Tom Rob Smith - Kind 44

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Es gibt 31 Antworten in diesem Thema. Der letzte Beitrag () ist von Kiba.

  • Hallo,


    dieser Thread ist einer, den ich stets gerne lese, weil das Buch auf mich eine nachhaltige Wirkung hat. Immer mal wieder fallen mir beim Lesen anderer Stellen aus diesem Buch ein oder aber ich stolpere bei irgendwelchen Dokus oder Artikel über diese Zeit über meine Erinnerungen an "Kind 44". Tom Rob Smith hat uns nichts neues, nichts sensationelles erzählt, aber dennoch hat er bei mir Eindruck hinterlassen. Er hat mir die normalen Menschen, die in dieser Diktatur zurechtkommen mussten, näher gebracht, hat Ängste und Oppurtunismus greifbar werden lassen...



    Leo ist ein Überzeugungstäter. Solange er glaubt, für ein gutes Ziel zu arbeiten, rechtfertigt das Ziel praktisch sämtliche Mittel. Aber als er seinen Glauben ans System verliert, ist er genauso bereit, für ein anderes Ziel alles zu riskieren und zu opfern. Er ist von einer Konsequenz, die man in gewisser Weise nur bewundern kann und kann deswegen, trotz manchmal unsympathischer Handlungsweisen, die Sympathie des Lesers erringen.


    Leo wirkt für mich als Person vor allem realistisch. Er ist kein Held (ausgenommen vom Großen Vaterländischen Krieg), sondern - wie Du schon sagst - ein Überzeugungstäter, der nicht über Folgen nachdenkt. Er denkt "an das große Ganze" und dafür kann er sich die Hände - ohne mit der Wimper zu zucken - schmutzig machen. Aber Leo ist nicht unbelehrbar, kein schlechter Mensch an sich. Als er begreift, was das System den Menschen abverlangt oder gar antut, wandelt er sich... Leo ist nicht schwarz und nicht weiß, das macht ihn in meinen Augen glaubhaft. Und es hat mich mehr als einmal nachdenklich gemacht - nachdenklich, wie ich mich in solch einem Regime verhalten hätte. Arrangieren? Widerstehen? Kämpfen? Mitmachen? Im Nachhinein ist man ja duchaus versucht zu denken, dass man natürlich auf der richtigen Seite gestanden hätte - aber das ist (jetzt) leichter gesagt und vor allem bloße Spekulation. Und Wunschdenken, natürlich.


    Zitat

    Das Verbrechen, welches Leo auf eigene Faust untersucht, hat zwar einige Schwächen bezüglich der Motivation des Täters, ist aber gut geschildert und würde alleine bereits für jeden durchschnittlichen Thriller ausreichen. Es spielt aber trotzdem für mich nur eine Nebenrolle, neben der Darstellung eines unmenschlichen Systems. Ich wusste ja eigentlich schon, dass die Stalin-UdSSR eine miese Diktatur war und auch dass unzählige Personen in Lagern verschwanden, aber die Dimensionen, mit denen dieser Staat in das Leben der einzelnen, eigentlich unpolitischen Menschen eingegriffen hat, waren mir nicht so sehr bewusst.


    Und hier bin ich immer wieder uneins mit dem Verlag: das Cover und der Klappentext deuten ja sehr auf einen Thriller hin - der Titel (mit dem Hinweis auf Kinder) lässt schon vielen potentiellen LeserInnen das Blut vorher in den Adern gefrieren... Ob man das Buch auch anders verpacken hätte können? Denn die Thriller-Handlung empfinde ich - ebenso wie Du - als Nebenhandlung. Auch wenn "Kind 44" durchaus erfolgreich war (Bestsellerliste, etc.) so würde ich ihm nach wie vor mehr LeserInnen wünschen, weil es durchaus nachhaltig ist.


