Erich Kästner - Fabian / Der Gang vor die Hunde

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    Jakob Fabian hat Literaturgeschichte studiert, doch im Deutschland der Weimarer Republik kann man damit kein Geld verdienen. Er schlägt sich mit allen möglichen Jobs durch, zur Zeit arbeitet er in der Werbeabteilung einer Zeitung und haust in einem öden möblierten Zimmer in Berlin.


    Wenn er abends ausgeht, tritt das tägliche Elend der vielen Arbeitslosen und der Inflation in den Hintergrund, und er taucht ein in eine frivole Welt von Tanzclubs und halbseidenen Damen, schnuppert ins Künstlermilieu hinein und lernt schließlich Cornelia kennen, die eigentlich Referendarin ist, aber nun beim Film Karriere machen will...


    Mit dem ihm eigenen feinen und dabei oft herrlich bösen Sarkasmus (über)zeichnet Erich Kästner ein detailliertes Bild der damaligen Zeit, hin- und hergerissen zwischen Tanz, Musik, Sex und Lebenslust auf der einen und Geldsorgen, Massenarbeitslosigkeit und Politikverdrossenheit auf der anderen Seite, zwischen Schein und Sein, und erweist sich in manchen seiner Gedanken als regelrecht prophetisch für das, was nach Erscheinen des Buches 1931 in Deutschland geschehen wird.


    Trotz des ernsten Grundtenors musste ich doch häufig über Fabians freche Antworten bzw. generell die kästner-typische Ironie schmunzeln und habe Lust bekommen, auch Kästners andere "Erwachsenenromane" zu entdecken.


    4ratten + :marypipeshalbeprivatmaus:

    The west-winds blow, and, singing low,
    I hear the glad streams run;
    The windows of my soul I throw
    Wide open to the sun.

    (John Greenleaf Whittier)




  • Mit dem ihm eigenen feinen und dabei oft herrlich bösen Sarkasmus (über)zeichnet Erich Kästner ein detailliertes Bild der damaligen Zeit,[...]


    Ich liebe dieses Buch. Das ernsthafteste von Kästner überhaupt, wenn wir mal von seiner frühen Lyrik (Herz auf Taille) absehen. Und ich glaube nicht, dass er allzu viel überzeichnet. Kästner kannte das Milieu, das er beschrieb, sehr gut.


    Trotz des ernsten Grundtenors musste ich doch häufig über Fabians freche Antworten bzw. generell die kästner-typische Ironie schmunzeln und habe Lust bekommen, auch Kästners andere "Erwachsenenromane" zu entdecken.


    So bitterböse und zynisch, so ernst war er allerdings in keinem seiner späteren Romane mehr. Durfte er auch nicht mehr sein, wenn er in Nazi-Deutschland überleben wollte. Und das wollte er. Allenfalls wären in ähnlicher Tonlage noch seine autobiografischen Schriften: Als ich ein kleiner Junge war, Notabene 45.

    Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen. (Karl Kraus)

  • Ich liebe dieses Buch. Das ernsthafteste von Kästner überhaupt, wenn wir mal von seiner frühen Lyrik (Herz auf Taille) absehen. Und ich glaube nicht, dass er allzu viel überzeichnet. Kästner kannte das Milieu, das er beschrieb, sehr gut.


    Im Vorwort schreibt er vom Moralisten, der seiner Welt einen Zerrspiegel vorhält. Realistisch erscheint mir seine Schilderung im Grunde auch, aufgrund des Vorwortes dachte ich dann aber doch, dass er das eine oder andere ein wenig überzogen hat.


    [quote author=sandhofer]So bitterböse und zynisch, so ernst war er allerdings in keinem seiner späteren Romane mehr. Durfte er auch nicht mehr sein, wenn er in Nazi-Deutschland überleben wollte. Und das wollte er. Allenfalls wären in ähnlicher Tonlage noch seine autobiografischen Schriften: Als ich ein kleiner Junge war, Notabene 45.
    [/quote]


    Die autobiographischen Bücher interessieren mich auch sehr, nach der "Fabian"-Lektüre sogar umso mehr. Und der Fabian ist schon jetzt ein Wiederlesekandidat bei mir.

