Clarissa Linden: Unsere Hälfte des Himmels

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Clarissa Linden: Unsere Hälfte des Himmels
Verlag
ET (D)
2017
Ausgabe
Taschenbuch (Broschiert)
ISBN-13
9783426519011

Informationen zum Buch

Seiten
448

Sonstiges

Originalsprache
deutsch
Erster Satz
"Johanna, wo bleibst du denn? Johanna!"

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Handlungsort

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Frankfurt in den 30er Jahren: Johanna und Amelie sind dicke Freundinnen, die eine gemeinsame Sehnsucht verbindet: Sie wollen Pilotinnen werden und den Himmel erobern. Doch dieser Traum scheint im Deutschland der Nazi-Zeit unmöglich zu sein. Trotzdem halten beide zunächst an ihm fest – bis Amelie sich in Johannas Fluglehrer verliebt. Ein folgenschwerer Verrat trennt die beiden Freundinnen schließlich für immer.

Kassel in den 70er Jahren: Amelies Tochter Lieselotte, die zu ihrer Mutter stets eine sehr distanzierte Beziehung hatte, wird plötzlich mit deren aufregender Vergangenheit konfrontiert. Allmählich lernt sie eine Amelie kennen, die sie hinter der kühlen Fassade niemals vermutet hätte – und ihr wird klar, dass diese Erkenntnis ihr eigenes Leben verändern wird.

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Ein Traum gegen jeden Widerstand

1971 fällt Amelie nach einem schweren Unfall ins Koma. Lieselotte, ihre Tochter, kommt nach Frankfurt am Main, um sich um ihre Mutter zu kümmern. Doch was als pflichtschuldiger Akt der Unterstützung gedacht ist, entwickelt sich zu einer Reise in die Vergangenheit der Mutter und der Suche nach einem eigenen, selbstbestimmten Leben.
Gute 30 Jahre früher träumen die beiden Freundinnen Amelie und Johanna davon, ihr Leben nach ihren Vorstellungen zu leben. Und zwar als Pilotinnen - ein sehr gewagter Wunsch in der damaligen Zeit, in der die Rolle der Frau ganz anders definiert wird...

Obwohl Lieselotte in den Siebzigern lebt, hat sich nicht viel am klassischen Rollenverhältnis geändert. Sie führt ein Leben als Hausfrau und kann nicht von sich behaupten, dass sie dieses oder ihre Ehe als ausfüllend empfindet; doch sie hat sich gefügt. Als sie dann zwischen Krankenhausbesuchen und der Wohnung ihrer Mutter erkennen muss, dass sie Amelie nicht wirklich gekannt hat, beginnt sie sich auf die Suche nach deren Geheimnis zu machen. Ob sie nach all den Jahren verstehen kann, warum sie sich beide nie sonderlich nahe standen, und auch endlich etwas über ihren Vater erfahren wird?

Amelie und Johanna sind auf dem beschwerlichen Weg, sich ihren Lebenstraum zu erfüllen - denn das haben sie sich geschoren, trotz aller Widrigkeiten. Ist die noch junge Fliegerei nur den Männern vorbestimmt, gibt es doch eine Handvoll Frauen, die sich durchsetzten konnten und den beiden Freundinnen als Vorbilder dienen. Doch die Ideologie der Nationalsozialisten macht die ersehnte Zukunft in mehrerlei Hinsicht fast unmöglich.

Sowohl Tochter als auch Mutter müssen sich abnabeln: Amelie von ihrer alles überstrahlenden Freundin Johanna, die sie gerne auf Linie hält, und Lieselotte muss erkennen, dass sie ihre lieblose Ehe und ihr Hausfrauen-Dasein in Kassel dringend abschütteln sollte, möchte sie ein glückliches Leben führen. Zum Glück hat Lieselotte in Marga eine Freundin gefunden, die ihr ab und an den nötigen Schubs gibt.
So müssen letztlich beide Frauen lernen, über sich hinaus zu wachsen - gegen alle Rückschläge, Zweifel und Widerstände.