    Liebe Grüße
    dubh

    Liebe Grüße

    Tabea


  • dieser Thread ist einer, den ich stets gerne lese, weil das Buch auf mich eine nachhaltige Wirkung hat. Immer mal wieder fallen mir beim Lesen anderer Stellen aus diesem Buch ein oder aber ich stolpere bei irgendwelchen Dokus oder Artikel über diese Zeit über meine Erinnerungen an "Kind 44". Tom Rob Smith hat uns nichts neues, nichts sensationelles erzählt, aber dennoch hat er bei mir Eindruck hinterlassen. Er hat mir die normalen Menschen, die in dieser Diktatur zurechtkommen mussten, näher gebracht, hat Ängste und Oppurtunismus greifbar werden lassen...


    Genau das hat mir auch so gut gefallen, die Darstellung des Alltags, des Durchschnittsmenschen.



    Und hier bin ich immer wieder uneins mit dem Verlag: das Cover und der Klappentext deuten ja sehr auf einen Thriller hin - der Titel (mit dem Hinweis auf Kinder) lässt schon vielen potentiellen LeserInnen das Blut vorher in den Adern gefrieren... Ob man das Buch auch anders verpacken hätte können? Denn die Thriller-Handlung empfinde ich - ebenso wie Du - als Nebenhandlung. Auch wenn "Kind 44" durchaus erfolgreich war (Bestsellerliste, etc.) so würde ich ihm nach wie vor mehr LeserInnen wünschen, weil es durchaus nachhaltig ist.


    Stimmt, ich würde das Buch auch nicht unbedingt unter Thriller einordnen, allerdings bekommt das Buch auf diese Weise möglicherweise mehr Leser, als wenn es als Roman über Stalin-Russland angepriesen worden wäre. MAn muss einfach hoffen, dass auch "Nicht-Thriller-Leser" über dieses Buch stolpern und sich nicht abschrecken lassen, bloß weil es um Kindsmorde geht (es gibt ja durchaus Leute, die gerade so Bücher nicht lesen wollen)

  • Diese Rezension habe ich in einem anderen Forum geschrieben, als Krimis/Thriller noch nicht zu den Genres gehörten, die ich damals regelmäßig gelesen habe.


    "In der Sowjetunion der Stalinzeit gibt es offiziell keine Verbrechen. Doch ein Mörder geht um - und niemand darf ihn stoppen."


    Diktaturen bestehen v.a. aufgrund eines, von ihnen geschaffenen, Systemes aus Kälte, Angst, Terror und Spionage, getragen von Menschen, ebenfalls aus Angst, aber auch aus Machtgier oder Idealismus und Überzeugung. Getragen von Geheimdiensten. In einen der berühmtesten und berüchtigsten, der Stalinzeit, arbeitet der Geheimdienstoffizier Leo Demidow und kann, als in Moskau 1953 die Leiche eines kleinen Jungen gefunden wird, nackt und fürchterlich zugerichtet, die Augen vor den Offenkundigen nicht verschließen. Leo beginnt auf eigene Faust zu ermitteln, stößt auf weitere Morde, die ihn durch halb Russland führen. Doch noch während der ersten Überlegungen wird ihm klar, dass er selbst zum Gejagden geworden ist.


    Krimis gehören nicht, zu den von mir überlicherweise, bevorzugten Genre und doch habe ich mir diesen gekauft, nachdem es in einer Literatursendung (Ich glaube, bei 3Sat.), vorgestellt wurde. Das Thema ist schließlich umwoben, von geschichtlichen Hintergrund und der Leser taucht sofort, mit den ersten Zeilen schon, hinein, in eine Welt aus Angst und Kälte, die zu damaliger Zeit die Weiten Russland bestimmte. Tom Rob Smith versteht es dabei Wahrheit und Fiktion perfekt zu vermischen. In seinen Erstlingswerk gelingt es ihn, zu beschreiben, wie ein, auf Terror gestütztes Regime funktioniert und wie sich unterschiedlichste Charaktere darin bewegt haben (können). Da gibt es den Karrieristen und den Loyalen, den Idealisten und den Oppositionellen, die Ehefrau, die nur aus Angst geheiratet hat, weil eben der Mann beim allmächtigen KGB arbeitet und dann ist da noch eine andere Welt, außerhalb des Systemes, die offiziell nicht existiert. Alleine die Mischung macht dieses Werk schon lesbar genug. Man mag es vielmehr gar nicht weg legen und liest unter Zwang immer weiter, obwohl der Inhalt teilweise sehr grausam und fast schon zu spannend für die Nerven ist. Wie ein Ertrinkender fast, der verzweilt nach jeden Strohhalm greift, blättert man immer nervöser von Seite zu Seite und begleitet Leo Demidow auf seine gefährliche Reise. Und hier beginnt die eigentliche, von Smith ausgedachte Geschichte um diese grausame Mordserie, die es aber, in Abwandlung, schon wieder Realität, wirklich gegeben hat. Wenn auch viel später, nämlich von 1978 bis 1990 mordete Andrei Romanowitsch Tschikadilo, der nach seiner Verhaftung angab, 56 Menschen auf den Gewissen zu haben. Der hier beschriebene