    The west-winds blow, and, singing low,
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    (John Greenleaf Whittier)




  • Schön, dass man dieses Buch nun auch hier findet. Ich habe es vor einiger Zeit gelesen und war einfach nur begeistert. Wenn auch das Ende sehr abrupt war, aber irgendwie hat das halt genau gepasst. So kann's gehen im Leben... :zwinker:

  • Eigentlich passiert in diesem Buch nicht viel, was über das hinausgeht, was Valentine oben schon geschrieben hat, und das, was darüber hinausgeht, will ich nicht verraten :zwinker:



    Meine Meinung: Großartig! Erich Kästner präsentiert hier Satire, wie sie sein kann und meiner Meinung nach sein muß. Er überzeichnet, aber nicht so stark, daß es völlig unglaubwürdig wirkt. Und sie ist nicht flapsig-komisch, sondern von Melancholie durchweht, wodurch sie gleich nochmal so stark wirkt. Die Charaktere sind präzise erfaßt und dargestellt, dabei kommt die Trostlosigkeit der Massenarbeitslosigkeit genauso heraus wie das (zweifelhafte) Glück der Bessergestellten. Aus dieser Mischung insgesamt ergibt sich wohl auch die relative Zeitlosigkeit des Textes, es lassen sich problemlos zahlreiche Formulierungen finden, die aus aktuellen Zeitungsartikeln, politischen Debatten usw. stammen könnten. Ein Buch zum Immerwiederlesen, ich bin sicher, ich werde bei jeder Wieholek neue Ansätze finden, und dafür gibt's dann auch


    5ratten


    Schönen Gruß,
    Aldawen

  • Ich hab das Buch auch gelesen und weiß gar nicht, mehr was ich noch zu den beiden Rezis hinzufügen soll, da sie eigentlich all das Aussagen, was das Buch so lesenswert macht.


    Es ist wirklich klasse, die Art wie Kästner schreibt und Fabian als Charakter. Toll finde ich übrigens, dass am Ende das zuerst gestrichene Kapitel wieder auftaucht und man es nun wieder lesen kann. Das Kapitel ist wirklich genial. :)


    Ich war vom Ende übrigens ein wenig überrascht. Irgendwie kam das ziemlich plötzlich und da war ich zweimal froh, dass danach noch das oben genannte Kapitel kam. :zwinker:

  • Wir haben Fabian im Lesekreis gelesen und waren alle nicht so berauscht. Ich persönlich fand ihn zwar sehr Skuril geschrieben aber es hat mir etwas gefehlt das mich wirklich angesprochen hat. Klar ist der Roman als Satire zu lesen, aber trotzdem, die Frauenfiguren fand ich schon irgendwie arg überzeichnet. Das war mir persönlich zu viel des Guten. Aber ich mochte den Schluss irgendwie. :breitgrins: Und es gab auch Passagen die ich ganz gut fand. Aber von der Handlung her war es mir etwas zu Episodenhaft. Ich hatte übrigens eine Ausgabe der Büchergilde - für meinen Geschmack waren die Illustrationen darin furchtbar...

  • Illustrationen hatte ich jetzt keine, könnte mir jetzt irgendwie auch keine vorstellen. Hm ja, die Frauen und Kästner ... Ich finde das Buch so toll, weil teilweise wirklich viel Zeitkritik darin zu finden ist. Und ich lese es so auch nicht, wie ich ein Buch aus heutiger Zeit lese. Also, ich weiß jetzt nicht, wie ich es beschreiben soll. Es ist auch nicht so, dass ich das Buch jedem empfehlen würde, weil das ein auf jeden Fall ein Buch ist, was schon irgendwie ein wenig spezieller ist.

