Pierre Lemaitre: Drei Tage und ein Leben

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Pierre Lemaitre: Drei Tage und ein Leben
ET (D)
2017
Ausgabe
Gebundene Ausgabe
Originaltitel
Trois jours et une vie
ET (Original)
2016
ISBN-13
9783608981063

Informationen zum Buch

Seiten
270

Sonstiges

Originalsprache
französisch
Übersetzer/in
Erster Satz
Ende Dezember 1999 ging eine überraschende Reihe tragischer Ereignisse auf Beauval nieder, darunter an erster Stelle natürlich das Verschwinden des kleinen Rémi Desmedt.

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Handlungsort

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Ende Dezember 1999 verschwindet im französischen Ort Beauval ein sechsjähriger Junge. Eine großangelegte Suchaktion wird gestartet, Nachbarn und Freunde durchkämmen den angrenzenden Wald nach Spuren des vermissten Rémi. Doch am dritten Tag fegt ein Jahrhundertsturm über das kleine Dorf hinweg und zwingt die Einwohner von Beauval zurück in ihre Häuser. Während dieser drei Tage bangt der zwölfjährige Antoine darum, entdeckt zu werden. Denn nur er weiß, was an jenem Tag wirklich geschah. Und nur er könnte davon erzählen.

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Düster

Kurz vor Weihnachten 1999 verschwindet in Beauval, einem verschlafenen französischen Provinzdorf, der kleine Rémi spurlos. Die Suchaktion, die man startet, als klar wird, dass er wohl nicht nur beim Spielen die Zeit vergessen hat, bleibt ohne Erfolg, die Polizei hat ebenfalls keine heiße Spur. Die Sensationspresse stürzt sich auf den Fall, während abseits der Kameras in gedrückter Stimmung Weihnachten gefeiert wird.

Besonders schlecht fühlt sich der zwölfjährige Antoine, nicht nur, weil Weihnachten mit seiner geschiedenen Mutter, einer wortkargen, überängstlichen Frau, den Zauber aus der Kindheit verloren hat, sondern weil er etwas über Rémis Verschwinden weiß, das er aber niemandem anzuvertrauen wagt.

Er zerbricht beinahe an seiner Sprachlosigkeit und seinen Schuldgefühlen, doch dann fällt die nächste Katastrophe über Beauval her in Form zweier heftigster Orkane am zweiten Weihnachtsfeiertag. Die Ungewissheit über Rémis Schicksal tritt zunächst in den Hintergrund, während die Dorfbewohner versuchen, ihre schwer in Mitleidenschaft gezogenen Häuser wieder bewohnbar zu machen. Sämtliche Spuren, die zu Rémi führen könnten, sind nun wahrscheinlich endgültig dahin.

Zwölf Jahre später kehrt Antoine als Student während der Ferien widerwillig nach Hause zurück und will eigentlich nur eins: fort, weit weg von dieser Enge, der Kleingeistigkeit, dem unreflektierten Festhalten an Konventionen und überkommener Tradition. Doch er muss auf die harte Tour feststellen, dass man die Vergangenheit nicht immer so einfach abstreifen kann.

In lakonischem, manchmal schon fast kindlich wirkendem Ton erzählt Pierre Lemaitre die Geschichte eines Jungen, der durch traumatische Ereignisse noch unglücklicher wird, als er es durch die Trennung der Eltern und die erdrückende Fürsorge seiner Mutter, die stets darauf bedacht ist, nach außen hin einen gewissen Schein zu wahren, sowieso schon war.

Eine schöne Geschichte ist das nicht, aber zumindest, was das Porträt des spießigen Kleinstadtmiefs angeht, eine relativ realistische (auch wenn alles etwas überzeichnet wird und eher an die 30er Jahre erinnert als an die Jahrtausendwende). Neid, heimliche Lästerei hinter dem Rücken der anderen, an Verleumdung grenzender Klatsch, Bigotterie und Frömmelei, kaum einer in Beauval, der sich nicht mindestens einer dieser Schwächen schuldig gemacht hat. Hinzu kommen für viele finanzielle Sorgen, als der größte Arbeitgeber im Ort Mitarbeiter entlassen muss, und Konflikte konstruktiv zu lösen, haben die meisten nie gelernt. Lieber packt man die Fäuste aus.

