Mechtild Borrmann: Trümmerkind

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Mechtild Borrmann: Trümmerkind
Verlag
ET (D)
2016
Ausgabe
Gebundene Ausgabe
ISBN-13
9783426281376

Informationen zum Buch

Seiten
302

Sonstiges

Originalsprache
deutsch
Erster Satz
Erstes wässrig violettes Licht zeigte sich am Horizont, schob sich über Schuttberge, fiel in Bombenkrater und zeichnete die Konturen der Trümmerlandschaft nach.

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Der kleinen Hanno Dietz schlägt sich mit seiner Mutter im Hamburg der Nachkriegsjahre durch. Steine klopfen, Altmetall suchen, Schwarzhandel - das ist sein Alltag. Eines Tages entdeckt er in den Trümmern eine Tote – und etwas abseits einen etwa dreijährigen Jungen, der erstaunlich gut gekleidet ist. Das Kind spricht kein Wort, Verwandte sind nicht auffindbar. Und so wächst das Findelkind bei den Dietzens auf. Jahre später kommt das einstige Trümmerkind durch Zufall einem Verbrechen auf die Spur, das auf fatale Weise mit seiner Familie verknüpft ist …

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Der Hamburger Hungerwinter

Im Hungerwinter 1946/47 findet Hanno Dietz, der mit seiner Schwester Wiebke in der Trümmerlandschaft auf der Suche nach Brauchbarem ist, einen kleinen Jungen, der völlig alleine ist. Sie nehmen den Dreijährigen mit Nachhause und auch die Mutter ist schnell der Überzeugung, dass er bei ihnen bleibt. Ein sehr starkes Zeichen der Menschlichkeit - in Zeiten von Hunger, Kälte und großen Versorgungsnöten, in denen die Menschen versuchen, nicht allzu weit zu denken, sondern das Hier und Jetzt zu meistern...
Knapp 50 Jahre später ist Anna Meerbusch auf der Suche nach ihren Wurzeln - denn wenige Jahre nach der Deutschen Einheit gibt es Hinweise, dass diese in der Uckermark auf einem ehemals schönen Gut liegen. Anna ahnt nicht, dass sie mit ihren Fragen ein altes Geheimnis zum Vorschein bringen könnte...
Der dritte Erzählstrang gehört Clara und ihrer Familie. Kurz nach Kriegsende muss sie das seit vielen Jahren in Familienbesitz befindliche Gut Anquist verlassen - und macht sich auf die Suche nach einer besseren Zukunft in Spanien.

Leider ist "Trümmerkind" ein relativ schmaler Roman, lediglich 304 Seiten umfassend. 304 Seiten ist gar nicht so wenig? Mag sein, aber dieser Roman liest sich so schnell, dass ich traurig war, als ich ihn zu Ende gelesen hatte. Die Autorin erzählt eine packende Geschichte und löst mit ihr einen alten, bis heute ungelösten Kriminalfall aus den Hamburger Nachkriegsjahren. Dabei hat Mechtild Borrmann einen beinahe nüchternen Erzählstil, der sich auf das Wesentliche beschränkt und dennoch so viel transportiert. Dazu gehören die Ängste und Nöte, die die Menschen zur damaligen Zeit beschäftigt haben, aber auch den Willen, dies zu schaffen und sich für die eigene Familie aufzuopfern. Die Autorin erzählt von Schuld und Unschuld, vom bloßen Kampf ums Überleben, von Menschlichkeit und großer Kälte für die Mitmenschen, von Emotionen, die Menschen zum Äußersten treiben, im Guten wie im Schlechten.

Die Einfühlsamkeit, mit der Mechtild Borrmann von diesen schwierigen Zeiten erzählt, ist bemerkenswert - ebenso wie ihre Figuren, die sie mit Fingerspitzengefühl gezeichnet und äußerst glaubhaft ausgestattet hat. Während der Lektüre habe ich mich nicht selten gefragt, wie viele Kinder wohl ähnliche Schicksale wie Joost Dietz erlebt haben. Aber nicht nur das Leben des Findelkindes, sondern auch das der Dietzens, die so gut es geht ihr Leben im Hamburg der Nachkriegszeit meistern und im weitesten Sinne auch zu den Opfern der Nazis zählen, kann stellvertretend für andere Familien gesehen werden... Gerade Agnes, die Mutter Hannos und Wiebkes, die nicht weiß, ob ihr Mann den Krieg überlebt hat und wenn ja, wo er nun steckt, ist für mich eine wirklich starke Frau und sehr realistisch gelungen.

