Paul Anderson: Hungersbräute

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Paul Anderson: Hungersbräute
Verlag
ET (D)
2005
Ausgabe
Gebundene Ausgabe
Originaltitel
Hunger's Brides
ET (Original)
2004
ISBN-13
9783866120549

Informationen zum Buch

Seiten
1423

Sonstiges

Erster Satz
Eine Nonne des Klosters von San Jerónimo schlüpft aus dem Zimmer, um die Priorin zu informieren, die den Erzbischof von Mexiko benachrichtigen wird.

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Universitätsprofessor Donald Gregory hat eine verhängnisvolle Affäre mit seiner Studentin Beulah Limosneros, die besessen über die mexikanische Dichterin Juana Inés de la Cruz forscht. Eines Nachts findet er Beulah blutüberströmt in ihrer Wohnung und flüchtet entsetzt, nicht ohne ihre Aufzeichnungen an sich zu nehmen. Aus diesen Dokumenten erschließt sich die fesselnde Biographie der Juana Inés de la Cruz: Sie war ein Wunderkind, lernte das mondäne Leben am Hof kennen und trat 19-jährig, getrieben von ihrem unersättlichen Wissensdurst, ins Kloster ein. Sie war gleichzeitig engagierte Vorkämpferin der Frauenbewegung, Dichterin und Theologin, legendäre Schönheit und Nonne und trotzte über zwanzig Jahre der Inquisition, bis sie schließlich vom Klerus zum Schweigen gebracht wurde und an der Pest zugrunde ging. Vor dem Hintergrund der vergangenen Pracht Mexikos entfaltet dieser opulente Roman eine Spannung, die bis zur letzten Seite in Atem hält.

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Für den Inhalt verweise ich auf Twilights Rezi. Der Roman ist zwar umfangreich genug, daß auch noch anderes zu berichten wäre, aber schließlich soll das hier keine Nacherzählung werden.

Auch in der Bewertung kann ich mich Twilight in vielem anschließen. Hungersbräute ist in jeder Hinsicht opulent, und das ist tatsächlich ein Kompliment. Ich finde nur noch selten Bücher, die mich über eine solche Anzahl von Seiten hinweg zu tragen vermögen, obwohl eigentlich nichts darin passiert. Gerade das macht aber eine angemessene Würdigung von Andersons Leistung so schwierig. Daher zunächst einmal zu den formalen Aspekten.

Die Trinität der Erzählperspektiven ist sicher nicht zufällig gewählt, und wie schon gesagt wird das Ganze durch die verschiedene Präsentationsformen sehr schön abgewechselt und verdeutlicht. Ein einzelner auktorialer Erzähler hätte niemals die gleiche Wirkung erzielen können, wie es durch diese Darstellungen erreicht wird. Dokumente der Inquisition neben den inkriminierten Gedichten zu lesen, ließ mich manches Mal heftig schlucken. Dagegen fand ich die Verschränkung mit dem „modernen“ Erzählstrang weniger geglückt. Auch mir fehlte lange eine Erklärung für die Faszination, die Sor Juana auf Beulah ausübt, und selbst nach Beendigung der Lektüre und mit dem Abstand einiger Tage ist mir das zu dünn geraten. Ich will gar nicht einmal sagen, daß ich auf diesen Teil hätte verzichten können, aber er bekommt erst im letzten Viertel einiges Gewicht, das aber auch nur bedingt aus der Verbindung zwischen Juana und Beulah entsteht, und bis dahin wirkte er schon eher überflüssig. Darüber war ich nicht einmal enttäuscht, da ich es sowieso sehr viel interessanter fand, Sor Juana in ihrer Entwicklung zu verfolgen als Beulah.

