Nathan Hill: Geister

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Nathan Hill: Geister
Verlag
ET (D)
2016
Ausgabe
Gebundene Ausgabe
Originaltitel
The nix
ET (Original)
2016
ISBN-13
9783492057370

Informationen zum Buch

Seiten
864

Sonstiges

Originalsprache
englisch
Erster Satz
Hätte Samuel gewusst, dass seine Mutter weggehen würde, hätte er vielleicht besser aufgepasst, hätte ihr genauer zugehört, sie eingehender beobachtet, sich ein paar wichtige Dinge aufgeschrieben.

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Ein Anruf der Anwaltskanzlei Rogers & Rogers verändert schlagartig das Leben des Literaturprofessors Samuel Anderson . Er, der als kleines Kind von seiner Mutter verlassen wurde, soll nun für sie bürgen: Nach ihrem tätlichen Angriff auf einen republikanischen Präsidentschaftskandidaten verlangt man von ihm, die Integrität einer Frau zu bezeugen, die er seit mehr als zwanzig Jahren nicht gesehen hat. Ein Gedanke, der ihm zunächst völlig abwegig erscheint. Doch Samuel will auch endlich begreifen, was damals wirklich geschehen ist. - Ein allumfassender, mitreißender Roman über Liebe, Unabhängigkeit, Verrat und die lebenslange Hoffnung auf Erlösung, ein Familienroman und zugleich eine pointierte Gesellschaftsgeschichte von den Chicagoer Aufständen 1968 bis zu Occupy Wall Street.

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Ein beachtenswerter Familien- und Gesellschaftsroman

Inhalt:
Samuel geht mehr schlecht als recht durchs Leben. Immer wieder trifft er Entscheidungen, die er später bereut. Als er für seine Mutter als Leumundszeuge einspringen soll, wird sein Leben auf den Kopf gestellt. Wie kann er Gutes über die Frau sagen, die ihn als Elfjährigen quasi über Nacht bei seinem Vater zurückgelassen hat und zu der er seit über zwanzig Jahren keinerlei Kontakt hatte?

Es bietet sich ihm hier die Chance, etwas über die Beweggründe seiner Mutter zu erfahren und mit ihr und auch mit sich selbst Frieden zu schließen. Je mehr er recherchiert, desto mehr Geheimnisse der Vergangenheit kommen ans Licht.

Meine Meinung:
„Geister“ ist der Debütroman des 38-jährigen US-Amerikaners Nathan Hill, der in St. Paul, Minnesota, an der University of St Thomas Englische Literatur unterrichtet. Er besticht durch eine gut verständliche, aber sehr schöne Sprache und einen ruhigen Erzählstil. Hill nimmt sich Zeit, um seine Charaktere aufzubauen, gibt allen den Raum, den sie brauchen, um zu einer plastischen, lebensechten Figur zu werden. Die Protagonisten treffen immer wieder schlechte Entscheidungen, doch der Autor schafft es, uns Lesern klarzumachen, wie es zu diesen falschen Entscheidungen kommt. Er zeichnet detaillierte Bilder dieser Personen und auch der amerikanischen Gesellschaft. Die Studentenbewegung von 1968, die Bestechlichkeit der Politiker, die Willkür der Polizei, aber auch norwegische Geistergeschichten sind seine Themen.

Der Roman ist in 10 Teile untergliedert, die 1968, 1988 oder 2011 spielen, aber nicht chronologisch angeordnet sind. So ergibt sich ganz allmählich durch die Ereignisse der Gegenwart und die Rückblicke in die Vergangenheit ein umfassendes Bild von Samuels Leben sowie das seiner Mutter und seines Großvaters. Nathan Hill beginnt viele Handlungsfäden, unterbricht sie wieder, führt sie später fort, führt sie zusammen und verknüpft sie schließlich zu einer großen Geschichte. Hierbei verlangt er dem Leser ein enormes Durchhaltevermögen und einen langen Atem ab. Diesen langen Atem hat er auch selbst bewiesen. Einige Szenen hätte ich mir weniger detailliert und langgezogen gewünscht. Doch auch wenn der Roman einige Längen aufweist, konnte er mich insgesamt wirklich fesseln. Ich habe durchweg alle Charaktere als interessant empfunden und wollte mehr über sie erfahren.