Für mich ist "Trümmerkind" ein wichtiger Roman - nicht nur weil er sehr gut geschrieben ist. In erster Linie fängt er - atmosphärisch gekonnt - eine Zeit ein, die uns eine Lehre sein muss und uns mahnen sollte, es nie wieder auch nur annähernd so weit kommen zu lassen. Dieses Buch ist für mich ein Kleinod, das Menschlichkeit lehrt, die ohne Gegenforderungen auskommt, und sich zugleich mit Menschen beschäftigt, die für ihre Zukunft alles tun - manchmal sogar Grenzen überschreiten, die niemals überschritten werden sollten. Zu guter Letzt gibt "Trümmerkind" auch denjenigen eine Stimme, die viel sehen und erdulden mussten, und trotz der Umstände und der Last, die sie ihr Leben lag begleitet, dennoch stets gute Menschen waren und blieben.

Kurzum: Unbedingt lesen, es lohnt sich!

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Jahreshighlight

Der 14-jährige Hanno, seine kleine Schwester Wiebke und die Mutter Agnes kämpfen im Nachkriegswinter 1947 in Hamburg gegen Hunger und Kälte. Die Mutter verdient ein wenig Geld durch Steine klopfen und Näharbeiten. Ihr Sohn sammelt Altmetall und macht alles was er finden kann zu Geld oder tauscht es auf dem Schwarzmarkt gegen Lebensmittel und Zigaretten. Die Zeiten sind hart, der Vater ist seit Jahren im Krieg an der russischen Front vermisst. Eines Tages findet Hanno in einer Kellerruine eine nackte Tote und zwischen den Trümmern liest Wiebke einen kleinen verängstigten Jungen auf, der kein Wort mehr spricht. Es wird aber Jahrzehnte dauern, bis ans Licht kommt, was in diesem harten Winter wirklich mit ihm und seiner ganzen Familie geschehen ist.

In drei zeitlich versetzten Handlungssträngen rollt die Autorin dramatische Geschehnisse auf, die in der Uckermark ihren Anfang nahmen und über Köln schließlich in Hamburg enden werden. Der Leser erlebt die Wochen nach dem Ende zweiten Weltkrieges, bangt mit einer Familie um Leib und Leben und Hab und Gut, als die russische Armee vorrückt und schließlich alle zur Flucht zwingt. Erzählt wird aber auch von den Nachkriegsjahren in Deutschland. Von Menschen, die scheinbar alles verloren haben, die an den erlittenen Kriegsgräuel leiden und doch nie den Lebensmut verlieren und sich zurück ins Leben kämpfen können. Es geht um ein großes Unrecht, welches die Lebenläufe vieler für immer verändern und beeinflussen wird. Und nicht zuletzt um die Suche nach der einzigen Wahrheit die in den Geheimnissen der Vergangenheit verborgen liegt. Und die Hoffnung, dass die richtigen Antworten die dunklen Dämonen der Seele vertreiben können.

Wieder mal hat mich ein Buch von Mechthild Borrmann von der ersten Seite an gefesselt. Die Beschreibungen der damaligen Verhältnisse aber auch der menschlichen Charaktere und Beziehungen sind so eindringlich wie realistisch und das Kopfkino läuft sofort auf Hochtouren. Ich bin jedes Mal wieder fasziniert, dass die Autorin im Gegensatz zu manch anderem Schriftsteller mit wenigen Worten so eine Tiefe und Qualität erreichen kann, wie andere es nicht mit dicken Wälzern schaffen. Mechthild Borrmann ist einfach eine Klasse für sich.