    Leo Demidow verfolgt den, der wahren Geschichte nachempfundenen, Mörder und ahnt nicht, wie nahe er den Mörder wirklich ist. Und das, sein Leben lang.


    Ich habe dieses Buch gelesen, wie gesagt als Ausnahme, da ich bis dahin von Krimis die Finger gelassen habe. Nicht mein Genre, wie gesagt. Aber mit diesen Werk ist Tom Rob Smith etwas großes gelungen. So viel Spannung und Zittern, ja Mitleiden mit den Figuren habe ich noch nie erlebt und auch wusste ich nicht, wie dieses Terrorregime im Alltag wirkte und funktionierte, wie dies der Normalbürger sah, kennt man doch eher die Sicht von Politikern, Diplomaten und eben ehemaligen Offizieren und Geheimdienstlern. Diese Perspektive, die der Roman "Kind 44" ausführlich thematisiert, war mir neu und schon alleine deshalb, hochspannend, zumal die Geschichte der Morde reale Hintergründe aufweist.


    Empfehlung: absolut


    Weiteres:
    Tom Rob Smith schrieb weitere Bücher, sollte doch die Geschichte um Leo Demidow eine Trilogie werden. Herausgekommen sind die Fortsetzungen "Kolyma" und "Agent 6". Tendenz, schwächelnd. Ist das "Kind 44" als Erstlingswerk des Drehbuchautors Tom Rob Smith zurecht ausgezeichnet, mit den Steel Dagger Preis als bester Thriller des Jahres, nimmt die Qualität der Nachfolge-Werke mit jeden Kapitel ab. Allenfalls "Kolyma" würde ich empfehlen, als Fortsetzung zu lesen, setzt sich hier doch die, auch charakterliche, Veränderung von Leo Demidow fort, die in "Kind 44" seinen Anfang genommen hat. "Agent 6" liest man dagegen nur noch der Vollständigkeit halber. Es fehlt aber nichts, wenn man sich dieses Werk dann doch nicht zu Gemüte führt. Doch, für "Kind 44" gilt, ein absolutes "Lese-Muss".


    Euer samuel.

  • Meine Meinung
    Ich habe mich beim Lesen schwer getan. Ich fand Child 44 anfangs sehr langatmig, aber ich konnte mich auch seinem Einfluss nicht entziehen. Die Atmosphäre ist düster und ich konnte mir nicht vorstellen, dass während der Geschichte jemals die Sonne geschienen hat. Kein Mensch schien wirklich glücklich zu sein. Jedes noch so harmlose Wort konnte die schlimmsten Folgen haben. Wie soll man unter diesem Bedingungen richtig ermitteln können? Die Aufklärung des Falls war oft nicht einmal wichtig solange eine Quote erfüllt wurde und man irgendeinen Täter präsentiert. Das ständige Ausbremsen hat nicht nur die Ermittlungen verlangsamt, sondern auch das Lesen. Trotzdem hat mich das Buch fasziniert, auch wenn ich danach erst einmal eine Lesepause eingelegt habe.
    4ratten :marypipeshalbeprivatmaus:

    Es kommt darauf an, wie du dein Leben mit Leben füllst.

