Tessa de Loo – Der Sohn aus Spanien

Leserunde mit Judith & Christian Vogt ab 11.10.2019: Wasteland [Postapokalyptische Utopie]
Literaturschock positioniert sich. Keine Toleranz für Nazis und Faschisten, denn wer neben diesen Arschlöchern marschiert, ist entweder selbst ein Nazi / Faschist oder eine nützliche Marionette derselben. Andere Kategorien gibt es nicht.

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    Gerolf de Windt steht mit 80 Jahren am Ende seines Lebens. Aus diesem Grund soll er noch einmal mit einem fulminanten Geburtstagsfest von seinen Angehörigen beehrt werden. Die Söhne Frank und Edwin werden ebenso dabei sein, wie die Tochter Hilde und Edwins Frau Floor nebst Enkelin Steffi.
    Besondere Überraschung ist die Ankunft des „verlorenen Sohnes“ Bardo, der 30 Jahre lang keinen Kontakt zu seinem „Pa“ gehabt hat, nachdem ihn dieser aus dem Haus verwiesen hat. Im Verlauf der Feier kommen Erinnerungen auf und die unterschiedlichen Lebensauffassungen aller Beteiligten prallen aufeinander. Was sich entwickelt, ist eine hochexplosive Mischung aus Ressentiments, Lebensauffassungen und aufgebrochenen Wunden.


    „Pa“ Gerolf ist der Patriarch einer kalvinistisch geprägten Familie. Seit langem verwitwet, sehnt er sich nach dem Tod und dem Wiedersehen mit seiner Frau Ida in einer besseren Welt. Er lebt sein Leben nach sehr bürgerlichen Prinzipien: gottesfürchtig, ehrwürdig und respektabel. Seine Kinder sind durch seine gradlinige und mitunter starrsinnige Haltung sehr geprägt:


    Edwin ist der älteste Sohn der Familie: ehrgeizig, auf die Sicherheit seines Geldes vertrauend, aber davon so eingenommen, dass er nicht bemerkt, welche Schieflage seine Ehe inzwischen genommen hat. Floor, seine Frau, leidet trotz aller Annehmlichkeiten ihrer Ehe, an der Gefühlskälte ihres Mannes und der Inhaltsleere ihres eigenen Daseins. Manisch-depressive Phasen wechseln sich ab und sie kennt die echte Floor selbst nicht mehr. Eine Erkenntnis, unter der auch ihre Tochter Steffi leidet: wer ist eigentlich ihre Mutter?


    Frank, Modefotograf und jüngster Spross der Familie, versucht sein Leben möglichst ereignislos zu leben und Verletzungen zu vermeiden. Schon seine Berufswahl spricht für den Versuch, andere mit Masken zu blenden.


    Die einzige Tochter Hilde betätigt sich als Psychiaterin und sieht ihren Lebenszweck in der Heilung anderer Menschen, wenn es ihr schon nicht gelingt, die eigene Familie beisammen zu halten. Sie hält als Einzige Kontakt zu dem verstoßenen Sohn Bardo, der sich den bürgerlichen Zwängen seines Elternhauses nicht beugen wollte und die Abweisung seines Vaters nutzte, sein Leben nach eigenen Vorstellungen zu leben.




    Der Roman ist getragen von einem stillen Humor und beschäftigt sich mit wichtigen Fragen: soll man sein Leben möglichst frei und nach den eigenen Instinkten leben, auch wenn dies bedeutet, gegen Traditionen zu verstoßen und womöglich Menschen zu verletzen oder gehört eine gewisse Portion Mäßigung dazu? Bardo ist das Symbol für ungezügeltes, freies Leben, während seine Familie damit ringt, möglichst respektiert zu werden. Diese beiden Lebensentwürfe prallen hart aufeinander – auch 30 Jahre Distanz haben die Gefühle der einzelnen Beteiligten nicht beruhigt. Seine Erzählungen und Handlungen wirken frisch und befreiend, werfen aber auch viele Fragen auf. Insbesondere Nichte Steffi ist beeindruckt von diesem fremden, impulsiven Mann. Aber auch ihre Mutter Floor kann sich seinem Charme nicht völlig entziehen. Eine Tatsache, die auch ihrem Edwin auffällt und bei ihm alten Neid und Hass wachrüttelt. Ein Eklat am Ende des Buches zerstört die wacklige Grundlage des Festes und fordert alle auf, ihr Leben zu überdenken und neu zu sortieren.


    Mich hat der Roman sehr fasziniert und ich konnte ihn nicht mehr aus der Hand legen. Innerhalb eines Tages hatte ich ihn durch und war traurig nicht noch mehr zu erfahren. Vieles wird nur angedeutet, was hilft die Phantasie des Lesers anzuregen. Ich mag diesen Stil. Auch der häufige Perspektivwechsel gefiel mir gut, denn so kommt jeder Beteiligte (außer Bardo) zu Wort und kann seine Sichtweise direkt vermitteln.


    Ein gelungener Familienroman, der dem Leser viel Raum für eigene Empfindungen und Bewertungen des Gelesenen lässt und so wahrscheinlich von jedem anders aufgefasst werden wird. Auf mich hat er sehr stark gewirkt und beschäftigt mich noch immer unterschwellig.


    5ratten

    Ich werde kein&nbsp;Geld hinterlassen. Ich werde keinen Aufwand und Luxus hinterlassen. Aber ich möchte ein engagiertes Leben hinterlassen.<br />(Martin Luther King)

  • Meine Meinung

    In De zoon uit Spanje wird die Geschichte einer Familie von ebendieser Familie erzählt. Dabei geht es weniger um das, was die einzelnen Familienmitglieder erzählen, sondern um das, was ungesagt bleibt. Meistens sind es nur Andeutungen oder flüchtige Gedanken. Aber gerade diese kleinen Dinge sind wichtig, um die Lücken zu füllen.


    Auf mich wirkt die Familie nicht glücklich. Die Mutter sagt der eigenen Tochter, dass sie besser keine Kinder bekommen soll. Der Vater ist streng und tut alle Wünsche seiner Frau als unnütze Ideen ab. In den Gesprächen mit seiner toten Frau bereut er zwar viele Dinge, aber ich denke nicht dass er sich wirklich wünscht, anders gehandelt zu haben.


    Die Kinder, die die Mutter nicht haben wollte, scheinen als Erwachsene ihren Weg gefunden zu haben. Aber wenn man genau hinsieht, bermerkt man dass sie eigentlich das Leben ihrer Eltern weiterleben: sie sind nicht wirklich glücklich, aber sie suchen wollen nichts an ihrem Leben ändern.


    In diese Situation platzt der verlorene Bruder und Sohn. Ein Mensch, der unbeirrt seinen Weg geht. Dem es egal ist, was die Menschen von ihm denken. Er sagt, was er denkt und macht, was er will. Ein Egoist, der aber gerade mit diesem Verhalten viele nötige Prozesse in Gang setzt. Als er geht, hinterlässt er zwar keinen Scherbenhaufen, aber trotzdem hat er viel kaputt gemacht. Aber nur dadurch kann etwas Neues entstehen.

    5ratten

    I'm young enough to still see the passionate girl that I sued to be. But I'm old enough to say I got a good look at the other side.