Es ist ein wirklich aufwühlendes Buch. Einige der Darsteller sind mir sehr ans Herz gewachsen und ich bin froh, dass es für die meisten von ihnen ein versöhnliches Ende nimmt. Aber es gibt auch tragische und erschütternde Todesfälle und das Buch hat mir streckenweise wirklich die Kehle zugeschnürt und meine Gefühle durchgeschüttelt. Am Ende laufen die Fäden aus allen drei Strängen harmonisch zusammen und halten noch die ein oder andere Überraschung bereit.

Eines meiner Jahreshighlights und meiner Meinung nach, eines von Borrmanns besten Büchern - und ich finde wirklich alle hervorragend.

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Bewegend: Trümmerkind von Mechtild Borrmann

Mechtild Borrmann. Fast ehrfürchtig wird ihr Name geflüstert, ihre Bücher haben die Tendenz heiß erwartet zu werden und schon vor Erscheinen Vorschusslorbeeren zu erhalten. Gekritelt wird höchstens auf hohem Niveau und eines der wenigen Themen, bei denen man sich streiten mag, ist, ob ihre Romane wohl ins Krimigenre einzuordnen sind. Nun, das Genre ist weit gefasst und ich denke, wenn man einen Stempel aufdrücken möchte, dann den des Spannungsromans. Und wer mich ein wenig kennt, wird wissen, dass ich hierfür ein Faible habe. Nachdem ich vor einiger Zeit „Die andere Hälfte der Hoffnung“ gelesen habe, hab ich mich nun sehr auf „Trümmerkind“ gefreut, einem Roman, der auf einer realen Mordserie fußt, den Hamburger Trümmermorden.

Hanno Dietz kämpft sich mit seiner Familie in Hamburg durch den Winter 1946/47. Die Lebensmittel sind knapp, nur wenige Häuser haben Strom, ganze Stadtteile liegen in Trümmern. Hanno ist erst 14, doch gemeinsam mit seiner kleinen Schwester zieht er durch die Trümmerlandschaften, um Holz zu suchen, aber auch Dinge, die er auf dem Schwarzmarkt verkaufen oder in Lebensmittel tauschen kann. Auf einem seiner Streifzüge entdeckt er in einem Keller eine nackte, tote Frau – und nicht weit davon entfernt, einen kleinen, verlassenen Jungen. Hannos Familie nimmt den Kleinen, der kein Wort spricht, auf, entgegen aller Widerstände, die tote Frau erwähnt Hanno mit keinem Wort. Erst Jahre später, als aus dem kleinen Jungen ein patenter Rechtsanwalt geworden ist, löst sich das Geheimnis seiner Kindheit auf und ein tragisches Verbrechen kommt ans Licht.

Der Roman besteht aus drei Handlungssträngen. Ein Handlungsstrang spielt zum Kriegsende und dreht sich um die Familie Anquist und ihr Gut. Die Familie ist zum Aufbruch bereit, doch leider schaffen sie es nicht mehr zu fliehen, bevor die Russen das Land besetzen. Der zweite Strang spielt Mitte der 90er und erzählt von Anna Meerbaum, der Tochter von Clara Anquist. Ihre Mutter schweigt beharrlich über die Vergangenheit, doch dann bringt Annas Ex-Mann Neuigkeiten über Gut Anquist und Anna beginnt nachzuforschen, auch wenn ihre Mutter mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln versucht, sie davon abzuhalten.

Doch der für mich überzeugendste Strang war der um Hanno und seine Familie. Es gelingt Frau Borrmann auf wundersame Weise, den Zeitgeist von damals einzufangen und zu den Lesern zu transportieren. Nicht nur in diesem Strang, doch dieser war derjenige, der mich am meisten bewegt hat. Ihr reichen hier wenige, wohl gesetzte Worte – der Roman hat keine 300 Seiten – damit bei mir sofort Bilder im Kopf aufgetaucht sind und es mich zusammen mit Hanno in der eiskalten Wohnung gefröstelt hat. Eine entbehrungsreiche Zeit, in der viele gestorben sind, verhungert oder erfroren, in der man einem Toten den Mantel abnimmt – einfach weil einem so kalt ist und der Tote ihn doch nicht mehr braucht. Verzweiflung und Elend, gemischt mit kleinen Hoffnungsschimmern, die von Hanno und seiner Familie ausstrahlen und zeigen, dass selbst in düsteren Zeiten aufgeben keine Option ist und man alles überwinden kann.

