E. Annie Proulx - Schiffsmeldungen

Leserunde mit Judith & Christian Vogt ab 11.10.2019: Wasteland [Postapokalyptische Utopie]
Literaturschock positioniert sich. Keine Toleranz für Nazis und Faschisten, denn wer neben diesen Arschlöchern marschiert, ist entweder selbst ein Nazi / Faschist oder eine nützliche Marionette derselben. Andere Kategorien gibt es nicht.

Es gibt 23 Antworten in diesem Thema. Der letzte Beitrag () ist von Kirsten.

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    Inhalt


    Quoyle ist mit seinen 36 Jahren ganz unten angelangt: mittelmäßig bis erfolglos mit allem, was er beginnt. Er ist groß, dick, unbeholfen, schüchtern und unfähig zu allem - so redet er, so reden es ihm die anderen ein. Auf eine glühende Liebesaffäre folgen sechs trostlose Ehejahre mit einer notorisch untreuen Frau. Als sie bei einem Unfall stirbt, bleibt Quoyle mit den beiden Töchtern ratlos zurück, er fühlt sich verraten, verloren und ohne jede Perspektive. In dieser Situation taucht seine Tante auf und überredet ihn, im Heimatland der Familie ein neues Leben zu beginnen. An der rauhen, spröden und schönen Küste Neufundlands versuchen die vom Pech verfolgten Familienmitglieder einen Neuanfang. Es gelingt ihnen trotz der widrigen Umstände, in dieser abweisenden und zugleich faszinierenden Landschaft Fuß zu fassen...



    Meine Meinung


    Die Geschichte fängt sehr traurig und trostlos an. Wir lernen Quoyle kennen, der vor den Scherben seines Lebens steht und nicht weiß, wie es mit ihm und vor allem seinen beiden Töchtern Bunny und Sunshine weitergehen soll. Er scheint blass und unbeholfen zu sein, ist jedoch sehr liebenswert und durch seine Erlebnisse einfach verunsichert und so gar nicht von sich überzeugt. Ratlos wie er ist, lässt er sich von seiner Tante zu einem Neuanfang in Neufundland überreden.


    Die Landschaft wird detailliert beschrieben, ich konnte mir die wilde stürmische Küste gut vorstellen, und mir pfiff regelrecht der Wind um die Ohren. In dieser Umgebung muss man um sein Überleben kämpfen, es der harten und gleichzeitig wunderschönen Natur abtrotzen. Wir erfahren, wie Quoyle und seine Familie hier Fuß fassen, was sie erleben und wie sie sich entwickeln. Tatsächlich scheint es der passende Ort für Quoyle zu sein, er verändert sich und wird selbstsicherer. Durch seine Arbeit beim Lokalblatt, dem Gammy Bird, lernt er viele - oft eigenwillige - Personen kennen, und findet auch Freunde.


    Es ist eine leise Geschichte, bodenständig und vom Grundton her eher traurig. Es geht vorrangig um den Kampf ums Überleben in dieser rauen Gegend. Die Entwicklungen erfolgen langsam und mit einigen Rückschlägen, führen aber doch zu einem hoffnungsvollem Ende. Die Sprache ist öfter etwas grob, wirkt auf mich aber sehr lebensnah und echt - und trägt zur stimmungsvollen Atmosphäre dieses Buches bei.


    Es ist für mich kein Buch, das sich mal schnell nebenher lesen lässt - man muss sich darauf einlassen können, und auch ein wenig Geduld mitbringen. Aber dann wird man mit einer besonderen Geschichte belohnt!


    4ratten

  • Schöne Rezi! :winken: Das Buch subt auch noch bei mir und der Film liegt sozusagen auch schon bereit, aber zuerst will ich noch das Buch lesen. Kennst du den Film? Der soll ganz gut sein.


    fairy

    [size=9px]&quot;I can believe anything, provided that it is quite incredible.&quot;<br />~&quot;The picture of Dorian Gray&quot;by Oscar Wilde~<br /><br />:leser: <br />Henry Fielding - Tom Jones<br /><br />Tad Williams - The Dragonbone Chair<br /><br />Mark Twai

  • Hallo Seychella,


    vielen Dank für diese schöne Rezi! Das Buch ist am Anfang wirklich etwas trostlos, es ist aber schön, Quoyle auf seiner Reise zu begleiten. Eine Stelle ziemlich am Schluss ist mir im Gedächtnis geblieben: er steht nackt vor dem Spiegel und sieht, dass sein Körper, der sein Leben lang sein Feind war, sich ganz unbemerkt zu natürlichen Proportionen gewandelt und - noch viel wichtiger - dass er sich mit ihm angefreundet und ganz allgemein sich im Leben eingerichtet hat. Das war sehr schön beschrieben.