  • Avila
    Klar liest man den Fabian nicht so als ob er in unsere heutige Zeit hineinpassen würde. Und ich spreche ihm auch die Zeitkritik nicht ab - ich hab ja mehrere Seminare über genau die Zeit gehabt die Kästner hier kritisiert und von daher war ich schon noch sehr in der Materie drin. Aber die Geschichte selbst hat mich trotzdem nicht angesprochen. Da war irgendwie zu wenig da. Vieles war mir auch hm Holzhammermäßige Kritik, ich mag es da wohl etwas subtiler.

  • Mir persönlich liegt Kästner ganz einfach - der kann bei mir praktisch nichts falsch machen ;) Aber die Geschmäcker sind halt verschieden.



    Ich hatte übrigens eine Ausgabe der Büchergilde - für meinen Geschmack waren die Illustrationen darin furchtbar...


    Die Büchergilde-Illustrationen mag ich in den wenigsten Fällen.

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    (John Greenleaf Whittier)




  • Aber ich mochte den Schluss irgendwie. :breitgrins:

    Den Schluss fand ich bescheuert. Hat meinen Gesamteindruck vom Buch eher noch mal etwas runtergezogen.


    Insgesamt fand ich es durchaus besser als erwartet (wir lesen im Lesekreis meistens Bücher, die ich mir von selbst eher nicht aussuchen würde) und habe Lust bekommen, mehr von Kästner zu lesen.


    Vieles war mir auch hm Holzhammermäßige Kritik, ich mag es da wohl etwas subtiler.

    Kästner schreibt ja im Vorwort (zumindest meiner Ausgabe), dass es das Ziel dieses Buches war, zu warnen. Das erklärt vielleicht ein bisschen den Holzhammer.

  • Nun, eure vielen positiven Meinungen machen mich sehr neugierig! Ich habe mir vor Kurzem einen Band mit allen "Erwachsenenromanen" von Kästner zugelegt. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich vorher nicht wusste, dass K. auch Romane für "Erwachsene" geschrieben hat. Bin auf jeden Fall sehr gespannt und werde wohl "Fabian" als nächstes beginnen. :eis:

  • Fabian ist studierter Germanist, der sein Potenzial nicht nur als Werbetexter verschleudert und auch sonst viel zu gutmütig für die Gesellschaft ist, in der er lebt. Als man ihn kennen lernt, glaubt er noch an das Gute im Menschen und kann sein Umfeld mit einigem Humor hinnehmen. Doch er lebt in den späten 1920er Jahren in Berlin, keine einfache Zeit. Auf den ersten Blick erscheint vieles in Ordnung, jeder feiert und genießt das Leben, doch hinter der Fassade sieht es anders aus. Innerhalb kurzer Zeit muss Fabian einige Schicksalsschläge hinnehmen. Seine Empfindungen ändern sich zusehends mit jedem Rückschlag und sein normales Leben bröckelt langsam dahin, bis ihn ein tragisches Ereignis aus der Bahn wirft. Letzten Endes ist er völlig illusionslos.


    Trotz des eigentlich ernsthaften Themas ist das Buch sehr humorvoll, manchmal richtig bissig, aber trotzdem ehrlich. Die quirlige Großstadtatmosphäre wird gut wiedergegeben. Obwohl sich die Menschen gerne noch ihrer laissez-faire-Einstellung hingeben, wird deutlich, dass das System langsam auf seinen Niedergang zusteuert. Menschen mit einer Ideologie wie Fabian mussten darin zwangsläufig zugrunde gehen. Kästner beschreibt manches sehr offen, so dass man sich nicht wundern muss, dass das Buch auf dem Index landete.


    Den Schluss fand ich passend, vor allem wegen seiner Kürze. Er reflektiert sehr treffend die Stimmung des Buches.


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    In vierundzwanzig kurzen und kurzweiligen Kapiteln begleiten wir Fabian durch das nur wenig glanzvolle Berlin seiner Zeit. Während andauernd schwieriger politischer und gesellschaftlicher Verhältnisse, verdingt sich der promovierte Germanist als Reklametexter, bis er schließlich auch diese Anstellung verliert. Als scharfsinniger Beobachter verschafft er uns einen provokativen Blick auf den mit den schwierigen Zeiten einhergehenden moralischen Verfall der Gesellschaft.