Kein gutes Umfeld für einen sensiblen Jungen wie Antoine, der niemanden hat, der ihm zuhört oder, noch schlimmer, nicht einmal zu wissen scheint, dass es gut sein kann, jemandem sein Herz auszuschütten. Er quält sich mit dem, was er weiß, und mit dem Wissen, dass es seine Mutter womöglich wahrhaft umbringen würde, wenn sie es erführe, also schweigt er.

Auch als Erwachsener verdrängt er, stürzt sich in eine stürmische Beziehung mit einer Kommilitonin, schüttet die Gedanken zu mit Sex und Studieren, bis es irgendwann nicht mehr geht. Was dann geschieht, ist seltsam passiv und schwer nachzuvollziehen und lässt den Leser niedergedrückt und ein wenig unzufrieden zurück, bis das Buch zum Schluss noch einmal mit einer Pointe aufwartet, die zwar nicht alle Fragen beantwortet, aber überrascht und das Geschehene in ein neues Licht rückt.

Der schmale Roman ist auf eine eigene Art spannend und auch irgendwie faszinierend, obwohl keine der Figuren durchgängig sympathisch dargestellt wird. Etwas störend empfand ich die Art der (wenigen) Sexszenen, die mir zu wenig gefühlvoll und zu triebhaft wirkten, obwohl das schon zur Handlung passte. Generell ist Lemaitre ein guter Beobachter, der anhand kleiner Details Figuren zu charakterisieren oder Gefühle darzustellen vermag, was ihm für meine Begriffe jedoch beim jungen Antoine besser gelungen ist als beim erwachsenen.

Ein düsteres Buch über ein düsteres Thema, das aber durchaus lesenswert ist, auch wenn man die meisten Protagonisten zwischendurch einmal kräftig schütteln möchte.

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Drei Tage und ein Leben

Der 12-jährige Antoine lebt im französischen Beauval, einem kleinen beschaulichen Ort. Der Vater hat die Familie bereits vor einiger Zeit verlassen und Antoines Mutter ist bemüht ihren Sohn und sich selbst mit diversen kleinen Jobs über Wasser zu halten. Dabei hält sie Antoine recht kurz und geht häufig nicht auf die Bedürfnisse ihres pubertierenden Sohnes ein, so dass der auch unter Gleichaltrigen manche Probleme hat. Als der Nachbarhund auf schlimme Art und Weise ums Leben kommt bricht für Antoine eine Welt zusammen, denn der Hund der Familie Desmedt war ihm sehr wichtig und bei seinen Ausflügen in Wald und Feld ein ständiger Begleiter. Mit dem Verlust kommt Antoine nicht klar und so konfrontiert er Rémi, den 8-jährigen Sohn der Familie Desmedt mit den Todesumständen des Hundes. Danach bleibt Rémi verschwunden, die Dorfgemeinschaft sucht nach dem Jungen findet ihn aber nicht. Durch einen kurz darauf über das Dorf hinwegfegenden Sturm wird die Suche zunächst gestoppt. Andere Probleme sind von den Dorfbewohnern zu bewältigen, viele Schäden zu beheben.

Antoine wird erwachsen. Rémi bleibt verschwunden, zwischendurch werden verschiedenen Verdachtsszenarien ins Auge gefasst, mögliche Täter inhaftiert.

„Drei Tage und ein Leben“ ist eine interessante Geschichte. Neben der eigentlichen Handlung werden hier viele Gesichter unserer heutigen Gesellschaft beleuchtet und es wird deutlich wie stark der Mensch durch seine Herkunft geprägt sein kann. Die Dorfgemeinschaft, in der Antoine aufwächst, ist konservativ, einengend und irgendwie auch kontrollierend. Antoines Wunsch von dort weg zu kommen ist verständlich und wird durch die Ereignisse nur verstärkt.

Der junge Antoine hat nicht gelernt über Dinge zu reden, seine Mutter spricht mit ihm kaum über wichtige Dinge und so bleibt auch der erwachsene Antoine ein eher in sich gekehrter Mensch, der sich anderen gegenüber nicht öffnet. Sein Leben ist von Ängsten überschattet, die ihren Ursprung in der Vergangenheit haben und gipfelt in einer Buße, die er sich mehr oder weniger selbst auferlegt.

Dieser Roman ist intensiv und erschütternd. Es wird nicht so sehr deutlich warum die Menschen hier so handeln wie sie handeln, dafür wird umso intensiver spürbar was ihr Handeln mit ihnen macht. Ein Buch voller Empfindungen und Emotionen, das den Leser mit voller Wucht trifft und vereinnahmt.