    Ein Highlight waren natürlich auch die "Schiffsmeldungen" selbst, z.T. sehr witzig, wenn einem auch manchmal das Lachen im Hals stecken blieb.


    Den Film kenne ich nicht. Ich kann mir auch gar nicht vorstellen, wie man diese Geschichte verfilmen könnte, wäre aber sehr gespannt.


    Liebe Grüße
    Manjula

  • Hallo Seychella,


    ich habe "Schiffsmeldungen" vor etlichen Jahren gelesen und fand es wunderschön. Als Folge habe ich noch ein Buch von E. Annie Proulx gelesen, "Mitten in Amerika", das ich noch besser fand (vielleicht schreibe ich dazu später mal noch was), und eins liegt noch hier ungelesen ("Das grüne Akkordeon").


    Mir gefällt die Schreibweise dieser Autorin sehr. Die kleinen ganz alltäglichen Begebenheiten des Lebens, die sie beschreibt. Wie es immer wieder sehr kurios, manchmal regelrecht tragikomisch zugeht. Ihre Figuren, die keine Helden, aber sehr menschlich sind. Wie alles letztendlich doch noch optimistisch betrachtet werden kann, weil es immer Hoffnung gibt, weil das Leben eben weitergeht.


    Den Film habe ich auch gesehen und obwohl er (wie alle Filme) das Buch nicht komplett umsetzt, ist er meiner Meinung nach sehr gut gelungen. Die leisen Töne des Buches sind getroffen. Mir gefällt er jedenfalls und ich kann ihn nur empfehlen.


    Das Buch bekommt von mir:


    5ratten


    Viele Grüße

    Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden (R. Luxemburg)

    Was A über B sagt, sagt mehr über A aus als über B.

    2 Mal editiert, zuletzt von kaluma ()

  • Hallo zusammen,
    den Film habe ich schon mehrmals gesehen. Traurig, komisch und manchmal unheimlich und wunderschön. Ein unglaublicher Kevin Spacey und eine wundervolle Judy Dench in einem Film, der durch die leisen Töne überzeugt. Die Wandlung die Quoyle erlebt untermauert Spacey glaubhaft bis zum I-Tüpfelchen durch seine Körperhaltung und die Ausdruckskraft seiner Mimik und Gestik. Ich war wie gebannt davon. Auch die unheimliche Familiengeschichte entrollt sich dem Zuschauer in bedrückenden, kraftvollen Bildern. Sogar das Haus der Familie scheint ein lebendes, atmendes Wesen zu sein....
    Ich kann den Film nur jedem empfehlen. Da ich ihn so sehr mag, habe ich mir nun - sozusagen als krönenden Abschluss - auch das Buch bestellt. :winken:

    Einmal editiert, zuletzt von Jane Austen ()

  • Zum Inhalt ist ja schon einiges gesagt, daher nur ein paar kleine Ergänzungen. Quoyle findet Anstellung beim Gammy Bird, der Lokalzeitung von Killick-Claw, wo er neben dem Aufmacher mit einem Verkehrsunfall (zur Not mit Photos aus dem Archiv) die Schiffsmeldungen betreuen soll. Hier entwickelt er das erste Mal Eigeninitiative und verfaßt einen Artikel, den der Herausgeber Jack Buggit gar nicht verlangt hatte. Allerdings schlägt dieser so gut ein, daß Quoyle von Jack dafür eine wöchentliche Kolumne erhält – eine Entwicklung, die dem Chefredakteur Tert Card nicht besonders gefällt. Aber Quoyle und seine Familie finden auch schnell Freunde im Ort, seien es Wavey mit ihrem Sohn, Jacks Sohn Dennis mit seiner Familie oder Quoyles Redaktionskollegen. Aber Quoyle muß auch erfahren, daß es in der Geschichte seiner Familie mehr als einen dunklen Fleck gibt.



    Meine Meinung: Ein rundum gelungenes Buch, das sich durch eine bemerkenswerte Einheit von Setting, Charakteren und Sprache auszeichnet. Die rauhe und die Menschen fordernde Landschaft ist wunderbar beschrieben, ich hatte ständig das Gefühl, daß mir der Wind um die Ohren pfeift und die Gischt um mich herum spritzt. Die Menschen passen in diese Landschaft, sie sind pragmatisch auf das Wesentliche konzentriert, dabei keineswegs verbittert ob der schweren Lebensumstände, sondern immer zu einem (derben) Scherz aufgelegt. Daraus wie aus Quoyles Kolumne und seiner Formulierung von möglichen Schlagzeilen bezieht die Erzählung ihren besonderen Humor.