Bemerkenswert ist vor allem die Fülle an Informationen, die Anderson geschickt in Sor Juanas Ausführungen verpackt. Wie Twilight schon sagte, erleichtern Vorkenntnisse in griechischer und ägyptischer Mythologie, antiker Dichtkunst sowie theologischer Grundbegriffe und Konzepte das Verständnis sicher enorm. Vieles davon ist aber so gut eingebunden, daß man sogar ohne Lexikon in Griffweite auskommen kann, aber viele Spuren werden zum Nachverfolgen reizen. Mit diesen Bezügen läßt es Anderson aber nicht bewenden. Zusätzlich erfährt man als Leser noch vieles über die Lebensbedingungen in Mexiko in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhundert sowie über das Verhältnis zwischen Spaniern, Kreolen, Mestizen, Indianern, Afrikanern, Mulatten und Zambos. Auch präkolumbianische Geschichte findet dank Sor Juanas Freund Carlos de Sigüenza y Góngora und ihrer Amme Xochitl Eingang. Und nicht zuletzt verfolgt man eine Reihe kirchlicher Intrigen, die mehr oder weniger direkten Bezug zur Inquisition, manchmal aber auch einfach zu weltlicher Macht haben.

Hier setzt dann auch der Aspekt an, in dem ich diesen Roman wohl anders gelesen habe als Twilight, was aber überhaupt nicht gegen ihn spricht, im Gegenteil. Sor Juanas Widerstand gegen die Inquisition ist sicher eine intellektuelle Auseinandersetzung, in der sie von ihrer, zunächst vielleicht durch den Großvater etwas erratisch zugeführten und geförderten, letztlich aber doch sehr universell gewordenen Bildung profitiert. Ich muß aber gestehen, daß ich mich aus diesen Details doch irgendwann ausgeklinkt habe, und zwar sowohl aus den Argumentationen an sich, als auch vor allem aus den innerkirchlichen, machtpolitischen Verwicklungen. Stattdessen habe ich Sor Juanas Briefe, Aufzeichnungen, innere Monologe als Beispiel dafür gelesen, wie ein repressives Regime Menschen in Unsicherheit und letztlich in den buchstäblichen Wahnsinn treiben kann, indem die Gedanken ständig um die gleichen Fragen kreisen: Was habe ich eigentlich gesagt? Wie habe ich es gesagt? Was wissen sie? Was spiegeln sie mir nur vor? Wenn ich bestimmte Dinge sage: schade oder nutze ich mir damit? Was wollen sie konkret von mir: meine Niederlage und Demütigung oder bin ich nur ein Werkzeug zu anderen Zwecken? All dies läßt sich aus Sor Juanas Gedankengängen sehr gut ableiten, und hier setzen auch die drastischsten Wiederholungen im Text an. Aber gerade deshalb wird besonders klar, wie diese Mechanismen funktionieren, und sie funktionierten nicht nur in den Händen der Inquisition, sie funktionieren genauso bis heute in den Händen diktatorischer Regime rund um die Welt mit ihren Geheimpolizeien und Folterkellern. Das war für mein Empfinden außerordentlich beklemmend, und dies wird auch dafür sorgen, daß ich diesen Roman nicht so schnell vergesse.

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1400 Seiten und 1495 Gramm geballte Geschichte, Theologie und Kultur erwarten den Leser, der sich auf dieses Buch einlässt - und einlassen muss man sich, die “Hungersbräute” sind kein Text, den man mal eben so wegschmökern kann.

Inhalt:

Hauptthema ist die Geschichte der historischen Gestalt Sor Juana Ines de la Cruz, die in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts in Neuspanien, dem heutigen Mexiko gelebt hat. Die Eroberung der Neuen Welt durch die Europäer ist noch lange nicht so gefestigt wie heute, die Ureinwohner, “mexicas” genannt, halten hartnäckig an ihrer Lebensweise, ihrer Religion und Kultur fest - etwas, was die katholische Kirche durch starke Präsenz und die Einschaltung der Inquisítion zu unterbinden sucht.

Sor Juana Ines de la Cruz ist eine Kreolin, d.h. eine in Amerika geborene Weiße, die aufgrund ihrer ländlichen und dazu noch unehelichen Herkunft kaum weniger geachtet wird als die Indios. Ihre Mutter führt eine Farm, ihren Vater kennt sie nur von gelegentlichen Besuchen, ihre Hauptbezugspersonen ist ihr Großvater, der sie, nachdem sie sich selbst mit drei Jahren das Lesen beigebrachthat, mit Literatur, klassischer Philosophie und moderner Naturphilosophie (wie die beginnende Naturwissenschaft damals genannt wurde) bekannt macht. Großen Einfluss übt auch ihre indianische Amme aus, die sie in die Welt der Indio-Mythologie einführt, sie Nahuatl, die Sprache der Indios lehrt und deren gleichaltrige Tochter gemeinsam mit ihr aufwächst.