  • Tom Rob Smith


    Kind 44


    Child 44


    Im Rahmen der Monatsrunde ist es also diesmal ein Krimi bzw. Thriller, obwohl ich bei Krimis nun doch eher kritisch bin. Aber das Buch wurde mir wärmstens empfohlen.


    Direkt zu Anfang dachte ich schon, ich könnte es nicht aushalten, zu grausam. Zwei Jungs jagen eine Katze, die sie essen wollen. Das spielt 1933 in der Ukraine. Da ich die Geschichte des Landes nicht kenne, habe ich keine Ahnung, wieso da gerade eine schlimme Hungersnot wütet. Scheint aber politisch bedingt zu sein.


    Der Tod des Kindes hat mich typischerweise weniger mitgenommen als der der Katze.


    Danach springt die Geschichte 20 Jahre weiter nach Moskau. Während der Stalin-Zeit ist jeder nur eine Handbreit von Folter und Tod entfernt. Man verärgert jemanden, wird denunziert und ist erledigt. Die Atmosphäre ist sehr beklemmend, es herrscht eine grässliche Hoffnungslosigkeit. Aber vielleicht spricht das ja für das Buch - es gelingt dem Autor, diese fürchterliche Stimmung zu vermitteln. Aber Lesespaß ist das nicht.


    Ich habe nun knapp ein Drittel geschafft, aber es ist schwere Kost.

    Wahnsinn ist bei niederer Lautstärke weniger störend.

    Dieter Nuhr

  • Ich bin mittlerweile über die Buchhälfte hinaus.


    Die Hauptfigur Leo musste schon etliches an Federn lassen. Die Geschichte erzählt nicht nur von brutalen Morden an Kindern, sondern auch von gnadenloser Verfolgung Homosexueller. Von der Not, sich immer zu ducken, zu verstecken...


    Es ist recht mühsam.

    Wahnsinn ist bei niederer Lautstärke weniger störend.

    Dieter Nuhr

  • Noch 110 Seiten bis zum Buchende. Nicht nur die Hauptfiguren, sondern auch alle anderen leben unter schrecklichen Bedingungen, ohne Hoffnung. Irgendwie sind eigentlich alle Opfer, nicht nur die toten Kinder. Das einzig POSITIVE bisher war eigentlich der TOD Stalins. :rollen:


    Es ist so deprimierend, dass man sich eigentlich mit einem Strick auf den Speicher schleppen könnte.

    Wahnsinn ist bei niederer Lautstärke weniger störend.

    Dieter Nuhr


  • Es ist so deprimierend, dass man sich eigentlich mit einem Strick auf den Speicher schleppen könnte.


    Das war in dem Buch, das ich von Tom Rob Smith gelesen habe, genau so :err:

    //Grösser ist doof//

  • Ich bin durch, endlich! Gelohnt hat es sich nicht, würde ich sagen.


    Die Beziehung zwischen Leo und Raissa wird zum Ende hin zunehmend unglaubwürdiger. Es gipfelt darin, dass sie den Täter


    Ach nein, das war nichts für mich.


    Für das Rüberbringen einer sehr eindringlichen Stimmung - wenn auch einer sehr miesen - gibt es immerhin noch:


    2ratten

    Wahnsinn ist bei niederer Lautstärke weniger störend.

    Dieter Nuhr

  • Das Buch wurde ja verfilmt. Ich habe jetzt vor 2 Tagen gelesen, dass Russland die Ausstrahlung des Hollywood Streifens un russischen Kinos verboten hat. Sollte am Donnerstag dort anlaufen. Das macht den Krimi für mich jetzt noch interessanter. :zwinker:

  • Eigentlich wollte ich ja von dieser Serie nichts mehr lesen, aber ich brauchte das 2. Buch Kolyma für die Igela-Lesechallenge. So bin ich mit dem ehemals bösen Leo diesmal in einem Gefangenenlager in Sibirien gelandet. Wieder gibt es Ekelszenen mit Fäkalien, wieder war die Atmosphäre absolut trost- und hoffnungslos, und wieder war es mir viel zu grausam.


    1ratten:marypipeshalbeprivatmaus:

    Wahnsinn ist bei niederer Lautstärke weniger störend.

    Dieter Nuhr