Doch auch wenn dieser Strang für mich herausragt, sind die beiden anderen nicht minder spannend. Und natürlich verflechten diese sich nach und nach und man erkennt, wie diese zusammen hängen könnten. Doch spannend bleibt es bis zum Schluss, denn auch wenn man einiges erraten kann oder auch nach und nach im Buch rausgefunden wird, die Autorin behält sich eine Komponente bis zum Schluss. Es ist ein beeindruckendes Leseerlebnis, zu sehen, wie der Bogen von der NS-Zeit bis in die 90er Jahre von der Autorin gezogen wird. Immer herrscht eine leise Spannung und man ist am grübeln, nur um dann gleich danach wieder mit den Gedanken dort zu sein, mit den Charakteren, mit dem Geheimnis und den Sorgen. Und am Ende schließt man das Buch und ist erzürnt über diese unglaubliche Geschichte, diese Frechheit und Kaltblütigkeit, doch im gleichen Gedankengang erinnert man sich an das Mitgefühl, die Herzlichkeit und die Familienzusammengehörigkeit.
Dieser Roman bewegt.

Fazit:
Ein bewegender Spannungsroman, der die NS-Zeit mit den 90ern verbindet und ein unfassbares Geheimnis aufdeckt – eindringlich, spannend und ergreifend. Von Mechtild Borrmann muss man in seinem Leben einfach etwas gelesen haben!

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Ein authentisches, fesselnd und spannend geschriebenes Stück deutscher Nachkriegsgeschichte - LESEN!

Vorausschicken will ich, dass "Trümmerkind" von Mechtild Borrmann (erschienen bei Droemer-Knaur, 2016, gebunden) mein 3. Buch ist, das ich von dieser herausragenden Autorin lese: "Der Geiger" hat mir bereits sehr gefallen, aber "Trümmerkind" hat meine Erwartungen noch bei Weitem übertreffen können:

Durch die klare, brillant formulierte und sehr gut zu lesende Sprache der Autorin ist man bereits nach wenigen Zeilen an der Seite der Protagonisten im Jahrhundertwinter Hamburg's des Jahres 1946/47...

Der Roman spielt auf mehreren Zeitebenen und mit unterschiedlichen Personen, die inhaltlich alle miteinander zu tun haben und teils miteinander verwandt sind:
Da ist Heinrich Anquist, Tochter Clara, Sohn Ferdinand und dessen Frau Isabell sowie die Kinder Margareta und Konrad auf Gut Anquist in Templin (Uckermark) 1945 - kurz vor Kriegsende; Agnes Dietz mit Sohn Hanno und Tochter Wiebke in Hamburg, die eines Tages bei 'Überlebensstreifzügen' durch das zerbombte Hamburg einen kleinen Jungen (3) mit nach Hause bringen, den sie fortan Joost nennen und ihn - so gut es möglich ist - mit "durchfüttern": Ein sehr menschlicher Akt inmitten der Verzweiflung, der Not, des Elends, der Kälte, des Hungers, denen viele Menschen anheimfallen und die sehr transparent dargestellt werden. Eine für heutige Verhältnisse grauenhafte, harte Zeit, von der mancher Leser noch evtl. von den Eltern oder Großeltern hörten: Lebensmittelkarten, Schwarzmarkt, kaum Essen oder Brennmaterial..., Kinder wie Hanno (15), die wie Erwachsene helfen, dass die Familie überlebt. Besonders Hanno in der Übernahme der väterlichen Verantwortung für Mutter und Schwester (und in Abwesenheit des Vaters) schnürt einem das Herz zu, wenn man ihn, den intelligenten Jugendlichen, bei seinen Streifzügen mit Freund Peter begleitet - immer in Sorge, dass er erwischt wird, da Plünderungen verboten (aber an der Tagesordnung) waren. Auch die Mutter, Agnes ist eine starke Frau und bringt ihre Kinder und den kleinen Joost mit Näharbeiten durch.