Nach einer - mehr oder weniger - unbeschwerten Kindheit zwischen der Natur am Popocatépetl und der Bibliothek des Großvaters kommt Juana für einige Jahre an den prunkvollen Hof des spanischen Vizekönigs in Mexiko, wo sie sich als dichterisches und philosophisches Wunderkind einen Namen macht, allerdings auch fast unter den höfischen Intrigen zerbricht. Auf Anraten ihres Beichtvaters tritt sie schließlich mit Anfang 20 in ein Kloster ein, da dies der einzige Ort zu sein scheint, an dem sie ihren unersättlichen Wissensdurst und Bildungshunger stillen kann. Dort entwickelt sie sich zur wichtigsten spanisch-sprachigen Dichterin des ausgehenden “Goldenen Zeitalters” des Barock, anerkannt in der Alten ebenso wie in der Neuen Welt. Den Rest ihres Lebens verbringt sie im Kloster San Jéronimo, allerdings mit eher unüblichen Beschäftigungen: Nach wie vor ist sie als Dichterin sehr gefragt, und sie stellt ihr Können immer wieder mit Auftragsarbeiten für den Hof oder die Kirche unter Beweis.

Dennoch wird sie vom Klerus argwöhnisch beobachtet; besonders ihre langjährige Freundschaft zum einem mexikanischen Geographen und Astronomen und ihre Beziehung zur Vizekönigin, die als ihre Fürsprecherin fungiert, erzeugt Misstrauen, ebenso wie die Veröffentlichung von Gedichten, in denen christliche Heilige mit Figuren aus der griechischen Mythologie in Verbindung gebracht werden. Um 1690 gerät sie endgültig ins Visier der Heiligen Inquisition, der auch ihr Beichtvater, der Jesuit Antonio Nunez angehört - eine zwiespältige Figur, die in der Folge erfolgreich versucht, Sor Juanas nach Freiheit und Wissen hungernden Geist zu brechen und sie endgültig in die Abgeschiedenheit des Klosters zu verbannen. Nachdem er einen ihrer glühendsten Verteidiger verurteilt und das Beichtgeheimnis gebrochen hat, um sie in Verruf zu bringen, beendet sie ihre dichterische Tätigkeit, stuft sich selbst im Konvent auf den Rang einer Novizin zurück und beginnt ein Leben, das der Kontemplation und Kasteiung gewidmet ist. Erst als in Mexiko die Pest ausbricht und auch das Kloster betroffen ist, taucht sie im weltlichen Leben wieder auf und widmet sich der Pflege der Kranken, nur um nach wenigen Wochen selbst im Alter von 46 Jahren an der Krankheit zu sterben.

Der Titel des Buches verbindet den Juana-Handlungsstrang mit dem der kanadischen Studentin Beulah Limosneros - beide Frauen sind getrieben von einem Hunger nach Wissen, der sie letztendlich in den Untergang führt. Diese Beulah Limosneros, eine hochsensible, psychisch labile und hochintelligente junge Frau, die an ihrer Universität ebenso als “Wunderkind” bezeichnet wird wie Sor Juana 300 Jahre zuvor, stößt im Zuge ihres Studiums auf die Dichterin, beginnt über sie zu forschen und verfällt dem Reiz von deren Leben und Dichtung. Dabei verstrickt sie sich in eine verhängnisvolle Affäre mit dem Literaturprofessor Donald Gregory. Als dieser die Affäre beendet, flüchtet sie in einen esoterischen “Studienaufenthalt” nach Mexiko, beginnt dort eine weitere Affäre mit einem Mexikaner, kehrt zurück nach Kanada und begeht schließlich einen Selbstmordversuch, nach dem sie von Gregory gefunden wird - der daraufhin ihre Aufzeichnungen an sich nimmt und flieht.

