Bewertungsdetails

Krimis & Thriller 1946
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Gesamtbewertung 
 
4.7
Plot / Unterhaltungswert 
 
4.0
Charaktere 
 
5.0
Sprache & Stil 
 
5.0
Die Pest in Paris! Die Handlung dieses Krimis spielt nicht im finstersten Mittelalter, sondern in den 90er Jahren des 20sten Jahrhunderts, aber die irrationale Angst vor dieser Krankheit, vor der “Geißel Gottes”, ist auch aus den aufgeklärtesten Köpfen nicht zu vertreiben. Dies macht sich ein perfider Mörder zunutze, der mit ausgeklügelten Symboliken die gesamte Pariser Bevölkerung in Panik versetzt.

Joss Le Guern, arbeitsloser bretonischer Seemann und Ex-Häftling ist auf eine Marktlücke gestoßen, um in Paris sein Auskommen zu finden: Er macht sich als Nachrichtenausrufer nützlich, sammelt Kleinanzeigen, Liebesbriefe und andere Annoncen in einer Box, um sie dann gegen eine kleine Gebühr der Öffentlichkeit vorzutragen. Auch in Zeiten von Internet und Massenmedien findet er damit sowohl Kundschaft als auch regelmäßige Zuhörer, und sein “Arbeitsplatz” in der Nähe einer Metrostation mitten in Paris wird dreimal am Tag zu einem beliebten Treffpunkt für Stammhörer und Laufpublikum.

Stutzig wird er allerdings, als er regelmäßig offensichtlich alte, teilweise sogar lateinische Texte zum Ausrufen vorfindet. Auch sein Zimmerwirt, ehemaliger Lehrer und für seine Belesenheit berühmt, interessiert sich für diese Nachrichten: in mühevoller Recherche stellt er fest, dass es sich um Erfahrungsberichte aus Pestzeiten handelt.

Gleichzeitig muss sich Kommissar Jean-Baptiste Adamsberg mit einem seltsamen Fall von Sachbeschädigung herumschlagen: Ein unbekannter “Künstler” verziert hunderte von Pariser Wohnungstüren mit einer spiegelverkehrten Vier. Auch dieses Zeichen stellt sich bald als Schutzsymbol aus Pestzeichen heraus, und die Koinzidenz zwischen den Schmierereien und Joss’ Annoncen lässt bei Adamsberg alle Alarmglocken schrillen - zu Recht, wie sich herausstellt. Als die ersten schwarz gefärbten Leichen auftauchen, ist eine Panik in der Stadt nicht mehr zu vermeiden.

Besonderes Kennzeichen dieses Krimis (der dritte in der Adamsberg-Reihe von Fred Vargas) sind die Charaktere: liebevoll und detailliert gezeichnet sind sie jeder für sich skurril und ungewöhnlich, dabei aber niemals unglaubwürdig. Wie z.B. die persönlichen Biographien von Joss und seinem Zimmerwirt Décambrais ihr Auftreten und ihre Verstrickungen in die Geschichte rechtfertigen, ist hervorragend gelungen. Da sich das ganze Geschehen immer wieder um Joss’ Arbeitsplatz und seine Stammkneipe kristallisiert, wirkt auch Paris als Handlungsraum nicht wie eine typische moderne Großstadt. Familiär und vertraut geht es zu in diesem Viertel, und die Bewohner wirken eher wie eine Dorfgemeinschaft denn wie Einwohner einer pulsierenden anonymen Metropole - eine Gemeinschaft, die Außenstehenden zunächst mit Ablehnung begegnet, sie aber auch nicht mehr loslässt, wenn diese erst einmal integriert sind.

Besonders ans Herz gewachsen ist mir Kommissar Adamsberg mit seinem unerschütterlichen Glauben an das Gute im Menschen, seinem Interesse am Individuum, mag es auch noch so exzentrisch sein (und das ihm auch immer wieder zu den richtigen Informationen zur richtigen Zeit verhilft), seiner unbestechlichen intuitiven Spürnase (toll ergänzt von seinem datenbankabhängigen Kollegen Danglard) und seinem mehr als chaotischen Liebesleben. Kein strahlender Held und besonders sympathisch dann, wenn er gerade mal wieder nicht weiter weiß - was in diesem Fall durchaus häufiger vorkommt.

Ebenfalls gut gelungen ist die Vermittlung von relevantem Hintergrundwissen, in diesem Fall historischen Fakten über die Pest, die Jahrhunderte lang immer wieder in ganz Europa gewütet hat. Was der Mörder, offensichtlich ein Fachmann weiß, muss auch Adamsberg - und mit ihm der Leser - sich aneignen. Diese Passagen werden allerdings gut integriert und wirken nie langatmig. Ganz im Gegenteil, die Jagd nach der Bedeutung der historischen Texte, die Joss täglich verliest, war für mich besonders spannend.

Einziger negativer Punkt in meiner Bewertung dieses Krimis: Das etwas konstruiert wirkende Motiv der Tat(en). Die Metamorphose des leicht debil wirkenden ersten Verdächtigen zum Superhirn erschien mir nicht wirklich glaubwürdig, und auch dass ein Fachmann mit einem derart profunden historischen Wissen über die Pest nicht in der Lage sein soll, harmlose Rattenflöhe ohne Pesterreger als solche zu identifizieren, schien mir fragwürdig. Das sind allerdings Kleinigkeiten, die Auflösung des Falls hielt dann doch noch einige wohltuende Überraschungen bereit.
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