Sicher, dieser Kniff, eine Geschichte nahezu gleichwertig auf zwei Ebenen spielen zu lassen, die sich nach und nach ergänzen, ist nicht neu - aber Clarissa Linden beherrscht ihn wirklich gut. Beide Stränge erzählen atmosphärisch dicht und gekonnt recherchiert von den jeweiligen Lebensumständen der beiden Hauptfiguren. Dabei ist besonders erschreckend, wie wenig sich das Thema Emanzipation in über 30 Jahren verändert hat. Daher fand ich es toll, dass die sich stärker entwickelnde Bewegung in den 70ern eine Rolle in diesem Roman bekommt. Aber auch die Beschreibung einer schwierigen Mutter-Tochter-Beziehung ist der Autorin in meinen Augen geglückt - vor allem in Anbetracht dessen, dass man immer mehr begreift, was eigentlich Auslöser all dessen war.

Alles in allem ein spannender und berührender Roman, der sich zwei Frauen und ihrer Entwicklung widmet und dabei wichtige Themen aufgreift: die Frauenbewegung und ihre Errungenschaften, den schwierigen Versuch, gegen den Widerstand des Großteils einer Gesellschaft zu agieren und seinen Traum zu leben und - last but not least - die beste Freundschaft zwischen Menschen, die dennoch so fragil sein kann...

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Spurensuche über den Wolken

Als die unglücklich verheiratete Lieselotte vom Unfall ihrer Mutter erfährt, macht sie sich sofort auf den Weg von Kassel nach Frankfurt, um ihr beizustehen. Aber was erzählt man einem Komapatienten in den langen Stunden am Krankenbett? Lieselotte macht sich auf die Spurensuche, um ihre Mutter mit Erinnerungen aus ihrem Leben zu unterhalten. Dabei stellt sie fest, dass sie ihre Mutter kaum kennt und dass es in ihrer Vergangenheit ganz schön turbulent zuging; ihre Mutter war eine der ersten Frauen, die fliegen lernten - und endlich kommt sie auch ihrem angeblich im Krieg gefallenen Vater auf die Spur...

Im zweiten Erzählstrang versetzt uns die Autorin in das Jahr 1935 und erzählt die Geschichte aus der Perspektive von Lieselottes Mutter Amelie, die als junges Mädchen nur das Fliegen im Kopf hat und mit ihrer Freundin Johanna gemeinsam in Berlin eine Karriere als Berufspilotin beginnen will. Ist dies an sich schon ein wahnwitziger Plan, weil Frauen erst die ersten Schritte auf dem Weg zur Emanzipation machen, so kommt ihnen der neue, von den Nationalsozialisten geprägte Zeitgeist völlig unpassend in die Quere, und mit was Amelie auf keinen Fall gerechnet hat: die Liebe ebenfalls.

Das Erzählkonstrukt, eine Geschichte auf zwei Zeitebenen zu präsentieren und zwischen den beiden hin und her zu wechseln, ist beleibe nicht neu, funktioniert aber hier bestens und sehr ausgewogen. Clarissa Linden erzählt ihre Geschichte unaufgeregt und verzichtet auf übertriebene dramaturgische Effekte, was mir sehr gut gefallen hat. Sind doch alleine durch die Handlung bereits genug Emotionen mit im Spiel, weil viele große Lebensfragen aufgerührt werden und die Protagonisten vom Schicksal gezeichnet werden.

Der Hauptaugenmerk liegt auf der Rolle der Frauen, in beiden Strängen. Amelie und Johanne wagen sich mit der Fliegerei an ein Feld, das im Jahr 1935 vor allem den Männern vorbehalten war. Es gibt zwar einige Pionierinnen der Luftfahrt, die auch als große Vorbilder für die beiden dienen. Aber mit der Machtergreifung durch Hitler und die NSDAP wird die aufkeimende Emanzipation der Frauen im Keim erstickt und die beiden müssen sich des öfteren anhören, dass sie lieber heiraten und kleine Arier zur Welt bringen sollen. Was natürlich für beide nicht in Frage kommt, schließlich haben sie sich als Berufspilotinnen zur Ausbildung bei den Bücker-Werken in Berlin beworben.