    Quoyle, der zunächst als ziemlich unselbständiger und leicht vertrottelter Weichling präsentiert wird, macht sicher die größte Entwicklung durch. Er ist aber natürlich auch derjenige, bei dem es am nötigsten ist. Proulx beschreibt dies alles in einer extrem lakonischen Art und Weise, was sich auch an den vielen Satzbruchstücken zeigt, die gar nicht zu kompletten Sätzen ausformuliert werden. Trotzdem (oder deswegen?) gelingt es ihr damit auch, die Zwischentöne in den Beziehungen deutlich zu machen, die sich langsam wandelnden Ebenen des Umgangs miteinander.


    Sehr gut hat mir an der mir vorliegenden Ausgabe auch die Gestaltung gefallen. Nicht nur, daß jedes Kapitel mit einem Zitat aus Das Ashley-Buch der Knoten, Erklärungen aus Seemannslexika, Zeilen aus Shantys oder ähnlichem eingeleitet werden (was integraler Bestandteil des Romans ist und in der Regel sowohl auf die Kapitelüberschrift wie den Inhalt Bezug nimmt), die Knoten werden auch abgebildet, so daß man sich eine Vorstellung davon machen kann, wie sie geknüpft werden.


    4ratten



    Vergleich mit dem Film: Natürlich ist im Film eine Straffung gegenüber dem Buch erforderlich. Das macht sich besonders deutlich an der Personalausstattung bemerkbar, denn im Film gibt es nur eine statt zweier Töchter, in der sich dafür Eigenschaften beider Buchtöchter konzentrieren. Auch die übrigen Familien sind für den Film verkleinert worden. Die wesentlichen tragenden Elemente der Handlung aus dem Buch finden sich allerdings wieder, auch wenn diese zum Teil in einer Episode zusammengelegt werden. Erstaunlicherweise sind die Verweise auf die Quoylesche Familiengeschichte komplett erhalten geblieben. Abweichungen in der Handlungen, die nicht Kürzung sondern Erweiterung gegenüber dem Buch sind, finden sich vor allem in der Beziehung zwischen Quoyle und Wavey, die eine erhebliche Dramatisierung erfahren hat. Nichtsdestotrotz ist es erstaunlich, wieviel von den Charakterzügen und Stimmungen des Buches der Film hat einfangen können. Dafür gebührt sowohl dem Regisseur Lasse Hallström, als auch den Darstellern Kevin Spacey (Quoyle), Julianne Moore (Wavey) und der großartigen Judi Dench (Quoyles Tante Agnis) eindeutig ein Lob.


    Schönen Gruß,
    Aldawen

    Einmal editiert, zuletzt von Aldawen ()

  • Annie Proulx – Schiffsmeldungen


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    Ich habe dieses Buch letztes Jahr gekauft, weil die Verfilmung inzwischen zu meinen All-Time-Lieblingsfilmen gehört. Ich wusste gar nicht, dass dieser Roman den Pulitzerpreis gewonnen hatte, und so ließ ich ihn erst einmal eingeschüchtert liegen. Im Rahmen des SLW 2008 (Rubrik „Preisträger“) habe ich ihn aber endlich in die Hand genommen.


    Inhalt:
    Quoyle, seine beiden kleinen Töchter Bunny und Sunshine und seine Tante Agnis brechen ihre Zelte in den USA ab und ziehen gemeinsam nach Neufundland, um dort ein neues Leben anzufangen. Beide Erwachsenen haben unterschiedliche Motive: Während Agnis sich ihrer Vergangenheit in ihrem Geburtsort stellen will, will Quoyle seiner Trauer um den Tod seiner Frau und seinem bisherigen passiven Dasein entkommen. In der kargen Landschaft Neufundlands beginnen sie ein neues Leben, und beide lernen, dass sowohl Versöhnung als auch Liebe wieder möglich sind.
    Der Roman spielt um 1990.


