Bewertungsdetails

Spurensuche über den Wolken
Gesamtbewertung 
 
4.7
Plot / Unterhaltungswert 
 
5.0
Charaktere 
 
5.0
Sprache & Stil 
 
4.0
Als die unglücklich verheiratete Lieselotte vom Unfall ihrer Mutter erfährt, macht sie sich sofort auf den Weg von Kassel nach Frankfurt, um ihr beizustehen. Aber was erzählt man einem Komapatienten in den langen Stunden am Krankenbett? Lieselotte macht sich auf die Spurensuche, um ihre Mutter mit Erinnerungen aus ihrem Leben zu unterhalten. Dabei stellt sie fest, dass sie ihre Mutter kaum kennt und dass es in ihrer Vergangenheit ganz schön turbulent zuging; ihre Mutter war eine der ersten Frauen, die fliegen lernten - und endlich kommt sie auch ihrem angeblich im Krieg gefallenen Vater auf die Spur...

Im zweiten Erzählstrang versetzt uns die Autorin in das Jahr 1935 und erzählt die Geschichte aus der Perspektive von Lieselottes Mutter Amelie, die als junges Mädchen nur das Fliegen im Kopf hat und mit ihrer Freundin Johanna gemeinsam in Berlin eine Karriere als Berufspilotin beginnen will. Ist dies an sich schon ein wahnwitziger Plan, weil Frauen erst die ersten Schritte auf dem Weg zur Emanzipation machen, so kommt ihnen der neue, von den Nationalsozialisten geprägte Zeitgeist völlig unpassend in die Quere, und mit was Amelie auf keinen Fall gerechnet hat: die Liebe ebenfalls.

Das Erzählkonstrukt, eine Geschichte auf zwei Zeitebenen zu präsentieren und zwischen den beiden hin und her zu wechseln, ist beleibe nicht neu, funktioniert aber hier bestens und sehr ausgewogen. Clarissa Linden erzählt ihre Geschichte unaufgeregt und verzichtet auf übertriebene dramaturgische Effekte, was mir sehr gut gefallen hat. Sind doch alleine durch die Handlung bereits genug Emotionen mit im Spiel, weil viele große Lebensfragen aufgerührt werden und die Protagonisten vom Schicksal gezeichnet werden.

Der Hauptaugenmerk liegt auf der Rolle der Frauen, in beiden Strängen. Amelie und Johanne wagen sich mit der Fliegerei an ein Feld, das im Jahr 1935 vor allem den Männern vorbehalten war. Es gibt zwar einige Pionierinnen der Luftfahrt, die auch als große Vorbilder für die beiden dienen. Aber mit der Machtergreifung durch Hitler und die NSDAP wird die aufkeimende Emanzipation der Frauen im Keim erstickt und die beiden müssen sich des öfteren anhören, dass sie lieber heiraten und kleine Arier zur Welt bringen sollen. Was natürlich für beide nicht in Frage kommt, schließlich haben sie sich als Berufspilotinnen zur Ausbildung bei den Bücker-Werken in Berlin beworben.

Dieser gemeinsame Plan schweißt die Frauen zusammen, so dass in dieser Freundschaft kein Platz für etwas anderes übrig zu sein scheint und die Beziehung der beiden lange Zeit die Handlung prägt. Solange, bis dann ein Mann die Bühne betritt - ab da wird es insofern interessant, dass ein Schatten über der intensiven Mädchenfreundschaft liegt, Entscheidungen getroffen werden müssen und Lebensträume sich verschieben, was eine gehörige Portion Konfliktpotential mit sich bringt. Sehr schön lässt die Autorin uns dabei in das Innenleben ihrer Protagonisten blicken und ihre Entwicklung transparent werden. Noch dazu kommen die Einflüsse des dritten Reiches, die im Laufe der Zeit nicht nur ferne Politik sind, sondern in das Schicksal der einzelnen Figuren eingreifen.

Im Kontrast dazu steht im anderen Strang Lieselotte in den 1970er Jahren, die zwar vom Dritten Reich und vom Krieg kaum etwas mitbekommen hat, dennoch aber keine emanzipierte Frau ist, sondern unglücklich verheiratet mit Eduard, der sie als Putzfrau und Vorzeigeobjekt, nicht aber als eigenständige Persönlichkeit mit eigenen Wünschen und Vorstellungen sieht. Als LeserIn kann man sehr schön mitverfolgen, wie der Unfall ihrer Mutter sie aus ihrer Lethargie reißt und sie zu einem Umdenken und letztendlich zu einer Neugestaltung ihres Lebens zwingt. Ihre Spurensuche, die raffiniert mit dem anderen Strang verknüpft ist, lässt Amelies Leben im Nachhinein erahnen und bringt Antworten auf Lieselottes viele Fragen.

Außerdem steht ihr noch Marga zur Seite, eine unkonventionelle, quirlige Nachbarin, die Lieselotte immer dann den nötigen Schubs gibt, wenn sie zaudert. Diese Figur hab ich sehr gerne gemocht, steht sie uns Frauen der heutigen Zeit doch sehr viel näher als die verhärmte Lieselotte, die mir anfangs in ihrer Lebensunfähigkeit doch sehr fremd war. Aber selbstverständlich macht auch Lieselotte eine Entwicklung durch und gewinnt im Laufe der Handlung an Stärke und Profil. Das Ende hat mir sehr gut gefallen; es ist ein versöhnliches Ende, ohne zu sehr weichgespült zu sein, für mich gerade richtig.

"Unsere Hälfte des Himmels" ist ein Buch, dass mich sehr beschäftigt und auf verschiedene Arten zum Nachdenken gebracht hat. Es ist vor allem ein Buch für und über Frauen, da es sich intensiv mit Frauenthemen beschäftigt. Es ist ein Buch über Freundschaft und über das, was Freundschaft nicht sein sollte. Es ist ein Buch über den Traum vom Fliegen und über die Emanzipation, über eine schwierige Mutter-Tochter-Beziehung, eine tragische Liebe und über das Ende einer Ehe. Es ist auf vielerlei Arten emotional, aber an keinem Punkt kitschig - ich hab es sehr gerne gelesen und hoffe, dass es noch viele LeserInnen findet.
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