Copyright © 2017 by Iris Gasper

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Drei Tage zerstören Leben

Frankreich, 1999. Antoine lebt mit seiner Mutter in Beauval, einem kleinen Ort. Die Beziehung der beiden ist nicht gerade von liebevollem Verständnis geprägt - Madame Courtin muss mächtig für den Unterhalt der beiden strampeln und sie kümmert sich um ihren zwölfjährigen Sohn, aber sonderlich viel Gespür für ihn besitzt sie nicht. Antoine wird von einer Gruppe Gleichaltriger isoliert, da seine Mutter die PlayStation-Nachmittage absolut nicht gutheißen kann, und spielt stattdessen alleine im Wald… Dort will er ein Baumhaus bauen und so die anderen Kinder beeindrucken.
Doch dann verschwindet der sechsjährige Nachbarsjunge Rémi und nur Antoine weiß, was geschehen ist. Er schweigt und bangt darum, dass ihm im Dorf keiner auf die Schliche kommt. So wird eine großangelegte Suche organisiert, die verängstigte Familie Rémis bei der Weihnachtsmesse genauestens in Augenschein genommen und der Orkan Lothar zieht über Beauval und nötigt die Dorfbewohner, sich in ihren Häusern aufzuhalten.

„Drei Tage und ein Leben“ ist ein passender Titel, denn diese wenigen Tage werden Leben verändern, einzelne Menschen regelrecht aus der Bahn werfen… Pierre Lemaire hat einen trostlosen Roman vorgelegt, der sehr eindringlich erzählt ist. Gerade die Art und Weise des Erzählens ist für mich ein großer Pluspunkt - verschiedene Probleme in Beauval werden sehr gut eingefangen, realistisch schildert Lemaire von der Angst um Arbeitsplätze, dem Hass auf einen Verdächtigen und die Neugier der Bewohner, die gerne alles mögliche beurteilen und dann darüber tratschen. Vielleicht stellenweise ein wenig zu klischeebeladen, aber okay.
Aber für mich überwiegen leider die Minuspunkte. Allen voran der sexualisierte Blick der zwölfjährigen Hauptfigur hat mich ratlos gemacht. Für mich war so mancher Gedanke, der Antoine durch den Kopf geht, eher einer, den ich einem Erwachsenen zutraue, aber eben keinem Kind. Zumal es für mich ziemlich befremdliche Gedanken waren - zum Beispiel, wenn das wogende Hinterteil eines Mädchens Sex und Scheitern gleichermaßen ausstrahlen soll. Oder die Vorstellung, dass sich ein nackter, dickbäuchiger Pfarrer in seiner Mönchszelle geißelt… Hm, ich weiß nicht.
Auch die nie vorhandene Möglichkeit auf einen Ausweg, ja, nicht einmal einen Funken Hoffnung, hat in mir das Gefühl von Verlorenheit ausgelöst.

Letztlich zeigt der Roman die dörfliche Engstirnigkeit, die kleinkarierten Geister und biederen Ansichten, die nahezu permanent aufeinander treffen. Allen voran Madame Courtin, Antoines Mutter, die eine liebevolle Beziehung zu ihrem Sohn offensichtlich nicht einmal in Betracht ziehen möchte. Im Nachhinein ist die Überlegung, dass vieles fast schon vorprogrammiert war, gar nicht so weit weg.

Zum Ende bleiben zerstörte Leben - eine deprimierende Lektüre, wenngleich auch ein gutes Gesellschaftsportrait.