Der Schluss ist nicht unbedingt spektakulär, lässt mich aber doch sehr befriedigt zurück. Alle meine Fragen wurden beantwortet.

Fazit:
Ein lesenswerter Schmöker für Leser, die eine schöne Sprache zu schätzen wissen und das nötige Durchhaltevermögen mitbringen.

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Literarischer Volltreffer

Samuel Andresen-Anderson ist Literaturprofessor an einem College außerhalb von Chicago. Er mag seine Studenten nicht sonderlich, seine Karriere ist relativ bescheiden, sein zurückgezogenes Leben ist ihm irgendwie entglitten und so verbringt er die meiste Zeit online mit einem Fantasy-Spiel.
Es dauert ein wenig, bis er begreift, dass es sich bei der nicht mehr jungen Frau, die mit einem Steinwurf auf den republikanischen Präsidentschaftsbewerber für nationale Schlagzeilen sorgt, um seine Mutter Faye handelt. Die Frau, die ihn im Alter von 11 Jahren verlassen hat und von der er so gut wie nichts weiß. Über zwanzig Jahre hat Samuel nichts mehr von ihr gehört und nun meldet sich eine Anwaltskanzlei und er soll für seine Mutter bürgen.
Doch dank seiner eigenen festgefahrenen Situation lässt sich Samuel auf einen Besuch bei Faye ein - und schon die erste Begegnung der beiden zeigt, dass es nicht einfach wird, denn es brechen schmerzhafte Erinnerungen an die Oberfläche. Doch zu der anfänglichen Motivation gesellt sich zwischenzeitlich Neugier hinzu - Samuel möchte nun erfahren, was vor etlichen Jahren vorgefallen ist...

Nathan Hill hat mit seinem Erstling einen sehr ambitionierten Roman, der viele Themen aufgreift, vorgelegt: seien es die Studentenunruhen 1968 in Chicago, ein ungleiches Bildungssystem, Spielsucht, musikalische Wunderkinder, Kindesmissbrauch - es gibt vieles, das in "Geister" Platz findet und der Autor schafft es dabei noch, sowohl die Gegenwart als auch die Vergangenheit miteinander zu verweben.

Für mich war die Vergangenheit um Faye - der Part, der größtenteils 1968 spielt - der stärkste. Wie kam es, dass aus einer ganz normalen Studentin Ende der 60er Jahre eine Rebellin wurde? Wie hätte Samuels Leben verlaufen können, hätte sich die Mutter nicht entschlossen, ihn und seinen Vater zu verlassen?
So ermöglicht jedes Kapitel einen Sprung in eine andere Zeit und als LeserIn erfährt man einiges aus der Studentenzeit Fayes, der Zeit, in der Samuel noch Kind war, aber auch aus der Phase, in der er bereits am College arbeitet. Dabei schafft der Autor es immer wieder den Zeitgeist einzufangen und diesen teilweise sehr humorvoll einfließen zu lassen. Beispielsweise wenn es um den Umgang mit ganz speziellen Studenten geht...

Nathan Hill hat mich auf ganzer Linie überzeugt: er ist in meinen Augen ein äußerst talentierter Marionettenspieler, der stets alle Fäden in den Händen hält und gekonnt seine Geschichte entwickelt. Er hat komplexe, realistische Figuren geschaffen, die viel von der US-amerikanischen Gesellschaft und ihren Fragen transportieren und er hat ein unglaubliches Gespür dafür, die Geschichte interessant zu halten, so dass keine Seite zu viel wirkt oder gar langweilt. Und das will bei 864 Seiten wirklich etwas heißen!