Dieser gemeinsame Plan schweißt die Frauen zusammen, so dass in dieser Freundschaft kein Platz für etwas anderes übrig zu sein scheint und die Beziehung der beiden lange Zeit die Handlung prägt. Solange, bis dann ein Mann die Bühne betritt - ab da wird es insofern interessant, dass ein Schatten über der intensiven Mädchenfreundschaft liegt, Entscheidungen getroffen werden müssen und Lebensträume sich verschieben, was eine gehörige Portion Konfliktpotential mit sich bringt. Sehr schön lässt die Autorin uns dabei in das Innenleben ihrer Protagonisten blicken und ihre Entwicklung transparent werden. Noch dazu kommen die Einflüsse des dritten Reiches, die im Laufe der Zeit nicht nur ferne Politik sind, sondern in das Schicksal der einzelnen Figuren eingreifen.

Im Kontrast dazu steht im anderen Strang Lieselotte in den 1970er Jahren, die zwar vom Dritten Reich und vom Krieg kaum etwas mitbekommen hat, dennoch aber keine emanzipierte Frau ist, sondern unglücklich verheiratet mit Eduard, der sie als Putzfrau und Vorzeigeobjekt, nicht aber als eigenständige Persönlichkeit mit eigenen Wünschen und Vorstellungen sieht. Als LeserIn kann man sehr schön mitverfolgen, wie der Unfall ihrer Mutter sie aus ihrer Lethargie reißt und sie zu einem Umdenken und letztendlich zu einer Neugestaltung ihres Lebens zwingt. Ihre Spurensuche, die raffiniert mit dem anderen Strang verknüpft ist, lässt Amelies Leben im Nachhinein erahnen und bringt Antworten auf Lieselottes viele Fragen.

Außerdem steht ihr noch Marga zur Seite, eine unkonventionelle, quirlige Nachbarin, die Lieselotte immer dann den nötigen Schubs gibt, wenn sie zaudert. Diese Figur hab ich sehr gerne gemocht, steht sie uns Frauen der heutigen Zeit doch sehr viel näher als die verhärmte Lieselotte, die mir anfangs in ihrer Lebensunfähigkeit doch sehr fremd war. Aber selbstverständlich macht auch Lieselotte eine Entwicklung durch und gewinnt im Laufe der Handlung an Stärke und Profil. Das Ende hat mir sehr gut gefallen; es ist ein versöhnliches Ende, ohne zu sehr weichgespült zu sein, für mich gerade richtig.

"Unsere Hälfte des Himmels" ist ein Buch, dass mich sehr beschäftigt und auf verschiedene Arten zum Nachdenken gebracht hat. Es ist vor allem ein Buch für und über Frauen, da es sich intensiv mit Frauenthemen beschäftigt. Es ist ein Buch über Freundschaft und über das, was Freundschaft nicht sein sollte. Es ist ein Buch über den Traum vom Fliegen und über die Emanzipation, über eine schwierige Mutter-Tochter-Beziehung, eine tragische Liebe und über das Ende einer Ehe. Es ist auf vielerlei Arten emotional, aber an keinem Punkt kitschig - ich hab es sehr gerne gelesen und hoffe, dass es noch viele LeserInnen findet.

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Eine berührende Geschichte

In ihrem Roman "Unsere Hälfte des Himmels" nimmt und die Autorin Clarissa Linden mit auf eine abenteurliche und aufregende Reise in die Vergangenheit.

Wir befinden uns im Deutschland der 30er Jahre. Hier lernen wir Johanna und Amelie, zwei unzertrennliche Freundinnen, kennen. Die beiden haben einen großen gemeinsamen Traum. Sie wollen den Himmel erobern und Pilotinnen werden. Doch es scheint unmöglich, diese Sehnsucht im Deutschland der Narzizeit, zu verwirklichen. Aber trotzdem halten Amelie und Johanna an ihrem Traum fest. Doch dann verliebt sich Amelie in Johannas Fluglehrer - eine Liebe, die in einem folgenschweren Verrat gipfelt.
Dann machen wir einen Zeitsprung: Wir befinden uns in Deutschland 40 Jahre später. Amelie hat einen schwern Unfall. Ihre Tochter Lieselotte, zu der sie keine besonders enge Beziehung pflegt, eilt an ihr Krankenbett. Und plötzllich wird Lieselotte mit Amelies Vergangenheit konfrontiert. Und sie versteht langsam, welcher Mensch Amelie wirklich ist und wahr. Und das Schicksal ihrer Mutter nimmt Einfluss ihr weiteres Leben.