    Meine Meinung:
    Die Hauptperson des Romans ist in meinen Augen weder Quoyle noch seine Tante Agnis, sondern Neufundland selbst. Mit einem unglaublich scharfen Blick charakterisiert Annie Proulx das Land und seine Bewohner, die alle im Herzen noch Fischer und Seefahrer sind, aber in der heutigen Zeit kaum mehr davon leben können oder dürfen. Proulx lässt vor dem inneren Auge Landschaften entstehen von einer Detailreiche, dass ich sagen möchte, sie malt die Landschaften eher, als dass sie sie in Worten beschreibt.
    Auch die Personen werden mit wenigen, aber dafür umso treffenderen Worten charakterisiert. Sogar die kleinsten Nebenfiguren erhalten scharfe Konturen und ganz persönliche Eigenheiten. Nach und nach zeigen sich dann auch die inneren Antriebskräfte und Gedanken der handelnden Personen, so dass man auch Ereignisse in der Vergangenheit verstehen kann.
    Proulx beschreibt alle Personen und auch die Handlung aus einer angenehmen Distanz heraus, die es dem Leser ermöglicht, sich eigene Gedanken zu machen. Auch für die schlimmsten Ereignisse wird keine Wertung seitens der Autorin vorgegeben, wodurch sich nirgends ein moralischer Zeigefinger erhebt.
    Proulx Schreibstil ist sehr knapp, die Sätze sind nicht immer vollständig, was aber sehr gut zu der Kargheit der Landschaft und den dargestellten Gefühlswelten passt. Viele Dinge werden zunächst angedeutet und erst später erklärt, man braucht als Leser etwas Geduld, bis sich einem die Zusammenhänge erschließen.
    Wenn man sich an den knappen Stil gewöhnt hat, liest sich das Buch sehr gut. Die Geschichte ist fesselnd, ich habe sie innerhalb von zwei Tagen gelesen und hätte auch nichts dagegen gehabt, wenn sie noch länger gewesen wäre.
    Über dieses Buch werde ich auch sicher noch eine Weile nachdenken müssen.


    Für mich sind das eindeutige 5ratten :tipp:


    Viele Grüße von Annabas

    Einmal editiert, zuletzt von Annabas ()

  • Meine Meinung:


    Leider konnte "Schiffsmeldungen" meine Erwartungen nicht im geringsten erfüllen, im Gegenteil. Über weite Strecken musste ich mich regelrecht durch dieses Buch quälen und mich zum Weiterlesen zwingen.


    Das lag aber keinesfalls am Setting, denn die großartige Kulisse der neufundländischen Küste mit ihrer rauen See und der zerklüfteten Uferlandschaft hat mir sehr gut gefallen. Auch die Figuren können nichts dafür, ich fand sie sehr authentisch und ungekünstelt, allen voran die Hauptfigur Quoyle, dessen Entwicklung vom absoluten Greenhorn zum erfolgreichen Zeitungsreporter schön zu verfolgen war. Sowohl die kleinen Dinge des neufundländischen Alltags als auch die großen Gefühle hatten ihren Platz in diesem Buch und harmonierten wunderbar zusammen. Gut gefallen hat mir die Darstellung der Zeitungsredaktion, die immer am Puls des neufundländischen Lebens war, und natürlich das viele Seemannsgarn, das im Laufe des Romans gesponnen wurde.


    Warum es mir trotzdem nicht gefallen hat? Ich konnte mich in keinem Abschnitt des Buches auch nur einigermaßen mit Annie Proulx' Sprachstil anfreunden. Der besteht in erster Linie aus kurzen, nein aus sehr kurzen Sätzen. Da gibt es einige Passagen, in denen nur einzeln hingeworfene Worte vorkommen. Oder ich stolperte über Sätze, die gänzlich ohne Verb auskommen mussten - ab und zu ist das ja ok. Aber wenn sich diese Schreibangewohnheiten häufen, dann nervt es mich doch gewaltig. Dabei beschränkt sich die Autorin nicht nur auf die Dialoge, in denen ich die Kurzangebundenheit durchaus akzeptieren könnte, oder auf die Schlagzeilen, die Quoyle in seinen Gedanken formt und die sich naturgemäß auf Schlagworte beschränken müssen. Nein, dieser Stil zieht sich konsequent von der ersten bis zur letzten Seite durch den Text, was mich immer wieder aus dem Lesefluss warf und mir die Lektüre schwer machte.


    Leider wurde mir dadurch das Vergnügen an der Geschichte doch sehr getrübt, und ich bin nicht bereit, für "Schiffsmeldungen" mehr als


    2ratten


    zu vergeben.


    Vergleich zum Film:


    Gleich ganz anders sieht es aus, wenn man den Sprachstil ausblendet und sich die Geschichte in bewegten Bildern ansieht. Kaum war dieser für mich zentrale Störfaktor beseitigt, fand ich sehr viel Gefallen an der Geschichte. Die Verfilmung bleibt sehr nahe an der Handlung des Romans, wenn auch einige Veränderungen vorgenommen wurden, die aber den Charakter der Geschichte nicht wesentlich verfälschten. Sehr viel besser bin ich im Film mit der Figur der kleinen Tochter Bunny zurecht gekommen, die für mich im Film viel besser ausgearbeitet war als im Buch. Auch die Tante Agnis bekam plötzlich ein Gesicht und war für mich einer der Sympathieträger schlechthin, während sie im Buch seltsam farblos blieb. Natürlich hat der Film durch seine Bilderflut, namentlich die unendliche Weite des Meeres und die Naturgewalt der neufundländischen Landschaft klare Vorteile, aber meiner Meinung nach hat Annie Proulx sich durch ihren Sprachstil etliche Chancen vergeben, die Bilder auch im Roman lebendig werden zu lassen. Mich hat der Film sehr gefesselt und bewegt, und ich kann ihn gerne weiterempfehlen, auch an Leser, die mit dem Roman ebensowenig klar gekommen sind wie ich. Da sieht auch die Bewertung gleich ganz anders aus:


    5ratten


    Viele liebe Grüße
    Miramis

    :lesen: Brandon Sanderson - Krieger des Feuers


  • Ich konnte mich in keinem Abschnitt des Buches auch nur einigermaßen mit Annie Proulx' Sprachstil anfreunden. Der besteht in erster Linie aus kurzen, nein aus sehr kurzen Sätzen. Da gibt es einige Passagen, in denen nur einzeln hingeworfene Worte vorkommen. Oder ich stolperte über Sätze, die gänzlich ohne Verb auskommen mussten - ab und zu ist das ja ok. Aber wenn sich diese Schreibangewohnheiten häufen, dann nervt es mich doch gewaltig. Dabei beschränkt sich die Autorin nicht nur auf die Dialoge, in denen ich die Kurzangebundenheit durchaus akzeptieren könnte, oder auf die Schlagzeilen, die Quoyle in seinen Gedanken formt und die sich naturgemäß auf Schlagworte beschränken müssen. Nein, dieser Stil zieht sich konsequent von der ersten bis zur letzten Seite durch den Text, was mich immer wieder aus dem Lesefluss warf und mir die Lektüre schwer machte.


    Ich lese das Buch seit ein paar Tagen und bin noch nicht über Seite 90 hinaus. Eben aus dem von dir genannten Grund. Diese kurzen abgehackten Sätze, die ja meistens nicht mal volle Sätze sind, stören mich sehr. Ich frage mich, ob die Autorin fähig ist, einen vernünftigen Satz, bestehend aus Subjekt, Prädikat und Objekt, zu bilden. Und dafür den Pulitzerpreis zu vergeben...das verstehe ich bisher einfach nicht! Was mich außerdem sehr stört, ist, dass die Autorin wirklich genau das beschreibt (in Halbsätzen :breitgrins: ), was gerade passiert. Keine Reflektionen, kein zwischen-den-Zeilen-Lesen, keine ausführlichen Sätze. Würde ich den Film nicht kennen, würde ich wohl oder übel weiterlesen. Da ich aber weiß, wie es weitergeht, werd ich das Buch auch ruhigen Gewissens beiseite legen können, wenn es mich auf den nächsten 50 Seiten nicht packt.


  • ... Keine Reflektionen, kein zwischen-den-Zeilen-Lesen, ...


    Genau das fand ich so toll - dass mir nichts von der Autorin vorgekaut wird, sondern ich selber reflektieren und zwischen den Zeilen lesen "muss".
    Grüße von Annabas :winken:
    (Hier könnte sich eine tolle Buchdiskussion anbahnen, ich schreibe heute abend noch mehr zu euren Postings)

  • Genau das fand ich so toll - dass mir nichts von der Autorin vorgekaut wird, sondern ich selber reflektieren und zwischen den Zeilen lesen "muss".
    Grüße von Annabas :winken:
    (Hier könnte sich eine tolle Buchdiskussion anbahnen, ich schreibe heute abend noch mehr zu euren Postings)


    Das Lustige ist nur, dass ich bisher nichts zum Reflektieren finde. :teufel::breitgrins:

  • Wie lustig daß gerade jetzt wieder eine Diskussion zu dem Buch aufflammt hier ... :klatschen:
    Vorgestern kam der Film im TV und ich hab ihn das erste Mal gesehen, das Buch hab ich vor gut 10 Jahre gelesen. Mir hat es schon damals sehr gut gefallen, mir sind auch nach der langen Zeit viele Detaills in Erinnerung geblieben und natürlich die Stimmung des Buches insgesamt.


    Die Verfilmung fand ich (vielleicht auch bedingt durch den langen Abstand zum Buch) erstaunlich gut :) , sowohl Stimmung, als auch die Geschichten zwischen den Zeilen, die teilweise ziemlich skurilen Charaktere und der raue Humor kamen gut rüber.


    Ich kann mich nicht erinnern, daß mich am Schreibstil etwas gestört hätte, ich weiß nur noch daß ich das Buch damals innerhalb kürzester Zeit ausgelesen hatte und es mir eben bis heute in positiver Erinnerung ist. Wie ich den Stil heute empfinden würde kann ich natürlich nicht sagen. Wenn ich dazukomm les ich nochmal rein ins Buch.