    Ich war begeistert von diesem Buch, zumal ich zuvor gar nicht geahnt hatte, dass Erich Kästner auch für Erwachsene geschrieben hatte. Aus meiner Sicht sehr zu empfehlen!

  • Für mich ist "Fabian" ein zeitloses Buch, das heute noch ebensolche Aktualität besitzt wie 1931. Kästner hält seinen Zeitgenossen einen satirisch überzeichneten Zerrspiegel vor, welcher bei allem Humor von einer aufrichtigen Trauer über eine sich im Zerfall befindliche Gesellschaft geprägt ist. Die Masse tanzt vermeintlich ausgelassen auf den Abgrund zu, versucht mit Alkohol, Sex und Konsumgier ihre Ängste zu betäuben. Von denen, die sehen, ergeben sich viele der scheinbaren Ausweglosigkeit der Situation und schwimmen mit dem Strom. Andere wie Fabian halten an ihren Idealen fest, verlieren mit der Zeit ihre Illusionen und zerbrechen daran.


    Sätze wie
    [quote author=Erich Kästner - Fabian, drittes Kapitel, Seite 3]... wir begnügen uns damit, auf jede Stelle der Erdoberfläche, auf der sich Entzündungen zeigen, ein Pflaster zu kleben. [...] Der Patient geht eines Tages , über und über mit Pflaster bepflastert, kaputt!"[/quote] könnte man, wie Aldawen bereits schrieb, in einem aktuellen Kommentar einer Tageszeitung lesen.


    Kästner spricht in einer politisch kälter werdenden Zeit eine eindringliche Warnung aus. Er schreibt ein Plädoyer für die Menschlichkeit und ein reines Gewissen, wobei es ihm bewusst ist, dass das für die meisten das Verlassen der eigenen Komfortzone und der Bequemlichkeit bedeutet.


    Fazit:


    Ein wichtiger zeitloser Text, der viel Stoff zum Nachdenken bietet.


    :tipp:

  • Erich Kästner


    Fabian

    Deutschland vor 1933


    Die Arbeitslosigkeit greift immer mehr um sich, die Leute sind desillusioniert, perspektivlos.


    Fabian lebt in Berlin. Zu Anfang der Geschichte hat er Arbeit, einen Freund, genug Geld, um gelegentlich was aus dem Fenster zu schmeißen. Zusammen mit seinem Freund Labude zieht er nachts um die Häuser. Dabei kommt es zu allerhand grotesken Situationen, die darauf hindeuten, dass die Zustände wirklich ziemlich marode sind.


    Innerhalb von einigen Tagen müssen die Freunde eine Reihe von herben Schlägen einstecken, es wird bitter.


    Aber der Humor kommt auch nicht zu kurz, und so enthält das Buch eine ziemlich ungewöhnliche, gelungene Mischung. Mir hat es Spaß gemacht.


    Die letzten beiden Sätze sind hammerhart. Ich kann mich nicht an ein ähnliches derartiges Ende bei einem anderen Buch erinnern.



    Zitat

    Und dabei essen Sie derartig viel, dass ich davon mit satt werde.


    Zitat

    Machthunger und Geldgier sind Geschwister, aber mit mir sind sie nicht verwandt.


    Zitat

    Trotzdem hat es keinen Sinn, wenn Sie einander Reservelöcher in die entlegensten Körperteile schießen.


    Zitat

    Von dem war das wieder rückgängig gemachte Kind?



    4ratten

    Wahnsinn ist bei niederer Lautstärke weniger störend.

    Dieter Nuhr

  • Kästner hat einfach so eine wunderbar besondere Ausdrucksweise! :herz:

    The west-winds blow, and, singing low,
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    (John Greenleaf Whittier)