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Schuld ein Leben lang

Antoine (11) lebte mit seiner Mutter in einem Ort in Frankreich. Sein Vater hatte sie vor Jahren schon verlassen. Er hatte Freunde mit denen er eine Hütte im Wald baute. Doch eines Tages bekam sein Freund eine Spielkonsole geschenkt und seine Mutter ließ ihn nicht mehr zu ihm…
Antoine, jetzt an zwei Tagen in der Woche allein, freundete sich mit dem Hund Odysseus an. Er baute im Wald ein Baumhaus. Sogar für Odysseus hatte er eine Möglichkeit geschaffen, dorthin zu kommen…
Doch dann geschah etwas Furchtbares, das alles veränderte, und die Schuld an den folgenden Ereignissen trug…
Durch dieses Furchtbare wurde Antoine so wütend, dass er sein Baumhaus zerstörte und Remi, der ihn gesucht hatte, noch dazu….
Doch was nun tun, wohin mit Remi, fragte sich Antoine. Im Wald wusste er eine Stelle, wo man ihn nicht so schnell finden würde…
Aber ab diesem Zeitpunkt lebte Antoine in der Angst, dass eines Tages die Gendarmen vor seiner Tür stehen und ihn abholen würden….
Und dann war da noch Emilie, eine Schulkameradin …..
Warum ließ Antoines Mutter ihn nicht mehr mit den Freunden spielen? Hatte sie etwas gegen diese Spielkonsolen? Wie hatte Antoine es geschafft, dass sogar Odysseus auf den Baum und in die Baumhütte kam? Was geschah, das alles veränderte? Wieso trug dieses Geschehen die Schuld an den folgenden Ereignissen? Wieso wurde Antoine so wütend und zornig, dass er sogar sein mühevoll errichtetes Baumhaus zerstörte? Was passierte mit Remi? Wo hatte Antoine ihn hingebracht? Wieso hatte er Angst, dass die Gendarmen doch noch dahinter kämen? Und was hatte es mit Emilie auf sich? Alle diese Fragen – und noch viel mehr - beantwortet dieses Buch.

Meine Meinung
Das Buch ließ sich sehr gut lesen, leicht und flüssig. Es war unkompliziert geschrieben, denn es gab keine Fragen nach dem Sinn von Wörtern oder Sätzen. Gleich zu Anfang erfährt man den Grund, der alles ins Rollen gebracht hatte: Der Tod des Hundes, den Antoine liebte. War er doch eigentlich noch sein einziger Freund, da er wegen der Spielkonsole mit seinen Kameraden nicht mehr spielen durfte. So gesehen hatte seine Mutter auch Schuld an den nachfolgenden Ereignissen, konnte das aber natürlich nicht wissen. Remi, der Antoine bewunderte, war ja erst sechs. Irgendwie tat mir Antoine schon leid, aber er hätte seinem Zorn und seiner Wut eben nicht nachgeben dürfen. Aber sage das mal jemand einem Zwölfjährigen. Doch Remi für etwas zu bestrafen, das sein Vater getan hatte, das war definitiv falsch. Er konnte doch gar nichts dafür, war ja dadurch selbst betraft worden. Und dann eben das Furchtbare, Remi war tot. Und Antoine musste in Angst leben. Auf eine Art tat er mir leid, war er doch auch ein Opfer der Ereignisse. Auf der anderen Art verurteilte ich ihn dafür, dass er seiner Wut und seinem Zorn freien Lauf gelassen hatte. Auf jeden Fall hat mich das Buch gefesselt und es war von Anfang bis zum Ende spannend. Von mir eine Lese-/Kaufempfehlung und volle Bewertungszahl.

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Das verbrechen von Beauval


Es ist kurz vor Weihnachten im Jahr 1999, als der 6 jährige Rémi verschwindet. Das ganze Dorf Beauval steht Kopf, die Gegend wird tagelang abgesucht . Mitten drin der 12 jährige Nachbarsjunge Antoine,der den verschwundenen Jungen zum letzten Mal lebend gesehen haben soll. Doch Antoine weiss mehr als er sagt,denn er ist nicht nur der Letzte ,der Rémi lebend gesehen hat, sondern auch sein Mörder.

Dieses Buch, das im Original "trois jours et une nuit" heisst wurde hervorragend übersetzt und überzeugt durch seine einfache Sprache. Der Schreibstil von Pierre Lemaire, der für sein letztes Buch mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet wurde, ist sachlich,zeitweise trocken und nüchtern. Wo andere Autoren zwei, drei Sätze formulieren, packt Lemaitre alles in einen Satz und trennt mit etlichen Kommas . Die rar eingesetzte direkte Rede unterstreicht das Sachliche des Stils noch zusätzlich. Und gerade das ist es, dass mich von Beginn weg gefangen genommen hat. Zwar bekommt die Figur Antoine dadurch auch etwas oberflächliches….doch ich vermute, dass dies genau das war,was der Autor damit erreichen wollte. Denn so kann man sich als Leser so richtig schön entrüsten ob der Abgebrühtheit des Täters. Meine Emotionen sind vor allem im zweiten Teil,der 2011 spielt und Antoine erwachsen ist, hochgekocht. Wie kann man mit dieser Schuld nur leben?Wie kann man den Eltern und der Schwester des verschwundenen Kindes in die Augen sehen ?Für mich unbegreiflich…

Das Verschwinden des kleinen Rémi, zeigt nicht nur die Gerüchteküche des kleinen Kaffs,die regelrecht brodelt. Es zeigt auch wie schnell Menschen, die nicht in eine Schema passen, vorschnell vorverurteilt werden. Und, wie schnell ein an und für sich einschneidendes Ereignis von einem nachfolgenden ,plötzlich interessanterem ,Gesprächsthema verdrängt wird. Da spiegelt die Geschichte voll und ganz die heutige Gesellschaft wieder.