    Wenn ich das jetzt so lese mit den kurzen, eher nüchternen Sätzen usw. drängt sich mir aber der Gedanke auf, daß so ein Schreibstil eigentlich gut zur Geschichte paßt, vielleicht sogar zur Landschaft in der sie spielt. Und zum Reflektieren bietet der Stoff doch sehr viel.... allein schon die Entwicklung Quoyles vom zunächst geprügelten Jammerer zum einigermaßen vernünftigen Mann, die Frage was


    Sehr viel mehr kann leider nach der langen Zeit nicht mehr dazu sagen ...
    Ich hab später noch ein Buch der Autorin gelesen: "Postkarten". Das konnte mich aber nicht mehr so begeistern, ich weiß auch ehrlich gesagt gar nicht mehr so genau worums ging :redface: und das steht sehr im Gegensatz zu meiner Erinnerung an "Schiffsmeldungen" .

  • Ich habe immer nach dem richtigen Ausdruck gesucht..ich finde, Proulx schreibt irgendwie drehbuchartig, die kurzen "Sätze" wirken wie Regieanweisungen. Hier ein Beispiel:


    Zitat


    Die Tante im Wollmantel, als Quoyle in das Motelzimmer kam. Blechernes Profil mit einem Glasauge. Ein Bündel auf dem Boden unter dem Fenster. In ein Betttuch gewickelt, mit Netzgarn zusammengebunden.


    Und das häuft sich m. M. n. leider viel zu oft, um darüber hinwegsehen zu können. Dabei find ich die Geschichte an sich wirklich gut.


  • Ich habe immer nach dem richtigen Ausdruck gesucht..ich finde, Proulx schreibt irgendwie drehbuchartig, die kurzen "Sätze" wirken wie Regieanweisungen.


    Perfekt ausgedrückt, Ophelia! Genau so habe ich es auch empfunden - nach dem Motto: jetzt schaut mal alle her; zur nächsten Szene gehören: Aufzählung, Aufzählung, Aufzählung...


    Wer sich daraus eine eigenes Gedankenbild stricken will und kann, der hat sicher seine Freude an dem Roman. Bei mir blieb dieser Effekt allerdings aus.


    Was mir jetzt im Nachhinein noch einfällt und was ich auch in der Kanadischen Lesenacht immer wieder anbringen musste: die Beschreibungen der Gesichter, die fand ich so misslungen... wer kann sich schon ein Gesicht wie Hüttenkäse vorstellen, durch den man mit der Gabel gefahren ist? Ich jedenfalls nicht...


    Hier noch ein großes Lob an die Filmbesetzung; die Gesichter der Schauspieler fand ich wirklich sehr passend zu den Figuren; alles echte Naturburschen und - mädel mit sehr markanten Gesichtern, die passten sehr gut zu den Figuren. Kevin Spacey war für meinen Geschmack etwas zu glatt für die Figur des Quoyle (mir fehlte das Kinn :breitgrins:), aber das macht er durch seine Schauspielkunst wieder wett.

    :lesen: Brandon Sanderson - Krieger des Feuers

  • Ich habe es dann doch geschafft, das Buch zu Ende zu lesen. Einfach abbrechen geht ja auch nicht.



    Zum Inhalt wurde schon reichlich geschrieben, daher nur meine Eindrücke.


    Zunächst zum Positiven:
    Annie Proulx kreiert eine typische Außenseitergeschichte von Quoyle (seinen Vornamen erfährt man nie, nur einmal seine Initialen), der mit seinem Leben nicht klar kommt und seine Liebe an eine Frau verschenkt, die es einfach nicht wert ist, geliebt zu werden. Anfänglich sehr blass und wortkarg, entwickelt sich Quoyle durch das Leben mit seinen Töchtern und seiner Tante in Neufundland zu einem Menschen, der auch anderen etwas geben kann. Die Darstellung von Quoyle fand ich gelungen, ebenso die Beschreibung des Lebens auf Neufundland, die raue Landschaft, die Kargheit und Knappheit an allem, das ganze Seemannsgarn, was Proulx hier strickt, ist recht reizvoll. Und ein wenig Fernweh habe ich auch bekommen. Schön fand ich die Idee, jedes Kapitel mit einem Zitat aus dem Ashley Buch der Knoten zu beginnen. Der dargestellte Knoten passt immer zu dem Inhalt des jeweiligen Kapitels. Das hat auch mein Interesse für das Buch der Knoten geweckt, ich werde mal danach forschen.


