DDR in den 1980er Jahren, kurz vor dem Fall der Mauer, von der verordneten Langeweile und der langweiligen Planbarkeit des Lebens. Sehr geschickt verwebt sie dabei die Ereignisse der Vergangenheit in der DDR mit denen der Gegenwart in New York. Immer wieder gibt es Parallelen.

Mit leisen Worten und einer guten Portion Humor lässt die Autorin uns Leser tief in das Leben der Protagonisten eintauchen. Es schwingt viel Melancholie mit, aber auch ein starker Wille der Hauptfiguren wird deutlich. Durch den ganzen Roman zieht sich die Musik als verbindendes Element. Schon für die damaligen Studenten war sie ein Mittel der sanften Auflehnung. Für Roswitha spielt die Musik auch heute noch eine große Rolle. Immer wieder unterlegt sie ihre momentane Situation mit einer Liedzeile oder einem Musiktitel.

Sie überlegte, wie sie ihre Frage nach Mick formulieren könnte. Vielleicht mithilfe der Bee Gees? „Have you seen my friend Mrs. Jones?“ (S. 112)

Roswitha suchte nach einem passenden Soundtrack für ihren Abschied. Ihr fiel nur Reinhard Mey ein: „Gute Nacht, Freunde, es wird Zeit für mich zu gehn, was ich noch zu sagen hätte, dauert eine Zigarette und ein letztes Glas im Stehn.“ (S. 248)

Dabei handelt es sich in der Regel um ältere Musiktitel, die der heutigen Jugend vielleicht nicht mehr geläufig sind. Wenn man aber, so wie ich, in einem ähnlichen Alter wie Roswitha ist, kann man sich mit einer gewissen nostalgischen Wehmut an früher erinnern.

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