Bewertungsdetails

Klassiker 2005
Gesamtbewertung 
 
4.0
Plot / Unterhaltungswert 
 
4.0
Charaktere 
 
4.0
Sprache & Stil 
 
4.0
Diese Rezension bezieht sich auf die englische Original-Version.

Emma Woodhouse ist die junge, reiche, intelligente, hübsche und ziemlich verwöhnte Tochter eines Gutsbesitzers am Anfang des 19. Jahrhunderts. Sie lebt mit ihrem ziemlich verschrobenen Vater als Herrin eines Landsitzes im Dorf Highbury, ihre Mutter ist seit vielen Jahren verstorben, die große Schwester in London verheiratet.

Die junge Frau langweilt sich in ihrem Leben auf dem Land, obwohl sie alle materiellen Möglichkeiten der Welt hat. Nachdem ihre Erzieherin und Freundin geheiratet hat - eine Beziehung, an deren Entstehung sie sich selbst nicht ganz unbeteiligt wähnt - sucht sie sich in der jungen Harriet Smith, einer Waisen, eine neue “Freundin”. Dieses Mädchen will sie in die “gute Gesellschaft” einführen, ihr Verhalten den Konventionen entsprechend formen und sie außerdem ebenfalls möglichst gut verheiraten - ein Ansinnen, das ihr kläglich misslingt und für viel Ärger und Kummer sorgt.

Von diesem Fehlschlag lässt sie sich allerdings nicht entmutigen. Sie ist mehr als überzeugt von ihrer Menschenkenntnis und ihrer Urteilskraft in Bezug auf zukünftige Partnerschaften, und so lässt sie nicht locker, Harriet unter eine ihr genehme Haube zu bringen. Dass sie dabei mit den Gefühlen ihrer Mitmenschen spielt, sie immer wieder falsch interpretiert und sich selbst furchtbar überschätzt kommt ihr so gut wie nie zu Bewusstsein - und wenn, dann immer erst wenn es zu spät ist.

Sie verfängt sich in einem Netz von Fehlern und Fehlinterpretationen, das sie zwar gutherzig, aber letztendlich doch nur zu ihrer eigenen Befriedigung gesponnen hat - und verpasst dadurch letzten Endes fast noch das eigene große Glück, auch wenn sie sich geschworen hat, sich selbst nie ernsthaft an einen Mann zu binden.

Jane Austen blättert in diesem Roman ein Panorama englischen Landlebens mit einer Fülle interessanter, liebevoll und detailliert gezeichneter Charaktere auf - wie man es von ihr gewohnt ist. Alle Figuren sind einzigartig mit ihren ganz eigenen Macken, manchmal sogar ein wenig überzeichnet. Da ist der ständig lamentierende, jammernde, hypochondrierende Mr. Woodhouse, der aufgrund seiner Gutmütigkeit dennoch von allen geliebt wird. Da ist die ununterbrochen über Belanglosigkeiten palavernde Miss Bates samt ihrer immer etwas zu kurz gekommen erscheinenden Nichte Jane Fairfax, die, ohne jegliche finanzielle Mittel, dem erlesenen Kreis der Woodhouses nicht so ganz anzugehören scheint, aber am Ende doch das große Los zieht. Und dann die Männerfiguren: Frank Churchill, der zunächst als treuloser Sohn eingeführt wird, nur um am Ende reihenweise die Herzen zu brechen. Oder Mr. Knightley, ein dem Twen-Alter längst entwachsener Herr, der immer wieder versucht, Emmas amourösen Spinnereien mit Rationalismus zu begegnen und ihr gelegentlich auch sagt, wenn es zu viel wird und sie wieder mal auf dem besten Weg ist, ihre Umgebung ins Chaos zu stürzen.

Im Mittelpunkt aller Aktivitäten und Romanzen steht aber die Heldin des Romans, die Austen neben viel Charme und Witz aber auch mit einigen Ecken und Kanten ausgestattet hat, die die Zuneigung des Lesers in Schach halten. Immer wieder schwört Emma sich nach einem Fehlschlag ihrer Kuppelversuche, nie wieder in das Schicksal anderer Menschen einzugreifen - nur um bei der nächsten Gelegenheit wieder schwach zu werden. Dabei ist man oft versucht zu glauben, dass sie mitnichten das Glück der anderen im Sinn hat; vielmehr scheint sie in erster Linie ziemlich egozentrisch einen Zeitvertreib zu suchen, sie ist bis zur Arroganz von sich selbst überzeugt und vor allem mit einem Standesbewusstsein gesegnet, das schon fast skurril anmutet.

Wunderbar zu lesen sind vor allem und immer wieder die herrlichen Dialoge, die sich zwischen den Figuren entspinnen. Die Diskussionen zwischen Emma und Knightley gehören ebenso dazu wie die Gespräche zwischen Emma und Harriett, wenn sie ihrer Freundin eine “bessere Zukunft” und eine Verbindung weit über ihrem Stand einzureden versucht.

Insgesamt ist dieser Roman von Jane Austen weit mehr als nur ein Frauenroman oder ein Sittengemälde britischen Landlebens vor 200 Jahren. Er ist voller Witz und Ironie, zeigt auch gesellschaftskritische Ansätze und ist ein sprachliches Fest. Jane Austens Ausspruch “Ich werde eine Heldin schaffen, die keiner außer mir besonders mögen wird.” hat sich auf jeden Fall längst selbst ad absurdum geführt.
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