    Was mir leider gar nicht gefallen hat:
    Wie schon oben geschrieben, gefiel mir der Schreibstil leider gar nicht. Sicherlich passt eine knappe Sprache zur kargen Landschaft und zum einfachen Leben der Neufundländer, aber mich hat es einfach gestört, ständig über Halbsätze zu stolpern, die einem im Lesefluss unterbrechen. Zur Mitte des Buches werden die Sätze etwas länger, aber auch hier empfand ich den Schreibstil als sehr holprig und störend. Sicherlich liegt es an der Sprache, dass ich mit den Charakteren nicht richtig warm werden konnte. Die Tante beispielsweise fand ich stellenweise sehr eindimensional, ebenso wie die Kollegen in der Zeitung, die ich oftmals miteinander verwechselt habe, weil sie in ihrer Art zu reden sehr ähnlich sind. Ich hätte mir ein wenig mehr Ausschweifungen und Fabulieren gewünscht, statt die bloße Aneinanderreihung von Ereignissen. Dinge geschehen, aber sie haben irgendwie keinerlei Einfluss auf die Entwicklung der Geschichte, wie beispielsweise


    Alles in allem fand ich das Buch recht merkwürdig, eher belanglos. Das ist das erste Mal, dass ich einen FIlm besser fand als das dazugehörige Buch. Ich würde ebenfalls nicht mehr als


    2ratten


    vergeben wollen. Schade, ich habe ein wenig mehr Substanz erwartet.

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    Inhalt (zur Erinnerung)
    Quoyle hat es nicht leicht in seinem Leben: von Kindheit an schikaniert von Vater und Bruder, wächst er zu einem gesellschaftlichen Außenseiter heran. Sporadische und ständig wechselnde Jobs, eine notorisch fremdgehende Ehefrau, der einzige Freund zieht weit weg ... nur seine Kinder Bunny und Sunshine halten Quoyle aufrecht. Als sowohl die Ehefrau Petal als auch der Vater stirbt, bricht er all seine Zelte ab und zieht mit seiner Tante und den Kindern nach Neufundland, um dort ein neues Leben zu beginnen. Schon bald findet er eine Anstellung in der lokalen Zeitung Gammy Bird und somit das erste Mal in seinem Leben richtigen sozialen Anschluss ...


    Meine Meinung
    Es ist immer wieder schön zu sehen, dass es sich tatsächlich manchmal lohnt, ein Buch nicht abzubrechen. Zu Beginn tat ich mir richtig schwer mit "Schiffsmeldungen": Der Schreibstil war überhaupt nicht mein Fall ... kurze Sätze und die nicht mal vollständig. Dieser abgehackte Stil ging mir furchtbar auf die Nerven und ich habe deswegen lange nicht in die Geschichte hinein gefunden. Quoyles Familienprobleme verwirrten mich mehr als dass sie mir weiterhalfen und den Charakter an sich fand ich auch nicht besonders ansprechend.


    Mit der Zeit fand ich mich aber mit dem Schreibstil ab ... Gott sei Dank, weil sonst hätte ich wahrscheinlich diese wunderschöne Geschichte rund um Neufundland nicht so genießen können. Quoyle entwickelte sich zu einem Buchcharakter mit dem ich unglaublich litt und mich aber auch unbändig freute. Ein ruhiger, verschlossener und unsicherer Außenseiter, der sich nicht nur für sein Äußeres schämt, kommt nach Neufundland und versucht, Fuß zu fassen. Die lockere und offene Art der Neufundländer hilft ihm dabei, sich aus seiner sozialen Isolation zu befreien und mit jeder Seite spürt man das Wachsen des Charakters. Die Liebe zu seinen Kindern, die nicht immer ganz einfach sind, wird deutlich, man fühlt richtig das Glück innerhalb der kleinen Familie.


    Natürlich passieren nicht nur tolle Dinge, die Autorin konfrontiert den Leser mit Kindesmissbrauch, seelischer Abhängigkeit und Verwahrlosung. Aber alles in einem leisen Ton, der einen zwar anrührt, aber meistens nur andeutet und nicht direkt beschreibt oder offen schockiert.


    Sehr gut gefallen haben mir übrigens die kleinen, eingestreuten Geschichten, die die Einheimischen des öfteren erzählen. Teilweise total abgedreht und immer in diesem heimeligen, lockeren Ton ... mehr als einmal saß ich grinsend auf dem Sofa und stellte mir die Situation vor.