Der Fokus liegt praktisch das ganze Buch über auf dem Täter und seiner Schuld. Ermittlungen oder wie die Familie des Opfers mit dem Verlust umgeht , bekommt man nur am Rande mit. Hier empfand ich einige Passagen, wie das Packen eines Rucksackes für die Flucht als langatmig und zu ausschweifend.

Mich hat dieses Buch berührt, beschäftigt und nachdenklich gemacht und ich kann eine klare Leseempfehlung aussprechen.

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Das Leben ist kein Kinderspiel

Kurz vor Weihnachten verschwindet 1999 in der Kleinstadt Beauval der sechsjährige Remi. In der wegen einer drohenden Fabriksschließung ohnehin schon angespannten Atmosphäre droht die Stimmung nun endgültig überzukochen. Als der Junge nicht schnell wieder auftaucht, sind die ersten Anschuldigungen rasch bei der Hand. Antoine, der doppelt so alte Sohn der Nachbarin, hat Remi als letzter lebend gesehen. Was weiß er über dessen Verbleib? Nach drei Tagen vergeblichem Suchen fegt ein Jahrhundersturm über das ansonst so beschauliche Städtchen. Danach ist nichts mehr so, wie es vorher war.

Pierre Lemaitre gelingt das Kunststück ein Menschenleben auf knapp 270 Seiten zu erzählen. Dabei beschränkt er sich auf relativ kurze Zeiträume in den Jahren 1999, 2011 und 2015. Trotzdem weiß der Leser, wie das Leben von der Hauptperson Antoine bis zu seinem Tod verlaufen wird. Überraschungen gibt es keine mehr, der Weg ist vorgegeben und mögliche Abzweigungen sind kategorisch ausgeschlossen.

Gleichzeitig hat man ein psychologisches Sittenbild einer biederen Kleinstadt in den Händen. Nur an der Oberfläche eine zusammenhaltende Gemeinschaft, überwiegen Engstirnigkeit, kleingeistliches Denken und die Bereitschaft, rasch einen möglichen Schuldigen zu verurteilen, bei der Mehrzahl der Bewohner. Beauval zeichnet sich durch nichts aus. Es ist so alltäglich und banal, dass es überall in der Welt angesiedelt sein könnte.

Der Autor beschreibt nur. Er nimmt keine Stellung, versucht niemanden in ein besseres oder schlechteres Licht zu rücken. Das Denken und das moralische Abwägen der unterschiedlichen Handlungen überlässt er dem Leser. Dieser soll sich getrost seine eigenen Meinung bilden, unbeeinflusst von Lemaitres eigener Sicht der Dinge. Dabei ist sein Stil unprätentiös und nüchtern, passend zu der Intention, in keinster Weise auf den Leser einzuwirken.

Störend ist hingegen die stellenweise Übersexualisierung. Der 12jährige Antoine beginnt schon in diesem Alter manche Frauen rein auf den Sex zu reduzieren. Dabei macht er sich Gedanken, die ich einem Jungen in den Alter einfach nicht zutraue. Der Anblick der trauernden Schwester von Remi lässt ihn gleichzeitig an Sex und Scheitern denken, wenig glaubwürdig für einen Jungen, der bis jetzt seine Zeit mit dem Bau eines Baumhauses in einem Wäldchen verbracht hat. Auch später nimmt Sexualität einen übergroßen Raum in Antoines Leben ein und zwar in einem Ausmaß, dass sie seinen weiteren Weg ebenso sehr beeinflusst wie die Geschehnisse zu Weihnachten 1999.

Die Handlung ist fesselnd, sie wirkt realistisch und weist nur wenige bis fast gar keine Lücken auf. Daher kann man am Ende der Lektüre das Buch trotz des oben angesprochenen Schwachpunktes mit einem befriedigenden Gefühl schließen, so man denn an Lemaitres distanzierter Erzählweise Gefallen findet.

