Simone de Beauvoir - Eine gebrochene Frau

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Es gibt 25 Antworten in diesem Thema. Der letzte Beitrag () ist von niKOOLine.

  • Hallo ihr zwei!


    Mich lassen die Geschichten immer noch nicht los. Wir überlegen ja alle drei irgendwie unablässig, wie das Scheitern der drei hätte vermieden werden können - weniger Abhängigkeit, mehr Identität "in sich selbst". Das denke ich auch, incl. realistischere Weltwahrnehmung im Falle von Monique.


    Aber wie steht es mit den Erfolgsaussichten? Ist nicht jede Form der Verwirklichung (im Beruf -1-, in der mondänen Welt -2-, in der Ehe -3-) in dem Buch geschildert und gescheitert? Auch die Alternativen zu Monique - Colette mit ihren geringeren Erwartungen an den Ehemann, Lucienne mit der Absage an die Liebe überhaupt - sind doch dargestellt und wären für Monique keine Überlebensmöglichkeit. Meine These: De Beauvoir könnte jede unserer Phantasien, wie der Ausweg aussähe, mit einer Schilderung toppen, wie denn dessen Scheitern aussähe und wie wir anschließend gebrochen wären.


    Würden wir die von uns allen als verhängnisvoll erlebte Abhängigkeit der Figuren eliminieren, so wäre dies m.E. nur in der spirituellen Entsagung möglich, die man in Klöstern findet. Im diesseitigen Leben sind wir nun einmal abhängig davon, ob unser Selbstbild mit dem Fremdbild übereinstimmt (ein starkes Thema in de Beauvoirs Werk überhaupt, am stärksten ausgearbeitet in "Sie kam und blieb" - ein Buch, das ich übrigens gerne mit euch zusammen nochmals lesen würde). Die völlig weltabgewandte Ruhe in uns selbst finden wir weder, wenn wir uns an Personen hängen (3) noch an Lebensaufgaben (1) noch an den puren Hedonismus (2).


    Moniques Scheitern könnte man auf moderne Weise problemlos um-schreiben, indem sie sich statt an Maurice an einen bestimmten Beruf hängt, an eine bestimmte Position im Betrieb, an eine bestimmte politische Forderung, der sie sich verschrieben hat. Alles, wofür wir uns rückhaltlos einsetzen und an das wir rückhaltlos glauben, kann uns das Rückgrat brechen, wenn wir daran scheitern. Aber wäre der Verzicht auf Einsetzen und Glauben wirklich der Weg? Wäre dies nicht der Verzicht auf Leben überhaupt?

  • Liebe Inge,


    diese Fragen führen uns weit über das Buch hinaus, aber sie sind ja durch dieses angestoßen worden und haben daher hier vielleicht auch ihren Platz.


    Ich denke nicht, dass Beziehungen ohne Abhängigkeit - egal ob zu Mann, Beruf oder Vergnügen - unweigerlich ein Weg der spirituellen Entsagung bedeuten. Ich will nicht behaupten, dass ich das für mein Leben verwirklicht hätte, aber es scheint mir doch möglich zu sein, seine (innere) Grenze, die eigene Identität zu wahren und zu entwickeln, und dies als Grundlage dafür zu nehmen, dauerhafte und erfüllende Beziehungen zu leben. Ich habe ja die Möglichkeit, mich innerhalb meiner eigenen Grenzen so zu bewegen, dass Kontakt und auch erfüllende Nähe zu einem anderen möglich werden, ohne dass Grenzverletzungen stattfinden und ich meine Identität "ausverkaufen" oder jemandem anderen gestatten muss, sich beliebig in und anstelle meines Ich breit zu machen.


    Deshalb muss es auch möglich sein, dass ich an etwas glaube und mich dafür einsetze, ohne dass mit deshalb ein äußerer Umstand - ob Sache oder Mensch - durch Widerstand oder Verrat brechen könnte. Ich müsste also nur bei mir selbst bleiben.


    Das andere Werk, das du ansprichts (Sie kam und blieb) kenne ich nicht und ich würde es auch gerne lesen.

    Liebe Grüße!<br />Zoe

  • Liebe Zoe,


    du hast recht, es würde wirklich zu weit führen, dass hier auszuführen. Für normale Zeiten ist das auch meine Auffassung. Simone de Beauvoir hat aber m.E. gezeigt, wie gerade dieses "Selbst" (wer bin ich?) in der Krise ins Wanken geraten und brechen kann - und dann ist da nichts mehr, bei dem man "bleiben" könnte.


    Inwieweit diese identitätsstiftende Auffassung vom "Selbst" entscheidend vom Fremdbild abhängt, ist - wie gesagt - ein starkes Thema bei Simone de Beauvoir, sehr beeindruckend gezeigt in "Sie kam und blieb". Ich bin ja noch neu hier und weiß nicht so recht, wie man Leserunden initiiert, aber wir könnten uns doch zu "Sie kam und blieb" eine neue Runde vornehmen?

    Einmal editiert, zuletzt von Inge ()

  • Hallo ihr beiden !
    Ich würde sehr gerne mit euch "Sie kam und blieb" lesen. Meines Wissens nach muss man bei den Vorschlägen einen neuen Ordner erstellen, mit Infos zu dem Buch.
    Dort können sich dann die Interessenten melden und einen Termin abkaspern.
    LG
    n.

  • Am 10. und 11. laufen auf arte Filme anlässlich de Beauvoirs 100. Geburtstag: eine Dokumentation und eine Film- Biographie.

  • Hallo zusammen,


    Ich lese gerade dieses Buch. Ich muss im Ergänzungsfach Philosophie eine Vortrag über diese Buch halten und war nun auf der Suche nach interessanten Interpretationen. Dabei bin ich auf eure Diskussion gestossen. Ich war noch nie in einem solchen Forum, doch würde ich mich freuen, mit euch ein Paar gedanken über dieses Buch auszutauschen. Hat möglicherweise jemand von euch eine gute Idee wo ich gute Interpretationen und allgemein Informationen zu de Beauvoir und ihrem Buch finden kann?


    Liebe grüsse