    Das Ende ist relativ kitschig: ein Disney-Ende mit "Jetzt-ist-alles-gut"-Faktor. Aber ich bin echt froh darüber. Das ganze Buch über hatte ich Angst, dass Quoyle irgendetwas schlimmes zustößt, dass sein wachsendes Glück zerstören könnte. Nachdem ich den Charakter so ins Herz geschlossen hatte, wäre das wahrscheinlich der Untergang für mich gewesen. So aber konnte ich beruhigt das Buch schließen und mich für Quoyle und seine Kinder freuen. :freu:


    3ratten + :marypipeshalbeprivatmaus:

    "Bücher lesen heißt wandern gehen in ferne Welten, aus den Stuben über die Sterne." (Jean Paul)

  • Ich habe das Buch auch vor zwei Tagen zu Ende gelesen und es beschäftigt mich immer noch... Mir haben die kurzen, unvollständigen Sätze anfangs auch etwas zu schaffen gemacht. Doch ich denke, das passt zu der Stimmung, die das Buch wieder geben will, zu der rauen Landschaft. Es gibt viel, worüber man sich beim Lesen des Buches Gedanken macht. Die Handlung fand ich spannend, aber ich glaube es geht bei Schiffsmeldungen um mehr als nur ein Menschenschicksal oder das einer Region. Es geht um das Leben an sich und um den Tod der dazu gehört. Nicht gefallen hat mir, wie die Autorin von der Liebe - und von Sex - spricht. Auch schade fand ich, dass einige Nebengeschichten im Sande verliefen. Beispiel Bill Pretty oder der alte Einsiedler-Onkel. Ihre Geschichten wurden zwar gestreift, man hat Interesse entwickelt aber das Buch endete ohne wieder darauf zurück zu kommen. Insgesamt trotzdem ein interessantes, ungewöhnliches Buch, wie ich fand. Eine Prise zu viel Tod und Gewalt für meinen Geschmack. Dafür eine ruhige, melancholische Atmosphäre - genau das richtige für kühle Herbsttage :)


    4ratten

  • Ich habe das Buch gerade ausgelesen und wollte auch kurz meine Meinung hier hinterlassen, obwohl ja schon vieles gesagt wurde.


    Der Schreibstil ist wirklich was anderes und auf jeden Fall gewöhnungsbedürftig. Ich habe bestimmt so an die 40-50 Seiten gebraucht, um richtig rein zu kommen und mich nicht von Stil ablenken zu lassen. Als sich die Geschichte dann auch nach Neufundland verlagert, hatte mich Proulx dann auch am Haken.


    Die Hauptfigur Quoyle habe ich sofort ins Herz geschlossen. Allein seine Einführung durch das Zitieren aus einem Lexikon der Knoten fand ich absolut genial!


    "Quoyle
    A Flemish flake is a spiral coil of one layer only. It is made on deck, so that it may be walked on if necessary."


    Denn auch unser Quoyle ist leider jemand, den alle ausnutzen und auf ihm herumtrampeln. Man freut sich einfach mit ihm, während es langsam wieder bergauf geht mit ihm.
    Mir hat das Buch sehr gut gefallen und den Film habe ich auch noch nicht gesehen und bin gespannt, wie das Buch umgesetzt wurde!

    4ratten

    “Every man must die, Jon Snow. But first he must live.” <br />GRRM - A Storm of Swords<br /><br />:lesen: Stephen King - 11/22/63

  • Meine Meinung

    Für mich waren die Schiffsmeldungen eine zähe Sache. Ich fand Quoyle unglaublich träge. Sicher, er hat es nicht leicht gehabt. Ich finde, dass er durch seine Passivität teilweise selbst an seinem Schicksal schuld ist. Erst, als er es selbst in die Hand genommen hat, konnte er etwas ändern. Was mir gut gefallen hat, war wie die Autorin fast schon nebenbei sehr ernste Themen angeschnitten hat. Aber das war das einzige Highlight und so konnten mich die Schiffsmeldungen nur mäßig begeistern.

    3ratten

    I'm young enough to still see the passionate girl that I sued to be. But I'm old enough to say I got a good look at the other side.

  • Für mich waren die Schiffsmeldungen eine zähe Sache

    Ich kann dich gut verstehen. Der Schreibstil dieser Autorin ist wirklich Gewöhnungsbedürftig.

    Ich habe vor etwa 10 Jahren das Buch >Das grüne Akkordion< gelesen, weil es mir wärmstens empfohlen wurde. Mit diesem Buch bin ich auch nicht klar gekommen, es war mir alles etwas zu trübsinnig und die Dialoge fand ich hölzern. Ich glaube ich habe nach der Hälfte des Buches das Handtuch geworfen und den Rest nur noch "quer" gelesen.

    Ein flotter und angenehmerer Schreibstil hätte der Geschichte bestimmt gut getan, denn die Idee zur Handlung war ja nicht schlecht.