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Aufarbeitung einer Sculd

Der zwölfjährige Antoine lebt alleine mit seiner Mutter ein ruhiges Leben in einer kleinen Ortschaft in Frankreich. Beim Spielen im Wald verletzt Antoine unbeabsichtigt den kleinen Rémi tödlich. Er versucht sein Bestes, um das Verbrechen zu vertuschen und bringt die Leiche an einen Ort im Wald, wo er früher mit anderen Kindern gespielt hat. Ein Jahrhundertsturm, der kurz danach die Gegend durchquert, vernichtet alle verdächtigen Spuren, die auf Antoine hinweisen können. Die Leiche des Kleinen wird nicht gefunden und so weiß die Polizei nicht, von welcher Art von Verbrechen sie ausgehen muss. Jahre später studiert Antoine und lebt noch immer bei seiner Mutter. Die Nachricht, dass die Gegend, in der er damals die Leiche des kleinen Rémi versteckt hat, gerodet und bebaut werden soll, versetzt ihn in Aufregung. Wird seine Tat nun doch noch aufgedeckt?

Es ist ein ganz normales Städchen mit ganz normalen Menschen, die Lemaitre feinfühlig schildert. Erst als das Unglück geschieht, lernt man die Dorfgemeinschaft richtig kennen. Zunächst helfen noch alle zusammen, um den vermissten Jungen zu finden, doch schließlich machen Schuldzuweisungen die Runde, ebenso wie Vermutungen, die hinter vorgehaltener Hand geäußert werden. Antoine ist ein stiller, in sich gekehrter Junge, der die Tat einfach ausblendet. Doch eigentlich ist er zu jung, um mit dieser schweren Belastung alleine fertig zu werden. Seine Mutter ist ebenso zurückhaltend. Alles, was sie belasten könnte, wird einfach ausgeblendet. Auf diese Weise versuchen beide zurechtzukommen. Zunächst funktioniert das auch, aber können sie ihr ganzes Leben mit der Gewissheit dieser Schuld so weiterleben?

Wäre es nicht eindeutig, dass sich die wesentlichen Ereignisse Ende 1999 abspielen, würde ich den Handlungszeitraum angesichts der Beschreibung des Dorfes und seiner Bewohner in den 1950er oder 1960er Jahren vermuten. Von einer modernen Gesellschaft, die schon weiter ist als nur auf der Schwelle des Kommunikationszeitalters, ist hier wenig zu merken. Ähnlich zurückhaltend ist auch Lemaitres Erzählung, besonders in den ersten beiden Teilen. Das macht es schwierig, richtig in die Geschichte einzutauchen. Erst im letzten Abschnitt wird es lebhafter, nicht zuletzt deshalb, weil die Protagonisten mehr agieren, als die Ereignisse nur stumm an sich vorüberziehen zu lassen.

Der Ausgangspunkt der Handlung ist der Tod des kleinen Jungen, aber im Mittelpunkt stehen die Auswirkungen, die dieses Unglück hat, und zwar nicht nur auf den Täter und seine Mutter, sondern auch auf Familie des Toten und das weitere Umfeld. Lemaitre beschreibt einfühlsam und eindringlich, stellt aber gleichzeitig die Charaktere so einseitig dar, dass es nicht leicht ist, Sympathie für sie zu entwickeln und damit auch Toleranz aufzubringen. Bestenfalls regt sich Mitleid für den kindlichen Antoine. Es ist verständlich, dass er am liebsten so tut, als wäre nie etwas geschehen. Als junger Erwachsener muss er sich den unauslöschbaren Erinnerungen stellen und tut das in einer ganz eigenen und für mich unverständlichen Art. Das mag daran liegen, dass man einfach zu wenig über ihn und auch seine Mutter erfährt, um ihr Verhalten zu deuten.

Als Gesellschaftsstudie und thematisch ist das Buch spannend. Das Verhalten der Protagonisten war in den meisten Fällen nachvollziehbar, aber letztlich bleiben für meinen Geschmack zu viele Fragen offen. Auch stilistisch hatte ich mehr erhofft. Der Klappentext wartet mit dem Hinweis auf, dass Lemaitre für ein früheres Buch mit dem Goncourt-Preis ausgezeichnet wurde, wodurch man gewisse Erwartungen hegt. Leider wurden sie nicht erfüllt.

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