"Geister" ist ein Mutter-Sohn-Roman, ein Gesellschaftsroman - ach keine Ahnung, dieses Buch hat keine Schublade verdient. Es zeichnet sich durch ein solches Gespür für seine Figuren und die großen Themen - den ganzen Wahnsinn der Welt - aus und besticht durch eine tolle Sprache.
Vielleicht ist der Autor ja nicht nur Marionettenspieler, sondern auch Seiltänzer - denn selten habe ich einen solch umfangreichen Roman gelesen, der sich durch solch eine Balance auszeichnet! Chapeau!

Volle Punktzahl.

PS. Als eine sehr gute Idee habe ich übrigens die Möglichkeit empfunden, die sich der Verlag für die LeserInnen einfallen hat lassen: wer zum Beispiel dieses Print-Buch gekauft hat und eine App namens Papego geladen hat, kann das Buch an der Seite, die zuletzt gelesen wurde, scannen (fotografieren) und dann die nächsten 25% des Buches auf dem Smartphone weiterlesen. Bei einem solch umfangreichen Buch wie "Geister" eine praktische Geschichte!

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Gespenster

Nathan Hill - Geister - PIPER

Der Literaturprofessor Samuel Anderson öffnet ein Zeit und Schaufenster zur amerikanischen Pop und Subkultur, aber auch zu einer Nation, die Begeisterung mit Verdrängung verbindet, einem Volk, das sämtliches Recht von seiner Großartigkeit ableitet, einer Menschenschicht der Extreme, die trotz allem, oder gerade deswegen, sich immer wieder neu erfindet.
Anderson ist spielsüchtig, 40h pro Woche ist er im Internet und verausgabt sich und sein Budget, dadurch wandelt sich der gesunde Ernährungsplan in Käse-Nachos. Dort aber, ist er der Held, der die Drachen tötet, im richtigen Leben foltert er unmotivierte Studenten mit Hamlet. Seine Schüler sind so dreist, nur zu erscheinen, um ihr Punktekonto zu füllen und geben gekaufte Arbeiten ab. Als er eine Studentin durchfallen lässt, bearbeitet sie ihn mit 1000 Ausreden, ihr Erfindungsgeist ist bewundernswert und liefert eine bestaunenswerte Erkenntnis: Amerika - das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, wer gut mogelt, kommt damit durch.
Fast, als würde allein diese Befähigung, ein A im Zeugnis rechtfertigen.
Der unerschütterliche Glaube an die Lüge, heiligt sie.

Der Tag ist noch nicht zu Ende und Samuel bekommt einen Anruf aus einer Chicagoer Anwaltskanzlei. Seine Mutter, die er seit 20 Jahren nicht gesehen hat, soll ein Attentat auf einen Politiker verübt haben. Sie hat den republikanischen Präsidentschaftskandidaten beschimpft und mit Steinchen beworfen.

Der ganz normale Wahnsinn - crazy, as usual!
Die Katastrophendichte in diesem Gesellschaftsroman türmt sich stratosphärisch. Von den 68er Demos bis zu Occupy Wall Street.
Unterhaltsam, informativ, zynisch, spannend, erkenntnisreich und ganz und gar zu glauben. Alles ist wahr!

Es ist nur ein kleiner Schritt, von der Erde zum Mond, aber ein großer Sprung, vom wilden Westen, zur Zivilisation.

Dieses Buch hätte Norman Mailer gut gefallen, der zB mit seinem "Epos der geheimen Mächte" ein großartiges Kolorit des kalten Krieges verfasste.
Der deutsche Titel: "Gespenster".

