Anna Seidl: Es wird keine Helden geben

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Anna Seidl: Es wird keine Helden geben
Verlag
ET (D)
2014
Ausgabe
Gebundene Ausgabe
ISBN-13
9783789147463

Informationen zum Buch

Seiten
256

Sonstiges

Originalsprache
deutsch
Erster Satz
Alles wird damit beginnen, dass ich verschlafe.

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Handlungsort

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Berührend, fesselnd, unfassbar: Wenn nichts mehr ist, wie es war. Kurz, nachdem es zur Pause geläutet hat, hört Miriam einen Schuss. Zunächst versteht niemand, was eigentlich passiert ist, aber dann herrschen Chaos und nackte Angst. Matias, ein Schüler aus ihrer Parallelklasse, schießt um sich. Auch Miriams Freund Tobi wird tödlich getroffen. Miriam überlebt - aber sie fragt sich, ob das Leben ohne Tobi und mit den ständig wiederkehrenden Albträumen überhaupt noch einen Sinn hat. Waren sie und ihre Mitschüler Schuld an der Katastrophe? Das großartige Debüt von Anna Seidl, die erst 16 Jahre alt war, als sie diese aufwühlende Geschichte geschrieben hat: eine intensive Auseinandersetzung mit den Folgen eines Amoklaufs für die Überlebenden, mit Schuld und Trauer, schonungslos erzählt.

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Geht unter die Haut

In der Schule der fünfzehnjährigen Miriam kommt es zu einem Amoklauf, bei dem sie Zeuge wird, wie ein Mitschüler erschossen und ihr Freund, durch den Amokläufer schwerverletzt, am folgenden Tag stirbt. Ihr bisheriges Leben stirbt an diesem Tag und Miriam muß versuchen, dieses Geschehen zu begreifen und zu verarbeiten, ohne daran zu zerbrechen.

Der Debütroman von Anna Seidl geht dem Leser unter die Haut und beleuchtet die Phase der Aufarbeitung der furchtbaren Geschehnisse und Folgen eines Amoklaufes aus der Sicht einer Jugendlichen. Es ist ein verzweifelter Hilfeschrei und ich als Leser stand hilfslos daneben; ich bin froh, daß ich in meiner Schulzeit so ein Unglück nie erleben mußte.

Das Buch beginnt mit dem Amoklauf, der Leser erlebt ihn zusammen mit der Protagonistin, die Brutalität und Sinnlosigkeit dieser Tat verstört. Wie auch Miriam, fragt man sich, wie danach ein normales Leben wieder möglich sein soll, denn auch wenn es grausam ist, die Welt dreht sich weiter, das Leben der Anderen nimmt irgendwann wieder seinen gewohnten Gang. Die Anderen, das sind Angehörige und Freunde der Schüler, die die Tat überlebt haben, die versuchen, die Traumatisierten zu verstehen und ihnen zu helfen. Aber für die Betroffenen können sie es niemals wirklich begreifen, der Betroffene fühlt sich alleine in seinem Schmerz, hofft auf umfassende Hilfe, die nicht möglich ist. Es braucht viel Zeit, damit diese Wunden heilen können, Narben bleiben in zurück und nicht bei jedem gelingt es.

Die Autorin beschreibt Miriams Versuch, das Drama zu verarbeiten, sehr authentisch und überzeugend: Miriam schwankt zwischen Verzweiflung, Wut und Hass, ist auf der Suche nach Hilfe und lehnt sie gleichzeitig aggressiv ab, fühlt sich in ihrer Familie geborgen und doch alleine gelassen. Nicht nur die schrecklichen Bilder des Amoklaufs, auch den Tod ihres Freundes Tobias muß sie verarbeiten, sie kann nicht verstehen, daß er für immer gegangen ist. Die Handlung wird immer wieder durch Erinnerungen an glückliche Zeiten unterbrochen.

Allmählich beginnt sie sich zu fragen, wie es zu dem Amoklauf kommen konnte, wo die Motive des Täters liegen – und welchen Anteil die anderen Schüler daran hatten.
Der Leser erlebt aus Miriams Sicht ebenfalls, wie ihre besten Freundinnen Joanne, Vanessa, Sophia und Tanja mit den Folgen umgehen, wie unterschiedlich sie damit fertig werden.

Was mir sehr gut gefallen hat, ist die Annäherung von Miriam und ihrer Mutter, die ihrer Familie vor Jahren den Rücken zugedreht hat und durch die Welt reist und damit ihre Tochter sehr enttäuscht hat. Die Mutter kehrt sofort heim, um an der Seite ihrer Tochter zu sein, die dies jedoch nicht möchte; es ist der Beginn einer schmerzhaften Aufarbeitung und Aussöhnung.