Ich bin von Anfang bis zum Ende total begeistert von der Geschichte. Der Schreibstil der Autorin ist einfach spitzenmäßig. Wenn ich die Augen schließe, befinde ich mich in den 30er Jahren. Sehe Amelie vor mir. Ihr wird nicht alles in den Schoß gelegt, sie muss sich vielen erkämpfen und erarbeiten. Und dann Johanna, die auf mich etwas egoistisch wirkt und immer ihren Kopf durchsetzen will. Begeistert bin ich von ihrem Willen, diesen Traum vom Fliegen zu leben. Ich sehr Amelie wie sie mit einem Segelflugzeug die Kreise zieht. Frei wie ein Vogel. Doch leider sind in dieser Zeit Frauen selten Pilotinnen. Es war eine schwierige Zeit und dann schlägt ja auch noch das Schicksal grausam zu. Und dann bin ich in Deutschland im Jahr 1971 in Frankfurt. Der tragische Unfall von Amelie, der einen großen Einfluss auf das zukünftige Leben ihrer Tochter Lieselotte hat. Ich sehe Lieselotte mit ihrem Ehemann Eduard, dem ich gern mal die Meinung gesagt hätte - aber das war ja zu damaligen Zeit eher selten - solche triste Abende. Und dann dieser Kommandeton von Eduard. Einfach schrecklich. Aber wer diese Zeit erlebt hat, kennt vielleicht solche Begebenheiten. Die Autorin hat ja alles so wunderbar beschrieben, dass ich die Bilder von meinem inneren Auge habe. Ich bewundere auch Lieselotte für ihren Mut, sich auf diese Reise in Vergangenheit zu begeben. Toll fand ich auch die Verändung von Lieselotte.

Eine wunderbare Geschichte. Für mich ein Lesehighlight, mit dem ich abenteurliche, unterhaltsame und spannende Lesestunden verbracht habe.
Das tolle Cover passt wunderbar. Begeistert war ich auch von der Personenbeschreibung zu Beginn des Buches und von den interessanten Informationen am Ende. Selbstverständlich vergebe ich gerne 5 Sterne.

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FliegerIN, grüß mir die Sonne

... grüß mir die Sterne und grüß mir den Mond!

So durfte es in den Jahren der nationalsozialistischen Herrschaft nicht mehr heißen, in denen die Frauen nur für die Familie da sein sollten.

Das bekommen Amelie, Johanna und ihre Freundinnen, die seit Jahren dem Segelflug in Frankfurt am Main frönen, zu spüren, wobei Johanna und Amelie sich dennoch um einen Ausbildungsplatz im von ihnen erstrebten Berufsfeld bemühen und durchaus noch darauf Chancen haben.

Doch unerwarteterweise wird etwas anderes für Amelie wichtiger, als die Liebe in ihr Leben tritt. Wird sich ein Keil zwischen die beiden Freundinnen schieben?

1971, über dreißig Jahre später: Amelies Tochter Liselotte sorgt sich um ihre Mutter, die ins Koma gefallen ist. Wird sie jemals daraus erwachen und Liselotte eine Antwort auf die vielen Fragen zu ihrer Herkunft geben können? Und wird Liselotte es schaffen, sich von ihrem spießigen Mann Eduard zu lösen, der sie nur als Heimchen am Herd zu brauchen scheint?

Die junge Nachbarin ihrer Mutter, die Studentin Marga wird eine unerwartete Hilfe für Liselotte bei dem Versuch, das Tor zur Vergangenheit zu öffnen.

Ein Buch über die Rolle der Frau im Laufe des 20.Jahrhunderts, die uns Frauen des 21. Jahrhunderts zeigt, dass unsere Ahninnen es um einiges schwerer hatten als wir und nicht wenige Hürden zu nehmen hatten. Für meinen Geschmack enthält dieser Roman, der insgesamt durchaus mitreißend und spannend ist, ein paar Klischees zu viel. Doch ist es wahrlich interessant, die Geschichte der Fliegerinnen und einige (erfundene) Einzelschicksale zu verfolgen. Ein Buch über Frauen, die ihren eigenen Weg gehen wollten!

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