Charles Dickens - Große Erwartungen

Leserunde mit Judith & Christian Vogt ab 11.10.2019: Wasteland [Postapokalyptische Utopie]
Literaturschock positioniert sich. Keine Toleranz für Nazis und Faschisten, denn wer neben diesen Arschlöchern marschiert, ist entweder selbst ein Nazi / Faschist oder eine nützliche Marionette derselben. Andere Kategorien gibt es nicht.

Es gibt 26 Antworten in diesem Thema. Der letzte Beitrag () ist von Avila.

  • Vor einigen Jahren habe ich den Film "Große Erwartungen" gesehen, der dem Roman nachempfunden wurde (er ist von 1998), seither hat mich die Frage beschäftigt, wie wohl das Original zu lesen wäre und ob es mir ebenso gefallen würde. Doch eigentlich habe ich nichts erwartet, da mir ja klar war das die Vorlage nunmal ganz anders sein würde. Ich habe mich einfach darauf eingelassen und habe dabei für mich selbst einen wunderbaren Roman entdeckt, dessen Handlung mich in seinen Bann gezogen hat.


    Die Atmosphäre die Dickens hier heraufbeschwört zeigt, warum er als einer der größten britischen Autoren seiner Zeit galt und auch heute noch gelesen wird. Er kann einfach wahnsinnig spannend und bildhaft erzählen. Vor allem Miss Havishams Haus und ihre Person haben mir gefallen. Ich war dermaßen in dem Haus versunken, das ich ganz überrascht war als ich aufblickte und die Sonne schien. Eine Frau deren Unglück bis zu ihrem Tode verfolgt und das dafür sorgt das sie letztendlich das Glück anderer nicht ertragen kann. Sie hat ihre Freude daran Pip zu manipulieren und in ihrem Sinne in eine Richtung zu drängen auch Estella hat keine andere Wahl. Wenn ich so darüber nachdenke, ist Miss Havisham wirklich meine persönliche Lieblingsfigur in diesem Roman. Sie ist einfach die für mich interessanteste Figur deren Beweggründe im Grunde sehr traurig sind.


    Pip selbst ist für mich ebenfalls keine unsympathische Figur, auch wenn er sich all zu schnell in sein Neues Leben gefügt hat. Er erzählt rückblickend und man merkt schon das er sei Verhalten kritisch sieht, wenn er auch gerne für alles eine Entschuldigung findet ;)
    Auch ich fand den Roman angenehm zu lesen und ich war total versunken darin. Die Figuren waren mir nahe und ich wollte wissen wie es Pip weiter ergehen würde.
    Das Ende war für mich etwas zu gefällig, da hätte es für meinen Geschmack etwas besser gepasst wenn es sperriger wäre. Aber nun ja... Dickens hat für die Massen geschrieben und ich glaube das Ende ist auch zum Teil diesem Geschmack geschuldet. Trotzdem, das Lesevernügen überwiegt meine Kritik. ;)


    4ratten

  • :confused: Häh? Meine kostenlose E-Book-Version endet mit Teil 3 und den Worten "Mein Herz war tot."
    :horac: So ein Ende bei Dickens?
    :entsetzt:
    Glaube ich nicht!


    PS: Hat jemand vielleicht ein komplettes Ebook und möchte es mir schicken? :engel:


    PPS: Aha, ich glaube, ich habe Teile 4 - 6 gefunden! :lupe: :leser:

    Wahnsinn ist bei niederer Lautstärke weniger störend.

    Dieter Nuhr

    Einmal editiert, zuletzt von Kiba ()

  • Charles Dickens


    Große Erwartungen


    Great Expectations



    1862 als Fortsetzungsroman erschienen


    Pips Eltern sind tot, er wird von seiner Schwester Kate (?) und ihrem Mann Joe aufgezogen. Kate ist streng, cholerisch und neigt zu Gewalttätigkeiten und hysterischen Anfällen, Ihr Mann Joe liebt sie trotzdem und sieht ihr alles nach. Er versucht zwischen seiner Frau und dem Jungen unnützige Konflikte zu verhindern.


    Auf einem einsamen Friedhof trifft der kleine Pip auf einen entflohenen Sträfling, der ihn gehörig erschreckt und um Lebensmittel und eine Feile erpresst. Voller Angst organisiert Pip die Dinge zu Hause, obwohl die schreckliche Reaktion der Schwester so sicher ist wie das Amen in der Kirche.