Der Autor:

Paul Anderson ist ein kanadischer Kosmopolit, Jahrgang 1956, der mit Anfang 20 zunächst seine Heimat hinter sich ließ, um die Welt reiste und sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser hielt. Nebenbei schrieb er einige Short Stories, machte aber ansonsten als Autor kaum von sich reden - bis er in Mexiko das erste Mal auf Sor Juana stieß und damit das Thema gefunden hatte, das ihn die nächsten 12 Jahre beschäftigen sollte. Unter anderem besuchte er alle Original-Schauplätze in Mexiko, die heute zum großen Teil auch noch zu besichtigen sind. Als er den ersten, 1000-seitigen Entwurf seines Romans einem Verlag vorlegte, wurde er zu seinem Erstaunen nicht zu Kürzungen verdonnert, sondern sollte ihn noch verlängern.

Meinung:

Jeder Versuch, dieses Buch in seiner ganzen Fülle an sprachlicher und inhaltlicher Vielfalt angemessen zu würdigen kann nicht mehr als unbeholfen ausfallen. Anderson tobt sich in seinem Erstling, für den er immerhin 12 Jahre gebraucht hat, nach Kräften aus. Schon allein die schillernde Figur der Sor Juana hätte Stoff genug für mehr als einen großen Roman geboten, aber seine Verknüpfung mit ihrem modernen Pendant, der Studentin Beulah, setzt dem ganzen die Krone auf. Die drei Perspektiven, die hier dargeboten werden - die durch Beulahs AUfzeichnungen erzählte Geschichte Juanas, die von Donald erzählte Geschichte Beulahs und Donalds eigene Darstellung der Geschehnisse - wird zusätzlich noch durch unterschiedlichste Textarten aufgebrochen. Da wird eine klassische Erzählerperspektive abgelöst von inneren Monologen, Tagebucheinträgen und Briefen, offiziellen (und historisch korrekten) Dokumenten der Inquisition, einer modernen Bearbeitung des Lebens Juanas als Drehbuch und - natürlich - immer wieder Gedichten und Dramenfragmenten der Dichterin selbst.

Diese Vielfalt an Stilen fordert dem Leser zwar einiges an Anpassungsleistung ab, macht die Erzählung aber dafür umso lebendiger und glaubwürdiger. Dies ist umso bemerkenswerter, als der ganze Wälzer erstaunlich actionarm ist. Eigentlich passiert nicht viel, und von außen betrachtet hat Sor Juana ein ziemlich langweiliges Leben geführt. Das Hauptaugenmerk liegt auf ihrer intellektuellen Auseinandersetzung mit ihrer Umwelt und mit den Kirchenoberen. In diesen Passagen kommt das ganze Spektrum ihrer universellen Bildung zum Tragen, das von Anderson in fiktiven Dialogen und Briefwechseln brillant wiedergegeben wird - und wo der Leser mit muss, auch wenn zwischendurch der ein oder andere Ausflug zu Wikipedia o.ä. nötig wird. Eine gewisse Vorbildung in Bezug auf griechische und ägyptische Mythologie sowie ein theologisches Grundvokabular erleichtern das Verständnis auf jeden Fall ungemein.

Leider kommt die “moderne” Handlungsebene um Beulah bei aller barocker Pracht, in der die Juana-Geschichte präsentiert wird, fast ein wenig zu kurz, obwohl sie mit geschätzten gut 300 Seiten eigentlich schon genug Stoff für ein eigenes Buch bieten würde. Dennoch wird zwar die Faszination, die die Nonne auf die Studentin ausübt, sehr plakativ beschrieben, aber die intellektuelle und thematische Verbindung zwischen den beiden Frauen kommt fast zu kurz, zumindest hat sie sich mir vor allem auf den ersten 1000 Seiten nicht wirklich erschlossen.

Ich habe an diesem Epos fast drei Monate gelesen, und das Buch ist sofort nach dem Zuklappen auf meine Stapel wiederzulesender Bücher gelandet - wobei ich mir fest vorgenommen habe, es mir das nächste Mal nur in einem langen und ruhigen Urlaub wieder vorzunehmen.

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