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Die andere Seite der Geschichte

Inhalt:
Miriam ist 15, verliebt, beliebt und Gymnasiastin, als ihr Leben einen gewaltigen Sprung bekommt. Gerade schüttelt sie sich noch vor Lachen mit ihrer besten Freundin Joanne auf dem Weg in die Pause. Da hört sie einen Knall, und gleich noch einen. Die anderen Schüler rennen panisch durch die Gegend, und auch Miriam versucht sich zu verstecken. Sie wird den Tag überleben, aber ihr altes Leben wird in Scherben liegen.

Meine Meinung:
Anna Seidl war erst 16 Jahre alt, als sie diesen Roman, ihren ersten veröffentlichten, geschrieben hat. Eigentlich merkt man dem Buch das jugendliche Alter der Autorin nicht an, denn es wirkt recht professionell, und nur wenige Erwachsene können eine Geschichte so rüberbringen. Andererseits hat es die junge Autorin dadurch aber auch leichter gehabt, sich in ihre 15-jährige Protagonistin hineinzuversetzen und sie glaubwürdig erscheinen zu lassen. Die Sprache und der Schreibstil passen sehr gut zu einer Jugendlichen. Die Sätze sind recht einfach, teilweise abgehackt und umgangssprachlich, sodass man die jugendliche, unter Schock stehende Miriam dahinter wahrnimmt. Denn Miriam fungiert als Ich-Erzählerin, wobei eine authentische Sprache natürlich besonders wichtig ist. Aus Miriams Sicht erleben wir die gesamte Handlung. In Rückblenden lernen wir die „alte“ Miriam immer besser kennen und erfahren dabei auch einige Überraschungen.

Anna Seidl befasst sich im Gegensatz zu anderen Büchern über einen Amoklauf nicht so sehr mit dem Täter, sondern mehr mit den Opfern bzw. Überlebenden. Wie können sie nach einer solchen Katastrophe ihr Leben weiterleben? Wie können sie das Geschehene verarbeiten? Neben Miriam spielen dabei ihre Clique von Freundinnen und ihre Familie eine geringe Rolle. Nach dem anfänglichen Schock geht das Leben schließlich weiter. Gerne würde Miriam Zuflucht bei ihrem Freund Tobi suchen, doch der hat den Amoklauf nicht überlebt. So hat das Mädchen auch noch mit ihrer unendlichen Trauer zu kämpfen. Als hätte das noch nicht gereicht, gibt es auch noch einen Mutter-Tochter-Konflikt. Das war mir dann fast schon ein bisschen zu viel des Guten, was die Autorin in dieses doch relativ dünne Buch gepackt hat. Ich hatte den Eindruck, dass die Tiefe dabei ein kleines Bisschen auf der Strecke blieb. Seidl präsentiert uns hier nebenbei jede Menge Lebensweisheiten, die für einen so jungen Menschen schon erstaunlich sind. Allerdings fand ich auch dies ein wenig überladen.

Trotz allem hat mich das Buch stark berührt. Miriams Gefühle und Gedanken kamen direkt bei mir an. Ich musste einige Tränen verdrücken und konnte gut mit der Protagonistin mitempfinden, obwohl ich zum Glück noch nie in einer solchen Situation war. Doch die Zerrissenheit der überlebenden Miriam ist wirklich gut herausgearbeitet. Aus dem ehemals lebenslustigen, allseits beliebten Mädchen wurde eine bedrückte junge Frau, die sich auch noch mit Selbstvorwürfen quält und sich schuldig fühlt. Schuldig, weil auch sie ihren Mitschüler gemobbt hat. Schuldig, weil sie ihrem Freund nicht geholfen hat. Aber Helden gibt es nun mal nur in Filmen, nicht im echten Leben, oder?

Fazit:
Das Buch vermag zu fesseln und den Leser nachdenklich zu machen. Es geht um Liebe, Freundschaft, Schuld und Verzeihen, sich und anderen. Ein sehr gut gelungener Debütroman einer jungen Autorin, den ich wirklich allen Jugendlichen und auch interessierten Erwachsenen empfehlen möchte.