    Später wird Pip von einer reichen, neurotischen Witwe protegiert, noch später geht er bei Joe in der Schmiede in die Lehre. Dort ist er nicht gerade glücklich, Umso besser, dass er bald von einem unbekannten Big Spender Geld für weitere Schulbildung und auch für ein Leben als englischer Gentleman bekommt. Das steigt ihm sehr schnell zu Kopf, er blickt im Handumdrehen auf seine Familie und die Dorfbewohner hinab und fühlt sich weit überlegen…


    Tja, ich entwickle allmählich eine kleine Abneigung gegen Geschichten, die als Fortsetzungsroman veröffentlicht wurden. Zumeist sind sie zu lang und ausschweifig. Der jeweilige Autor konnte dann wohl seine Verdienstquelle strecken, vermute ich mal. Wobei dieser Punkt im vorliegenden Roman nicht so sehr auffällt. Unangenehm waren mir die sehr konstruierte Handlung und einige Figuren, die drastisch überzeichnet waren.


    Positiv fand ich, dass es am Ende keine Hochzeit gab. Ein Lichtblick!


    3ratten

    Wahnsinn ist bei niederer Lautstärke weniger störend.

    Dieter Nuhr

  • Beides. Wenn sie unnütz sind, sind sie natürlich auch unnötig. Umgekehrt wäre denkbar. Aber in diesem Fall: nichtsnutzig.

    Wahnsinn ist bei niederer Lautstärke weniger störend.

    Dieter Nuhr

    Einmal editiert, zuletzt von Kiba ()

  • Große Erwartungen sind es nicht, die Pip an seine Zukunft hat. Früh verwaist, wächst er bei seiner lieblosen, wesentlich älteren Schwester und deren Ehemann auf, einem sanftmütigen Schmied, der Pip zumindest Liebe schenkt, aber gegen das harte Herz und die nur allzu schnell zur körperlichen Züchtigung bereite Hand seiner Frau nie recht ankommt. Pips Lebensweg scheint vorgezeichnet. In die Fußstapfen seines Ziehvaters zu treten ist das Naheliegende. Bedauerlich nur, dass Pip als einfacher Handwerker nie eine Chance haben wird, Estella für sich zu gewinnen, die bei der verschrobenen Miss Havisham auf einem halb verfallenen Anwesen in der Nähe aufwächst und die ihm von der ersten Minute an den Kopf verdreht hat.


    Doch eines Tages, Pip ist inzwischen schon erwachsen, fällt ihm plötzlich eine großzügige Geldzuwendung in den Schoß, die ihm ein Studium in London ermöglicht. Wer der edle Spender ist, erfährt Pip indes nicht. Man sagt ihm nur, dass dieser sich erkennen geben wird, wenn er den Zeitpunkt für richtig hält.


    In der großen Stadt eröffnen sich Pip völlig neue Welten, aber auch neue Gefahren lauern, und das Leben ist nicht unbedingt unbeschwerter als in seinem verschlafenen Heimatdorf - die Probleme sind lediglich anderer Natur.


    Wieder einmal erweist sich Charles Dickens als Meister der Atmosphäre, der mit lebhaften Details Schauplätze, Menschen und Stimmungen zu entwerfen versteht, und wieder einmal schickt er ein Waisenkind ins Rennen, das seinen Platz im Leben finden muss. Man merkt jedoch deutlich, dass es sich um ein Spätwerk handelt. Die Tränendrüse wird lange nicht so sehr strapaziert wie in früheren Romanen, und er nähert sich stärker der Realität an, was sich auch am Romanende bemerkbar macht, das ein jüngerer Dickens womöglich ganz anders gestaltet hätte. Zudem drückt er sich um einiges bissiger und sarkastischer aus, ein düsterer Witz, der einen Großteil des Reizes dieses Buches ausmacht, und schmückt viele Figuren mit leicht skurrilen Charakterzügen aus.


    Dass Geld alleine nicht glücklich macht und nicht alle Probleme lösen kann, zeigt Pips wechselvolle Geschichte auf eindringliche Weise. Ich habe ihn sehr gerne durch die verschiedensten Höhen und Tiefen begleitet und auch einige der Nebenfiguren (die oft für Überraschungen gut sind) sehr liebgewonnen. Ein toller Klassiker!


    4ratten

    Be curious, be creative, be patient, be joyful.

    (Agnès Varda)

  • Gut Ding will Weile haben... Auch wenn Dickens Stil sich flüssig liest, so konnte ich das Buch nicht in einem Rutsch durchlesen. Am Anfang ging das noch sehr gut, es passieren ein paar Dinge, die sich für mich zwar nicht ganz einordnen ließen, aber es geschah dann doch recht viel. Doch passagenweise zog sich die Handlung immer mal wieder und auch überraschende Wendungen gab es wenig.

    Allerdings habe ich Dickens' Stil lieben gelernt. Er schreibt so voller Humor, ohne dass es augenscheinlich klamaukig wird. Ich musste immer wieder vor mich hinschmunzeln und habe manche Abschnitte meinem Freund vorgelesen, weil ich so viel Freude daran hatte. Von daher wird der aufmerksame Leser dennoch belohnt, wenn er sich mal durch etwas langatmige Abschnitte durchwurschtelt. Nur überfliegen sollte man das Buch nicht, denn dann bekommt man die sprachlichen Spitzfindigkeiten kaum mit.