Und da ist Anna Meerbaum, eine Lehrerin Mitte 30, deren Mutter Clara auf Gut Anquist aufwuchs, die Tochter jedoch immer ausbremst, wenn diese aus dieser Zeit etwas von der Mutter erfahren möchte. Daher beschließt Anna Anfang der 90er Jahre, das Gut in Templin zu besuchen. Durch Josef, einst Knecht auf dem Gut, erfährt sie erstmals in ihrem Leben von Verwandten: Von Ferdinand, Isabell, Margareta und dem kleinen Konrad; wieder zu Hause, stellt sie ihre Mutter zur Rede.... Weshalb weigert sich diese strikt, aus ihrer Vergangenheit zu erzählen? Aus welchem Grund lädt sie ihrer Tochter schon seit deren Kindheit Schuldgefühle auf?

Im Verlaufe der Handlung, die äußerst spannend zu lesen ist und es schier unmöglich ist, diese Geschichte aus der Nachkriegszeit - und damit ein Stück Zeitgeschichte - beiseite zu legen, tauchen Fotos auf, die Anna Rätsel aufgeben - und nicht nur ihr... Sie setzt sich eines Tages mit Joost Dietz in Verbindung, der seinerseits 24 Jahre lang glaubte, dass Gustav und Agnes Dietz seine leiblichen Eltern seien; Er versteht sich sehr gut mit Hanno, der ihm ein Bruder war und beide sprechen sehr viel später über den Tag, an dem Joost von Wiebke entdeckt wurde; für mich ist dieses Zitat eines der aussagekräftigsten Sätze des Romans:

"Das war eine andere Zeit, (könnte er, Hanno, noch sagen), da denkt man nicht über Tage und Wochen hinaus, sondern nur daran, ob es am Abend etwas zu essen gibt und ob im Ofen ein Feuer brennt. Da muss man die Dinge vergessen. Sonst ist man verloren." (Seite 223)


Eben diese Stimmung ist auf jeder Seite spürbar, nacherlebbar und in meisterhafter, brillant erzählter Sprache von Mechtild Borrmann umgesetzt.

Das letzte Drittel des Romans nimmt dann nochmals an Fahrt und Dramatik auf; es ist kaum möglich, den Roman aus der Hand zu legen, zumal es um "Trümmermorde" in Hamburg geht, wobei der Leser durchaus eigene Schlüsse ziehen kann, wer an den grauenvollen Taten beteiligt sein könnte... Mich beschlich beim Lesen mehr und mehr das untrügliche Gefühl, dass sich dies genau so - oder ganz ähnlich wirklich abgespielt haben könnte - und zwar nicht nur ein einziges Mal!

Fazit:

Ein Roman aus den letzten Kriegstagen und der Nachkriegszeit, der erschüttert, der die Realität der damaligen Zeit projiziert, in der menschliche Verhaltensweisen außer Kraft gesetzt wurden, egoistische Motive auch Gewaltbereitschaft schürten. Er lässt den Leser etwas sprach- und fassungslos zurück: Für mich ist "Trümmerkind" durch die klare, fesselnd geschriebene und prägnante Sprache, die Bilder erstehen lässt und den Leser in jene Zeit zurückkatapultiert, ein literarisches Meisterwerk auf 300 Seiten mit großer atmosphärischer Dichte und sehr überzeugend dargestellten Protagonisten.

Ein Roman über Verbrechen in Kriegs- und Nachkriegszeiten, Familiendramen, Identitätssuche, Schuldgefühle, Verantwortung und Schuld, aber auch Flucht, Vertreibung, Enteignung, Entrechtung von Gutsbesitzern im ehemaligen Ostpreußen, Böhmen und Mähren, der seinesgleichen sucht! Eine ganz klare Leseempfehlung von mir sowie 5 * und volle Punktzahl auf der "Histo-Couch" von mir mit herzlichem Dank an die Autorin und den Droemer-Knaur Verlag! Ich freue mich schon jetzt auf den nächsten Roman von Mechtild Borrmann!

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