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#1 Rezensent
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Ein großartiges Buch über Trauer, Freundschaft, Verlust, Liebe und Zuversicht

Schlagartig ändert sich alles im Leben der 15-jährigen Miriam. Als sie morgens eine SMS ihres Freundes Tobi erhält, ahnt sie noch nichts von der schrecklichen Tragödie, die sich an diesem Tag in ihrer Schule abspielen wird. Danach wird nichts mehr so sein, wie es vorher war. Ihr Mitschüler Matias Staudt wird insgesamt sieben Menschen erschießen. Miriam hat Glück und überlebt, doch sie ist schwer traumatisiert und muss von vorne anfangen, ihr Leben zu leben. Sie muss wieder lernen, wie man lacht und Spaß hat. Lernen, wie man unendliche Trauer überwindet. Lernen, wie man verzeiht: Sich selbst und anderen.

Anna Seidl ist noch keine 20 Jahre alt und legt mit "Es wird keine Helden geben" ein unglaublich berührendes, zu Herzen gehendes Debüt vor. Die meisten Geschichten enden mit dem Tod, doch hier ist dies erst der Anfang. Schritt für Schritt nähern wir uns der Frage: Wie geht ein Teenager mit einem so traumatischen Erlebnis um? Wie kann man überhaupt mit so etwas fertig werden? Kann man als Außenstehender überhaupt nur ansatzweise nachvollziehen, wie es den Schülern während eines Amoklaufes (und danach) geht?

Die Autorin lässt ihre Leser tief in Miriams Gedankenwelt eindringen und diese ist nicht selten erschütternd:

"Es heißt, Katzen haben neun Leben. Vielleicht haben wir Menschen das auch. Vielleicht müssen wir einen bestimmten Anteil an Schmerz durchleben, bis wir erlöst werden.
Ich dachte immer, sterben ist schwer. Aber Philipp hat mir gezeigt, dass es einfach ist. Das Einfachste der Welt. Wie ausatmen. Es geht von ganz alleine.
Da haben alle Menschen ihr ganzes Leben lang Angst vor dem Augenblick, der alles beendet, und dann ist es so einfach. Ich würde mir lieber Sorgen um morgen machen. Oder übermorgen. Denn das Leben ist es, wovor wir Angst haben sollten. Während der Tod die Erlösung ist, zwingt uns das Leben immer wieder in die Knie."


Es gibt Menschen, die müssen 50 Jahre alt werden, um so weise und durchdachte Gedanken zu Papier zu bringen. Manche Menschen schaffen dies bis zu ihrem Lebensende nicht. Und dann gibt es noch Menschen wie Anna Seidl.

Ich erinnere mich noch sehr genau an "meinen" ersten Bericht zu einem Amoklauf in einer Schule. Der geschah weit weg, irgendwo in den USA. Man empfindet Anteilnahme und großes Bedauern, aber dennoch: Es betrifft einen nicht. Viel zu weit weg. Solche Dinge passieren immer nur anderen und Amerika ist das Land der Schusswaffen. Kein Wunder, dass dort so etwas geschieht. Doch dann 2002 in Erfurt: Ein 19-jähriger Schüler tötete 17 Menschen während eines Amoklaufs im Gutenberg-Gymnasium. Es folgten Coburg, Emstetten, Ansbach und 2009 Winnenden mit 15 Todesopfern. Damit war das Grauen fast bis vor meine Haustür gelangt. Wenn man sich als Außenstehender paralysiert fühlt - wie müssen dann erst die Menschen empfinden, die es miterleben mussten?

Das Thema wurde schon oft in Literatur und Film verarbeitet und so gut wie immer stellt man sich den Fragen: Wie konnte so etwas geschehen? Hätte man die Tat verhindern können? Wer trägt (Mit)Schuld? Wie werden die Betroffenen damit fertig? Wie kann man Amokläufe in Zukunft verhindern? Da sich Anna Seidl ausschließlich auf Miriam und ihren Freundeskreis konzentriert, bleiben einige dieser Fragen unbeantwortet. Seidl beleuchtet weniger die globale Sicht, als vielmehr die persönliche, zwischenmenschliche. In Rückblenden lernen wir Miriam immer besser kennen und so ergibt sich von Seite zu Seite ein intensives Bild auf eine junge Frau, eigentlich noch ein Mädchen, das viel zu schnell erwachsen werden musste.

Im letzten Drittel entwickelte sich Miriam für mein Gefühl etwas zu schnell in eine Richtung, aber das ist bei diesem gelungenen Debüt verzeihlich. Nicht selten ging mir das Buch so nahe, dass mir die Tränen herunter liefen. "Es wird keine Helden geben" ist ergreifend und erschütternd. Es ist ein Zeugnis unserer Zeit und ein großartiges Buch über Trauer, Freundschaft, Verlust, Liebe und Zuversicht.

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