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(Aktualisiert: 09 November 2016)
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So tickt Amerika

Und damit meine ich - der Rest des Kontinents möge dies entschuldigen - in diesem Zusammenhang ausschließlich die Vereinigten Staaten. Vorneweg: ich schreibe diese Rezension unter dem noch frischen Eindruck einer beängstigenden, befremdenden, erschütternden, ernüchternden, aber leider alles andere als überraschenden US-amerikanischen Wahlnacht. Dass mich das Resultat so gar nicht überrascht hat, das verdanke ich neben der aktuellen Berichterstattung auch der Lektüre von Nathan Hills "Geister", einem beindruckenden Familienroman und einer noch viel mehr beeindruckenden, möglicherweise unbeabsichtigen Analyse der amerikanischen Gesellschaft.

Worum es geht: der junge, erfolgreiche Literaturprofessor Samuel wird von einem Anwalt angerufen. Seine Mutter hat den voraussichtlichen Präsidentschaftskandidaten der Republikaner angegriffen und braucht seine Hilfe. Die Sache ist nur: Samuel hat seine Mutter seit über 20 Jahren nicht mehr gesehen und ebenso lange nichts von ihr gehört - seit sie ihn und seinen Vater ohne jegliche Erklärung verließ.

Nathan Hill, ein Kind der 1970er, hat ein umfangreiches - weit über 800 Seiten langes Buch geschrieben, in dem es nicht nur um Samuel, sondern auch um seine Mutter Faye sowie um sein Umfeld in Beruf und Freizeit geht. Hintergründe werden aufgedeckt, große Teile des Buches spielen im Jahre 1968, lange vor Samuels Geburt, andere wieder in seiner Kindheit 1988, dem Jahr, in dem seine Mutter ging. Die Gegenwart - im Roman fällt diese ins Jahr 2011 - verwirrt und irritiert zunächst, erst nach und nach werden die "Knubbel" - und zwar wirklich jeder einzelne, dies ist ein Buch ganz ohne offene Baustellen, zumindest, was alle wichtigen Punkte angeht - aufgelöst, was dem Leser eines so umfangreichen Buches nicht selten Ausdauer abverlangt.

Nathan Hill - ein Visionär oder ein Dokumentator der amerikanischen Realität? Ich neige fast zu letzerem, aber natürlich braucht es einen hellen, einen klaren Verstand, um die Dinge so zu sehen und vor allem so darzustellen, wie er es tut. Ich muss sagen, diese Lektüre hat mir unglaublich dabei geholfen, die Entwicklungen, die derzeit in diesem Lande vor sich gehen, nachvollziehen zu können - verstehen tue ich sie noch immer nicht, aber das liegt dann eher an mir.

Der junge Autor hat eine analytische Meisterleistung abgeliefert, die eigentlich nicht kritisiert werden dürfte - ich erlaube mir dennoch, ein wenig bezüglich der immer wieder vorkommenden Längen zu mäkeln, doch es ist eine Kritik auf einem sehr hohen Niveau. Ungeachtet dessen bewundere ich Nathan Hill unendlich für seine Leistung, einige der Fragezeichen, die in Bezug auf die Vereinigten Staaten schon lange über meinem Kopf schweben, auszuradieren und ihnen Erklärungen entgegenzusetzen. Natürlich sind es keine Lösungen, die hier geboten werden, aber wir erhalten Einblicke in das Innenleben von Amerikanern, die auf ihre eigene Art Wege suchen und teilweise auch finden - so bspw. in die Gedanken einer Studentin von Samuel Andresen, die für mich fast schon einen Prototypen der amerikanischen Gesellschaft darstellt. Und es sind Einblicke in eine Welt, die befremdet und schockiert, aber niemanden mehr überraschen sollte. Wie man dem vorbeugen kann? Indem man entweder alles oder gleich das Allerschlimmste erwartet. Und Sie werden es nicht glauben - irgendwie geht es trotzdem weiter!

Trotz aller Längen und teilweise sehr komplexen, ja zähen Schilderungen eine unverzichtbare Lektüre für jeden, der wissen will, wie Amerika tickt - gerade in diesen so instabilen Zeiten.

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